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Subjektivität und Diskontinuität

Eine Einsendung für den Eos-Preis von Emanuele Melcarne.

Subjektivität und Diskontinuität

Anmerkungen zum Authentischen

Die Frage nach der personalen Authentizität steht im Kontext zu der globalen Situation der Gesellschaften. Die moderne Arbeitsteilung spezifiziert die menschlichen Bedürfnisse. Der individualisierte Warenkonsum treibt die Produktion an, die ihre Lebensform als Kaufkraft bestärkt. Heute gilt es einen Authentizitätsbegriff zu formulieren, der aus der gegebenen historischen Situation eine neue Form des Selbstverhältnisses zur Gesellschaft begründet.

Die Etymologie führt den Begriff auf das Griechische authentikós, authéntēs zurück. In deutscher Übersetzung lautet das:

Mit eigener Hand vollbracht, glaubwürdig. […] Eine authentische Auslegung eines Gesetzes, einer Schrifstelle ist eine solche, die durch deren Gesetzgeber selbst, den Verfasser selbst, mit deren Worten oder in deren Geist gegeben ist. Authentisieren: Beglauben. Authentizität: Die urkundlich bezeugte Echtheit.1)Hofmeister, Johannes (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Felix Meiner 1955.

Die lexikalische Bestimmung beschreibt ein Verhältnis zwischen dem Glied autós, das Urheberschaft, Originalität bedeutet und der juridischen Instanz, die Urkunden, Verträge, Werke und Aussagen bezeugt. Im Begriff ist also ein Spannungsverhältnis eingeschrieben, das zwischen der positivistischen Beschreibung und einer ursprünglichen Spontaneität herrscht.

Aus dieser Perspektive betrifft die persönliche Authentizität immer zwei Seiten. Die innere Differenz des Authentizitäsbegriffs spiegelt sich auch in der Existenz selbst wider, wie im folgenden Sartres Essay über den Dichter und Dandy Baudelaire zeigen wird. Die Authentizität kommt nicht allein durch die Relation zwischen dem Selbst und dessen Anerkennung zu ihrem Begriff. Sie wird in einem Korrespondenz-Verhältnis von Selbst-und-Anerkennung-Verhältnis und Selbst-Verhältnis gedacht. Das Selbstverständnis des Renaissance-Künstlers veranschaulicht die einfachste Relation, die zwischen dem Selbst und dessen gesellschaftliche Annerkennung herrscht.

Mit Beginn der Neuzeit erlangen die bildenden Künstler ein intellektuelles Selbstverständnis, indem sie ihre Arbeit als eine geistige Schöpfung beschrieben und sich dadurch vom Handwerker unterscheiden. Da ihre Werke aus ihrem geistigem Entwurf stammen, verweisen sie auf den Urheber, welches das Werk mit eigener Hand vollbringt. In ihren Augen gelten die Werke als spontane und somit originelle Schöpfungen.

Die glorifizierenden Künstlerbiographien Vasaris bestätigten dann ihren mutmaßlichen Genius. Drei Aspekte geben die Bedingungen der mittleren Relation zwischen Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Anerkennung zu erkennen. Im Falle des Renaissancekünstlers liegt die spontane Seite des authentischen Werks in der geistigen Kreation. In allgemeinen Termini, zeichnet sich die spontane Seite der personalen Authentizität durch das disegno2)Disegno: Italienisch: Zeichnung. an sich selbst, dem Selbstentwurf, aus. Während der Renaissance-Künstler sein Werk erschafft, erfindet sich das Selbst eigenhändig.3)Der Satz: „Das Selbst erschafft sich selbst.“ zeigt bereits grammatikalisch, dass „selbst“ sowohl nominal als auch reflexiv genutzt wird. Bestimmtsein und Selbstbestimmung gleichen sich an. Ihr gesellschaftliches Bewusstsein entsteht durch die Distanzierung von der manuellen Arbeit. Zuletzt attestiert Vasari ihnen die Genialität, sodass ihnen endgültig Zugang zum intellektuellen Diskurs verschafft war.

In modernen Analysen, wie die von Georg Simmels Die Großstädte und das Geistesleben, Sartres und Benjamins Baudelaire und Nietzsches Genealogie der Moral lassen sich die genannten Relationen herausstellen in Bezug auf die Bedingungen der Authentizität setzen.

Simmels Aufsatz gibt die moderne Erscheinung des Menschen in der Massengesellschaft wieder, an der die berechnende Marktlogik die zwischenmenschliche Empfindsamkeit verblassen lässt. Der Grund für die Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen liegt in der aufkommenden Konkurrenz, die jeden Einzelnen atomisiert.4)Vgl., Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben, in: S. Hauser und C. Kamleithner (Hrsg,): ArchitekturwIssen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften (Bd.1), Bielefeld: transcipt 2011, S. 154. Der ökonomische Blick auf die Menschen, der jeden Einzelnen als Ware betrachtet, spiegelt sich dann auch in der subjektiven Haltung der Bewohner wider. Die Menge dient also entweder dem Eigennutzen oder gilt als Konkurrent. Gleichzeitig garantiert die rationalisierte Gesellschaft die Individualität des Einzelnen, weil er einer spezifischen Tätigkeit nachgeht und ein besonderen Habitus, an denen Bedürfnisse geknüpft sind. Da die Besonderung aus der berechnenden Perspektive der Ökonomie erfolgt, nutzt das Selbst sich, um den Unterschied zum Anderen geltend zu machen. Damit widersetzt sich der Selbstdarsteller der Gleichschaltung.

Da die Distinktion aus der wirtschaftlich-technische Isolierung hervorgeht, reproduziert sie den Warencharakter des Selbst. Die Dandies der Moderne kulminieren nicht in die Originalität, sondern setzen die allen panotpische Betrachtung der Menschen als Ware fort. Die ökonomische und gesellschaftliche Struktur trägt die Verkleidung heran, in der sich das Massenindividuum kostümiert und einen originellen Charakter erkünstlet und das vereinheitlichende Uhrwerk der Moderne verschleiert. Folglich mimen die Dandies, wie in Poes Kriminalnovelle Der Mann der Menge, die Bewegungen der Maschinerie der Fabriken nach.5)Vgl., Benjamin, Walter: Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, in: Gesammelte Werke 2, Zweitauseineins: 2011, S. 760 f. Aus dieser Sicht ist jeder Einzelne der bürgerlichen Gesellschaft im Kreislauf von Konsum und Produktion eingetragen. Die eingerichtete Meritokratie nivelliert dann die Selbstlegitimierung, denn das Ichbewusstsein kann sich nicht ohne institutionellen Zuspruch der eigenen Leistungen entfalten.

Sartres Persönlichkeitsanalyse Baudelaires gibt einen Ausweg zu erkennen, der zwischen den Zeilen liegt und zurück zum originellen Selbstentwurf hinführt, indem er eine andere Form der Anerkennung vorschlägt. Auf den ersten Blick scheint es als skizziere Sartre Baudelaires psychische Verfassung, die die Situation des modernen Individuums widerspiegelt. Zunächst zeigt die Studie, wie sich der Dichter vom selbstvergessenen Dasein entfernt. Er hat stets die Absicht sich selbst zu erfassen. Seine selbstbezogene Aufmerksamkeit hätte nach Sartre in ein schöpferisches Moment umschwingen können, weil sie das Selbst befähigt unbedingte Lebensziele und Werte zu erschaffen.6)Vgl., Sartre, Jean-Paul: Baudelaire, Rowohlt: Hamburg 1978, S. 31. Dies gelingt Baudelaire nicht, denn sein erfassender Blick überprüft und sperrt sein erlebendes Ich ein. Deshalb genießt sich der Dichter immer aus der Seite des Beobachters. Da er nur er selbst sein, indem er außer sich tritt, entzweit sich Baudelaire. Dieses Selbstverhältnis führt dazu, dass er sich nur als Leidenden erleben kann.7)Vgl., Sartre, Jean-Paul: Baudelaire, S. 61. Das Verhältnis der modernen Gesellschaft zum Einzelnen reflektiert den Selsbtwiderspruch nach außen. Während der Dichter sein Ich dazu nutzt sich zu erleben und in einen leidenden Narzissmus verfällt, fordert die moralische Ordnung das Selbst die vorgezeichneten Wege einzuschlagen, die zu einem vermeintlich guten Leben führen. Das gesellschaftliche Selbstwertgefühl liegt somit in der Hand der normativen Instanz im Einzelnen, die die spontane Seite unterdrückt. Das Selbst wird innerhalb der Relation des Einzelnen zur modernen Gesellschaft nur zu sich, indem es die spontane, eigentliche Natur verneint.

Der Typus Baudelaire lässt sich aber auch für den Begriff des real-authentischen Selbst ausreizen. Im Zusammenhang mit den ersten Kriminalromanen, in denen die Beobachterfigur in der Masse die Anonymität bewahrt, repräsentiert die literarische Figur des Flaneurs das gesellschaftliche Pendant zur kommerzialisierten Öffentlichkeit. Dieser entzieht sich dem objektivierenden Blick hochkapitalistischer Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, in denen auch polizeiliche Strategien der Personalbestimmung ihren Ursprung haben.8)Vgl., Benjamin, Walter: Charles Baudelaire, S. 755. Insofern entzieht sich der anonyme Flaneur der objektivierten Gesellschaft, die den Menschen den Warencharakter verleiht. Der gesellschaftliche Außenseiter bewahrt damit seine Besonderheit und setzt sie der Masse entgegenhalten.9)Vgl., Ibd., S. 762. Die Masse vermittelt somit die Besonderheit des Subjekts, das seinerseits die Gesellschaft braucht, um sich zu anonymisieren.

Bis an dieser Stelle steht fest, dass die Ich-Behauptung sowohl aus dem Arbeits- und Konsumverhältnissen hervortritt als auch dieser entgegnet. Benjamins und Simmels Konzepte gleichen sich insofern sie individualistische Selbstdarstellung aus der ökonomisierten Gestalt der Wirklichkeit ziehen. Sie unterscheiden sich aber in der Interpretation des Phänomens. Bindet man den selbstdarstellerischen Habitus an den gesellschaftlichen Kreislauf, so erscheint das Selbst innerhalb der normierten Ordnung, das von den historisch-bedingten Wertvorstellungen durchdrungen ist. Benjamin zieht aus dem Flaneur eine optimistische Konsequenz. Das Medium der Masse vermittlelt ein diskontiuierliches und heroisches Selbst. Die Masse ist damit das lebenserhaltende Medium des authentischen Typus, der Selbstgesetzgebung.

Ein historischer Moment exemplifiziert die Paradoxie der unbedingten Selbstlegitimation durch Anerkennung der Anderen. Die gesellschaftliche Position des Künstlers ist bis zur Französischen Revolution durch den Adel legitimiert, der von der körperlichen Arbeit befreit ist und sich folglich nicht durch die Arbeit legitimiert. Somit ordnen sich die bildenden Künstler den höheren gesellschaftlichen Kreisen zu, die gleichzeitig eine untergeordnete Rolle einnehmen, zumal sie ihre kreative Arbeit im Rahmen eines Auftrags ausübten.

Ihr durch die Revolution bestärktes Verlangen nach künstlerischer und politischer Unabhängigkeit war deshalb nicht mit der bürgerlichen Struktur vereinbar, die die soziale Position durch die Arbeit definiert. Schließlich galt es das Bild des Künstlers als freies Genie zu erhalten.10)Vgl., Sartre, Jean-Paul: Baudelaire, S. 85 ff. Im 19. Jahrhundert entstanden unabhängige Ausstellungen, die den Regelkanon der Salonjury und den Weltausstellungen ablehnten und ihre individuelle, künstlerische Freiheit proklamierten. Ihr finanzieller und populärer Erfolg etablierte sich zum Maßstab der künstlerischen Anerkennung.11)Vgl., Bätschmann, Oskar: Ausstellungskünstler. Kult und Karriere im modernen Kunstsystem. DuMont: Köln 1997., S. 68 f. In dieser Form spielt das zeitgenössische Künstlertum eine Außenseiterrolle, die sich innerhalb des Produktions-Konsumtions-Zyklus‘ abwickelt. Die finanzielle Unabhängig-keit ermöglichte es ihnen Ideen umzusetzen, die den akademischen Malstil vereitelt. Der sozial-geschichtliche Künstlertypus der Moderne zeigt, dass die gesellschaftliche Anerkennung den unbedingten Typus bestätigt und befreit.12)Die Selbstaffirmation ist somit gesellschaftlich vermittelt.

In dieser Weise erlangt der Authentizitätsbegriff den vollen Wert, der die nützliche Seite der Gesellschaft und die heroische Natur des Individuums in ein Korrespondenzverhältnis setzt. Eignet sich die Gesellschaft das Verständnis von Authentizität an, dann legt die Person das widersprüchliche Selbstverhältnis des extentrischen Selbstdarstellers ab und gebärt eine andere Zukunft, die abseits der gebahnten Wege liegt.

Mit Nietzsches Konzept der gewalttätig klingenden Herrenmoral, verwirklicht sich die Authentizität durch die mutige Bejahung des Selbst, das keine allgemeinen Kategorien mit apriorischen Schein übernimmt. Der authentische Mensch verlässt somit das Reich der Selbstverständlichkeit und hält an die Anderen, die es ermöglichen sich jenseits der vorstellbaren Gestalt der Wirklichkeit zu projizieren.13)Vgl., Nietzsche, Friedrich: Genealogie der Moral, in: K. Schlecht (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Werke in sechs Bänden, München-Wien: Carl-Hanser 1980, S. 836. Das diskontiuierliche Ereignis legt das Verlangen nach Anerkennung innerhalb erstarrter Normen ab. Dies verlangt den Entwurf des schaffenden und den Abwurf des gegenwärtigen Selbst.

Der Typus des unabhängigen Flaneurs und genialen Künstlers verdeutlicht die mediale Funktion der ökonomisierten Gesellschaft, die eine andere Form der Lebenskultur und Annerkennung hervorbringt. Inwieweit sie möglich ist, hängt von den Bedingungen ab, die das Verhältnis des entzweiten Selbst und der mechanistischen Gesellschaft in ein Korrespondenzverhältnis zwischen presigebender Selbstbejahung und vorurteilsloser Annerkennung transformiert. Die Maxime, die gesellschaftliche Unbedingtheit des Einzelnen zu potenzieren, impliziert einen entinstrumentalisierten und entökonomisierten Annerkennungprozess, der das subjektive Ereignis als solchen in seiner Besonderheit registriert. Auf diese Weise behält der Authentizitätsbegriff trotzdem die anerkennende Kehrseite der spontanen Natur bei.

Fußnoten   [ + ]

1. Hofmeister, Johannes (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Felix Meiner 1955.
2. Disegno: Italienisch: Zeichnung.
3. Der Satz: „Das Selbst erschafft sich selbst.“ zeigt bereits grammatikalisch, dass „selbst“ sowohl nominal als auch reflexiv genutzt wird. Bestimmtsein und Selbstbestimmung gleichen sich an.
4. Vgl., Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben, in: S. Hauser und C. Kamleithner (Hrsg,): ArchitekturwIssen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften (Bd.1), Bielefeld: transcipt 2011, S. 154.
5. Vgl., Benjamin, Walter: Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, in: Gesammelte Werke 2, Zweitauseineins: 2011, S. 760 f.
6. Vgl., Sartre, Jean-Paul: Baudelaire, Rowohlt: Hamburg 1978, S. 31.
7. Vgl., Sartre, Jean-Paul: Baudelaire, S. 61.
8. Vgl., Benjamin, Walter: Charles Baudelaire, S. 755.
9. Vgl., Ibd., S. 762.
10. Vgl., Sartre, Jean-Paul: Baudelaire, S. 85 ff.
11. Vgl., Bätschmann, Oskar: Ausstellungskünstler. Kult und Karriere im modernen Kunstsystem. DuMont: Köln 1997., S. 68 f.
12. Die Selbstaffirmation ist somit gesellschaftlich vermittelt.
13. Vgl., Nietzsche, Friedrich: Genealogie der Moral, in: K. Schlecht (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Werke in sechs Bänden, München-Wien: Carl-Hanser 1980, S. 836.

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