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Den Standort bestimmen. Ein Plädoyer für Authentizität

Emanuel Kapfinger gelingt es in seinem Text Woanders sein, als man ist wiederholt wichtige Fragen aufzuwerfen, die in der Mainstream-Linken selten diskutiert, wenn nicht gar verdrängt werden. Grundsätzlich stimme ich seiner Problemdiagnose zu, auch wenn ich sie vielleicht in anderen Worten formulieren würde: Es hat im Zuge der Neoliberalisierung der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ein individualistischer Lifestyle als hegemonial durchgesetzt – und der Aufstieg der „Neuen Rechten“ ist die schlechte Reaktion darauf, weil sie künstlich Formen der Vergemeinschaftung aufrechterhalten bzw. neu herstellen will (allen voran Familie und „Vaterland“), die historisch aus guten Gründen prekär geworden sind. Die Krise der Linken hat demgegenüber viel damit zu tun, dass man sich einerseits den neoliberalen Individualismus voll auf die Fahnen schreibt (und auch in der wirklichen Praxis lebt) – und damit die den Rechten in die Hände spielende Entsolidarisierung weiter forciert –, andererseits keine wesentlich besseren, weil genauso künstlichen, Antworten darauf hat. Demgegenüber neue Formen der konkreten Solidarität zu praktizieren und zu etablieren, halte ich für ein wichtiges Anliegen. Darum müsste es gehen.

Ich frage mich nur, woher die Scheu kommt, für diese Art von Kapitalismuskritik selbst den verworfenen Begriff der ‚Authentizität‘ zu gebrauchen. Wird nicht in dem ganzen Text – und auch in anderen jüngeren Texten Emanuels 1)Ich meine damit den Artikel Wir brauchen eine Diskussion über die Karriereplanung der linken Studis und den Facebook-Post Thesen zum Wahlerfolge der AfD. – nicht gerade das Ideal von Authentizität im Sinne eines aufrichtigen Selbstverhältnisses gerade in Beschlag genommen gegen Lebensformen, die sich unschwer als ‚Pseudo-Authentizität‘ bzw. Unaufrichtigkeit kritisieren lassen? Dass sich linke Studis etwa selbst einreden, sie wären revolutionär, obwohl ihre Praxis objektiv sehr konformistisch und karrieristisch ist? Dass sich Rechte wähnen, besonders ‚gemeinschaftlich‘ zu sein, obwohl die Kollektive, als deren Teil sie sich wähnen, reine Hirngespinste sind? Dass man sich in bestimmten romantisch verklärten Situationen besonders nah an seiner eigenen Lebenswirklichkeit fühlt, obwohl seine wirkliche Praxis eine ganz andere ist? Ist Emanuel in diesem Punkt nicht schlichtweg – unauthentisch?

Auch Heidegger konzipiert Authentizität bzw. „Eigentlichkeit“ (was tatsächlich auch begriffsgeschichtlich dasselbe ist) reflektierter, als es Emanuel suggeriert. Er unterscheidet nicht einfach dualistisch zwischen Authentizität und Unauthentizität, sondern zwischen Unauthentizität, Pseudoauthentizität und echter Authentizität. Alle Beschreibungen, die Emanuel für das gibt, was „Authentizität“ sei, lassen sich mit Heidegger selbst unschwer als Formen der Pseudoauthentizität, in seiner Sprache: dem „Man-selbst-Sein“ (im Gegensatz zum „eigentlichen Selbst-Sein“), denunzieren. Als das Reich der Unauthentizität beschreibt Heidegger – wenn man ihn gegenwartsdiagnostisch interpretiert – in Sein und Zeit den entfremdeten Alltag in der bürgerlichen Gesellschaft (in seiner Sprache: das Reich der „Sorge“), die Pseudoauthentizität ist demgegenüber gerade das Ausweichen von der Sorge in haltloser Betriebsamkeit, individuellem Rückzug, medialer Berauschung etc. Wirkliche Authentizität wäre demgegenüber gerade, diese ganze bunte Welt der Pseudoauthentizität (man könnte auch sagen: des „Spektakels“) als leeren Schein zu durchschauen und sich gerade mit der Unausweichlichkeit der Sorge bewusst zu konfrontieren. Eine sehr schmerzhafte, kränkende, geradezu niederschmetternde Erfahrung, für die bei Heidegger stellvertretend die Erkenntnis des eigenen Todes steht. Erst aus dieser rückhaltlosen Konfrontation heraus ergibt sich nach Heidegger die Möglichkeit zu echten, „entschlossenen“ Entscheidungen, zu einer wirklichen Aneignung der eigenen sozialen Situation. Er gibt dafür selbst ein sehr eindrückliches Bild: Während der Unauthentische beim Ausbruch eines Feuers hektisch nach allen möglichen Sachen sucht und nicht so recht weiß, was zu tun ist, lässt der Authentische alles stehen und liegen und wählt den kürzesten Ausweg. Diese Aneignung ist auch bei Heidegger keinesfalls rein individualistisch gedacht: Er unterscheidet zwischen authentischen und unauthentischen Modi der Intersubjektivität und als Resultat der „Entschlossenheit“ betrachtet er gerade kein heroisches Einzelkämpfertum, sondern die bewusste Selbstverortung in der Geschichte (hier kommt bei ihm die Kategorie des „Volkes“ in Spiel).

Es gibt genug an Heidegger zu kritisieren (etwa die unkritische Einführung der Kategorie des „Volkes“), doch man kann ihm nicht absprechen in diesem Punkt eine interessante Konzeption von Authentizität als ‚Sprung-in-die-Geschichte‘ entwickelt zu haben, die durchaus auch anschlussfähig für linke Interpretationen war und ist und einige Phänomene der kapitalistischen Lebenswelt sehr gut erfasst. Emanuel scheint sich demgegenüber einen Pappkameraden zu basteln – dies ist nicht zuletzt deshalb fahrlässig, weil man die theoretische Stärke der „Konservativen Revolution“ (der ich auch Heidegger zurechnen würde) gerade unterschätzt, indem so getan wird, als handelte es sich bei ihren Protagonisten einfach um naive konservative Träumer. Im Gegenteil zeichnen sich die Schriften von Autoren wie Spengler, Schmitt, Jünger oder in jüngere Zeit etwa die Analysen von Marc Jongen oder aus dem Umfeld der „Identitären Bewegung“ (IB) gerade dadurch aus, dass sie über ein sehr klares Verständnis von der objektiven Situation (post-)moderner Gesellschaften verfügen, das an linken Theoretikern dezidiert geschult ist. Theoretiker aus dem IB-Umfeld beziehen sich etwa ganz offen auf postmoderne Theorien und verarbeiten etwa die Politiktheorien Gramscis und Arendts. Die Gefährlichkeit dieser Theorien liegt gerade darin, dass sie oft von einem realistischeren Verständnis der objektiven Situation der Gegenwart ausgehen als weite Teile des linken Diskurses, der aus einer falsch verstandenen ‚political correctness‘ heraus über viele ernste Themen der Strategie und Analyse überhaupt nicht mehr spricht aus Angst, dem politischen Gegner dadurch falsche Zugeständnisse zu machen (und, einem – höflich ausgedrückt – zur Analyse wenig hilfreichen Sprachkonstruktivismus verpflichtet daran zu glauben, man würde dasjenige, wovon man spricht, durch den Akt des Sprechens erst erschaffen – ich muss da immer an die Angst der Figuren der Harry Potter-Romane von Voldemort auch nur zu sprechen denken).

In ähnlicher Weise scheint mir Emanuel einer falschen political correctness aufzusitzen, wenn er meint, das Problem der ‚Authentizität‘ erledigt zu haben, indem er einfach das Wort nicht benutzt, der Sache nach aber mitten in dem, was man als ‚Authentizitätsdispositiv‘ bezeichnen könnte, verstrickt ist. Dies scheint mir denn von seiner Seite aus auch in einer naiven Strategievorstellung zu resultieren, die an wirklicher Erfahrung gerade vorbeigeht, anstatt sie (selbst-)kritisch zu reflektieren: Denn wird die Praxis, linke ‚Schutzräume‘ zu schaffen, in denen ein ‚solidarischer Umgang‘ miteinander gepflegt wird und jeder ganz nett und verständnisvoll zueinander ist, nicht bereit seit Jahrzehnten (wenn nicht gar: seit dem 19. Jahrhundert – wenn sich die Genealogie dieser Idee nicht noch weiter zurückverfolgen ließe, man denke an die urchristlichen Gemeinden und das Mönchtum) im großen Stil praktiziert und mündet immer wieder in genau denselben Enttäuschungen und Misserfolgen? Genau deshalb vielleicht, weil es sich genauso um Formen der Pseudo-Authentizität handelt, die immer wieder daran scheitern, die Probleme des kapitalistischen Alltags eben nicht so klar raushalten zu können wie erhofft, sondern immer wieder darin zurückzufallen? Die oft genauso autoritäre und bornierte Mechanismen herausbilden wie bürgerliche Kleinfamilie, Kirche, dörflicher Schützenverein – oft sogar in noch größerem Maße, weil mit der großen Informalität eben auch einhergeht, dass sich schwer kritisierbare informelle Machtstrukturen etablieren? Und führt die notwendige Abgrenzung gegenüber der ‚bürgerlichen Normalwelt‘ nicht gerade zu politischem Sektierertum und paranoiden Infiltrationsphantasien?

Ich will damit der verbreiteten linken Schutzraumpolitik überhaupt nicht jede Berechtigung absprechen. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass solche Strukturen oftmals notwendig sind und einen wichtigen Beitrag zur Politisierung und Identitätsfindung leisten können, um der Unbill des Kapitalismus mit aufrechtem Gang begegnen zu können. Doch man darf sich keine Illusionen darüber machen, dass sie in der gegenwärtigen Gesellschaft objektiv immer die Funktion von Ersatzfamilien einnehmen und entsprechenden objektiven Limitationen unterliegen: Sie somit als Keimzelle einer umfassenden Revolutionierung der Gesellschaft anzusehen halte ich somit für eine, gelinde gesagt, abenteuerliche Phantasie, die notwendig zu Desillusionierung, Demoralisierung und Depolitisierung führen muss. Man sollte linke Schutzräume nicht künstlich schlechtreden, aber man sollte in ihnen auch nicht mehr sehen wollen, als sie sind: Sammelbecken von beschädigten Individuen, die sich nach ein wenig sozialer Wärme sehnen jenseits des Mainstreams.

Wenn nun der ‚Schutzraum‘, wie es im letzten Absatz heißt, so weit gehen soll, die ihm Angehörigen allen privaten Eigentums und damit auch ihrer Individualität zu berauben, dann muss ich sogar sagen, dass mir das ein wenig zu sehr nach Sekte klingt, um als politischer Vorschlag wirklich ernst genommen werden zu können: Viel eher erblicke ich darin die Gefahr einer viel totalitäreren Vereinnahmung der Einzelnen, als es in bürgerlichen Strukturen jemals der Fall wäre. So oder so müssten derartige Gemeinschaften früher oder später anfangen, unternehmerisch zu denken, um in der kapitalistischen Konkurrenz bestehen zu können: Man würde sich wiederum all die Probleme einfangen, denen man zu entkommen trachtete.

Sozialer Widerstand kennt viele Formen: Ob als autonomes Zentrum, Wohnprojekt, als Einzelkämpfertum (das auch nicht zwingend falsch sein muss), in Parteien, Gewerkschaften, sonstigen etablierten oder unetablierten Institutionen. Alle diese Formen haben ihre Stärken und Schwächen. Insbesondere ist (wünschenswerte) soziale Transformation jedoch nur möglich, wenn sie sich auf eine einigermaßen breite Verwurzelung in der Bevölkerung stützen kann. Und genau daran scheinen mir linke Wohnprojekte und dergleichen letztendlich immer zu kranken: Denn die ‚breite Bevölkerung‘ lebt nun einmal in (mehr oder weniger) bürgerlichen Lebenszusammenhängen und hat sich mit diesen (mehr oder weniger gut) arrangiert. Es wird immer eine kleine Minderheit sein, die sich für radikale Experimente wie Landkommunen etc. begeistern wird.

Es erscheint mir daher strategisch sinnvoller zu sein, an bestehende Formen von Vergemeinschaftung (die ja nicht alle bloß illusionär sind, sondern durchaus auf konkreter Praxis fußen) anzuschließen und diese in Stellung gegen die neoliberale Vereinzelung zu bringen – der Erfolg derartiger kulturpolitischer Versuche wird so oder so davon abhängen, inwiefern es gelingt, das Bedürfnis nach Gemeinschaft in eine genuin politische Praxis und ein entsprechendes Bewusstsein zu übersetzen. Sie werden immer wieder zu Misserfolgen werden, insofern sie un- bzw. pseudoauthentisch sind auf falscher identitärer Abkapselung statt authentischem Wirklichkeitsbezug beruhen.

Ich sehe keinen Grund, bürgerlichen oder selbst reaktionären Kollektiven diesen authentischen Wirklichkeitsbezug gänzlich absprechen zu wollen. Jede Form von gelungener Vergemeinschaftung zeichnet vielmehr die Gleichzeitigkeit abschließender, künstlicher und offener, authentischer Elemente aus, die sich in concreto nie klar voneinander trennen lassen. Die ‚Volksgemeinschaft‘ Hitlers war natürlich in einem hohen Maße ein imaginiertes Spektakel (ein Grund übrigens, warum Heidegger sich nach kurzer Begeisterung von ihr abwandte) – doch zugleich muss man natürlich anerkennen, dass sie auf Elementen authentischer Vergemeinschaftung basierte und keine Horde von Psychopathen war. Sie hätte sonst niemals eine so breite Massenwirkung erreichen und so ‚erfolgreich‘ sein können – leider. Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung von wünschenswerten und nicht wünschenswerten Formen der Vergemeinschaftung kann nicht allein ihre Authentizität sein, sondern muss ein politisches sein: Es mag sehr authentische, nicht-repressive Gemeinschaften geben, die trotzdem politisch schlechten Zielen dienen und die deshalb abzulehnen sind. Die Bedürfnisse, die in den unterschiedlichen Arten von Gemeinschaften offen artikuliert und ausgelebt werden können, unterscheiden sich eben nur: Sind es in der Burschenschaft oder der Neonazi-Clique sehr autoritäre Bedürfnisse und Aggressionen, geht es in Hippie-Häusern und linken Lesekreisen eher darum, einen solidarischen und nicht-autoritären Umgang miteinander zu pflegen. Es ist klar, wo meine Sympathien liegen, aber ich wüsste keinen Grund, warum man – außer, man setzt eine bestimmte Anthropologie voraus –, die eine Gemeinschaft als mehr oder weniger authentisch beschreiben sollte. In gewisser Weise einseitig bleiben beide, eine vollkommen authentische Gemeinschaft müsste das Ausleben solidarischer und unsolidarischer Neigungen gleichermaßen erlauben – was politisch und auch in der Realität schwierig werden dürfte. Vergemeinschaftung scheint stets voraussetzen, bestimmte Aspekte der eigenen Triebnatur und sozialen Realität (beides ist nur analytisch voneinander zu trennen) unterdrücken und verdrängen zu müssen – schon allein, weil man sich ja irgendwie mit den anderen Angehörigen arrangieren muss. In völliger Isolation wäre – da gebe ich Emanuel vollkommen Recht – ein authentisches Dasein auch nicht möglich, man würde sich nur in seinen individuellen Wahn hineinspinnen, aus dem einen die anderen dankenswerterweise immer wieder herausreißen. Völlige Authentizität bleibt so eine Utopie, ist wohl weder lebbar noch auch nur wünschenswert. Größtmögliche Authentizität auf individueller wie kollektiver Ebene bleibt jedoch ein erstrebenswertes Ideal. Es ist traurig, dass die Linke dieses Ideal anscheinend vergessen hat – vielleicht, weil es zu kritisch ist?

Fußnoten   [ + ]

2 Comments

  1. HARP wrote:

    In anderer Form legte Paul Stephan seine Kritik an Emanuel Kapfingers Thesen im Rahmen eines im Juni für die HARP gehaltenen Vortrags dar, den man dort nachlesen und -hören kann: http://harp.tf/2018/19/12/dokumentation-der-vortragsreihe-identitaetskrise/

    Mittwoch, 19. Dezember 2018 um 02:25 Uhr | Permalink
  2. Paul Stephan wrote:

    Weil ich danach gefragt worden bin und sich die Frage vielleicht auch noch andere stellen:

    Heideggers „eindrückliches Bild“ mit dem brennenden Haus steht in „Sein und Zeit“ in § 68: „Die Zeitlichkeit der Erschlossenheit überhaupt“

    Er geht dort auf die Furcht ein, die durch ihre Verwirrtheit gekennzeichnet sei. Der sich fürchtende könne Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem unterscheiden, tändelt zwischen dieser und jener Möglichkeit, ohne sich für eine bestimmte entscheiden zu können. Die Bewohner eines brennenden Hauses dienen Heidegger für diese Stimmungslage als Beispiel: „Daß zum Beispiel die Bewohner eines brennenden Hauses oft das Gleichgültige, nächst Zuhandene ‚retten‘, ist bekannt.“ (S. 342)

    „Der Entschlossene“ hingegen „kennt keine Furcht, versteht aber gerade die Möglichkeit der Angst als der Stimmung, die ihn nicht hemmt und verwirrt. Sie befreit von den ’nichtigen‘ Möglichkeiten und läßt freiwerden für eigentliche.“ (S. 344)

    Warum ist das so? Weil die Furcht immer eine Furcht vor Innerweltlichem ist, die Stimmung der Angst jedoch die fundamentale „Unbedeutsamkeit der Welt“ (S. 343) enthüllt. Dieses In-Klammern-Setzen der Sinnbezüge der Welt, wie sie sich unmittelbar darbieten, führt aber Heidegger zu Folge eben zu keiner distanzierten Unfähigkeit zur Entscheidung, sondern ermöglicht es erst, eine eigentliche Entscheidung fällen zu können.

    Im weiteren Verlauf des Buches, vgl. § 74: „Die Grundverfassung der Geschichtlichkeit“, wird dann deutlich, dass sich Heidegger die eigentliche Wahl als stets in sozialen Kontexten situiert vorstellt. Das entschlossene Da-Sein wählt sich als „Geschick“, als Glied eines „Volkes“. Erst aus dieser ‚Kollektivseele‘ kommen die eigentlichen Möglichkeiten.

    Der prototypische ‚Eigentliche‘ ist bei Heidegger implizit – das wird aus seiner Metaphorik ganz deutlich (etwa der Rede vom „Vorlaufen in den Tod“, die Kittler mit guten Gründen mit der Sturmtruppentaktik im Ersten Weltkrieg assoziierte, deren Chronist Ernst Jünger war) – der Soldat, der ohne jede Widerrede und ohne Furcht vor dem Tod seine Pflicht tut im Dienste der Nation. Der Witz am Beispiel mit dem brennenden Haus ist mithin nicht (insofern ist es vielleicht leicht missverständlich), dass der Eigentliche sich selbst retten will – auch sein eigenes Überleben ist nichtig für ihn -, sondern dass er eben weiß, was von ihm in einer solchen Situation verlangt wird, was ’sich schickt‘. Heidegger spricht in diesem Kontext auch vom „Ruf des Gewissens“.

    Das Soziale kommt bei Heidegger also nicht so sehr als Gegenstand rationaler Überlegung ins Spiel. Er schreibt explizit, „[d]aß die Entschlossenheit ausdrücklich um die Herkunft der Möglichkeiten weiß, auf die sie sich entwirft, ist nicht notwendig.“ (S. 385) Es geht hier um etwas vollkommen Intuitives, allem rationalen Überlegen Entzogenes, was er als in letzter Instanz sinnstiftend für das individuelle Wählen ansieht. Ich brauche gar nicht darüber nachzudenken, was mein Schicksal ist, ich spüre es einfach.

    Es ist auch nicht so, dass Heidegger diese ganzen Sachen groß rational rechtfertigen würde. Im Grunde wird das alles nur behauptet als Ergebnis einer ‚phänomenologischen Beschreibung‘. Er sagt einfach, dass es so ist und dass das im Grunde jeder weiß.

    Es ist klar, dass dieser ganze Gedankengang bei Heidegger hochgradig problematisch ist. Der Faschismus schreit einem da ja geradezu entgegen. Das ‚brennende Haus‘ lässt sich etwa als Anspielung auf die soziale Krisensituation der Weimarer Republik verstehen. Während die Bürgerlichen nicht wissen, was zu tun ist, und panisch mal diese und mal jene Maßnahme vorschlagen und endlos durchdiskutieren, bedarf es für den Einzelnen dieser ganzen Faselei nicht: „Im Miteinandersein in derselben Welt und in der Entschlossenheit für bestimmte Möglichkeiten sind die Schicksale im vorhinein schon geleitet. In der Mitteilung und im Kampf wird die Macht des Geschickes frei.“ (S. 384)

    Samstag, 12. Januar 2019 um 07:00 Uhr | Permalink

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  1. […] seine im Vortrag geübte Kritik an Emanuel Kapfingers Kritik am Authentizitätsideal zu einem separaten Artikel auf dem HARPblog ausformuliert, der seine Grundthese nochmal in etwas anderen Worten zusammenfasst. […]

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