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Erwachsenwerden mit Erich Fromm

Zum Gefühl der Ohnmacht“ ist ein kleiner Aufsatz von Erich Fromm, der 1937 in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ erschien. Fromm legt darin dar, wie das Gefühl der Ohnmacht dazu geführt hat, dass statt einer sozialistischen Revolution die faschistischen Kräfte in Europa die Oberhand gewinnen konnten. Er ist online leicht zu finden und liest sich an vielen Stellen so, als würde er von der „Berliner Republik“ handeln. Ich versuche im folgenden kurz mit Hilfe dieses Aufsatzes zu erklären, weshalb ich das Gefühl der Ohnmacht gegenüber größeren Strukturen, sei es dem Kapitalismus, religiös-kultureller Einheiten wie „christliches Abendland“ oder „islamisches Morgenland“ oder dem Staat, für zerstörerisch, dagegen eine emanzipatorische Politik, die sich auf das Individuum bezieht, für notwendig und fortschrittlich halte.

Weil die geschichtlichen, politischen und ökonomischen Verhältnisse so selbstständig erscheinen, die Gedanken eines einzelnen Menschen so unbedeutend gegenüber dem „Zeitgeist“, hatten und haben viele Personen den Eindruck, dem Lauf der Welt nichts entgegensetzen zu können, sich fügen zu müssen, was sie davon abhält, die Welt in ihrem Sinne zu verändern. Dieses Denken wird schließlich pathologisch, beispielsweise als Depression: „Solche Charaktere sind häufig sehr erstaunt, dass ein anderer über sie in ernsthafter Weise gesprochen oder gar sich auf sie oder eine Meinung von ihnen bezogen hat.“ 1)S. 97, Zum Gefühl der Ohnmacht. In Zeitschrift für Sozialforschung, 6 Das hat die negative Seite, dass sie auch unterschätzen, wie zerstörerisch ihr eigenes Denken und Handeln sein kann: „Solche Menschen glauben auch nicht, dass sie irgendjemanden kränken können, sie sind gerade deshalb häufig in ungewöhnlichem Maße zu aggressiven Äußerungen im Stande und völlig davon überrascht, dass ein anderer beleidigt ist.“

Erich Fromm entschlüsselt die Passivität der Ohnmächtigen als ein Schwanken zwischen Größenideen und Depression, weil der Versuch, tatsächlich auszutesten, welche Einflussnahme auf die Realität durch die eigene Person möglich wäre, gar nicht unternommen wird. Authentizität wäre das Bewusstsein dessen, was man bezogen auf die Welt ist, ein Gefühl für die eigene Position in der Gesellschaft und die damit verbundenen Wirkmächtigkeit: „Ihr Ohnmachtsgefühl hindert sie aber daran, Anstrengungen zu machen, zu arbeiten, zu lernen, etwas zu produzieren, was die andern wirklich anerkennen oder bewundern.“ 2)S.98, ebd.

Dieser ohnmächtige Depressive, der die bürgerliche Überzeugung, sich dem Gang der Dinge fügen zu müssen, gleichzeitig auf die Spitze treibt und ironischerweise durch seine Unfähigkeit, irgendwelchen Anforderungen gerecht zu werden, unterläuft, zeichnet sich durch ein Verhalten aus, das „man als besonders unpraktisch oder ungeschickt“ bezeichnet. Weil er sich nicht die Frage stellt, was er selbst am liebsten will, sondern wie er am wenigsten die Erwartungen anderer enttäuscht, wird ihm das Leben zur Qual: „Die Folge ist häufig, dass solche Menschen bewusst oder unbewusst das Gefühl haben, von anderen vergewaltigt zu werden, wütend darüber sind, und doch nicht sehen, dass sie es in erster Linie sind, die sich vergewaltigen lassen.“ 3)S.100, ebd. Ihre Lebenspraxis selbst kann schließlich zum Beweis ihrer eigenen Machtlosigkeit werden: „Der Betreffende wird dann geneigt sein, wirklich krank zu werden, seinen Chef zu provozieren, dass er ihn in der Tat entlässt, mit seiner Frau Streit anzufangen, so dass den ganzen Tag Unfrieden im Haus herrscht, und wenn ihm dies alles gelungen ist, fühlt er sich völlig gerechtfertigt, seine Ohnmacht als durch die Unerträglichkeit der äußeren Verhältnisse begründet anzusehen.“ 4)S.102 ebd. – eine gewisse Ähnlichkeit besteht also zum (sado-)masochistischen Charakter. Wir haben es mit einer Sorte Mensch zu tun, die es weder zur ausgewachsenen Geisteskrankheit, noch zu einem echten politischen Kampf bringt und sich in einem Zustand der oftmals verleugneten Depression befindet.

Ebenfalls eine wichtige Rolle für die Erfahrung der Ohnmacht, sowie mangelnde Versuche, sie zu überwinden, spielt das, was Fromm die „Illusion der Zeit“ nennt: Man müsse nur abwarten und mit der Zeit würden sich die eigenen Wünsche dann schon erfüllen. Kausales Denken, das Wissen darum, dass bestimmte Handlungen zu bestimmten Ergebnissen führen, wird dabei durch einen Wunderglauben ersetzt, bei dem das Ziel gleichsam umkreist wird, ohne es richtig anzupacken. In ihrer tückischsten Form tritt die Ohnmacht als Aktivismus auf: „Oder wenn sie eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben haben, sitzen sie nicht träumend vor ihrem Schreibtisch, sondern bestellen sich dutzende von Büchern aus der Bibliothek, besprechen sich mit allen möglichen Fachleuten, deren Meinung wichtig sein könnte, machen Reisen zum Studium gewisser Probleme, und schützen sich so vor der Einsicht, dass sie sich ohnmächtig fühlen, die erwartete Leistung zu erbringen.“ 5)S.104 ebd.

Erich Fromm, alles andere als ein Feind des politischen Engagements, wendet sich gegen die „Geschäftigkeit“, das nervöse Herumirren einer Person um ein Problem, ohne die „fundamentalen Züge der zu lösenden Aufgabe“ ernsthaft zu bedenken. Während diese neurotische, im wahrsten Sinne des Wortes „nervöse“ Lösung als spleenig und krankhaft auffällt, ist eine andere Lösung des Gefühls von Ohnmacht, das berühmte „Radfahrerprinzip“, also nach unten treten, nach oben buckeln, so weit verbreitet, dass gar nicht auffällt, dass sich dahinter das Gefühl von Ohnmacht verbirgt. Der psychisch Kranke empfindet seine Ohnmacht oft sehr bewusst, sei es vor dem Polizisten oder dem Chef, dessen Dominanz ihm unerträglich ist. Er wünscht sich, die Macht wiederzuerlangen und wird umso mehr in seine Machtlosigkeit verstrickt: „Der verstärkte Wunsch nach Kontrolle und Macht ist zur gleichen Zeit eine Reaktion auf das Ohnmachtsgefühl und die Wurzel für seine Verstärkung.“ 6)ebd. S.106 Einerseits gibt es die Möglichkeit, sich die Illusion von Macht zu gönnen, indem man sich denjenigen Denkweisen und Strukturen anschließt, die ohnehin bereits im Wachsen begriffen sind, oder aber man kämpft sich an Situationen ab, die ohnehin keine Aussicht auf Erfolg versprechen.

Fromm geht hier, wie bei seiner Theorie der Sozialcharaktere, davon aus, dass gewisse Krankheitserscheinungen zugespitzte Formen allgemeiner sozialpsychologischer Problematiken sind, die sich nur phänomenologisch anders äußern, weil das Symptom nicht mehr in den Kapitalismus integrierbar ist. Vielleicht könnte man den ohnmächtigen Depressiven tatsächlich tendenziell in Richtung des autoritären Charakters verorten.

Während Sigmund Freud die manchmal ja zutreffende Vorstellung hatte, bestimmte traumatisierende Erfahrungen und auxiliäre Momente würden sich zu klar umrissenen und abgrenzbaren Symptomen verdichten, weiß Fromm, dass die Seele des Menschen von subtileren Krankheiten zu heilen, eine schwierige und oftmals schwer formalisierbare Angelegenheit ist: „Man muss vielmehr immer die gesamte Konstellation der äußeren Umstände, unter denen ein Menschen lebt, und die komplizierte Dynamik seiner Charakterstruktur, die sich als Reaktion auf die Außenwelt entfaltet, kennen, um die Entstehungsbedingungen des einzelnen seelischen Mechanismus voll zu verstehen.“ 7)S.109, ebd.

Der ohnmächtige Bürger wird letztlich von einer Gesellschaft hervorgebracht, die ihre Mitglieder wir Kinder behandelt. Dazu Fromm:

„Schwer durchschaubar, aber nicht weniger folgenschwer ist jenes Nichternstnehmen des Kindes, das sich hinter Verzärtelung und Verwöhnung versteckt. Solche Kinder werden gewiss beschützt und behütet, aber die Entfaltung ihrer eigenen Kräfte, beziehungsweise des Gefühls dafür, selbst Kräfte zu haben, wird mehr oder weniger vollständig gelähmt. Sie erhalten alles was sie brauchen im Überfluss, sie dürfen auch alles wünschen, dürfen alles sagen, was sie wollen. Ihre Situation gleicht aber im Grunde der eines gefangenen Prinzen. Auch dieser hat alle Genüsse im Überfluss und viele Diener, denen er Befehle geben kann. Und doch ist alles unwirklich und gespensterhaft, denn seine Befehle haben nur Geltung, solange sie nicht den Rahmen seines Gefängnisses sprengen. All seine Macht ist eine Illusion, die er am besten aufrecht erhalten kann, wenn er gar nicht mehr daran denkt, ein Gefangener zu sein, und gar nicht mehr wünscht, die Freiheit zu gewinnen. Er kann zwar seinen Untergebenen befehlen, dass sie ihn aufs pünktlichste bedienen; wollte er ihnen aber gebieten, sie sollten das Tor des Schlosses öffnen, in dem er gefangen ist, so würden sie sich verhalten, als habe er überhaupt nichts gesagt. […] Es [das Kind], kann viel von dem, was es will, bekommen, wenn es lieb und brav ist, aber es kann nichts bekommen, was ihm nicht gegeben wird, und es kann nichts erreichen, ohne dass der Erwachsene sich einschaltet.“

Könnte man hier nicht, ohne auf große Widersprüche zu stoßen, „den Erwachsenen“ und „die Untergebenen“ durch den Staat, „das Kind“ bzw. „den Prinzen“ durch den Bürger ersetzen und man hätte eine perfekte Beschreibung von Deutschland 2018?

„Versprechen, die dem Kind gegeben werden, werden nicht gehalten, bestimmte Fragen nicht ernst genommen oder unaufrichtig beantwortet. Anordnungen werden gegeben, ohne dass dem Kind ihr Grund gesagt wird. […] Selbst da, wo Versprechen gehalten und Antworten gegeben werden, aber wo der Erwachsene das Gefühl hat, sein Verhalten stelle eine besondere Freundlichkeit oder ein besonderes Entgegenkommen dar, ist der Eindruck auf das Kind kein anderer.“ 8)S.111 ebd.

Die selbe Dynamik, die Bürger zu Kindern reduziert, lässt Kritik tendenziell in der Bedeutungslosigkeit verschwinden:

„Als ein Symbol für die hier gemeinte Situation des Kindes hat uns immer ein bestimmtes Spielzeug beeindruckt, nämlich ein Spieltelefon. Es sieht aus wie ein richtiges Telefon, das Kind kann den Hörer abnehmen und die Nummern wählen, nur verbindet es mit niemand [sic!]. Das Kind kann niemand erreichen, und obwohl es genau das Selbe tut wie der telefonierende Erwachsene bleibt seine Handlung ohne jede Wirkung und ohne jeden Einfluss. […] Das Kind wird nicht ernst genommen, ebenso wenig wie die Kranken und Alten. […] In der bürgerlichen Gesellschaft beruht der Wert des Menschen auf seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit.“

Vor diesem Hintergrund würde ich erneut gerne die Frage aufwerfen, was das für Leute sind, die eine Person, die sie letztlich beherrscht, als „Mutti“ bezeichnen. Nehmen sie sich schon immer als Alte und Kranke wahr oder als Kinder? Fromm gibt in etwa folgende Antwort:

„Der durchschnittliche Erwachsene unserer Gesellschaft ist tatsächlich ungeheuer ohnmächtig, und diese Ohnmacht wirkt noch umso drückender, als er ja glauben gemacht wird, es müsste ja eigentlich ganz anders sein und es sei sein Verschulden, wenn er so schwach sei. […] Die Statistik kann ihm zeigen, ein wie kleiner Prozentsatz von denen, die mit der Illusion beginnen, die Welt stehe ihnen offen, auch nur eine gewisse Unabhängigkeit und ökonomische Sicherheit erreichen. […] Das Ohnmachtsgefühl wird durch den Umstand außerordentlich verstärkt, dass sowohl die komplizierten Vorgänge ökonomischer und politischer Art als auch die seelischen Vorgänge undurchsichtig sind.“

Die Leute fühlen sich der Wirtschaft und Politik gegenüber ebenso ausgeliefert, wie sie ihre eigenen Triebe und Gedanken gar nicht unter Kontrolle haben. Dabei werden richtige, vielleicht sogar kapitalismuskritische Einsichten zu „einer abstrakten Kenntnis, ein Bildungsgut wie Geschichtsdaten oder Gedichte, die man in der Schule gelernt hat, oder – Weltanschauung.“ 9)ebd. S.114

Einen Lichtblick gewährt Erich Fromm nichtsdestotrotz: Gerade Nazis sind zutiefst ohnmächtige Menschen: „Krieg, Leiden, Armut werden als gegebene und unabänderliche Faktoren des menschlichen Zusammenlebens angesehen, und jeder Versuch, an diesen Fundamenten zu rütteln als Dummheit oder Lüge betrachtet. […] Immer bleibt es eine höhere Gewalt außerhalb des Menschen, der gegenüber jede eigene Aktivität endet und nur blinde Unterwerfung möglich ist. Die Hilflosigkeit des Individuums ist das Grundthema der autoritären Philosophie.“

Das Gefühl der Ohnmacht in der arbeitsteiligen Gesellschaft gegenüber den abstrakten sozialen, ökonomischen, politischen und nicht zuletzt auch geschichtlichen Vorgängen ist also mit Vorsicht zu „genießen“.

Fußnoten   [ + ]

1. S. 97, Zum Gefühl der Ohnmacht. In Zeitschrift für Sozialforschung, 6
2. S.98, ebd.
3. S.100, ebd.
4. S.102 ebd.
5. S.104 ebd.
6. ebd. S.106
7. S.109, ebd.
8. S.111 ebd.
9. ebd. S.114

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