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Ich für mich: Authentizität und ihr Preis

Eine eher literarische Einreichung zum Eos-Preis für philosophische Essayistik von Shahab Sanjari.

 

Ich für mich: Authentizität und ihr Preis

Gibt es personale Authentizität? Wenn ja, ist sie erstrebenswert?

 

JEDES MAL, wenn sie über die Brücke geht, bleibt sie an der selben stelle stehen; neben dem zweiten Pylon genauer gesagt, mit Blick auf den Westhafen. Irgendwie ist es schön hier, findet sie, hier weht immer eine sanfte Brise; das gefällt ihr. Auf der anderen Flussseite ist das Steh-Café, wo sie mittwochs und donnerstags jobben geht.

Der Besitzer des Cafés hat am ersten Tag an dem Ruqayyah mit dem Kopftuch zur Arbeit kam, erst gar nichts angemerkt. Ruqayyah war besorgt, wie diese erste Begegnung wohl verlaufen wird. Sie wusste nicht wie er reagieren würde, wusste aber ganz genau, dass es ein Thema sein wird. Kurz vor Feierabend kam er zu ihr und wollte nur wissen, ob sie das Kopftuch langfristig behalten möchte. Mehr hat er nicht gesagt.

Ruqayyah ist neunzehn. Sie ist groß, hat schöne breite Augenbrauen, schminkt sich gerne und sieht immer sehr gepflegt aus. Nach der Trennung von ihrem Ex, den sie letztes Jahr in einem Nachtclub kennengelernt hatte, hat sie sich neulich dazu entschieden ein Kopftuch zu tragen. Das war keine einfache Entscheidung; ihr Freundeskreis, ihre Familie, die Menschen auf der Straße… wie sie sie alle anstarrten. Sie stammt aus einer muslimischen Familie, aber keiner sonderlich religiösen. Kopftuchträgerinnen gibt es kaum in der Verwandtschaft, selbst nicht ihre Mutter. Okay, ihre Oma trug Kopftücher, aber sie ist schon längst im Himmel. Zumindest stellt sie sich das so vor, dass irgendwie alle Omas in den Himmel kommen.

Im Steh-Café kommen allerlei Menschen vorbei. Hier ein Espresso, da ein Kaffee, mal zum Mitnehmen, mal für hier. Dabei kommt es immer wieder vor, dass Menschen sie ansprechen. Frauen, die sie fragen ob es ihr wohl nicht warm sei, ob sie das Kopftuch freiwillig an hätte. Ältere Damen die behaupten, das sei genau richtig so mit dem Kopftuch, es fehle der jungen Generation einiges an Anstand. Männer die ständig irgendwelche Kommentare loswerden, selbst in der Anwesenheit ihrer Gattinnen; mal zwischendurch, mal mit einem Blick, meistens aus Interesse, manchmal aus Abneigung. Sie weiß schon, wie sie solche Situationen zu meistern hat. Sie konzentriert sich auf ihre Aufgaben, lässt alles fließen, lässt Unangenehmes abprallen, wie eine Art Meditation. Sie nimmt wahr, ohne richtig wahrzunehmen, ohne das Wahrgenommene zu bewerten. Manchmal versinkt sie in Gedanken, oder sie denkt hoffnungsvoll an ihre Bewerbung; sie möchte nämlich an der Uni Physik studieren.

Nach der Brücke, noch ein ganzes Stückchen entfernt vom Café, ist das Restaurant „Prometheus“. „Authentische Griechische Küche“ steht dort kursiv unter dem Titel geschrieben. Beim Vorbeigehen schaut sie immer durch das Fenster hinein, einmal hat sie dort einen attraktiven jungen Mann an der Theke entdeckt. Er hatte sie auch bemerkt, da er jedoch ihre Arbeitszeiten nicht genau kannte, waren die Begegnungen, zumindest aus seiner Sicht dem Zufall überlassen. Irgendwie hat der Blickaustausch aber immer geklappt. Er war groß, kantig im Gesicht mit einem schwarzen, kurzen Vollbart und sah sportlich aus.

„Authentisch griechisch“ wiederholte sie im Kopf. Man kann sicher authentisch kochen, zu mindest hat ihre Oma authentisch gekocht, erinnerte sie sich. Authentizität ist sicher eine subjektive Eigenschaft, die einem Gericht zugeschrieben werden kann, je nachdem wie es gekocht wurde und wer es gekocht hat. Eine bewertende dritte Person ist jedenfalls nötig um ein Urteil über die Authentizität eines Gerichtes zu fällen. Eine Person, die sich bereits mit der griechischen Küche auskennt, die vielleicht länger in Griechenland lebte und für den Geschmack und die Proportion der verwendeten Zutaten ein Gefühl entwickelt hat. So könnte man sicher erkennen, ob das Gericht authentisch ist, dachte Ruqayyah.

Außer diesem Sachverstand gibt es zwei weitere Faktoren, die eine wesentliche Rolle bei dem Urteil der Authentizität spielen, überlegte sie sich ferner. Erstens, die Anzahl der Menschen, die der Meinung sind, ein Gericht sei authentisch gekocht; je mehr Meinungen dazu kommen desto mehr gewinnt die Authentizität an normativem Charakter. Zweitens, wie lange diese gemeinsame Meinung besteht. Das authentische Kochen hat sich sicher über die Jahrtausende durch den Einfluss verschiedener Kulturen oder durch die Veränderung der verfügbaren Nahrungsmittel verändert.

Bis jetzt hatte sie ja nie ein Kopftuch getragen, nur Omas Kopftuch hatte sie als Kind mal angezogen. Das Gefühl der losen Haare war bei ihr tief verinnerlicht. Sie hatte kaum Erinnerungen, die sie mit dem Kopftuch in Verbindung bringen konnte. Immer noch gibt es Momente, in denen sie ganz und gar vergisst, dass sie ein Kopftuch trägt. Nach einer Weile merkt man nicht mehr, dass das Kopftuch da ist. Außer wenn man den Kopf nach links oder rechts dreht; da zieht das Kopftuch nämlich einseitig. Oder man wird durch andere darauf Aufmerksam gemacht. „Vergisst man, wie man ist, wenn man lange so ist, wie man ist?“ fragte sich Ruqayyah.

An diesem Tag war er an der Theke beschäftigt. Er warf immer wieder einen Blick vom Fenster hinaus. Sie schaute ihn beim langsamen Vorbeigehen an, wie sonst auch immer. Heute ist es aber schon das dritte Mal, dass er sie nicht erkennt. Er wundert sich wahrscheinlich auch, warum er sie schon eine Weile nicht gesehen hat. Diese Veränderung ist weit außerhalb von dem, was er bisher bei sich als Norm für sie entwickelt hatte. Sein Unterbewusstsein ignoriert einfach das Mädchen mit dem Kopftuch auf dem Bürgersteig.

„Ob ein Mensch auch authentisch sein kann?“ überlegte sie sich enttäuscht beim Vorbeilaufen. „Wie kann man eigentlich authentisch sein? Wenn man doch mal authentisch ist, verhält man sich dann immer authentisch oder ist das von Fall zu Fall anders? Ist das gut wenn man authentisch ist? Soll man immer danach streben authentisch zu sein?!“

Auch hier dachte sie, es sei wichtig, dass eine bewertende Person, gar die ganze Gesellschaft die Authentizität einem Menschen zuschreibt. Diese bewertende Person kann sogar der Mensch selbst sein, wenn er kritisch über sich selbst reflektiert, kritisch anhand einer konsensbasierten Bewertung, die er im sozialen Kontext aufgenommen und verinnerlicht hat.

Personale Authentizität ist also, wie die Authentizität von Dingen, ebenso wenig eine objektive Eigenschaft, überlegte Ruqayyah. Für sich existiert sie gar nicht, aber so wie die korrekten Zutaten eines authentisch griechischen Gerichtes auch, existieren Elemente, die die Authentizität erst ermöglichen, wenn nicht sogar konstruieren können. Zum Beispiel, dass der Mensch seinen Prinzipien treu bleiben, sich nicht nach dem Wünschen und Launen anderer verstellen soll. Bei der personalen Authentizität geht es um eine dauerhafte oder zumindest längerfristige Haltung. „Sei du selbst!“ hatte Ruqayyah einmal den Werbespruch eines Fitnessstudios gelesen. Lustig fand sie es noch damals, weil sie wusste, dass man sich wohl auch verstellen kann. Etwa wenn man seine Meinung, sein Aussehen, seine Weltanschauung oder Zuneigungen über die Zeit ändert. Zu jeder Zeit aber ist sie anscheinend doch in der Lage, sie selbst zu sein, dachte Ruqayyah. In diesem Sinne also authentisch zu sein. Sie muss nur lange genug in diesem Zustand verweilen, etwa so lange bis die Gesellschaft (oder sogar sie selbst) ihren vorigen Zustand vergessen, oder sich an die „neue“ Ruqayyah gewöhnt hat. Alternativ könnte sie wo anders hingehen oder umziehen, um die Umgebung zu wechseln. Ein Neustart hilft sicher.

Mit dem Authentischsein kann man also beginnen, genauso wie man damit aufhören kann, in dem man anfängt. Das Anfangen ist die Basis aller Haltungen, von denen diejenige, die länger bestehen bleiben, zum Prüfstein für die Authentizität werden könnten. Wie vortrefflich findet Ruqayyah die Beschreibung Hannah Arendts, die die Natur des Anfangens als das unendlich unwahrscheinliche und unerwartete In-die-Welt-Brechen beschreibt.1)Vgl. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2006. Wie einzigartig hat Arendt die Grundlage des menschlichen Handelns in eben dem selben Anfangen gesehen.

Dieses Handeln, dieses Entscheiden für einen Anfang, dachte Ruqayyah, spielt die Hauptrolle in Sachen personaler Authentizität; es ruft sie ins Leben, es hält sie am Leben und es zerstört sie zugleich. Ohne einen Neuanfang kann es keine Grundlage für die Bewertung einer personalen Authentizität geben. Rasch kann der nächste Neuanfang das Urteil herbeibringen, es fehle der Person an Authentizität. Die personale Authentizität kristallisiert sich gerade in dieser Spanne, denn mit dem einen Anfang können langanhaltende Elemente eines authentischen Verhaltens entstehen, und mit dem anderen, zumindest in den Augen eines bewertenden Publikums, ein nicht authentisches Verhalten beschrieben werden.

Arendt geht aber noch einen Schritt weiter. Für Arendt liegt die Urquelle der Individualität und Einzigartigkeit in der Natalität der Menschen verborgen.2)Vgl. ebd., S. 217. Geboren werden ist der Anfang aller Anfänge; es ist die charakteristischste Eigenschaft, die ein Mensch haben kann. Die Geburt ist für den Mensch ein Tor zu seinem Sein und gleichzeitig ein Tor zu seinem So-Sein. Noch bevor er in der Lage ist sich zu verstellen oder zu verändern, ist der Mensch zumindest kurz nach der Geburt so, wie er ist und für alle Zeiten danach auch, zumindest von sich aus betrachtet.

Ruqayyah versteht nun, dass der Werbespruch doch nicht so realitätsfern war. In Arendts Definition hat sie ein Element gefunden, das das Handeln mit dem Anfangen, das Anfangen mit dem Sein und das Sein mit dem So-Sein verbinden kann. Alles was einem bewertenden Publikum bleibt, ist die Bewertung dieses So-Seins. Ein Mensch ist authentisch, bemerkte Ruqayyah zum Schluss, wenn er ist, so wie er ist.

Es liegt nahe, Authentizität für eine Tugend zu halten. Authentizität verspricht eine Art Kontinuität, eine Art Vertrautheit, oder Vorhersagbarkeit, die Vertrauen schafft. Authentisch fühlt sich richtig an; schon immer. Das sind aber die Gefühle der anderen, dachte Ruqayyah. Natürlich ist es erstrebenswert authentisch zu sein, aber nur aus der Perspektive eines anderen. Klar möchte man im Umgang mit anderen, im sozialen Austausch mit ihnen sich sicher fühlen, sich auf sie verlassen können und natürlich möchte man, dass sie auch authentisch sind. Das sind also die anderen, überlegte Ruqayyah, die einer Person die Authentizität zuschreiben oder über ihre fehlende Authentizität urteilen, gleichzeitig aber auch die Authentizität als erstrebenswert darstellen.

Die Authentizität ist eine Definition von außen, die über das Objekt einen Schatten wirft, nicht eine von innen heraus, die aus dem Objekt herauskommt. Authentizität ist zwar mit dem So-Sein verbunden, so wie Ruqayyah festgestellt hatte, nicht aber alles was so ist, wie es ist, ist zugleich authentisch. Ein authentisches Essen schmeckt nicht unbedingt besser, erinnerte sich Ruqayyah, als sie einmal im indischen Restaurant darauf hingewiesen wurde, dass die Gewürze für den europäischen Geschmack angepasst seien, weil sonst das authentische Gericht von der Schärfe her hier unakzeptabel wäre.

„Erstrebenswert ist die Authentizität für mich nur aus der Perspektive eines anderen, nur wenn andere urteilen“ überlegte Ruqayyah. „Das sind die anderen, die mir vorschreiben, dass ich authentisch sein soll, damit alle im Zuge eines gemeinsamen gesellschaftlichen Austauschs davon profitieren, auch wenn einige meine Authentizität unangenehm, die anderen wiederum gut finden.“

„Für mich ist die Authentizität und die damit verbundene Kontinuität freilich nicht von Vorteil und daher nicht erstrebenswert, gar schädlich für meinen Werdegang durch das Leben. Ich bin so wie ich bin, auch wenn ich mich verstelle oder verändere, auch während ich mich verstelle oder verändere. Ich bin das Zentrum meines Lebens, der zentrale Grund schlechthin für alle externen Urteile und Meinungen zur meiner Authentizität. In jedem infinitesimal kleinen Moment im Kontinuum meines Lebens bin ich so wie ich bin, führe ein gerichtetes Leben in die Richtung eines vollkommeneren Ichs, so wie ich es mir vorstelle, völlig losgelöst davon, ob Beobachter zwischendurch mir Authentizität zuschreiben oder aberkennen.“ „Ja“ lächelte Ruqayyah, „so betrachtet gibt es die Authentizität, aber sie ist sicher nicht erstrebenswert, nicht zu dem Preis.“

Mittlerweile war sie im Café angekommen. Sie richtete ihr Kopftuch und band die Schürze um ihre Taille. Die Kundschaft strömte hinein und hinaus, Bestellungen flogen ständig in den Raum. Ruqayyah arbeitete schnell, war aber tief in Gedanken versunken und kam nur zu sich, wenn ihre Kollegin das Espressosieb gegen den Holzbalken neben der Machine laut klopfte. Die Kollegin wusste nicht, warum Ruqayyah so glücklich war; sie hatte sich nämlich vorgenommen, das nächste Mal in das authentisch griechische Restaurant hinein zu gehen, und den jungen Mann einfach anzusprechen.

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2006.
2. Vgl. ebd., S. 217.

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