Skip to content

Kritische Existenzialanalyse des Bandes Rebellion der Schleimhäute von Michael Leisching

Kritische Existenzialanalyse des Bandes Rebellion der Schleimhäute von Michael Leisching (Berlin 2021)

Ein Gastbeitrag von Konstanze Caysa

Inhaltlich wie formal ist der vorliegende Band Rebellion der Schleimhäute sowohl in Stil als auch in Ausdruck, Inhalt und Form überzeugend. Dieser Band beweist, dass Sprache unübersetzbar ist – radikal, wesentlich – wenn Sprache ist.
Geert Lueke Lueken, Universität Leipzig und Doktor der Philosophie, hat schon vor vielen Jahren einen Text zur Relevanz der Praxis in der Philosophie geschrieben und darin das der Problematik zugrunde liegende sprachphilosophische Problem der Inkommensurabilität behandelt.1)Vgl. Geert-Lueke Lueken: Zum Verhältnis von primärer, theoretischer und theoriegeleiteter Praxis. In: Konstanze Caysa & Harko Benkert (Hg.): Denken des Empraktischen. Frankfurt a. M. 2016, S. 43 ff.
In diesem grundlegenden Sinne, in dem Worte, Metaphern, Begriffe je individuell und wahrnehmungsabhängig im Greifen nach dem Sinn, den sie möglicherweise angreifen, zu formieren versuchen, und in dem jeder Einzelne nicht innerhalb eines Regelwerks Interpretationen des vorliegenden Ausgesprochenen finden soll, sondern es als Denkaufgabe begreift, will er nicht sich und dem anzueignenden Denken jede Chance auf Berührung und Verschmelzung nehmen.
Es ist ein Irrtum anzunehmen, Sprache würde von uns gesprochen. Es ist sogar Hybris: Sie spricht uns, wenn wir uns ihr zu öffnen in der Lage sind.

Wir werden der Sprache in unserem Sprechen nur habhaft, wenn wir uns im Reden wesentlich ihrer Offenheit hingeben. Eine Offenheit, die nicht ein „Irgendwas“ oder „Irgendwie“ von Laut und Reihung der Buchstaben bedeutet, sondern vielmehr aus dem Mut des exakt richtigen und guten und souveränen Ausdrucks, der bis zur Perfektion das gegenseitige sich rauschhaft transzendierende Formbewusstsein herausfordert. Eine Offenheit, die erst im Modus dieser virtuosen Könnerschaft im Verkehr seiner Selbst in Sprache offen wird und sich im Wesen als Offenheit zu zeigen beginnt. Verstehen in, aus und zur Wahrhaftigkeit aufrichtiger Wahrheitsansprüche an die Welt – um Maße als individuelle und transindividuelle Intensitäten als KritikMächte zu behandeln, um die Weisheit des Spielens zu lernen und wesentlich parrhesiastisch zu sein.
Wo die meisten Menschen meinen, sie beherrschten auch nur einen Teil, einen echten Part der Sprache, sind sie weit davon entfernt in auch nur irgendeinem wahren Verhältnis zur Sprache zu stehen.

Der Text arbeitet dabei nicht im Modus einer linearen Darstellung, sondern in Fragmenten, Protokollen und sprachlichen Zerlegungen, die weniger erzählen als freilegen. Sichtbar wird eine Gegenwart, die von institutionellen, medialen und ökonomischen Strukturen durchzogen ist – eine Wirklichkeit, in der sich Staat, Verwaltung, digitale Ökonomie und soziale Dispositive bis in die Sprache selbst hinein eingeschrieben haben.

Bereits im ersten Teil deutet sich an, dass Leisching nicht Figuren oder Handlungen ins Zentrum stellt, sondern Konstellationen: Machtverhältnisse, Wahrnehmungsordnungen und die stille Gewalt normierender Systeme. Was erscheint, ist keine Geschichte, sondern eine Lage – ein Zustand, in dem Subjektivität selbst unter den Bedingungen von Kontrolle, Anpassung und sprachlicher Verformung steht.
Max Stirners berühmter Ausruf aus Der Einzige und sein Eigentum: „Mir geht nichts über mich!“, wird immer wieder gerne zitiert, wenn es um Individualismus geht, und im Kontext von Leisching drückt er aus, dass die große Vernunft des Individuums darin liegt, eine eigene Sprache innerhalb seines Lebens mit eigenständigem Denken zu erwerben und diese Sprache zu entwickeln – als Haltung, als Grundlage dafür, konventionelle Positionen, Vorurteile und Meinungen aus sich heraus beurteilen zu können, oder – und das ist vielleicht das Radikalste – seine Sprache zu sprechen und zu entwickeln: mit ihr, nicht gegen sie. Stilerziehung, künstlerische Philologie, sprachkunsthermeneutische Praxis. Und somit die Kunst des Verstehens einzuüben und die Sprache ihrer eigentlichen Aufgabe zuzuführen: Verstehen zu erzeugen. Und sich bei allzu großem Geschwätz dem Spiel zu entziehen.
Künstlerisch ist die Form, in der Leisching das Buch präsentiert: Es ist gleichsam ein Abdruck eines Zettelkastens, der über zwei bis drei Jahre hinweg die Gedanken eines Philosophen sammelt, der hier als letzter denkender Meister der Philosophie im Mittelpunkt des Geschehens steht. Es sind seine Notizen, Fragmente seines Lebens – Fragmente, die, wenn wir nicht zynisch sind, das Ganze der Arbeit dieses Buches darstellen.
Ein Zettelkasten, eine Kartographie, die den aus dem Osten Deutschlands stammenden Denker, der hier vorgestellt, kommentiert und reflektiert wird, in wichtigen Situationen seiner Reflexionen über die Gegenwart seines Lebens zusammenführt. Zettel – man könnte meinen, es sei zusammenhangloses Zeug, ohne roten Faden, ohne Plus, ohne Inhalt, ohne Erzählung. Und zum Teil ist es vielleicht auch so. Denn es ist nicht für den Rezipienten geschrieben; eindeutiger kann man das künstlerisch kaum darstellen.
Ein Denkgebäude, entstanden aus Gedanken eines einsamen, für sich denkenden Geistes, der sicherlich verzweifelt war ob seiner Einsamkeit, aber die künstlerische Fähigkeit besaß, sich deshalb nicht anzubiedern oder im Denken umzuschwenken, sondern allein weiterzugehen. Die Fragmente seines Schaffens, seine Schriften in Zettelform, bilden eine eigene Erzählung.
Eine gedankenoffene, arabeskenartige, existenzialsprachanalytische Erzählung, weil sie aus Erfahrungen besteht. Eine Kartographie aus scheinbar einzelnen Gedanken, die wesentlich Erlebnisse, Ereignishaftigkeit, gelebtes Denken sind. Zusammen bilden sie Erfahrungen, die in der vorliegenden Veröffentlichung eine offene Erzählung ergeben. Die Existenz des Autors, seine Musikalität und sein Stil sind der Faden der Ariadne durch den Irrgarten dieser Kartographie.
Die Struktur des Buches erfährt sich – Moment für Moment – in der Empraktik sich wiederholender Identitätserfahrung und sich erfüllender hermeneutischer Ereignisse als Verschmelzungsakt im Anderen wie auch im kritisch-kriegerischen Ton: streng, prüfend, klagend, anklagend. Eingestimmt nach einigen Seiten eigenwilliger Lektüre wünscht man sich an der einen oder anderen Stelle, über die anschwellenden rebellischen Schleimhäute hinweg, einen Moment der Hoffnung – einen Ruhepol gegenüber der unbändigen Sehnsucht nach etwas ganz Anderem.

Im zweiten Teil radikalisiert sich dieses Verfahren. Die Sprache selbst wird brüchig, fragmentiert, teilweise zerstört. Verwaltungslogiken, militärische und ökonomische Codes, familiäre und gesellschaftliche Ordnungsmodelle treten in deformierter Form auf. Gerade darin liegt die Präzision des Textes: Die beschädigte Sprache ist nicht Stilmittel, sondern Diagnose. Sie zeigt eine Welt, in der die Strukturen der Herrschaft so tief greifen, dass selbst das Sprechen nicht unversehrt bleibt.
Es wäre falsch zu sagen, es gäbe keine Geschichte. Leisching knüpft sie aus Fragmenten der Historie und der Augenblickhaftigkeit des Denkens, des Erlebens, ja des körperlichen Seins von Herrn Anders. Ein Stück Oral History liegt hier vor. Als Zeugen wiederholbarer Denkakte dürfen wir die Selbsterzählung mitvollziehen, sie weiterdenken, fortspinnen – vielleicht auch über uns hinaus.
Der Leischingsche Band Rebellion der Schleimhäute besitzt einen wissenschaftlichen Wert als Zeugnis existenziell gelebten Denkens und ist eines der wichtigsten Dokumente zur Aufarbeitung der Wissenschaftsgeschichte, insbesondere der Geisteswissenschaften und dort vor allem der Philosophie in der DDR. Es zeugt von einem Denken zwischen Systemen, aus einem Dazwischensein heraus, das eine radikale Existenzform hervorbringt: gelebtes Denken als Einheit von Existenz und Reflexion, notwendig, um nicht daran zugrunde zu gehen.
So wird Rebellion der Schleimhäute nicht zur bloßen Gesellschaftskritik, sondern zu einer existentiellen Lagebeschreibung. Der Körper – als empfindende, reagierende, widerständige Instanz – erscheint als letzte Grenze gegen eine totalisierende Durchformung des Lebens. Die Schleimhaut wird zum Ort der Reaktion, der Reizung, des Widerstands: nicht ideologisch, sondern leiblich.
Ein Künstler-Philosoph, insofern er seine Gedanken jederzeit, an jedem Ort, auf irgendeinen Zettel mit irgendeinem Stift fixiert – aus einem Denken heraus, das nicht beliebig ist. „Wer schreibt, der bleibt“ wird hier neu gelebt. Schreiben ist Eigentrieb, existenzielle Notwendigkeit. Die Sicherheit liegt nicht in harter Währung, sondern im Finden eigener Worte.
Dies formuliert der Autor treffend, indem er Majakowski zitiert: Als jemand zu ihm sagte, von der Kunst könne man sich im Winter nicht wärmen, antwortete er: „Ich bin ja auch kein Ofen.“ Wer diese Musik hört, versteht. Wer sie nicht hört, wird sie auch nicht hören – ohne Wertung, ohne Urteil.

Sprache ist nicht nur Wort, nicht nur Phonetik, nicht nur Grammatik. Grammatisch spricht nur, wer sich von der Sprache sprechen lässt, statt sie Vokabel für Vokabel beherrschen zu wollen im Auswendiglernen. Sprache gründet sich in der Praxis der Stimmungen und Gefühle. Wer sie verliert, verliert sich selbst.
Der Mensch ist ein sehnsüchtiges Wesen. Sehnsucht ist sein grundlegendes Existenzial. Dieses Buch versucht, Sehnsucht radikal zu fassen – essayistisch-hermeneutisch, leibhaftig. Essay ist der erste Abstraktionswille, der Form gewinnt.
Existenz ist Jetzt, Gleichzeitigkeit statt Chronologie, Denken und Leben als unabschließbarer Prozess.

Leischings Text ist damit weniger ein Buch über Rebellion als selbst ein Akt der Reibung: gegen Glättung, gegen Verständlichkeit im falschen Sinne, gegen eine Welt, die ihre eigene Gewalt längst sprachlich neutralisiert hat.

 

Dr. Konstanze Caysa ist Philosophin, Autorin und Künstlerin. Sie lehrte an verschiedenen Hochschulen, zuletzt als Vertretungsprofessorin für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. In ihrer Forschung verbindet sie Philosophie, Kulturwissenschaft und künstlerische Praxis. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Leibphilosophie, Bildungsphilosophie, Ästhetik sowie die Weiterentwicklung einer Philosophie des Empraktischen. Neben wissenschaftlichen Publikationen schreibt sie Essays, kulturphilosophische Beiträge und Rezensionen.

 

Fußnoten

Fußnoten
↑1 Vgl. Geert-Lueke Lueken: Zum Verhältnis von primärer, theoretischer und theoriegeleiteter Praxis. In: Konstanze Caysa & Harko Benkert (Hg.): Denken des Empraktischen. Frankfurt a. M. 2016, S. 43 ff.

Posten Sie ein Kommentar.

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht oder geteilt. Erforderliche Felder sind mit * markiert.
*
*