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Was ist eigentlich „Bildung“ – Einige Reflexionen mit Nietzsche

Was ist eigentlich „Bildung“?

Einige Reflexionen mit Nietzsche1)Erstveröffentlicht in der AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Ausgabe 2014/2, S. 14-17.

Einbildung

Alle wollen mehr Bildung, bessere Bildung, ein weltweites Menschenrecht auf Bildung. Man fragt sich, wozu über dieses Thema überhaupt noch gesprochen wird, sind sich doch ohnehin alle einig. Unterschlagen wird in dieser Einigkeit freilich, dass „Bildung“ ein sehr spezifischer Begriff mit einer sehr spezifischen Geschichte und daraus resultierenden Bedeutung ist.

Zunächst einmal ist es ein genuin deutsches Konzept, entwickelt in der „klassischen“ Periode der deutschen Kultur von Kant über Goethe und Schiller bis Hegel. Bei allen Unterschieden im Detail sind sich die Denker dieser Periode weitgehend einig darin, dass der Mensch gebildet werden muss, um ein echter Mensch sein zu können. Das heißt, der Erziehungsprozess dient nicht nur der Erlernung von mehr oder weniger nützlichen Fertigkeiten, sondern er versetzt das Individuum in die Lage, ein seinem Wesen entsprechendes, d.h. freies Leben führen zu können.

Es ist klar, dass dieses Konzept sehr erläuterungsbedürftig ist. Wieso muss der Mensch erst durch einen beschwerlichen Bildungsprozess hindurch, ehe er er selbst sein kann? Und wieso soll er ausgerechnet er selbst sein, wenn er etwa den Regeln der Moral gehorcht (Kant), universell in alle Richtungen hin seine Talente entfaltet (Goethe) oder ein gehorsamer Staatsbürger ist (Hegel)? Alle würden darin übereinstimmen, dass der Mensch, in seinem eigenen Interesse, erzogen werden muss – doch wieso muss er gebildet werden?

Dem Denken der deutschen „Klassik“ liegt die Intuition zugrunde, dass der Mensch ein wesentlich vernünftiges Wesen ist, diese Vernunft aber im „Rohzustand“ (was sowohl auf das Individuum als auch die Gattung bezogen wird) nur unzureichend besitzt. Um seine Vernünftigkeit zu maximieren, muss er seine Natürlichkeit abstreifen und sich in die vernünftigen Institutionen der Gesellschaft eingliedern. Dies mag mit brutalen, scheinbar vernunftwidrigen Methoden geschehen – doch das Resultat rechtfertigt die Mittel: Am Ende ist der Mensch nämlich nicht nur in der Lage, äußeren sozialen Anforderungen perfekt zu gehorchen, er kann sich selbst Gesetze geben und ist somit auto-nom. Voll verständlich ist diese Konzeption nur, wenn man sie als politische versteht: Durch immer umfangreichere Bildung sollen die Menschen immer unabhängiger werden von sie fremdbestimmenden Mächten.

Heute findet, obwohl der Begriff noch immer verwendet wird, eine zunehmende Abkehr von jenem Konzept statt und im Namen von Nützlichkeit und Verwertbarkeit wird Bildung als bloße Aus-Bildung für die Anforderungen von Arbeitsmarkt und Staat gedeutet. Dass das staatliche Bildungssystem „bilden“ soll wird von manchen liberal gesinnten Zeitgenossen gar als illegitimer Eingriff des Staates in die Selbstbestimmung der Einzelnen abgetan. Aber auch aus linker Sicht erscheint das klassische Bildungsideal hochproblematisch: Je nach Variante setzt es die Vernünftigkeit der bestehenden gesellschaftlichen Institutionen voraus, rechtfertigt repressive Erziehungsverhältnisse und/oder „Bildungsimperialismus“ unter „primitiven Völkern“. Und leibesfeindlich ist es sowieso. Im Grunde unterscheiden sich (neo-)liberale, (neo-)linke und (neo-)konservative Positionen also gar nicht allzu sehr. „Bildung“ will niemand wirklich, gestritten wird um den richtigen Modus der Ausbildung, wobei dann manche noch betonen, dass es auch noch Fähigkeiten wie Kreativität und Reflexivität bedürfe, um perfekte Nutztiere zu haben.

Do we need some education?

Einer der letzten großen Verteidiger des „klassischen“ Bildungsbegriffs war der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche. Selbst einige Jahre Professor für Altphilologie in Basel, galt dem Bildungsbegriff von Beginn an ein Hauptaugenmerk seines Schaffens, insbesondere in seinen frühesten Publikationen. Genannt seien hier nur kurz Die Geburt der Tragödie und Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Am konzentriertesten geht Nietzsche auf die Thematik jedoch in seinen im Frühling 1872 gehaltenen fünf Vorträgen Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten ein.2)Aus Platzgründen kann ich hier leider nicht auf die unglaubliche faszinierende formale, literarische und rhetorische Struktur dieses Textes eingehen. Das ist in der Tat eine Lücke der folgenden Rekonstruktion, die dem auszuführenden Gedanken, dass es keinen Inhalt ohne Form und keine Form ohne Inhalt geben kann, zuwiderläuft. Im Verlauf des Textes wird sich hoffentlich erhellen, warum ich diese Verkürzung trotzdem auf mich nehme.

Nietzsche kritisiert darin zwei Tendenzen seiner Gegenwart: Einmal die bereits angeführte immer krassere Zurichtung des Bildungssystems auf die Nützlichkeitsimperative von Staat, dem „kälteste[n] aller kalten Ungeheuer“ (Also sprach Zarathustra), und „Arbeitsmarkt“ (ein Wort, für das Nietzsche nur Verachtung übrig hat). Diese Ausbildung nennt er nicht Bildung, sondern Erziehung. Zum anderen kritisiert er freilich auch das, was man als „höhere Bildung“ bezeichnet, etwa den Deutsch-Unterricht, den Unterricht in alten Sprachen oder die universitäre Geisteswissenschaft, als Pseudo-Bildung. Es geht hier nämlich nur mehr um bloßes Wissen, bloße Gelehrsamkeit um ihrer selbst willen. Den Schülern und Studenten wird kein richtiger lebendiger Zugang zur Kultur mehr vermittelt – der sie erst zur aktiven Produktion neuer Kulturgüter befähigen würde –, sondern sie müssen sich die kulturellen Gehalte als mehr oder weniger interessanten Stoff in möglichst kurzer Zeit in kaum zu bewältigender Menge eintrichtern, um dann unter Umständen noch halbgares Zeug in Wissenschaft oder Journalismus auskotzen zu können. Das alles verbleibt ohne jeden echten Bezug zur Praxis, zum wirklichen Leben. Es wird viel geredet, zugehört und geschrieben aber ohne rechten Sinn dafür, warum man das eigentlich alles tut. Dazu bleibt man auf seine eigene Willkür verwiesen, nach der man nach seinem Belieben diesem oder jenem Professor lauschen, diese oder jene Zeitung lesen kann. Im Grunde ist es ohnehin gleich, da alle Alternativen gleich bedeutungslos sind. Nietzsche will eine Kultur, die auf Notwendigkeit, d.h. wirklichen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen, gründet, nicht auf Willkür.

Um diese Kritik wirklich verstehen zu können, gilt es, genauer zu erläutern, was Nietzsche mit Bildung eigentlich meint. Ich will dazu auf ein Bild zurückgreifen, das Nietzsche selbst immer wieder evoziert. Nietzsche geht nicht davon aus, dass der Einzelne bei seiner Geburt ein beliebig formbares unbeschriebenes Blatt ist, sondern er ist eher mit einem Samenkorn vergleichbar, das ein bestimmtes intrinsisches Potential besitzt. Dieses Samenkorn kann nun in einer Umgebung (Boden, Wetter, Dünger, Nachbarpflanzen etc.) gedeihen, die der Entfaltung seiner intrinsischen Potentiale mehr oder weniger günstig ist. In einer günstigen wird es unter Umständen derart großartig wachsen, dass es seine intrinsischen Potentiale sogar noch übertrifft; in einer ungünstigen gar nicht erst wachsen oder verdorren. Eine Kultur ist umso besser, desto bessere Bedingungen sie dafür zur Verfügung stellt, dass ihre Glieder ihre Potentiale entfalten oder sogar noch überbieten können. Die Einzelnen müssen in der Kultur Wurzeln schlagen und derart mit ihr verwachsen können, dass sie gar nicht mehr von ihr zu trennen sind – und dann werden sie umgekehrt der Kultur dazu verhelfen, ihre immanenten Potentiale zu entfalten und zu einer wahrhaft großen Kultur zu werden. Als Beispiele für eine solche „große Kultur“ nenne Nietzsche immer wieder das antike Griechenland oder, trotz widriger äußerer Umstände, die deutschen „Klassiker“, allen voran der von Nietzsche als uomo universale verehrte Goethe, der allseitig gebildet war ohne damit zum schlechten Universalwerkzeug für Staat und Markt zu werden, sondern der als Individuum wie ein in sich abgerundeter Organismus für sich besteht, quasi als Mensch ein Kunstwerk ist. Der entscheidende Punkt ist eben, dass Nietzsche diese Entfaltung der Potentiale als reinen Selbstzweck versteht. Es bedarf dafür keiner höheren Rechtfertigung: Der Mensch soll das, was in ihm angelegt ist, ungehemmt verwirklichen können und dazu bedarf er einer förderlichen Kultur (nicht zuletzt, damit sich die Gewächse nicht gegenseitig in ihrem Wachstum behindern).

Nietzsche klagt also letztendlich ein, dass sich die Bildung nicht von der Leiblichkeit des Menschen abkoppeln darf, sondern dieser entsprechen muss. Gleichzeitig bedarf diese Leiblichkeit jedoch der Formung, wobei diese Formung jedoch wiederum an die Leiblichkeit angepasst sein muss. Als Grundproblem der Moderne sieht er an, dass Leiblichkeit und Formung völlig auseinander treten: Es gibt einen ungezügelten, krankhaften Leib auf der einen, eine starre, den Leib völlig erdrückende Form auf der anderen Seite.

Was Nietzsche damit explizit als Widerspruch in sich ablehnt ist die Forderung nach einer antiautoritären oder herrschaftsfreien Bildung. Bildung basiert immer auf Autorität bzw. Herrschaft. Es bedarf immer des konflikthaften Wechselspiels von Individuum und Kultur, damit sich beide voll entfalten können. Wir müssen unter Umständen zur Entfaltung unserer Potentiale gezwungen werden. Insbesondere kann Bildung nicht selbstbestimmt erfolgen: Es geht in ihr letztendlich nicht um eine Verhärtung, sondern die Überwindung der eigenen Subjektivität im Sinne von Willkür. Es gibt nur den Unterschied zwischen einer förderlichen und einer hinderlichen Autorität. Eine förderliche erkennt die immanenten Potentiale eines Menschen und hilft ihm dabei, sie erst freizulegen und zu entdecken (was eine sehr schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe ist), eine hinderliche ist entweder zu streng oder zu mild bzw. indifferent gegenüber dem Einzelnen – sie ist im Grunde so oder so nicht wirklich an ihm interessiert, behandelt jeden entweder willkürlich oder gleich.

Nietzsche lehnt daher sowohl den modernen Individualismus bzw. Subjektivismus als auch den modernen Egalitarismus (ob in seiner sozialistischen, liberalen oder autoritären Form) also ab. Beide hängen zusammen, da wenn jeder gleichermaßen ein absolutes Individuum sein will und soll, kommt dabei nur eine nivellierte Pseudo-Individualität heraus.

Nicht zuletzt aber ist der moderne Egalitarismus doppelmoralisch: Einerseits basiert die moderne Kultur auf sozialer Ungleichheit, andererseits propagiert sie die Gleichheit aller Menschen. Die ernsthafte Verwirklichung der Gleichheitsforderung würde sie vernichten. Allerdings geht Nietzsche mitunter über diese Kritik an kollektiver Unaufrichtigkeit (die der Verschleierung realer Ungleichheit dient) hinaus und verteidigt soziale Ungleichheit, er nennt sie ohne Beschönigung: Sklaverei, als notwendige Grundlage jeder Kultur und somit jeder Bildung. Die „Sklaven“ sollen bloß erzogen werden, Bildung soll und muss ein Privileg weniger Erlesener sein.

Nietzsche betont nun, dass es derzeit niemanden gibt, der wirklich gebildet ist und demgemäß auch keine Bildungsanstalten. Der Titel der Vortragsreihe enthält also ein Paradox: Es gibt keine Zukunft unserer Bildungsanstalten. Unsere Kultur ist derart verkommen, hat unsere Leiber derart deformiert, ist derart von einem Überfluss an Pseudo-Bildung geprägt, dass es auch äußerst fraglich scheint, wie Bildung überhaupt jemals wieder möglich sein soll. Sie endet demgemäß aporetisch, eine klare Antwort auf diese Frage verweigert sie. Spätestens hier ist der Leser aufgerufen, ja geradezu gezwungen, nicht mehr bloßer Konsument des Textes zu sein, sondern selbst aktiv zu werden.

We don’t need no thought control!

Nietzsches Bildungsbegriff ist die kritische Weiterführung des Bildungsbegriffs der deutschen „Klassik“. Wie Kant und Co. will er die Autonomie des Geistes gegenüber äußerlichen Anforderungen von Staat und Markt verteidigen. Gleichzeitig koppelt er den Begriff der Bildung von der Trias Moral – Vernunft – Staat ab. Bildung ist bei ihm nicht zuletzt ein ästhetisches Projekt und im Bildungsprozess verneint sich der individuelle Leib nicht, sondern bejaht sich und realisiert sein immanentes Potential. Es ist klar, dass es für diese Realisierung kein Maß geben kann: Sie basiert immer auf dem gefährlichen Wechselspiel zwischen Individuum und Kultur. Gleichzeitig ist sie potentiell unendlich. Das heißt nicht, dass sie ein moralisches Ideal wäre: Sie basiert letztendlich auf dem Begehren des Leibes selbst nach Verwirklichung seiner Potentiale und ist somit in sich befriedigt.

Dieses Konzept sprengt den Bildungsbegriff aus seiner idealistischen Hülle und macht ihn zu einer geistigen Waffe der Unterdrückten. Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen: Im Kapitalismus wird Bildung immer Erziehung für Markt- und Staatszwecke oder spektakuläre Pseudo-Bildung sein. Die Eigenheit unseres Leibes wird dabei nicht berücksichtigt. Unsere Bedürfnisse und Fähigkeiten verkümmern und vereinseitigen sich je nach unserem Platz in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, wir werden von diesen Erziehungsanstalten krank gemacht. Um das zu kritisieren bedarf es keiner hohen Werte oder der Berufung auf staatlich garantierte Rechte: Unser Leib lehnt sich unmittelbar dagegen auf und zwingt uns zum Widerstand.

Gleichzeitig geht es nicht darum, den Bildungsgedanken an sich über Bord zu werfen: Unser Leib existiert doppelt als ursprünglicher und als von der Erziehung deformierter. Schon allein, weil die Erziehung unsere Instinkte verwirrt hat, können wir uns nicht ohne weiteres alleine und bildungslos der Erziehung entziehen. Dazu bedarf es Formen der Autorität, das kann unter Umständen schmerzhaft, anstrengend und unangenehm sein. Der von linken und liberalen geteilte Wohlfühlantiautoritarismus (der im zwischenmenschlichen Bereich ersichtlich in empathieloser Indifferenz und Entsolidarisierung mündet) ist im heutigen Kapitalismus ein vielleicht ärgerer Feind der Befreiung als die konservative Apologie des Autoritären.

Das „Recht auf Bildung“ ist im Kapitalismus schon allein deshalb eine Phrase, weil klar ist, dass keine kapitalistische Gesellschaft mit einem völlig egalitären Erziehungssystem dauerhaft funktionieren könnte. Insofern trifft Nietzsches Kritik am bürgerlichen Egalitarismus genau ins Schwarze. Gleichzeitig wird Nietzsche an diesem Punkt tatsächlich reaktionär, wenn er daraus den Schluss zieht, es müsse auf ewig ungebildete Sklaven geben. Er bringt dafür schlicht kein überzeugendes Argument und ignoriert den technischen Fortschritt und die mit ihm verbundenen Bildungsmöglichkeiten.

Einwenden kann man gegen Nietzsche freilich, dass er dem technischen Fortschritt in ganz anderer Weise wieder treu bleibt: Stünde nicht eine viel radikalere Kritik an der bürgerlichen Kultur an, die noch den Zwang zurückweist, sich überhaupt in irgendeinem Sinne entwickeln zu müssen? Dabei ist natürlich an Adornos Aphorismus Sur l’Eau zu denken, der sich als implizite Nietzsche-Kritik lesen lässt. Gegen das blinde Tun um seiner selbst willen wird das Liegen auf dem Wasser als Utopie, das doppeldeutige rien faire comme une bête (das einem Tier gleichende Nichtstun / das nichts wie ein Tier Tun) verteidigt. Dazu wäre zum einen zu sagen: Ja, gegen die bürgerliche Forderung vom „Recht auf Bildung“ wäre angesichts des herrschenden Bildungs-Begriffs, der Erziehung und Pseudo-Bildung meint, tatsächlich das „Recht auf Dummheit“ hochzuhalten. Das Problem der kapitalistischen Gesellschaft ist nicht, dass es zu wenig Aktivität und zu wenig „Bildung“, sondern dass es viel zu viel davon gibt. Das benennt aber bereits Nietzsche. Der Witz ist eben, dass echte Bildung im Sinne Nietzsche auf Notwendigkeit basiert, nicht auf blinder Entfaltung.

Some would call it communism.

Doch was befreit uns nun aus Nietzsches Aporie? Der Punkt ist, dass wir verstehen müssen, dass die Aporie der Bildung notwendig ist. Bildung ist nichts, was sein kann, Bildung ist bei Nietzsche ein unendliches Werden, nicht nur im Kapitalismus, sondern in jeder denkbaren Gesellschaft. Es gab Gebildete und es wird Gebildete geben aber es gibt sie nie im Präsens. Dasselbe gilt für jedwede Bildungsanstalt. Bildung ist nichts weiter als die fortwährende Selbstentfaltung der menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse, das nie endende Blühen der Gattung Mensch mit ihren unendlichen Möglichkeiten. Sobald es eine Bildungsanstalt gibt, verunmöglicht sie echte Bildung bereits, indem sie die Unendlichkeit der Möglichkeiten beschneidet. Trotzdem ist, wie oben gezeigt, klar, dass es Bildungsanstalten geben muss.

Das sollte nicht als lähmendes Paradox missverstanden werden, sondern dieser Widerspruch sollte als dynamischer Handlungsspielraum bewusst angeeignet werden. Wir bewegen uns immer im Fluss, niemand kann uns aufhalten. Wir können uns jetzt bilden und jetzt Bildungsanstalten begründen. Wenn der Kapitalismus uns beschneidet, werden wir danach nur noch schneller, wilder und schöner wuchern. Solange er uns nicht umbringt, macht er uns stärker. Wir geben uns weder mit den Pseudo-Genüssen des Marktes zufrieden noch mit der staatlichen Pseudo-Kultur, der polizeilichen Pseudo-Philosophie und der sklavischen Pseudo-Wissenschaft. Wir werden auch in dieser Wüste einen Boden schaffen, auf dem jeder wuchern und Wurzeln schlagen kann. Unsere Hände werden das Ungesehene greifen, unsere Augen das Unbegriffene hören und unsere Ohren das Unerhörte sehen.

„Geist ist auch Wollust“ — so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.

Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held.

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!

(Also sprach Zarathustra, Vom Baum am Berge)

Fußnoten   [ + ]

1. Erstveröffentlicht in der AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Ausgabe 2014/2, S. 14-17.
2. Aus Platzgründen kann ich hier leider nicht auf die unglaubliche faszinierende formale, literarische und rhetorische Struktur dieses Textes eingehen. Das ist in der Tat eine Lücke der folgenden Rekonstruktion, die dem auszuführenden Gedanken, dass es keinen Inhalt ohne Form und keine Form ohne Inhalt geben kann, zuwiderläuft. Im Verlauf des Textes wird sich hoffentlich erhellen, warum ich diese Verkürzung trotzdem auf mich nehme.

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  1. […] Zu einem Artikel von Paul Stephan zu dem Thema auf dem HARPblog. […]

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