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Gewaltige Sehnsüchte

Gewaltige Sehnsüchte

Wie in der Corona-Krise selbst linksliberale Intellektuelle zu Autoritären werden

Ein Nachtrag zu meinem letzten Artikel Es gibt Schlimmeres als Corona!

Kürzlich las ich als Kommentar zu einem Spiegel-Artikel, der in differenzierter Manier die aktuelle autoritäre Politik Netanyahus kritisiert, von einem meiner ‚progressiven‘ Facebook-Freunde mit Hochschulabschluss: „Der Spiegel ist so widerlich“. Eine italienische Philosophin wettert unterdessen gegen ‚realitätsfremde‘ Kollegen in nicht minder autoritärer, intellektuellenfeindlicher Manier:

Come sarebbe bello se ogni filosofo o sedicente tale, più o meno strutturato, che dice ancora qualche cazzata sullo stato di eccezione, la libertà violata, il fascismo che si prepara e il senso ultimo della democrazia si facesse, anche da turista, un giro in ospedale, dove persone che potrebbero essere loro non già figli ma nipoti si barcamenano tra un reparto e l’altro economizzando sulle protezioni che salvano la vita loro e, soprattutto, altrui. Perché non ce ne sono abbastanza.

Per me nella torre d’avorio vi ci possono pure murare, con i vostri strepiti, il vostro Foucault mal digerito e i piagnistei per chissà cosa accadrà. Qualunque cosa succeda il vostro contributo alla realtà sarà stato, come sempre, meno di zero.1)Mir fehlen die nötigen Italienischkenntnisse, um dieses Zitat zu übersetzen, ich verweise daher auf die einschlägigen online verfügbaren Übersetzungsprogramme.

Und ein weiterer Kollege aus demselben Land spekulierte als Kommentar zu meinem ausführlichen Artikel zur Corona-Krise damit, dass ich ein Unmensch sei, stellte ohne Beleg die von mir sonst nirgends gefundene Behauptung auf, dass Italien womöglich deshalb so stark vom Virus betroffen sei, weil es dort eine besondere Mutation desselben gebe, und berief sich dann endlich auf die unmittelbare Gewissheit: „It‘s not science, it‘s death.“ Ubiquitär werden alle, die Zweifel am herrschenden Narrativ, dass es jetzt ausschließlich um das Allgemeinwohl gehe, üben der „Verschwörungstheorie“ bezichtigt, wodurch dieser Begriff endgültig zur beliebigen Floskel verkommt, denn dann lässt er sich auf jede ideologiekritische Analyse anwenden. Und auf die Verlinkung zu einem Statement von Saskia Esken gegen allgemeine Ausgangssperren folgten in einer linken Diskussionsgruppe Kommentare wie: „krank im kopf , bitte entlassen..“ und „Wech mit dieser SPD auch Person“. In derselben Facebook-Gruppe bekam ich auf einen kritischen Beitrag hin zu hören – sogar von einer Frau: „alter, für solche sätze gehört dir in die fr**** geschlagen. ich kanns nicht anders sagen.“ Und ein marxistischer Bekannter von mir schwärmte von den Maßnahmen in Südkorea und China. Von den Schimpftiraden gegen „verantwortungslose Jugendliche“, denen man ausgerechnet in geradezu Orwellscher Manier einen „autoritären Charakter“ unterstellt (Link) und sie für Schuld am nun beschlossenen ausgemachten Lockdown, auf den die anfangs widerstrebende Bevölkerung tagelang eingestimmt wurde, erklärt und den „#staythefuckhome“-Nervensägen einmal abgesehen …

Natürlich gibt es auch viele andere, die sich in Zeiten des „Burgfriedens“ (Macron) auch weiterhin für liberale und linke Werte einsetzen, sich nicht den Mund verbieten lassen und lieber reflektieren wollen, als der allgemeinen Panik zu folgen, doch diese Stimmen werden selbst in meiner akademisch-linken Filterblase zusehend versucht zu diskreditieren und in den Medien kaum repräsentiert. Über Länder, die einen eher moderaten Umgang mit Corona praktizieren wie Schweden, die Niederlande oder Großbritannien wird etwa nur abfällig berichtet, so, als seien dort Verrückte an der Macht, während hierzulande die ‚Partei der Vernunft‘ regiere. Demokratieverachtung und Intellektuellenfeindlichkeit brechen dabei selbst bei sonst ‚irgendwie diffus progressiv‘ eingestellten massenhaft hervor. Wobei man, wenn man dieses Milieu schon länger beobachtet, hier eigentlich kaum von ’selbst‘ sprechen kann – schon Adorno spricht ja davon, dass in der Spätphase der Weimarer Republik es gerade die besonderes ‚Progressiven‘ gewesen seien, die sich ihren Hitler herbeigesehnt hätten.

Am erschreckendsten ist dabei die Manipulation der Meinung durch Bilder. Gewiss, die Bilder der aufgereihten Särge in Italien sind beklemmend.2)Einige dieser Bilder waren sogar nachweislich gefälscht (vgl. etwa diesen Artikel). Doch nach wie vor gilt, dass sich darin größtenteils sehr alte und kranke Menschen befinden.3)Vgl. etwa diesen Artikel. Es wird immer wieder Seuchen geben, die diese Menschengruppe besonders stark betreffen, das ist nun einmal ein trauriger Fakt des Lebens. Und ja: Es gibt auch junge und gesunde Betroffene – aber eben nur vereinzelt und auch hier gilt: Es gibt eben nun einmal Krankheiten, es gibt Leid und es gibt den Tod. Die Menschheit hat wesentlich schlimmere Seuchen überstanden und sie wird auch diese überstehen.

Diese simplen Fakten fallen – auch mir – schwer, das zu akzeptieren, weil wir schon lange keine derartige humanitäre Katastrophe mehr direkt vor unserer Haustür erlebt haben. Doch wir dürfen eben nicht vergessen, dass diese Katastrophe eben 1) relativ harmlos ist im Vergleich zu anderen Seuchen, 2) es wesentlich gravierendere Katastrophen gibt, auf die wir weitaus weniger panisch reagieren wie den Klimawandelt, den Welthunger, die vielen Kriegen auf der Welt und dass 3) der Preis eines mehrmonatigen Ausnahmezustands mit autoritären Zwangsmaßnahmen eben vielleicht einfach zu hoch ist.

Es handelt sich hier eben um ein hochriskantes Experiment mit den Leben und den Zukunftschancen von Millionen von Kindern, Jugendlichen, prekär Beschäftigten, Alten, die ihre Angehörigen nun nicht mehr sehen können, Menschen, die in beengten Verhältnissen leben, Selbständigen, Obdachlosen etc. pp. Und dabei sagen zahllose Experten, dass die komplette Ausgangssperre die Sache vermutlich nur verschleppen wird, da es eigentlich tatsächlich darum gehen müsste, gerade möglichst viele junge Menschen zu infizieren, um eine Herdenimmunität zu erreichen.4)Vgl. etwa diesen Artikel, wo allerdings das ebenso unrealistisch Szenario vorgeschlagen wird, über einen längeren Zeitraum hinweg in regelmäßigen Abständen extreme Sicherheitsmaßnahmen hoch- und wieder runterzufahren.

Wichtig ist jetzt vor allem, die Prioritäten richtig zu setzen und alles zu tun, um für kommende derartige Ereignisse in Zukunft besser vorbereitet zu sein, indem man die Notfallkapazitäten der Gesundheitssysteme ausbaut und in Zukunft bereit ist, schneller sinnvolle Maßnahmen zu treffen wie es die Absage des Karnevals oder eine strengere Kontrolle von Menschen, die aus China einreisen, gewesen wären. Wie wir unsere Prioritäten setzen sollten, ist keine Frage, die Wissenschaftler beantworten können oder die unmittelbare Gewissheit, sondern die letztendlich eine politische und zugleich eine philosophische Frage ist, auch wenn ein Philosoph sich hüten sollte, darauf eindeutige Antworten zu geben. In was für einer Welt wollen wir unter den gegebenen Bedingungen leben? Unsere Antwort darauf wird zugleich verraten, was unsere wirklichen Prioritäten sind.

Krankheitsbekämpfung um jeden Preis sollte jedenfalls, so viel ist sicher, in diesem Fall nicht unsere Hauptpriorität sein und auch nicht, bestimmte Firmen um jeden Preis am Laufen zu halten. Wichtig ist ebenso, dass der Rechtsstaat intakt bleibt, dass wesentliche Grundrechte gesichert werden, dass nicht prekär Beschäftigte und Selbständige massenhaft in den Ruin getrieben werden, dass Kinder und Jugendliche nicht verwahrlosen, dass Menschen nicht massenhaft an der Isolation zerbrechen. Und auch das kulturelle Leben und ja: auch die kritische Reflexion, die Philosophie, ist eben kein bloßer Luxus. Autoritäre Tendenzen sind jedenfalls nicht hilfreich, sondern erwecken die Befürchtung, dass die Krise nun genutzt wird, um wesentliche Grundrechte nicht nur temporär, sondern eben dauerhaft auszuhebeln – auch das wäre in der Geschichte ja keine Neuheit. In Ungarn und Israel zeigt sich gerade – und ich nehme es gerne in Kauf, für diese Kritik an Netanyahus skandalöser Politik von irgendwelchen pseudo-progressiven Demokratieverächtern diffamiert zu werden -, dass das keine reine Panikmache, sondern eine sehr reale Gefahr. Auch in Deutschland werden jetzt ja massive Grundrechtseinschränkungen im Eilverfahren ohne jedwede Konsulatation der Parlamente beschlossen – wer da nicht aufhorcht, der hat die Zeichen der Zeit einfach nicht erkannt. Wehret den Anfängen!

***

Hier noch einige kritische Einschätzungen zur gegenwärtigen Corona-Politik von erwiesenen Experten:

– Der Ökonom Thomas Straubhaar verweist ähnlich wie ich auf die Notwendigkeit der Setzung der richtigen Prioritäten auch in Krisenzeiten.

– Der in Stanford lehrende Medizin-Professor John P. A. Ioannidis verweist darauf, wie gering die Sterblichkeitsrate des Virus möglicherweise ist und wie ungewiss, ob weitgehende Ausgangssperren wirklich den gewünschten Effekt zeitigen.

– Auch Sucharit Bhakdi, einer der renommiertesten deutschen Infektiologen, bezweifelt mit guten, auch für Laien verständlichen Argumenten, ob der Corona-Virus wirklich so gefährlich ist, wie oft behauptet.

– Dasselbe gilt für die renommierte Virologin und AIDS-Forscherin Karin Mölling.

Und es gibt viele andere angesehene medizinische Experten und Expertinnen aus der ganzen Welt, die die aktuelle politische Linie in Frage stellen. Es ist nicht so wie etwa bei der Klimakrise, das es einen überwältigenden Konsens gäbe und einige wenige vereinzelte Abweichler: Es scheint hier einen echten wissenschaftlichen Dissens zu geben, angesichts dessen die Verhältnismäßigkeit der aktuellen Maßnahmen anzuzweifeln mehr als berechtigt ist.

Fußnoten   [ + ]

1. Mir fehlen die nötigen Italienischkenntnisse, um dieses Zitat zu übersetzen, ich verweise daher auf die einschlägigen online verfügbaren Übersetzungsprogramme.
2. Einige dieser Bilder waren sogar nachweislich gefälscht (vgl. etwa diesen Artikel).
3. Vgl. etwa diesen Artikel.
4. Vgl. etwa diesen Artikel, wo allerdings das ebenso unrealistisch Szenario vorgeschlagen wird, über einen längeren Zeitraum hinweg in regelmäßigen Abständen extreme Sicherheitsmaßnahmen hoch- und wieder runterzufahren.

6 Comments

  1. Paul Stephan wrote:

    Nicht vergessen werden dürften auch die zahllosen kritischen Einsprüche von Giorgio Agamben! (Vgl. etwa hier: https://www.nzz.ch/feuilleton/giorgio-agamben-ueber-das-coronavirus-wie-es-unsere-gesellschaft-veraendert-ld.1547093?reduced=true)

    Ich denke allerdings, dass er einen zu ‚konstruktivistischen‘ Blick auf die Sache hat. Ich selbst bezweifle nicht, dass die Krise auch eine sehr reale und objektive Dimension hat ganz unabhängig von irgendwelchen Machtdiskursen. Bei Agamben bin ich mir da nicht ganz sicher.

    Montag, 23. März 2020 um 04:02 Uhr | Permalink
  2. Roman Schmidbauer wrote:

    „oder eine strengere Kontrolle von Menschen, die aus China einreisen, gewesen wären.“

    Das ist der einzige Satz, der bei mir Zweifel hervorruft. Wäre doch blöd, wenn wir jetzt wieder entdecken, dass andere Völker schmutzig und unvernünftig sind…

    Agamben trifft es schon. „Komm deinen Mitmenschen bloß nicht zu nahe! Die sind alle krank, verrückt und eklig! Schließe dich in deinem sicheren Zimmer ein und habe Kontakt zu anderen nur noch über die sichere Distanz des Internets!“ Da hat sich eine Neurose auf einmal als neue Normalität etabliert!

    Leider bin ich selber Teil dieser Entwicklung. Ich muss da auch an Zizeks These denken, dass in heutigen Zeiten Pornographie/Masturbation als die einzig „saubere“ Art des Sex erscheint. Immerhin muss niemand niemanden berühren und die Frage des Konsens ist eindeutig geklärt…

    Die Frage ist, wie wir aus dieser Spinnerei wieder herauskommen…

    Montag, 23. März 2020 um 04:43 Uhr | Permalink
  3. Paul Stephan wrote:

    Ja, aber ich glaube zu dem Zeitpunkt, als China noch das (anscheinend) einzige Land war, in dem Corona gab, wäre das vllt eine wirklich vernünftige Maßnahme ohne allzu große Auswirkungen für die Allgemeinheit gewesen. Doch sie wurde eben aus Rücksicht auf bestimmte Wirtschaftsinteressen nicht getroffen leider.

    Ansonsten volle Zustimmung zu Deinen Überlegungen.

    Montag, 23. März 2020 um 06:08 Uhr | Permalink
  4. Paul Stephan wrote:

    Hier mal weiteres Anschauungmaterial:

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=2070742739738778&set=a.146312252181846&type=3&theater

    Dienstag, 24. März 2020 um 12:15 Uhr | Permalink
  5. Mic wrote:

    Hi,
    hab von einem scheinbar Bekannten von dir gehoert. Ich bin grade
    eigentlich dankbar fuer jeden mit halbwegs besonnenen Gedanken.
    Der Freitag hat in seiner aktuellsten Ausgabe viele gute,
    kritische Artikel zu dem Thema.

    Sehr empfehlenswert aus medizinisch, statistischer Sicht ist die Einschaetzung des
    Deutschen Netzwerks fuer evidenz-basierte Medizin:
    https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/covid-19

    Die Frage ist tatsaechlich grade, wie es weitergeht. Der Populismus grade hat ein Maß erreicht, dass jede oppositionelle Meinung niedergeschmettert wird. Und das ist wirklich ein Problem, denn selbst wenn die Meinung einer Opposition falsch ist, ist sie fuer einen demokratischen Prozess wichtig.
    Die Welt ist doch nicht schwarz-weiß, ich fuehl mich hier überspitzt gesagt wie in
    den Anfängen eines faschistischen Staates.

    lg Mic

    Freitag, 27. März 2020 um 01:14 Uhr | Permalink
  6. Paul Stephan wrote:

    Toll, danke vor allem für diesen spannenden Link!

    Freitag, 27. März 2020 um 10:14 Uhr | Permalink

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  1. InDebate: Corona im Kontext | Philosophie InDebate on Mittwoch, April 8, 2020 at 15:17

    […] zu sein und sie werden auch von Žižek, Berg und Finkielkraut bemüht.[6] Vgl. hierzu auch meinen Nachtrag, in dem ich auf einige Reaktionen zu diesem Artikel zu sprechen kommen. Dass ich meine […]

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