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Askese als subversive Praxis. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche

Askese als subversive Praxis

 

Überlegungen mit Friedrich Nietzsche1)Erstveröffentlicht in Powision VII/14. Leipzig 2013, S. 61-63.

 

Nichts wirkt aus heutiger Sicht weltfremder und eigentümlicher als eine Apologie des Asketismus als subversive – ja: revolutionäre – Lebensweise. Ein gewisser Hedonismus gehört heute zu den Grundpfeilern unserer Lebenswelt. Wir wollen Reisen machen, Partys feiern, gut gekleidet sein etc. Seit Jahren vernimmt man in der Linken immer wieder Versuche, den Hedonismus als revolutionäre Ideologie stark zu machen.2)Als besonders markantes Beispiel sei etwa auf das Wirken der Gruppe „Hedonistische Internationale“ (vgl. http://www.hedonist-international.org [17. 4. 2013]) verwiesen oder auch auf den immer wieder auf Buttons, Stickern etc. propagierte Slogan „Luxus für alle“. Einerseits geht es dabei vor allem darum, den von kapitalistischen Gesellschaften notwendig erzwungenen Asketismus bzw. die mit dem Beharren auf einer hedonistischen Lebensweise notwendig verbundene, selbst wiederum Askese erheischende Anpassung zu kritisieren. Doch zugleich durchaus auch darum, dem Hedonismus bereits innerhalb der bestehenden Verhältnisse zu frönen: durch das Organisieren von Partys, Konzerten, den Konsum von Drogen etc. Gegen die so oder so erzwungene Askese ist eine solche Praxis sicherlich im Recht. Doch die Frage wäre eben, ob sie die bestehenden Verhältnisse nicht unterschwellig doch affirmiert. Gibt es nicht vielleicht eine Form der Askese, die eine die bestehenden Verhältnisse möglicherweise transzendierende Sprengkraft hat – die womöglich sogar radikaler als jener Hedonismus ist?

 

Freilich ohne dabei direkt politische Implikationen mitzudenken, hat sich der Philosoph Friedrich Nietzsche intensiv mit der Unterscheidung zwischen einer richtigen und einer falschen Askese auseinandergesetzt. In der Rede Von der Keuschheit in Also sprach Zarathustra3)Z, 65 f. Aus dem Zarathustra (1968a) wird auch im Folgenden stets unter der Sigle Z zitiert. unterscheidet er zwischen zwei Arten der Keuschheit: eine erzwungene, moralische und eine natürliche, ungewollte. Während die erste Form zu diversen Pathologien führt, ist die zweite Form ein wirklich reiner, wirklich befreiter Zustand der Sinne: „Die Keuschheit ist bei Einigen eine Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster.“4)Ebd. Das Problem nur ist zugleich, dass durch die Moral auch das Verfolgen der sinnlichen Bedürfnisse seine Unschuld verliert, was Zarathustra zu der Bemerkung veranlasst: „Ich liebe den Wald. In den Städten ist es schlecht zu leben; da giebt es zu Viele der Brünstigen.“5)Ebd. In der moralisierten Welt sei also beides, sowohl die Askese als auch die Enthemmung, verdorben.

 

Detaillierter führt Nietzsche sein Konzept der Askese in der dritten Abhandlung der Genealogie der Moral 6)GM, 355 ff. Aus der Genealogie der Moral (1968b) wird im auch im Folgenden stets unter der Sigle GM und unter Angabe der Aphorismusnummer (Abschnitt/Aphorismus) gefolgt von der Seitenzahl zitiert. aus, die man durchaus als Konkretisierung dieser Rede verstehen kann. Seine Diagnose ist hier, dass sich die moderne Zivilisation durch eine ungeahnte Enthemmung des „Willens zur Macht“ auszeichne: Sie basiert auf Hybris. Natur und Mensch würden gleichermaßen der totalen Verfügung szientifistischer Herrschaft preisgegeben.7)Vgl. GM III/9, 374 ff. Die Unterdrückung der Kontingenz und Vielfältigkeit des Lebens führe zu einer zerstörerischen Abtötung des Lebens selbst; nicht zuletzt dadurch, dass auch diese Enthemmung selbst auf Askese basiere: Die Unterdrückung des inneren und äußeren Lebens setze gerade eine ungeheure Selbstbeherrschung voraus. Sie geschehe nicht einmal guten Gewissens, da sie ihrem Wesen nach unaufrichtig verfahre: Der Wissenschaftler etwa sehe seine Bestrebungen als völlig interesselos an – wodurch sich der Wille zur Macht nur umso entschiedener durchsetzen könne. Wenn jedoch wirklich alles Interesse gezähmt ist, ist nach Nietzsche auch keine Erkenntnis mehr möglich.8)Vgl. GM III/12, 381 ff. Die Abtötung gleite so letztendlich in den Nihilismus über. Letztendlich gehe es in der modernen Welt um nichts mehr. Zugleich erfinde sich der moderne Mensch berauschende Narkotika, die eine gewisse Lebendigkeit dennoch simulieren, um sich zumindest irgendwie am Leben zu erhalten. Nietzsche nennt als Narkotika u.a. Ideologien wie den Antisemitismus9)Vgl. GM III/26, 425, aber auch die bloße „Heerdenbildung“10)GM III/18, 401, den Genuss der „kleinen Freude[n]“11)Ebd. des Lebens oder einfach monotone, und gerade deshalb beruhigende und zugleich stimulierende, Tätigkeiten, wie sie den meisten Menschen in Arbeitsprozessen bekannt sind.12)Vgl. GM III/18, 400 f.

 

Die Menschheit zerfalle so in drei zentrale Klassen: die Sklaven, die ihre Triebe zwanghaft unterdrücken müssen und denen die asketische Moral einen Ausweg aufzeigt, den äußerlichen Zwang in einen eigenen innerlichen Entschluss umzudeuten;13)Vgl. hierzu inbesondere GM I/13, 292 ff. die Priester, die sich als genau diejenigen anbieten, die den Sklaven die Psychotechniken der asketischen Moral zur Verfügung stellen – sie selbst sind freiwillige Asketen, deren Askese jedoch allein ein Mittel zur Verfolgung der eigenen Machtinteressen darstellt;14)Vgl. insb. GM III/15, 390 ff. die Wissenschaftler als moderne Avantgarde der Selbstabtötung des Lebens, für die die Wissenschaft ähnlich wie bei Priestern ein Weg ist, ihre Machtinteressen auf sublime Art zu verfolgen.15)Vgl. insb. GM III/25 420 ff. Alle drei Formen sind auf je eigene Art unaufrichtig und selbstzerstörerisch.

 

Nietzsche weiß, dass diesem schlechten Kreislauf nicht einfach eine rohe Triebentfesselung entgegenzuhalten ist. Der Ausweg besteht für ihn vielmehr in einer anderen Form der Askese, deren persönliche Repräsentanten – als Antipoden des Wissenschaftlers und Priesters – der Künstler und der Philosoph sind. Ersterer kann nach Nietzsche gar nicht wirklich asketisch sein. Er spielt nur mit ihr, insofern die Zurückhaltung der unmittelbaren Triebbefriedigung seine Kreativität beflügelt. Ein wirklich asketischer Mensch kann nicht kreativ sein.16)Vgl. GM III/1-5, 357 ff. Anders stehe es beim Philosophen. Der Philosoph ziehe sich durchaus aufrichtig und streng aus dem gewöhnlichen Leben zurück. Doch er mache auch das nur, um seine Schaffenskraft zu steigern. Es ist für ihn nicht so sehr Zwang, sondern vielmehr innere Notwendigkeit.17)Vgl. GM III/8, 369 ff. Hat er einmal im Rückzug aus dem Treiben der Welt seine innere Stärke gewonnen, könne er gerade diese einsetzen, um eine andere Form der Erkenntnis zu praktizieren als der Wissenschaftler: Eine Erkenntnis, die das Leben, und damit auch die Subjektivität des Erkennenden selbst, gerade nicht verneint, sondern bejaht, die sich der Vielfalt und Perspektivität des Lebens gerade nicht verschließt, sondern öffnet. Anders als dem Priester gehe es dem Philosophen auch nicht darum, Macht oder Anerkennung zu gewinnen; er wolle einfach abgeschieden von der Welt seinen Reflexionen nachgehen – was freilich den Willen zur Macht nicht einfach beseitigt, sondern eher umlenkt. Die Kunst dieses „perspektivische[n] Sehen[s]“18)GM III/12, 383 erfordere gerade einen besonders starken Willen zur Macht und sei gleichzeitig auch mit einem großen Genuss dieser Macht verbunden. Man kann in psychoanalytischen Termini von einer gelungenen Sublimierung des Willens zur Macht sprechen. Die Kunst wiederum diene dem Philosophen als Mittel, um diese Sublimierung zu erreichen: Sie mindere die Macht der Triebe ohne sie gleichzeitig zu unterdrücken, und intensiviere die Lebenserfahrung anstatt sie zu narkotisierend zu verarmen.19)Vgl. GM III/6, 364 ff.

 

Übertragen auf die Gegenwart müsste eine an Nietzsche anschließende Diagnose wohl so lauten: Die von der Kulturindustrie zur Verfügung gestellten ‚Genüsse’ dienen der Narkotisierung des Lebens und der Anreizung innerlich entleerter Halbtoter. Die Wissenschaft (und auch Politik, Religion etc.) glaubt nicht mehr, wie in ihren heroischen Zeiten, an sich selbst, sondern verkommt mehr und mehr zum Verwaltungsapparat oder selbstgenügsamen Spiel. Das einzig bleibende Bedürfnis ist ein reines Streben nach Macht, welches ständig von einem schlechten Gewissen geplagt wird (und sich umso barbarischer die Bahn bricht, wenn die moralische Hemmung einmal versagt).

 

Die Sinnlosigkeit dieses ganzen Komplexes gälte es zu durchschauen und ihm gegenüber in der Tat asketisch zu sein. Dies wäre freilich eine Askese, die keinem äußerlichen oder verinnerlichten Zwang entspringt, auch keinem verdrängten Willen zur Macht, sondern Folgerung aus einer schlichten Einsicht. Sie würde erst den Raum frei machen für einen wirklichen Hedonismus, selbst wenn sich dieser auf den ersten Blick sehr bescheiden ausnehmen mag. Sicher bedeutet das nicht, dass alle Menschen Künstlerphilosophen im Sinne Nietzsches werden sollen. Auch dies wäre ja noch eine Moral. Es ginge eher darum, in dem Rückzug von der Welt die Dinge zu entdecken, die wirklich wichtig sind und ihnen gemäß zu leben – was könnte in einer Gesellschaft der völligen Übersättigung mit Pseudogenüssen aller Art subversiver sein? Womöglich wäre ein solcher Schritt, auf kollektiver Ebene verfolgt, gar ein erster, wenn nicht gar notwendiger zu einer kommenden Revolution?

 

Literatur:

 

Nietzsche, F. (1968a), Also sprach Zarathustra, Kritische Gesamtausgabe Abt. 6 Bd. 4, Walter de Gruyter & Co., Berlin.

 

ders. (1968b), Zur Genealogie der Moral, In: ders., Kritische Gesamtausgabe Abt. 6 Bd. 2, Walter de Gruyter & Co., Berlin, S. 259 ff.

Fußnoten   [ + ]

1. Erstveröffentlicht in Powision VII/14. Leipzig 2013, S. 61-63.
2. Als besonders markantes Beispiel sei etwa auf das Wirken der Gruppe „Hedonistische Internationale“ (vgl. http://www.hedonist-international.org [17. 4. 2013]) verwiesen oder auch auf den immer wieder auf Buttons, Stickern etc. propagierte Slogan „Luxus für alle“.
3. Z, 65 f. Aus dem Zarathustra (1968a) wird auch im Folgenden stets unter der Sigle Z zitiert.
4. Ebd.
5. Ebd.
6. GM, 355 ff. Aus der Genealogie der Moral (1968b) wird im auch im Folgenden stets unter der Sigle GM und unter Angabe der Aphorismusnummer (Abschnitt/Aphorismus) gefolgt von der Seitenzahl zitiert.
7. Vgl. GM III/9, 374 ff.
8. Vgl. GM III/12, 381 ff.
9. Vgl. GM III/26, 425
10. GM III/18, 401
11. Ebd.
12. Vgl. GM III/18, 400 f.
13. Vgl. hierzu inbesondere GM I/13, 292 ff.
14. Vgl. insb. GM III/15, 390 ff.
15. Vgl. insb. GM III/25 420 ff.
16. Vgl. GM III/1-5, 357 ff.
17. Vgl. GM III/8, 369 ff.
18. GM III/12, 383
19. Vgl. GM III/6, 364 ff.

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