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Eva von Redecker „Revolution für das Leben“ (Rezension)

Durch ein Zeit-Interview, in dem sie die etwas schräge Aussage getroffen hatte, sie genieße es, von ihren vielen Bahnreisen durch Corona abgehalten und sozusagen zwangsverwurzelt zu werden 1)https://www.zeit.de/kultur/2020-12/eva-von-redecker-corona-freiheit-mobilitaet-philosophie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F, fiel mir die Philosophin Eva von Redecker das erste mal auf. Dabei halte ich es gar nicht für dumm, mit so einer Aussage zu provozieren, um auf subtilere Gedanken aufmerksam zu machen. Gleichzeitig kann einen auch die Angst überkommen, sie könnte das ernst meinen. Nicht nur das, sondern auch, was angeblich so alles berauschend sein soll, gab mir dann jedenfalls doch den Eindruck, dass wir in recht unterschiedlichen Welten leben. Erfreulicherweise abstrahiert von Redecker in „Revolution für das Leben“ nicht davon, dass Philosophie eben immer auch Ausdruck von Philosophen ist, die ein bestimmtes Leben geführt haben bzw. führen.

Ein bisschen lustig ist es natürlich, wenn sie schreibt, jetzt während der Corona-Maßnahmen könne man ja endlich ein wenig zur Ruhe kommen und nachdenken, weil das ja doch die Frage aufwirft, was Philosophen denn dann davor bitte gemacht haben. Beim Nachdenken kommen dann auch allerhand typisch links-gesellschaftskritische Aussagen zum Vorschein, die natürlich nicht falsch sind, aber doch von jedem, der sich ein Buch mit so einem Titel kauft, ohnehin geteilt werden dürften. Daneben findet sich aber auch allerhand wirklich interessantes und davon soll das Review handeln.

Wertabspaltungskritik?

Dieses Wort verwendet von Redecker nicht, aber wenn dieses Wort eine Bedeutung hat, dann wird es wohl den Kern ihrer Kritik ganz gut treffen. Zwar finden sich allerhand postmoderne Zutaten und Eva von Redecker sagt ja selbst, dass sie vor allem an Hannah Arendt geschult ist, was ich ihr natürlich niemals absprechen würde, man kann wohl auch schwerlich Gestell sagen und von Heidegger schweigen, dennoch scheinen mir all diese Elemente eher austauschbare Teile der Kritik zu sein oder aber auf der Seite der Lösungen zu stehen, die sie vorschlägt.

Ihre These, dass das Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ eine Lücke in Größe des Planeten hat, scheint dem zunächst zu widersprechen, allerdings ist es heutzutage schon auch ein wenig sehr theoretisch, die Ökologie aus einem linken Selbstverständnis herausstreichen zu wollen und gerade die Naturzerstörung gehört ja zu dem, was der Kapitalismus typischerweise abspaltet. Allerdings hab ich diese Wertabspaltungskritik, die das Wort nicht selbst in den Mund nimmt, nie so gut erklärt gefunden. Vielleicht hätte ich mich mehr mit den entsprechenden Gruppen wie Krisis oder Exit auseinandersetzen müssen (ich hab den Unterschied zwischen den beiden immer noch nicht verstanden), aber mitunter erscheint es so, dass Eva von Redecker durch die Anschaulichkeit, mit der sie die entsprechenden Themen darlegt, überhaupt so einen erweiterten Marxismus erst richtig zu seinem materialistischen Recht bringt.

Patriarchatskritik, Kapitalismuskritik und Ökologie sind in „Revolution für das Leben“ ineinander verwoben. Die produktive Wert-Schöpfung ist gleichzeitig eine Natur-Zerstörung, die reproduktive Kreisläufe nicht zu denken vermag. Das bürgerliche Subjekt gibt sich die Form eines Selbst-besitzes, letztlich einer Ich-AG, die letztlich genauso hart verwaltet wird wie der restliche Besitz, das heißt bis zum Ende der Ausbeutbarkeit, das nur der Tod bringt. Schönheit, Bildung, Glück usw. sind keine Werte an sich, sondern werden nur relativ zu ihrer Verwertbarkeit gesehen.

Dabei ist auch so etwas wie Naturschutz „Repro-Arbeit“, die Natur wird nie „fertig geschützt“ sein. Schlaf, Erschöpfung und Burnout sowie Krankheit werden zu Bereichen der Zuflucht vor den Zumutungen des kapitalistischen Alltags und gerade deshalb umso härter von ihm verwaltet.

Ja, irgendwie kommen Gedanken wie diese natürlich jedem bekannt vor, der sich für kritische Theorie interessiert, aber wann waren sie das letzte mal so luzide vorgetragen und mit solcher Greifbarkeit und ästhetischem Anspruch anschaulich gemacht?

Allerdings könnte man auch die Frage stellen, ob die Kritik nicht letztlich das wiederholt oder sogar perfektioniert, was sie dem Kapitalismus vorwirft: Alles in ein großes System zu zwingen. Zwar gibt auch von Redecker in einem Interview mit Jung und Naiv 2)https://www.youtube.com/watch?v=MK90tOjI54U&ab_channel=Jung%26Naiv zu, dass sich manchmal Probleme recht quer zueinander verhalten und nicht jede Schlechtigkeit der Welt mit jeder anderen in einem Verhältnis steht, dieser Gedanke geht in „Revolution für das Leben“ aber verloren, auch wenn sich von Redecker nicht zu der Plattheit hinreißen lässt, alles aus dem Kapitalismus ableiten zu wollen.

Sachliche Sachherrschaft

Seit der Aufklärung wurde Eigentum tendenziell von allen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Pflichten losgelöst, als ob es nicht selbst ein gesellschaftliches Verhältnis wäre. Was mir gehört, so lautet die Logik, darf ich verfallen lassen und kaputtmachen, wie es mir beliebt, ob es nun ein Gameboy, ein Haus, ein Wald, ein Pferd oder gar ein Mensch ist.

Dem Code Napolèon schreibt von Redecker zu, diese totale Form der Sachherrschaft in Europa etabliert zu haben, die erst wieder im Nachhinein durch Gesetze eingeschränkt wurde. Wie begründet jedoch ist diese Trennung in totale Herrschaft einerseits und gesellschaftliche Einschränkungen im Namen von Pflichten gegenüber der Gemeinschaft andererseits, so dass man da wirklich von einer Aufhebung der feudalen Eigentumsformen, Verbreitung der neuen, kapitalistischen Eigentumsformen und schließlich Wiedereinschränkung der neuen Formen sprechen kann?

Ob das Kritisierte so holzschnittartig wie es in der Metaphysik der Kritik oftmals dargestellt wird überhaupt je existiert hat, frage ich mich aber oft bei solchen Büchern. Man könnte sagen, wenn es den Kapitalismus nicht gäbe müsste man ihn erfinden, denn woran sollte man sich sonst abarbeiten?

Wobei auch hier „Revolution für das Leben“ die Ungleichzeitigkeit von Herrschaftsformen ja gerade als das vom Kapitalismus verdrängte analysiert, so zum Beispiel die Unterdrückung der Frau oder den Kolonialismus. Wäre der freie Markt wirklich so frei, er wäre wahrscheinlich etwas ganz anderes. Nur durch seine Widersprüche und Lügen über sich selbst kann dieses System, in dem wir leben, existieren. Der Mensch ist ein homo oeconomicus, außer in den tausend Fällen, in denen er keiner ist. Der freie Markt ist frei, außer in den tausend Fällen, in denen er es nicht ist. Der Kapitalismus ist natürlich, aber man muss tausend Gesetze schaffen, um den Menschen diese Natur immer wieder aufzuzwingen. Die Menschen haben gleiche Rechte, aber sie müssen doch nicht noch extra immer darauf bestehen, dass diese Gleichheit wirklich umgesetzt wird.

In Psychiatrien, Jobcenter-Maßnahmen und Gefängnissen lebt die Gesellschaft ihren Hass auf diejenigen aus, die sich nicht benutzen lassen. Ihren Hass auf diejenigen, die sich benutzen lassen (müssen) lebt sie an Sklaven, Sexarbeitern oder auch einfach der eigenen Ehefrau oder den eigenen Kindern aus. Wer tatsächlich oder in der Imagination der herrschenden Logik gefühlduselig ist, im Hier und Jetzt lebt, keine Kontrolle über sich selbst ausübt, kurz, eben kein guter Kapitalist ist, muss „zu seinem eigenen Besten“ kontrolliert und gesteuert werden, also für den isolierten Einzigen und sein angeeignetes Eigentum arbeiten. Solche absolut nicht faulen Meister der klaren Gedanken haben das, was ihnen gehört, natürlich immer, weil sie – oder wenigstens ihre Eltern – „hart gearbeitet“ haben. Zum Glück gibt es so viele Menschen, die wie in Boots Rileys Film „Sorry to bother you“ den Pferden ähnlicher sind. Wenn die Roboter endlich perfekt sind, kann man sie ja wegmachen. Bis dahin verkauft man ihnen als Bildung, was besser Ausbildung zur Arbeit heißen müsste.

Die industrielle Revolution brachte nicht nur die Vernunft über die Menschen. Sie verdampfte nicht nur Ständisches, Stehendes und anderen Firlefanz, sondern gab den doppelt freien Lohnarbeiten zumindest ein „Eigentum“ in verstärkter Form: Ihre eigenen Frauen. (Vielleicht ja auch ihre eigenen Kinder, wer weiß?)

Was hat das nun mit der Corona-Krise zu tun? Eva von Redeckers These: Die produktive Vernunft kann im Gegensatz zur reproduktiven zwar unter der Produktion von riesigen Müllbergen schaffen, jedoch nicht heilen. Wie Kreativität, tiefe Gedanken aber auch das Erziehen von Kindern unterwirft sie auch das Pflegen von Alten und Kranken einer kapitalistischen Logik, die der Sache fremd ist. Sie nennt es „rationalisieren“, aber daran ist nicht viel Rationales.

Phantombesitz

Geht die Herrschaft über die Unterdrückten verloren, bekommen ihre Besitzer Phantomschmerzen. Männer haben das Gefühl, eigentlich müssten ihnen die Frauen gehören (zumindest eine wäre schön). Auch im postkolonialen sowie fremdenfeindlichen Ressentiment schwingt das Gefühl mit, dass die doch eigentlich für uns arbeiten müssten, statt so herumzulaufen, als ob sie sich tatsächlich selbst gehören würden.

Das finde ich nicht falsch, allerdings weiß ich nicht, ob es das entscheidende Moment von Rassismus ausmacht. Gruppendenken ist ja tief im Menschen verwurzelt und ich kann mir offen gesagt vorstellen, dass wir uns da auch einfach von ein paar schlechten Eigenschaften lösen müssen, die sozusagen anthropologisch bedingt sind. Es wird ja gerne optimistisch angenommen, der Mensch sei prinzipiell auf Kooperation und Verbindung aus und somit Aggressionen und Hass das Erklärungsbedürftige. Das stimmt schon, so lange es dem Menschen gut geht. Aber wenn wir von Angst, Stress und ähnlichen Gefühlen überwältigt sind, wenn der Eindruck entsteht, dass wir um unsere Ressourcen kämpfen müssen, dann ist uns doch die Familie bzw. eingeschworene Freunde, Gangs, wenn man so will, am nächsten. Und das sind für Deutsche eben oftmals andere Deutsche. Die Lösung wäre übrigens einfach: Das Gefühl muss weg, dass das Leben ein Ringen mit dem Tod durch Verhungern und Obdachlosigkeit ist. Und wegbekommen könnte man es natürlich aus politischer Sicht vor allem, indem man diesem Gefühl die materielle Begründung entzieht. Die psychologische Arbeit mit den entsprechenden Gefühlen könnte schwerer sein, weil für gewöhnlich die Kränksten gar keine Krankheitseinsicht haben, sofern sie funktionieren.

Der Phantombesitz sind jedoch nicht nur Frauen und Schwarz, sondern auch Arbeiter, die ihrer zugedachten Funktion nicht nachkommen:

[Und] all die kleinen Gängeleien, der Verlust der Freizügigkeit bei Erwerbslosigkeit, die Sanktionen, mit denen selbst das Existenzminimum unterboten werden darf, die Zumutungen, in gänzlich sinnlosen Maßnahmen und Beschäftigungen nahezu unentlohnt buckeln zu müssen, schließlich immer wieder der Hinweis, für die eigene Lage selbst verantwortlich zu sein – das ist nicht die Nutzung von Arbeitskraft zu Produktionszwecken. Das sind Exempel der Sachherrschaft, statuiert an denen, die das Geheimnis zu verraten drohen: Dass der Selbstbesitz allein ein leidiges Vermögen bildet. Er ist eine Zumutung, keine Freiheit. Man kann dieses Vermögen mit dem Phantombesitz an anderen garnieren.

Leider stützt es diese Hierarchie des Besitzes an Arbeitskraft anderer, dass diese Aneignung fremder Macht durchaus als Freiheit erlebt wird. Mal angenommen, ich hab mehr Geld, mir Pizza bringen zu lassen – zumindest beklagen werde ich mich darüber nicht.

Nimmt jemand solche imaginieren „Rechte“ weg, werden die „Bestohlenen“ rabiat. Sie klagen eben, um im Bild zu bleiben, über Phantomschmerzen. Die Revolution der Ausgebeuteten für mehr Freiheit erleben sie als Verlust ihrer eigenen Freiheit. Man denke nur daran, welchen Vereinen so die Gemeinnützigkeit entzogen wird, weil sie nicht gleichermaßen die Positionen zur Sprache bringen, dass Ausbeutung zwar schlimm ist aber irgendwie auch die Wurzel unserer Kultur und damit schützenswert.

Dass es nebenbei noch Aggressionen gegen „Glück ohne Macht“ geben soll, ist ganz erstaunlich, denn wo findet sich so etwas überhaupt noch? Ist umgekehrt nicht gerade imaginierte Macht das Feindbild des antisemitischen Verschwörungstheoretikers, den es ja schon gibt, auch wenn dieses Attribut oftmals den falschen angehangen wird?

Wo sich Menschengruppen finden, denen sich die Attribute der Verwertung anhängen lassen – die ungreifbar, zirkulierend, bodenlos wirken – entlädt sich ein Ausmaß von Hass und Eliminationswut, die schwer durch bloße Vorurteile zu erklären ist.

Wer kennt sie nicht solche Sprüche? Homosexuelle seien ja schon besser darin, sich dem Neoliberalismus anzupassen. Die Juden haben schon wirklich zu viel Einfluss, aber ihr IQ ist ja auch höher. Abgesehen davon, dass solche Aussagen natürlich verletzend sein können, sind es ja auch schlichtweg Klischees. Ob jetzt wirklich Menschen sozusagen stellvertretend für das Kapital gehasst werden oder sich der Hass einfach an denjenigen entlädt, von denen man keine Gegenwehr befürchtet, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch mag es eine Rolle spielen, Konkurrenten loszuwerden, an denen man natürlich immer den Geiz, die Erfolgssucht, die Gier, die ganze Schleimerei und Falschheit entdeckt, die man bei sich selbst so gar nicht finden will. Trotz der gewaltigen Produktivkraftentfaltung des Kapitalismus gilt in der Konkurrenz auch immer, dass einen Gegner auszustechen fast genauso gut ist wie ein eigener Erfolg. Vielleicht geht es in Wirklichkeit auch darum, dass man das fragwürdige Glück, Anwalt zu sein und angeblich ohne Anstrengung Geld zu verdienen, selbst gerne hätte.

Wie man das aufbricht ist natürlich auch wieder die große Frage. Gerade dass sie machtlos und unglücklich sind wollen Faschisten ja nicht hören. Gerade die Stärke verehren sie ja. Schade finde ich es auch, dass von Redecker den deutschen Arbeiter so ein bisschen aufgegeben zu haben scheint. Schade, aber vielleicht in manchen Fällen durchaus verständlich.

Utopie oder Überleben?

Man muss leider schon sagen, dass von Redecker vor allem viele Ermahnungen und wenig Hoffnungen zu bieten hat. Das kann man ihr nur bedingt vorwerfen. Wenn die Realität halt gerade wenig Anlass für Utopien bietet, dann ist das halt so.

Vielleicht kommt aber auch da ein bisschen der anarchistische Einfluss durch. Vor allem in Gemeinschaften, in denen sich die Individualität des Einzelnen zugunsten der Gruppe entfalten wird, soll das bessere Leben stattfinden. Manche Dinge kann man vielleicht auch nur erleben, machen, ausprobieren.

Die Träume der Studentenbewegung hatten ja auch etwas mit dem damaligen Wirtschaftsboom zu tun. Man konnt eher ein paar Jahre vertrödeln und dennoch einen guten Job finden. Wer sich heute querstellt, wird schnell aussortiert. Auch die Bewegungen in der dritten Welt haben sich als etwas anderes herausgestellt als das, was man gerne in ihnen gesehen hätte.

Wer sich heute querstellt, wird schnell aussortiert. Mag man sich auch anfangs vieles erträumen, die Revolutionen von heute werden schnell zu solchen für das nackte Überleben. Das liegt natürlich auch am Klimawandel und daran, dass viele Gruppen sowieso schon immer zutiefst gefährdet waren und ihre Probleme erst jetzt nach und nach gehört werden. Freiheit, Glück, Wohlstand und dergleichen mehr wagt schon gar keiner mehr zu fordern, erscheinen diese Wertvorstellungen heutzutage doch als klimaschädlich. Und haben sie überhaupt gehalten, was sie versprochen haben?

Nun, man könnte sagen, sie haben Eva von Redecker zumindest ermöglicht, ein so kluges Buch zu schreiben. Vergessen wir nicht, dass ich alleine dadurch, dass ich diesen Text auf einem Laptop schreiben, CO2 ausstoße. Zeit ist also nicht nur Geld sondern auch Treibhausgas. Sich entfalten, das erscheint irgendwie schon schuldbeladen. Auch das hat der Diskurs um den Klimawandel mit dem um Corona gemeinsam. Auch Anerkennung unserer intellektuellen Fähigkeiten, unserer Freundlichkeit und Güte erscheinen irgendwie hohl, wenn der Mensch durch sein tägliches, gewohntes Leben schon eine Gefahr sein soll.

Es ist deprimierend und entkräftend, wenn von Redecker mit ihrem ganzen landwirtschaftlichen Hintergrund beschreibt, dass wir zwar vielleicht nicht auf dem Weg in den kollektiven ökologischen Selbstmord sind, aber halt doch den Planeten unfassbar hässlich und im Grunde zunehmend unbewohnbar machen.

Wobei ich mich auch frage: Welche Revolution war denn nicht für das Leben? Die Revolution für mehr Butter auf`s Brot damals? Für weniger Existenzielles als das Leben konnte man die Massen bisher schwer begeistern und wenn der Tod erst übermorgen kommt, nun, dann lautet das Urteil der meisten Menschen eben, dass es so schlimm nicht sein kann. Und ob Corona jetzt durch die Naturzerstörung entstanden ist oder aus einem chinesischen Labor entflohen ist oder es so oder so gekommen wäre, das steht zumindest zur Debatte.

Jedenfalls ist von Redeckers Verständnis eines besseren Naturverhältnisses, das man vielleicht dann auch gar nicht mehr Ökologie nennen sollte, überraschend – naja, die einen würden dialektisch sagen, die anderen relativistisch. Statt den Sandstrand unter dem Beton zu suchen, geht es darum zu erkennen, dass der Sand vielleicht schon genauso künstlich aufgeschüttet war wie das Pflaster. Nicht die unberührte Natur ist die schönste, sondern die, deren Schönheit vom Menschen erkannt und zur Vollendung gebracht wurde. Hat Adorono gesagt und der musste es ja wissen.

Das – so sagt es zwar nicht Redecker, aber ich finde den Gedanken schön – könnte sogar so etwas wie der Sinn des Lebens und des Menschen sein. Wäre das dann Heidegger? Egal, jedenfalls wird von Redecker da ja konkretere Vorschläge haben mit ihrem Hintergrund, nur wäre das dann wohl kein Philosophie-Buch mehr.

Zeit und Welt

Ich habe weiter oben geschrieben, dass man von Redeckers Kritik durchaus auch im Kern als klassische Wertabspaltungskritik beschreiben könnte. Dennoch merkt man, dass sie Philosophin und nicht in erster Linie (post-anarcho-whatever-)Marxistin ist

Der Kapitalismus kontrolliert nicht nur die Zeit in Form von Stechuhren, Weckern, Schichten und Plänen, ihm entgleitet die Zeit auch immer schon – zunächst nur durch das elektrische Licht, doch zunehmend auch durch den Klimawandel, der uralte Kreisläufe wie zum Beispiel die Jahreszeiten zunehmend in bizarre, perverse und verwirrende Szenarien auflöst. Die Zeit selbst scheint uns zunehmend zu entgleiten. Dadurch entsteht auch für den Menschen ein Kontrollverlust, dem durch noch mehr widernatürliche Maßnahmen begegnet wird. So wie in den sterbenden Wald hineingerufen wird, scheint es auch mit immer nekrophileren Maßnahmen zurückzuhallen. Unsere Subjektivität selbst scheint zu dem traditionellen Firlefanz zu gehören, den der Kapitalismus nicht mehr braucht.

Während es normal ist, dass sich das Wetter andauernd ändert, ist es solch ein Klimawandel, wie er gerade passiert, nicht. Schon immer mussten wir Abschied nehmen von dem, was die Zeit uns entrissen hat (also letztlich allem), aber dass ganze Tierarten und Ökosysteme sterben, Bäume, die viele Generationen überdauert haben, schlagartig zu Grunde gehen, das hat einen perversen Charakter, der die normalen Fähigkeiten menschlichen Trauerns überfordert. Vielleicht gibt es keinen guten Tod und keine gute Zerstörung, aber es gibt auf jeden Fall einen schlechteren Tod und das Erleben traumatischen Zerfalls, der die Möglichkeiten der Sprache sprengt.

Das piefige (oder war es pfiffige?) Argument von Umweltschützern, der Klimawandel werde nicht auf den Bachelor der Aktivisten warten, wiederholt nur die Logik, die uns überhaupt erst in die Scheiße geritten hat. So wie man schnell noch die Arbeit fertig kriegen muss, bevor die Deadline da ist, muss man jetzt noch schnell das Klima bearbeiten, bevor uns Mutte Natur die Deadline setzt. Das bin jetzt ich und nicht Redecker, diese ist viel zu bewegungsfreundlich, um so etwas zu sagen, aber es scheint eine ähnliche Kritik durch.

Viel mehr bräuchten wir ein verändertes Verhältnis zur Zeit, das sich einerseits an Kreisläufen orientiert, andererseits aber der bereits entgrenzten Zeit Rechnung trägt. So richtig versteh ich zwar nicht, wie das gehen soll, aber laut Redecker müsste man wieder auf das Verdrängte schauen: Andere Kulturen, die Logik der Kreisläufe und Reproduktionen, die Natur selbst usw.. Oder halt vielleicht auch einfach mal mehr chillen, kann ja auch sein.

Jedoch wirft für mich gerade die Frage der Zeit auch Zweifel auf, ob mangelnde Nachhaltigkeit wirklich ein so kapitalistisches Phänomen ist. Kann es nicht sein, dass wir Menschen zur Kurzsichtigkeit neigen, dass es einfach eine unserer Schwächen ist? Wo ist er denn, der Beweis, dass der Sozialismus umweltfreundlicher wäre? Ich kenne ihn zumindest nicht aus unserer Geschichte und Realität, kann an meiner mangelnden Bildung liegen! In meiner Wahrnehmung gibt es allerdings vor allem – wie so oft beim Sozialismus – ganz viele Versprechen und gute Vorsätze.

Wenn der Wert eine Wette auf die Verkaufbarkeit hergestellter Waren ist, ist die Revolution nicht eine Wette auf die Einlösbarkeit gegebener Versprechen durch einen (mehr oder weniger) Gewaltakt? Gibt der Kapitalismus nicht dem ein zähl- und messbares Verhältnis, was der Natur des Menschen entspricht, nämlich in die Zukunft zu planen und zu denken und die Zukunft mitunter zu behandeln, als sei sie planbar und sicherbar? Ist der Mensch vielleicht einfach so, dass er zur Anmaßung neigt und dadurch oftmals tief fällt?

Auch die Welt geht dem Menschen laut von Redecker übrigens mit der Zeit verloren. Es geht um einen recht abstrakten Entwurf, der aber letztlich auch wieder an der materiellen Realität der Naturzerstörung hängt. Vielleicht stecken da noch Erkenntnisse, die ich beim ersten Leben noch nicht so verstanden habe. Zumindest wird mitgedacht, dass räumlich an verschiedenen Orten vieles ungleichzeitig stattfinde kann und das ist ja tatsächlich wichtig.

Auch scheint mir an der Frage der Zeit noch die Frage der Zeitlosigkeit zu hängen. Kann man auch leben, ohne Angst vor der Zukunft zu haben, selbstgenügsam und unproduktiv (oder zumindest anders produktiv) im Hier und Jetzt?

Vielleicht wäre solches das andere Gestalten, das den Planeten nicht schädigt, aber den Menschen auch nicht verachtet. Eine Art der Produktivität, die es als Illusion enttarnt, dass man irgendwann einmal mehr haben oder sein könnte, allein schon, weil wir alle nichts haben und nichts sein werden. Die Zeit beweist uns, dass wir alle nichts sind und nichts erreichen können.

Die vierte Person

Gegen den Verlust von Zeit und Welt bemüht von Redecker vielfach das dichtende Denken, das sowohl in Form von Romanen als auch als Rap daherkommen kann. Sie nennt es natürlich nicht dichtendes Denken, weil… naja, Sie wissen schon.

Besonders die vierte Person, welche die anderen drei in einen umfassenderen Zusammenhang transzendiert, ist dabei ein wirklich interessantes Konzept, mit dem man sich vielleicht auch mal mehr beschäftigen sollte. In den anderen drei Personen konnte ich sowieso immer nicht so gut schreiben.

Dieses Konzept der vierten Person stammt übrigens von Olga Tokarczuk und soll eine neue Art des Trauerns ermöglichen, die weit über unser kleines Ich oder sogar kleines Wir hinausgeht. Das muss man sich auch erst mal geben, eine Trauer, die so krass ist, dass sie das Ego der Trauernden sprengt! Aber im ernst, vielleicht wird da von meiner Seite durchaus noch eine substanziellere Beschäftigung folgen und ehrlich gesagt hätte ich zu diesem Thema auch gerne mehr gehört.

Durchaus möglich, dass die letzte kleine Eiszeit durch den Kolonialismus verursacht wurde, der „lang eingespielte Zyklen von Brandrodung und Ackerbau“ unterbrochen hat. Der Zusammenhang ist zu groß, um die Ursache des Unglücks zu sehen, und das magische Denken imaginiert nicht nur, dass der Schaden karmisch die Verantwortlichen trifft statt diejenigen, die in der Gesellschaft schon vorher ganz unten waren, sondern auch, dass sich der das Denken überfordernde Zusammenhang in Feindbildern wie Hexen oder Juden dingfest machen lässt. Philosophie als bessere Alternative zu Esoterik und Verschwörungstheorien, ein Potenzial, das man auch gerne mal verspielen kann, wenn man allzu sehr den Ideologiekritiker raushängen lässt.

Auf die Natur werden Konkurrenzverhältnisse und Kämpfe projiziert, die man vielleicht eher typisch menschlich nennen müsste. Man kann die Natur durchaus auch als Zusammenarbeit interpretieren.3)Klar ist da Kropotkin der Klassiker, aber es gibt auch Neueres. Als Beispiel könnte man „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben nennen, das es mittlerweile als Buch, Hörbuch und Netflix-Film gibt. Vielleicht müsste man auch dieses projektive Erfassen der Natur durch den Menschen auf eine neue Grundlage stellen, die wir bisher nur bedingt geschaffen haben. Wenn wir Aussagen über die Natur treffen, können wir das nicht, ohne gleichzeitig Aussagen über uns selbst zu treffen, denn die Natur spricht ja nicht auf diese Weise.

Was ist mit der Technik?

Schade finde ich, dass die Rolle der Technik für den Kapitalismus etwas unterbelichtet bleibt. Ja, wir können uns anderes assoziieren. Aber in der heutigen Zeit werden wir das höchstwahrscheinlich (auch) über das Internet tun. Und was ist dann mit denen, die kein Internet haben?

Und wie war das gleich noch mal mit dem Gestell? In eine Fabrik ist der Arbeiter hineingestellt, ein Auto kann im Weg rumstehen, aber Handy sind doch ziemlich mobil und sie führen höchstens zu einem gestellten Verhalten.

Muss es, wo gelitten und unterdrückt wird, immer einen gemeinsamen Generalschlüssel geben? Hätte Heidegger die Technik auch heute noch als Gestell charakterisiert oder bräuchten wir da vielleicht andere Worte?

Der Kapitalismus als Gesellschaftsform ist erst recht nicht aus lokalen, traditionellen Märkten erwachsen, sondern entsprang einer speziellen historischen Konstellation. Er brauchte spezifische Eigentumsverhältnisse: Eine Konzentration von wirtschaftlich lukrativen Gütern und Produktionsstätten im privaten Besitz einerseits und andererseits Lohnarbeitskräfte, die von der Möglichkeit zur autarken Selbstversorgung abgeschnitten waren.

Also entstand der Kapitalismus aus einer kapitalistischen Gesellschaftskonstellation? Was ist mit den Veränderungen in der Technik und den damit sich verändernden Produktionsverhältnissen? Hat da jemand einfach mal gemeinerweise die Idee gehabt, dass jetzt mal ursprünglich akkumuliert wird, als wäre ein Böses auf einmal über die Erde gekommen?

Auf die Zukunft kann man nicht nur wetten, man kann sie auch beleihen, um seinen Wetteinsatz zu erhöhen und teuere Überfahrten und schwere Maschinen zu finanzieren.

Wie kann man von „beleihen“ reden, wenn doch die Produktion sowieso immer eine Wette auf die Verkaufbarkeit des Produkts ist? Das Beleihen scheint dem Kapitalismus ja notwendigerweise innezuwohnen. Von Redecker verneint das nicht, aber ich frage mich nach der Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit des Zusammenhangs von Kapitalismus und eben diesem Verleihen, das ja auch die Frage des Zinses nach sich zieht.

So wächst dann das Kapital – der Trichter der Verwertung – bereits, bevor der Gewinn an ihm haftet. Und dieses Phänomen, das sich ständig selbst ausweitende Kapital, macht den Kapitalismus eigentlich aus.

Auf diese Art zu fragen, was den Kapitalismus „eigentlich“ ausmacht, könnte problematisch sein. Da gäbe es bestimmt noch vieles, über das man reden müsste.

Wie wird aus der Unwägbarkeit der Zukunft automatisch eine Ausweitung dieser sich selbst verunsichernden Unsicherheit? Könnte der Trichter nicht auch zugehen, weil man zum Beispiel schon ganz viele Sachen da hat, die Sicherheit geben? Und wieso sollte dieser Mechanismus innerlich mit der Naturzerstörung zusammenhängen? Oder nochmal wesentlich weiter gefragt: Sprechen wir hier von einer Geisteshaltung oder von einer Maschine, die Kohle frisst und Dreck ausspuckt? Fehlt da nicht irgendwo in der Mitte eine Menge?

Ist eine Gesellschaft, die so etwas wie doppelte Buchführung hervorbringt, nicht die selbe, die einen Kuchen haben und trotzdem essen will, wie ein englisches Sprichwort besagt? Treibt die Zukunft zu beleihen nicht vielleicht unser Denken selbst an und ist die Abschaffung dieser Haltung ohne Ermüdung des Denkens zu haben? Wie lernt man absichtsloses, spielerisches Denken? Und wäre nicht genau dieses Denken im kapitalistischen Sinne vielleicht am erfolgreichsten? Die Ernsthaftigkeit des Lebens austricksen zu wollen – sollten wir davon wirklich Abschied nehmen?

Merkwürdige Verdopplung

Statt für die Gesellschaft produzieren die Menschen im Kapitalismus für den Markt, so Marx und so von Redecker. Sie produzieren nicht, um Bedürfnisse zu erfüllen, sondern um Geld zu verdienen. Da stellt sich aber doch schon die Frage, ob Menschen nicht produzieren, um Geld zu verdienen, um (sich) damit Bedürfnisse zu erfüllen. Ist Geld nicht vielleicht einfach die Form in der die Gesellschaft für die Gesellschaft produziert und hat es nicht vielleicht seinen Grund, dass es zu genau dieser Form gekommen ist?

Die Menschen erkennen nicht, dass ihr Produzieren gesellschaftliches Handeln ist. Stattdessen schreiben sie ihren Waren magische Eigenschaften zu: Dass sie Wert hätten durch Arbeit, der sich im Tausch realisieren muss, weil sonst die Arbeit vergeudete Liebesmüh wäre. Würden die Leute doch einfach stattdessen füreinander arbeiten, dann bräuchten sie ihre Produkte nicht mit dieser Magie füllen! Aber das Problem, dass die Waren keinen Nutzen haben, wenn sie für niemanden einen Nutzen haben, bleibt doch. Es erscheint dem sprachlichen Denken als dumm, dass sich alle Austauschbeziehungen auf dem Markt über nur eine Größe – Geld – realisieren sollen. Die Arbeit eines Computers beruht aber auch nur auf 0 und 1. Das heißt nicht, dass seine Rechentätigkeit irgendwie unterkomplex wäre. Und ohnehin ist es ja nicht so, als ob im derzeitigen System im Verkauf nichts geplant würde und in der Produktion erst recht nicht. Demokratisch läuft das tatsächlich nicht ab, aber warum sollte ich darüber abstimmen wollen, wie viele Kaugummis mein Späti bestellt?

Mitunter gäbe es das, was wir befreien wollen, nicht einmal, wenn es nicht durch seinen Käfig geschaffen worden wäre. Ein Beispiel wäre die Milchkuh oder all die Menschen, die ohne die industrielle Revolution gar nicht geboren worden wären und ohne sie auch nicht weiter leben könnten. Der Antikapitalismus ist ein Produkt einer bestimmten Kultur zu einer bestimmten Zeit, während viele asiatische Gesellschaften wieder zunehmend vom Konfuzianismus beeinflusst werden, der wie der Daoismus aus dem I Ging hervorging. Dieses spricht die Sprache von Yin und Yang, null und eins. Eine Gesellschaft, die intelligent durch den Computer vermittelt wird statt dumm über den freien Markt, muss nicht gefordert werden. Sie setzt sich gerade von selber ganz gut durch.

Geschütztes Leben

Was mich an von Redeckers Lebens-Begriff irritiert ist, dass bewusstes Leben, denkendes Leben, fühlendes Leben, glückliches Leben, unterdrücktes Leben usw. unter Leben allgemein subsummiert werden und sie die Unterscheidung letztlich sehr materialistisch, sozusagen sinnlich wahrnehmbar dann doch wieder an Menschen, Tieren usw. vornimmt. Dadurch wird es ein wenig unklar, was jetzt eigentlich das bestimmende Merkmal des Lebens sein soll.

Die einfache Unterscheidung zwischen Mensch und Natur erscheint doch relativ konventionell im Zeitalter von Robotorn, die zu Personen erklärt werden und Tieren, die Kriege führen (oder war es anders herum?). In dieser Wirrniss scheint die Unantastbarkeit des Menschen und seines freien Willens verloren zu gehen, da die Grenze der berühmten Freiheit, die da aufhört, wo die des anderen anfängt, sich nicht zuletzt durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu verschieben droht.

Die Natur ist nicht einfach unser Eigentum, sondern sie zu bewahren und zur Geltung zu bringen ist unsere Pflicht. Doch auch Eigentum verpflichtet! Ein Haus, das einem vererbt wurde, einfach verfallen zu lassen, ist eine Respektlosigkeit gegenüber der eigenen Familie, dem Erbe, den Arbeitern gegenüber, die das Haus gebaut haben und den Obdachlosen gegenüber, die keine Wohnung haben. Nicht nur die Natur, auch unser Körper ist so ein „Haus“, das wir bewohnen. Nun kann man natürlich zu Recht fragen, ob man solche Pflichten an der Frage des Respekts und nicht etwa an derjenigen der Vermeidbarkeit von Leiden festmachen sollte.

Aber ist es nicht so, als ob das Haus selbst von uns fordern würde, erhalten zu werden, da es so schön und nützlich ist? Wie ändert sich dieses Verhältnis, wenn wir den Ort, an dem wir leben, gar nicht geerbt haben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes natürlich vorfinden? Auch die Tiere bewohnen für Redecker die Natur und sind insofern Mitbewohner, wie viele (oder alle) Stämme der Native Americans bereits seit langer Zeit wissen. Was aber unterscheidet ihr Leben von unserem? Finden wir sie auf die selbe Art natürlich vor, wie wir den Boden unter unseren Füßen, die Luft um uns herum oder aber auch Bäume und Pflanzen natürlich vorfinden? Und welche Forderungen ergeben sich daraus?

Das Kapital erscheint selbst als eine Art künstliches Lebewesen, beziehungsweise vielleicht eher „Unbelebewesen“. Immerhin wächst es ja, als ob es leben würde und wie jede Tierpopulation wächst es zu sehr, übernimmt sich und scheitert. Mit Roboter bauenden Robotern nähern sich die Eigenschaften von Leben und toter Materie sogar noch weiter an. Dennoch hängt dieser Mechanismus am menschlichen Willen zum Wachstum, der zum Selbstzweck mutiert ist. Uns fasziniert etwas daran, es scheint uns etwas in diese Art der Organisation hineinzuziehen, selbst da noch wo sie scheitert, vielleicht auch weil unser Wille sich als unendlich imaginieren und so selbst zur Anschauung bringen kann.

Die vom Kapitalismus umhergewirbelten und überforderten sehnen sich jedoch auch nach einer Zwangsstillstellung. Corona verursacht Burnout, die Impfung könnte zu Narkolepsie führen – Klasse! Ich wollte eh mehr schlafen in nächster Zeit. So wie auch der Kapitalismus in Wirklichkeit nicht irgendetwas von selber macht, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis ist, kann auch ein Virus nichts mit der Gesellschaft machen, das wir nicht letztlich selbst mit uns machen. Leben zu „schützen“, indem man es einsperrt, es an seiner Entfaltung zu hindern, ist Sadismus. Aber dieser Sadismus erscheint eben als Freundlichkeit, weil endlich der Wachstumszwang (z.B. in Form von Mobilitäts-„Zwang“) wegfällt.

Die Corona-Politik könnte das erste Beispiel eines weiblichen, mütterlichen Faschismus sein, der letztlich ebenfalls auf eine Krise des Kapitalismus reagiert (wobei natürlich umstritten ist, wie direkt das, was gerade passiert, als Wirtschaftskrise zu deuten ist). Sadismus äußert sich im neuen Totalitarismus nicht offen-männlich durch Aggression sondern verdruckst als vermeintliche Beschützer-Haltung gegenüber einer zu Babys degradierten oder doch zumindest verkindlichten Bevölkerung. Ja, das ist Jordan Peterson. Hatte er denn nicht Recht in dieser Hinsicht? Dass gerade Feministinnen anfällig sind für eine Lebensschutz-Rhetorik ist zumindest einigermaßen erstaunlich! Weniger erstaunlich ist, dass sich die Wirtschaft jetzt ändern soll, hin zu einer, die eingesperrten, sich weniger entfaltenden Individuen mehr entspricht.

Hier larviert von Redecker etwas. Die Maske findet sie gut, der Rest ist nicht so ganz eindeutig und muss zwischen den Zeilen gelesen werden. Das ist das ermüdende an den Philosophen, dass man bei ihnen immer alles zwischen den Zeilen lesen muss. Zumindest zum Individuum bekennt sie sich bedingungslos. Hoffen wir, dass da keine Widersprüche auftreten, denn die Entfaltungsfreiheit hängt letztlich ja doch am Eigentum, zumindest dem privaten Bereich, in den der Staat nicht eindringen darf. Auch die Herleitung des Eigentums aus der Arbeit, die von Redecker ja gut beschreibt, muss doch in diese neue, reproduktive, Kreisläufe eher bedenkende Wirtschaft sinnvoll übersetzt werden.

Anarchie hängt auch daran, den Anderen nicht willkürlich misszuverstehen, um sich selbst schlauer darzustellen. Der wohlwollende Dialog ist wichtig. Dennoch habe ich die Befürchtung, dass linke Theorie auch hier mal wieder zur Begleitmusik für einen gesellschaftlichen Umbau von oben wird, auch wenn vielleicht allzu gewollt erscheinende Missverständnisse auch damit zu tun haben könnten, dass ich irgendwann auch mit der Rezension fertig werden will und man mit einem relativ komplexen und reichhaltigen Buch wie „Revolution für das Leben“ nicht eben mal so fertig wird. Vielleicht kann man es auch positiv formulieren: An manchen unbequemen Stellen würde ich mir von Redecker noch klarere Aussagen wünschen, auch wenn diese sich gegen das richten, was die Linke immer so toll findet.

Mehr Demokratie wagen

Von Redecker kritisiert zurecht, dass demokratische Prozesse in den meisten Teilen der Welt vor den Toren der Produktionsstätten enden. Ob sie auch zurecht kritisiert, dass sie oft auch vor dem Privateigentum enden, das im Zweifelsfall vielleicht auch jenes home ist, das zumindest dem Anspruch nach als uneinnehmbares castle gilt, das weiß ich nicht. Beziehungsweise ist mir noch nicht so klar, ob sie das überhaupt kritisiert. Wie schüttet man das Bad des kapitalistischen Eigentums aus, ohne das Kind des gerechtfertigen Privatbesitzes gleich mit auszuschütten? Vielleicht müsste man da auch nochmal der Geschichte von beidem in ihrem Widerspruch nachforschen, denn gefordert wird so etwas ja immer, aber vielleicht könnte das gar nicht so einfach sein, wie ja auch das Thema Corona und China zumindest andeutungsweise zeigt.

Abgesehen davon, dass dieses Recht auf Privatleben und Privatfreiheit, das an Privateigentum gekoppelt ist, wahrscheinlich in Deutschland nie so heilig war wie im englischsprachigen Raum, ist es ja in den letzten Jahren und besonders jetzt mit Corona wohl mittlerweile ziemlich aufgeweicht worden. Ich frage mich ja, ob Hannah Arendt mit ihrer Totalitarismustheorie da auch schon Überlegungen angestellt hat oder ob (natürlich verkürzt und zugespitzt gesagt) die Antikommunisten das eher nachträglich an diese Totalitarismutheorie „drangepappt“ haben.

Ist es jedenfalls nicht auch ziemlich total, diesen privaten Bereich der Gesellschaft und ihren wenn auch noch so demokratischen, aber eben doch auch immer kollektiven Gesetzen und Bewegungen auszusetzen? Auch wenn von Redecker immer wieder sagt, dass das Individuelle unangetastet bleiben soll: Wann darf denn der Staat in meine Wohnung eindringen? Oder auf das Fusion-Gelände? Wann darf er mir eine Maske aufsetzen? Ist das Privatleben nur die Illusion einer Gesellschaft, die verdrängt hat, das alles politisch ist? Gibt es ein Recht darauf, unpolitisch zu sein?

Auch die Denkbewegung der vierten Person könnte ja auf eine Ego-Auflösung im Ereignis hinauslaufen, die keinen Rückfahrschein mehr hat. Wenn von Redecker schreibt, dass Jean-Jacques Rousseaus Hass auf Zäune bzw. Grenzen aller Art übertrieben ist, dass sinnvolle Trennungen und sinnvolles Eigentum möglich ist, so bezieht sie sich auch auf Rückzugsorte, in denen Individualität, Kreativität und Bildung überhaupt erst stattfinden können. Die Qualität dieser Orte ist aber nicht selbstverständlich und auch das, was sie an geistigen Produkten hervorbringen, ist durch diese Orte zum besseren oder schlechteren vorgeprägt. Als Grenze der eigenen Willkür sind Grenzen für mich ja tatsächlich immer ein Ärgernis.

Auch Kapitalismuskritiker ist nicht automatisch ein von Leben und Freiheit sprühender Beruf. Dass die freie Assoziation vielleicht vor der Kritik stattfinden muss, damit letztere überhaupt atmen kann, scheint mir eine der wichtigsten Erkenntnisse von von Redecker zu sein und auch ich kann mich dieser Erkenntnis nicht „erwehren“ (merkwürdig, dass mir ausgerechnet dieses Wort in den Sinn kommt, denn wo ist eigentlich der Angriff?)

Wie viel freier könnte man vielleicht denken, wenn man weder vom Staat noch von einem Brotberuf abhängig wäre, wenn man so frei arbeiten würde, wie sich Marx das erträumt hat, und dann abends an einem von Erfahrung gesättigten Buch schreibt? Aber wie viel unfreier wäre man auch, weil man doch von den Genossen, Kommunarden oder wie man sie sonst noch so nennt, abhängig ist und sie nicht verärgern will? Erfordert das Anmaßende, das jedem wirklich interessanten Gedanken innewohnt, nicht vielleicht auch eine private Verbohrtheit?

Eine überzeugende andere Art des Wirtschaftens?

Während Eva von Redeckers Kritik wirklich zu überzeugen vermag und die eher philosophischen und schöngeistigen Konzeptionen sehr inspirierend sind, hab ich bei den Ideen für eine nachkapitalistische Wirtschaft doch meine Zweifel.

Das eigentliche Problem einer neuen Produktionsweise ist nicht, wie das Zeug zu den Leuten kommt. In einer Welt, in der jeder Mensch potenziell augenblicklich in alle Winkel der Welt ausstrahlende Kommunikationsnetze eingebunden ist, können Bedarf und Güterbestand leicht zusammengebracht werden.

Nämlich so leicht wie der DHL-Bote und der Systemadminstrator ihre Arbeit machen.

Und auch wenn sich plötzlich Nachfragekonzentrationen ergeben, denen die Produktion nicht nachkommt, sind Lösungen erkennbar. Angenommen, alle wollen plötzlich Lastenräder haben, aber niemand mag die schweißen. Dann schaut man eben, wie sich das Schweißen so organisieren lässt, dass es mehr Freude macht, stellt ein paar Anleitungen zum Selberbauen ins Netz, wirbt für Alternativen (Elektroroller mit Kiste auf dem Heck, Handwagen und so weiter) und diskutiert in der überregionalen Räteversammlung über die Einrichtung neuer Produktionsstätten und die gerechte Verteilung ihrer Ergebnisse.

Ich weiß noch, wie ich mir neulich meine kabellosen Kopfhörer selber gebaut habe und danach im Leipziger Stadtrat darüber diskutiert habe, wie wir jetzt diese kabellosen Mäuse in Leipzig herstellen wollen.

Man stelle sich vor, wie interessant es wäre, wenn die Leute auf Instagram ihre individuellen Transportgefährte posteten und ihre Verbesserungsvorschläge für die kollektiven Verkehrsmittel.

Naja, der eine fände es wohl interessant, der andere eher nervig. Heute gibt es ja das Internet und wenn seitdem nicht alles viel praktischer und einfacher ist, dann muss das wohl am Kapitalismus liegen. Da kommt er wieder hoch, der Zweifel ob es ohne Geld nicht noch viel schlimmer wäre. Was man sich da nicht alles überlegen müsste!

Man nimmt ja immer so einen ätzenden Tonfall an, wenn man solche Vorstellungen kritisiert. Ich hab in Wirklichkeit jedoch keinen rationalen Grund, mich mit Leuten zu streiten, die glauben, dass das alles so toll funktioniert. Im Gegenteil sollte es ja eher Grund zur Freude sein, wenn mein Sarkasmus widerlegt wird. Wirklich vorstellen kann ich mir das alles aber nicht. Und ich kann es mir tatsächlich auch nicht vorstellen, weil ich so bin, wie ich bin. Aber vielleicht kann man so gar nicht sein, wie es eine solche Gesellschaft erfordern würde.

Wobei man ja auch darauf verweisen kann, dass die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft oder das große Thier sich genau um solche Dinge Gedanken machen. Dass alle den Kapitalismus hassen ist ja klar, nur leider wissen nur wenige, was man stattdessen machen soll.

Ernst gemeinte Frage: Wie machen von Redecker und ihre Freunde das alles in ihrer Kommune und in wiefern könnte das ein Modell auch für größere gesellschaftliche Zusammenhänge sein? Kann man neue Modelle des Zusammenlebens entwerfen oder nur ausprobieren und im Nachhinein auswerten, was funktioniert hat und eben auch was nicht? Aber was, wenn es nur einen globalen Versuchsaufbau gibt?

Rahel Jeaggis Konzept der Lebensformen so wie ich es verstehe haftet ja schon der Makel an, dass wir eigentlich gerade nur eine große Lebensform haben: Den globalen Kapitalismus, eine Leitkultur, die man auch Zivilisation nennen könnte. Es gibt natürlich noch ein paar andere Gesellschaften, auch variieren mehr oder weniger bedeutende Details lokal – übrigens oftmals sehr zum Schlechten. Aber ich kann mir nur bedingt vorstellen, was der Glaube von Native Americans daran, dass Tierarten auch Nationen sind, mir jetzt genau beibringen soll, wenn ich in der Eisenbahnstraße wohne. Die Ratten im Innenhof fand ich schon vorher niedlich, auch wenn ich ihre Lebensform nicht verstehe. 4)Ernst gemeinte Frage: Kann man Lebensform in diesem Sinne verwenden? Und wenn nicht, müsste es dann nicht Menschheitsform heißen? In welchem Sinne wird Leben eigentlich da verwendet?

Wie gerne würde ich doch sterben!

Von Redecker empfiehlt bezüglich des Klimawandels Katastrophenvergegenwärtigung durch Die-Ins. Dieses Konzept haben Gruppen wie Extinction Rebellion aus queeren Kontexten übernommen. Der unsichtbare Tod durch AIDS, gewaltbereite Homophobe und ungerechte Gesetze sollte so sichtbar gemacht werden, man stolpert sozusagen geradezu über die metaphorischen Leichen, die von den Aktivisten dargestellt wurden. In Zeiten des Klimawandels sind wir alle schon Leichen von morgen und in Zeiten von Corona wird die Welt ein einziges auch kommende Katastrophen vergegenwärtigendes Sick-In.

Vielleicht wird sogar der reale Tod zur Waffe. Was könnte ein größerer Beweis der eigenen Überzeugung sein, als für sie zu sterben? Das wird bei einer Revolution für das Leben zum Glück nicht möglich sein. Trotzdem bleibt es ein bisschen paradox, den Kampf für das Leben als Totentanz zu inszenieren. Vielleicht bildet das Leben, da es die Grundlage von allem anderen ist, ohnehin das einzige, für das man eine Revolution machen kann. Oder der einzige Grund, weshalb man keine Revolution macht. Vielleicht geben manche ihr Leben vermeintlich oder real für das Leben anderer. Und sind es nicht gerade Revolutionen, die oftmals nur allzu viele Leben gefordert haben, im Sinne des Todes aber auch im Sinne von Leben, deren Inhalt nichts als die Revolution war? Wäre ein Leben für die Revolution nicht vielleicht das Gegenteil des Lebens selbst?

Den Öko-Faschismus interpretiere ich, anders als von Redecker, jedenfalls nur am Rande als sozialdarwinistische Form des Ökologismus. Auch wenn Nazis bestimmt gut darin sind, die Menschheit abzuschaffen, weil eben doch kein Mensch so robust und mächtig wie ein Panzer oder auch nur ein Elefant oder Bär ist und der Tod selbst immer noch am meisten Stabilität, Sicherheit und letztlich auch Reinheit verspricht, sehe ich die Gefahr einer technokratischen Ökologie als viel realer, da ihre Vertreter weniger offensichtlich verrückt sind. Formal demokratische Prozesse verformen sich unter dem Diskurs ihrer Zeit und wie schnell dieser in handfeste Gesetze und bald auch Institutionen übergeht, sehen wir ja gerade. Das Ziel eines solchen Ökofaschismus ist es nicht, das menschliche Leben in einen toten Haufen Knochen zu verwandeln, auf dem dann die Natur gedeihen soll, sondern das menschliche Leben einzuhegen und in vorgegebene Bahnen zu leiten, so dass es der Natur nicht mehr schaden kann. Zwar nicht nekrophil, aber eben doch sadistisch.

Andererseits ist es vielleicht ehrlicher, sich als Leiche zu inszenieren. Das blühende Leben wollen die Kämpfer gegen den Kapitalismus ja gerade erst sein, in Wirklichkeit sind sie (sind wir) ja oftmals alles andere als das. Die Frage ist nur, ob wir nicht doch Moralisten sind, die sich selber geißeln und unsere perverse Lust daran zur Schau stellen. Das würde ich den AIDS-Kranken selbstverständlich nicht vorwerfen. Aber wenn man sich vor Augen führt, dass XR zumindest vorhatte (ob sie es durchgezogen haben weiß ich nicht), eine Art körperschädigendes Fasten als Protest zu betreiben, dann frage ich mich schon, ob das nicht tatsächliche eine Revolution für Leben generell und abstrakt statt für menschliches, glückliches Leben ist. Überhaupt ist es verwunderlich, dass von Redecker so gar keine Kritik an dieser komischen Truppe (deren Mitglieder natürlich teilweise doch ganz nett sind) übt. Das einzige, was sie kritisiert, ist ein Hang zur Esoterik, als ob ausgerechnet das das einzige Problem mit denen wäre.

Verharmlosung und Mediation

Man könnte noch einiges zu von Redeckers Islamverharmlosung schreiben, die mal wieder davon ausgeht, dass diejenigen, die in der Weltgeschichte gerade die zweite Geige spielen, dadurch automatisch schon die Guten sind. Aber was sie dazu schreibt, ist vermutlich einfach das, was ein großer Teil der linken Szene und ihrer Freunde denkt. Dass es sowas wie rassistische Polizeikontrollen und rassistische Vorurteile in der Bevölkerung gibt, würde ich ja auch niemals in Frage stellen, nur ist es doch wirklich Kinderdenken, dass eine Gruppe schon automatisch dadurch gut wird, dass ihr Unglück oder Ungerechtigkeit widerfährt.

Wie viel Geschichte der islamischen Welt, gerade auch bezüglich der Sklaverei, wie viel islamische Realität heutzutage muss von Redecker doch ausblenden! Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass sie manche Sachen einfach nicht sehen will, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wie kann man das Patriarchat kritisieren und die Staaten, in denen der politische Islam herrscht, aussparen? Aber dazu wurde schon so viel geschrieben und ich hab gerade keine neuen Erkenntnisse und sehe nur bedingt Sinn darin, alte abzuschreiben. Nur den Kopf schütteln kann ich über so viel Verantwortungslosigkeit. Oder geht von Redecker davon aus, dass man sozusagen das Patriarchat generell angreifen muss und sich dieses spezifische Patriarchat dann automatisch mit erledigt? Dann würde ich aber auch gerne wissen, wie sie sich das konkret vorstellt, gegen Staaten, die harte, menschenverachtende Repression betreiben. Generell haben all die Revolutionen für das Leben, die von Redecker aufzählt, Fridays for Future, XR, Black Lives Matter, bis zu einem gewissen Grad sogar die Gelbwesten ja auch gemeinsam, dass sie gegen Staaten stattfinden, die sich selber in ihrem Gewaltmonopol schon relativ weit eingeschränkt haben. Diesen entscheidenden Unterschied zu anderen Revolutionen, die schon deshalb welche für das Leben sind, weil sie unter Gefahr des Todes durch Repression stattfinden, könnte man vielleicht auch nochmal besser herausarbeiten, auch wenn sich da schon ein Bewusstsein der Unterschiede findet, eben insofern, dass das Leben nicht durch den Tod aufs Spiel gesetzt wird, sondern dadurch, dass man einen beträchtlichen Teil der Lebenszeit und des Lebensglücks diesen Revolutionen opfert.

Gewissermaßen achtet von Redecker immer darauf, alle linken Aktivisten mit ins Boot zu holen. Ich lande selber gerne in so einer Mediator-Rolle. Ungern greift man diejenige an, die es eh schon allen Recht machen will. Aber die Frage, ob man damit der Sache oder auch nur sich selbst gut tut, muss man dann doch stellen. Damit überhaupt eine Vermittlung stattfinden kann, muss man ja in den Streit gehen. Viele Widersprüche erscheinen dann doch für die gute Sache allzu voreilig weggewischt und wir müssen uns ja jetzt auch mal beeilen, wegen dem Klima.

Die eine Antwort finden zu wollen, die für alle passt, mag einen zu einem bessere Philosophen machen. So eine Antwort wäre ja vielleicht die Wahrheit. Ein Freund von mir benutzt öfter mal den Schönen Begriff der Heterotopie. Vielleicht könnte man das noch besser darstellen, wie unterschiedlich die Lösungen sein könnten.

Fazit

Geradezu endloses Potenzial zum Diskutieren bietet das Buch auf jeden Fall und vielleicht würde ich auch das noch lieber tun, als eine Rezension dazu zu schreiben. Ein bisschen weniger antikapitalistische Predigt und ein bisschen mehr aufrichtige Unsicherheit hätten dem Buch sicherlich gut getan. Aber vielleicht ist von Redecker (vielleicht sogar zu Recht) weniger unsicher als ich.

Es zu lesen kann auf jeden Fall nicht schaden, mir hat es sehr geholfen, einige linke Theoreme und philosophische Ansätze besser zu verstehen. Es leitet zum eigenen Denken an und ist auch für Nichtphilosophen verständlich bis auf einiges, was man auch als Geschwurbel ansehen und einfach überlesen kann. Andererseits könnte gerade dieses Geschwurbel auch der eigentliche Ansatz sein und es ist wirklich gemeint, dass wir vor allem mal in den Aktivismus gehen sollen und dann aus den vagen Ideen auf einmal tragfähige Strukturen werden. In der Vergangenheit hab ich das so erlebt, dass man dann meistens in irgendeiner grauen Blase landet und nicht weiß, was man mit sich und seiner Zeit anfangen soll, aber ich bin auch echt schlecht mit Menschen.

Als nächstes will ich Covid 19: The Great Reset von Klaus Schwab und Thierry Malleret lesen. Da scheint mir das eigentlich Dopamin, der Zucker, die Droge zu sein, die das Denken so aufregt und vielleicht ja auch das Original, dem die Linke von ihrer Seite her nacheifert. Ob wirklich die Gesundheit der Bevölkerung und nicht vielleicht doch der Kapitalismus in der Krise ist und es deshalb gerade eher Richtung Totalitarismus geht, halte ich sowieso nicht für geklärt. Ob man, um das zu behaupten, den „Umweg“ über die Ökologie gehen muss, fände ich eine spannende Frage. Für von Redecker scheint alles gleichzeitig in der Krise zu sein, weil wir eben in einer Gesellschaft leben. Wiedersprechen will ich da sicherlich nicht, aber irgendwie lässt es mich auch unbefriedigt zurück.

Ob ich mir nicht am meisten eine Revolution dafür wünschen würde, endlich keine Revolution mehr machen zu müssen? Auch von Redecker beleuchtet ja das Motiv der Lokomotive von allen möglichen Seiten. Vielleicht rollt die Lokomotive Kapitalismus ja auf den Schienen von Revolutionen, die sie erzwingt?

Die Frage ist vielleicht auch, was wir uns vom Denken versprechen. Allzu laut würde ich nicht gegen „Besitzstandwahrer“ schreien, weil man doch nur allzu leicht unter die Räder kommt. Sonst wird aus der Revolution für das Leben vielleicht schnell mal die Revolution gegen das, was mehr ist als das bloße Leben. Komisch, dass diese eine Frage gar nicht so genau beantwortet wird: Was Leben überhaupt ist. Aber wahrscheinlich ist das jenseits der biologischen Definition (die ja auch schon relativ vielschichtig und umstritten ist) auch wirklich schwer.

Dass ich befriedigt zurückbleibe wird ja wohl echt nicht von Redeckers Ziel gewesen sein.

Fußnoten

1 https://www.zeit.de/kultur/2020-12/eva-von-redecker-corona-freiheit-mobilitaet-philosophie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F
2 https://www.youtube.com/watch?v=MK90tOjI54U&ab_channel=Jung%26Naiv
3 Klar ist da Kropotkin der Klassiker, aber es gibt auch Neueres. Als Beispiel könnte man „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben nennen, das es mittlerweile als Buch, Hörbuch und Netflix-Film gibt.
4 Ernst gemeinte Frage: Kann man Lebensform in diesem Sinne verwenden? Und wenn nicht, müsste es dann nicht Menschheitsform heißen? In welchem Sinne wird Leben eigentlich da verwendet?

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