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Was ist Natur?


von

In der gut regierten Stadt blüht auch die umliegende Natur. Fresko von Ambrogio Lorenzetti im Rathaus von Siena. Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ambrogio_Lorenzetti_-_Effects_of_Good_Government_in_the_countryside_-_Google_Art_Project.jpg

Dieser Text ist der Versuch, für mich selbst ein paar grundlegende Ansichten zum Naturbegriff zu klären ohne überbordende Referenzen. Wichtige Vordenker neben den genannten sind vor allem Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Bloch und Hartmut Rosa.

 

Natur ist für mich zunächst einmal das Wort für jenes seltsame Andere, das allen menschlichen Aktivitäten vorausgeht, von ihnen jedoch nicht selbst hergestellt werden kann. Aus diesem Verständnis folgt klarerweise – wie schon bei Aristoteles –, dass alle Erzeugnisse menschlicher Praxis, bis hin zu unseren inneren subjektiven Zuständen, stets ein naturhaftes Moment in sich tragen, selbst wenn dies bei Artefakten, begrifflichen Gedanken und Ähnlichem nicht das bestimmende Moment ist. Der Mensch hat ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Natur: Er fürchtet ihre Macht zum einen seit jeher und möchte sie bändigen, die Abhängigkeit von ihr am liebsten ausmerzen. Das ist jedoch letztlich vergeblich. Selbst die Replikatoren der Sternenflotte sind etwa noch von einer externen Energiezufuhr abhängig. Zudem entwickeln die Resultate der menschlichen Bemühungen oft selbst ein Eigenleben, werden zu einer ‚zweiten Natur‘, die uns ebenso fremd und feindlich gegenübersteht wie diejenige, der wir zu entrinnen trachteten. – Darüber hinaus dient die Natur dem Menschen aber auch als Dialogpartner, als Sphäre der Befreiung von den rigiden Zügeln der Selbstbeherrschung, als Reich des Genusses, der Verehrung und der Inspiration. Beide Aspekte schlagen oft ineinander um; was in dem einen Moment Genuss verursachte, bringt im nächsten Schmerz.

Oft wird empfunden, dass die Beseitigung der Natur so weit ging, dass wir dieses zweite Moment immer häufiger vermissen. Ich denke, das ist wahr. Ein wahrscheinlich ideales Verhältnis zwischen Mensch und Natur kann man meines Erachtens in der Toskana und vergleichbaren Kulturlandschaften erleben: Hier herrscht seit Jahrtausenden eine dialogische Koexistenz zwischen beiden. Im Rathaus von Siena kann man einen Freskenzyklus von Ambrogio Lorenzetti aus dem frühen 14. Jahrhundert betrachten, der diesen Gedanken illustriert: Wenn es der Stadt schlecht geht, verdorrt die sie umgebende Landschaft; floriert die Stadt, blüht auch die Natur um sie herum. (Weiterlesen)


Lasst die Spinner reden!


von

Ken Jebsen, wir brauchen dich. Auch wenn du ein Depp bist.

Jeder gute König braucht seinen Kasper!


Leichenfledderei


von

Paul Stephan hat mir ja den Tipp gegeben – für den ich ihm auch sehr dankbar bin – dass ich mir doch die Beiträge nochmal ansehen sollte, die ich bisher auf diesem Blog verworfen habe. Also das, was schon fast im Abfalleimer gelandet wäre. Das ist ein wenig, als würde ich eine Psychoanalyse mit mir selber anstellen, aber gut, gibt Schlimmeres. Und von was sollte ich genau wegsehen wollen, nicht wahr?

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Mathematik


von

Ich könnte den ganzen Tag damit zubringen, mir solche Videos anzusehen, auch wenn ich sie nicht einmal im Ansatz verstehe. Zu was doch der menschliche Geist in der Lage ist, wenn er sich auf etwas hartnäckig konzentriert! Ständig richten wir unseren Blick nur auf die Zahlen, der Haushalt muss stimmen etc.. Vielleicht eine gute Übung. Vielleicht sollte auch ich noch viel mehr rechnen. Nur sollte man darüber nicht vergessen, dass dieses Rechnen den Blick in eine innere Welt von unfassbarer Schönheit bedeutet. Wenn ich all diese Fraktale und Rechnungen nur geistig durchdringen könnte, ich müsste kein LSD mehr nehmen. Wozu auch? Ist ja alles in meinem Kopf.

So viel Arbeit, die ich an mir selber leisten muss. Wie ich das nur schaffen soll…


Research, research: Hydroxetamin


von

So, als nächstes versuche ich es mal mit HXE, also Hydroxetamin. Schon verrückt, ich habe keine Ahnung von Chemie… Wie interessant wäre es bitte, sich mit der Synthese von diesen Stoffen auszukennen?

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Satan


von

Vielleicht ist das ja der Satan. Diese Stimme in einem, die einem sagt: „Jetzt tu doch nicht so, als würdest du klassische Musik mögen. Tu doch nicht so, als seist du schlau. Tu doch nicht so, als seist du stark. Tu doch nicht so, als seist du fähig.“


Vielfalt und Sprachprobleme – Die Skepsis der Postmoderne


von

Der Zeitgeist ist postmodern geworden. Das Bemühen um eine geschlechterbetonende Sprechweise, die Einrichtung von Toiletten für reale Zwitter und solche, die es werden wollen, sowie Schmutzkampagnen gegen mächtige weiße Männer sind nur der oberflächliche und gemeine Ausdruck einer Philosophie, die in ihrer populären Gestalt kaum mehr erkennen lässt, woher sie eigentlich stammt und was ihr Wesen ist. Solche Auswüchse sollen nicht der Maßstab sein, denn wir haben es bei der Postmoderne mit einem ernsthaften Versuch von Philosophie zu tun, mit einer ernsthaften Auslegung des Seins und der Ethik. In der praktischen Politik steht die Postmoderne für eine Identitätspolitik, doch ihre Philosophie steht für Nicht-Identität, Vielfalt und Differenz. Beides ist kein Widerspruch: Aus der Forderung nach Differenz folgt eine identitäre Politik. Diversity ist die Kampfvokabel einer forcierten Subjektivität, die auf alle möglichen Verschiedenheiten Rücksicht nimmt.

Postmoderne heißt Skepsis

Die forcierte Subjektivität ist aber nicht der gedankliche Kern der Postmoderne. Die Philosophie der Differenz behauptet die Existenz eines Unterschieds im Sinn eines absoluten Unterschieden-Seins und einer Unvereinbarkeit der Unterschiede. Alle Vorstellungen von der Welt und alle Zugriffe auf die Welt seien untereinander so unterschiedlich, dass es unmöglich wäre, sie in irgendeiner Art zu vereinen. Die fehlende Einheit, die Unmöglichkeit zur Einheit – das ist der eigentliche Kern der postmodernen Philosophie. Diese Unvereinbarkeit aufgrund einer Unmöglichkeit zur Einheit gehört zu den bekannten Tropen einer philosophischen Richtung, die an den Universitäten kaum gelehrt wird – der Skepsis. Im Kern ist die Postmoderne eine skeptische Bewegung, eine Philosophie des Zweifels und der Unentschiedenheit aufgrund der Unentscheidbarkeit des zu Entscheidenden.

Wittgenstein als geheimer Vater

Der Begründer der Postmoderne ist Ludwig Wittgenstein. Er hat sich nie als postmodern bezeichnet, ist aber ein entscheidender Ursprung jener Skepsis, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts breit macht. Mit Ludwig Wittgenstein beginnt die so genannte linguistische oder pragmatische Wende in den Geisteswissenschaften.

Der nähere und allgemein anerkannte Ursprung der Postmoderne ist das Werk von Jean-François Lyotard. Er war es, der Wittgensteins Begriff des Sprachspiels mit weitreichender Wirkung auf das Wissen und die Ethik angewendet hat – mit ihm werden Wittgensteins Glasperlenspiele politisch. Auftakt ist Das postmoderne Wissen von 1979, dessen Titel sich eigentlich treffender wiedergeben ließe mit: ‚Die Verfassung der Postmoderne‘. Für die ethischen Konsequenzen zieht man am besten den Widerstreit von 1983 zu Rate.

Die Grundverfassung der Postmoderne

Die Postmoderne ist so verfasst, dass sie nicht mehr an die Großen Erzählungen glaubt. Sie ist ernüchtert, sie kann Utopien nicht ausstehen. Diese großen Erzählungen sind aber eigentlich von sich aus gar keine Erzählungen, es sind Analysen, die eine Einheit des Geschehenen postulieren aufgrund eines Prinzips, auf das sie die Ereignisse zurückführen. Auch der Marxismus will und wollte Wissen schaffen und keine Erzählungen erzählen mit seiner Geschichtsutopie, die sich nicht als Märchen, sondern als logische Folgerung versteht. Die skeptische Postmoderne hält solche prognostischen Versuche nicht mehr für ausreichend legitimiert, weil sie die Rückführung auf einheitliche Prinzipien und Letztbegründungen generell ablehnt.

An die Stelle der Letztbegründung tritt Inkommensurabilität. Diese Unvergleichbarkeit heißt nichts anderes als die Unmöglichkeit einer Einheit oder die Abwesenheit der Prinzipien im Ganzen. Wo Prinzipien und Grundsätze fehlen, ist Wissen im eigentlichen Sinn nicht mehr möglich. Das ist die skeptische Seite der Postmoderne.

Skepsis führte im ursprünglichen antiken Sinn bei Sextus Empiricus zur epoché, einer edlen Urteilsenthaltung und vornehmen Gleichgültigkeit (ataraxia). In der Postmoderne führt sie zum Gegenteil, zu einer scharfen Verurteilung abweichender Meinungen und zu einer Engagiertheit im Sinne der diversity. Die postmoderne Skepsis ist eine dogmatische Skepsis – und diese Dogmatik entstand aufgrund ihrer Verbindung zu den Sprachspielen Wittgensteins.

Die Grundsätze der Postmoderne

Weil sie dogmatisch ist, lassen sich ihre Grundsätze, oder besser: ihre Tropen und Wendungen auch zusammentragen und ihrer Herkunft bestimmen:

1) Werte sind inkommensurabel.

Werte sind für die Postmoderne wie Sprachen. So wie Arabisch für Unerfahrene wie eine Kehlkopferkrankung klingt, so bleiben die Subjekte immer Muttersprachler ihrer eigenen Werte und Vorstellungen und verstehen vom Anderen nur ein letztlich unverständliches Gebrüll und Gekrächze. Es gibt keine universelle Sprache, es gibt nur Sprachen im Plural.

Aus der unvereinbaren Vielfalt an Sprachen folgt das Gebot der Toleranz: Lass die Vielfalt bestehen! Bei Wittgenstein sind Sprachen nämlich zugleich eine Lebensform (Philosophische Untersuchungen Nr. 23) als auch die Grenzen der eigenen Welt (Tractatus Nr. 5.62). Aus der absoluten Unvergleichbarkeit folgt das unbedingte Gebot, andere Welten in Ruhe spielen zu lassen.

2) Werte sind heterogen und agonal

Die Ethik der Toleranz ist notwendig, weil die Werte (ungefähr wie unterschiedliche Satzarten) sich nicht nur unvereinbar, sondern auch feindlich in einem Wettbewerb gegenüberstehen. Vereinigungen unter eine große Erzählung, also die Vereinigung unter einen leitenden Grund, wird bloß als ein Machtspiel begriffen, als eine Vereinnahmung anderer Welten. Dieser Gedanke kommt weniger von Wittgenstein, als von Nietzsche oder Heidegger, der moderne Wissenschaft bloß als Machenschaft zur Ermächtigung der Subjekte verstand. Praktisch heißt das: Sprachspiele sind immer Machtspiele.

3) Dissens, nicht Konsens ist das Ziel

Lyotard weist das Habermasianische Modell der Konsens-Erzeugung weit von sich. Dieser veraltete Wert würde bloß vereinen, was unvereinbar ist. Da die Unvereinbarkeit nicht begründbar ist, hört man auch gar nicht erst auf die Gründe des Anderen. Hier hat die postmoderne Empörungskultur wohl ihren Ursprung: Ein postmoderner Mensch kann und will sich auch gar nicht einigen können. Es ist kein Zufall, dass sich Lyotard auf die Sophistik beruft.

4) Gerechtigkeit statt Klugheit oder praktische Vernunft

Trotz der unvereinbaren Heterogenität der Sprach-Welten bleibt Gerechtigkeit möglich, nämlich genau dann, wenn jede Sprache sprechen darf, wenn alle Sprachlosen ihre Stimme bekommen und zu Teilnehmern am Sprachspiel werden. Das Spiel ist dann gerecht, wenn alle mitspielen dürfen.

Gleichzeitig gibt es für das Recht, mitspielen zu dürfen, keine Letztbegründung. Mit der Abschaffung von diskutierbaren Gründen geht aber sowohl die Klugheit als auch die praktische Vernunft verloren, die auch andere Arten der Gerechtigkeit kennt – Verteilungsgerechtigkeit oder Kompetenzgerechtigkeit zum Beispiel. Das kategorische Gebot der Diversity bleibt als einzige Art der Gerechtigkeit übrig, wenn die Einheit und Ganzheit als leitender Grundsatz verloren gegangen ist.

5) Indifferenz ist abgeschafft

Eine der offensichtlichsten Folgen der Analoge des Praktischen zu einem Wittgensteinschen Sprachspiel ist die Abschaffung aller Indifferenz. Es gab im Ethischen eigentlich immer einen nicht gesondert thematisierten Begriff der Neutralität, der weder gut noch böse ist, etwa der Gebrauch von Vorurteilen in der Komik. Doch die Sprachspiele Wittgensteins haben eine Besonderheit. Ihre Regeln entstehen gleichursprünglich mit dem Gebrauch. Jede Änderung des Gebrauchs ändert die Regeln, jede Änderung der Regel ändert den Gebrauch – und beides ändert das gesamte Spiel. Man kann eben nicht die Schachregeln verändern, ohne nicht zugleich das gesamte Spiel zu verändern.

Doch für die Politik ist eine solche Analogie ebenso falsch wie fatal. Die fast schon manische Sprachobsession der Postmoderne hat hier ihren Ursprung: Sie glaubt allen Ernstes, mit einer Veränderung der Sprache würde sich die Welt verändern.

6) Subjektive Gefühle statt Gründe

Die Einheit ist in der postmodernen Skepsis nicht mehr rationalen Gründen zugänglich, weil die Sprach-Welten unvereinbar seien. Zu den Menschenrechten soll nur noch ein Band des Gefühls übrig bleiben, eine Art sensus communis. Das Gefühl drängt zur Sprache, Gefühle werden selbst zu Gründen. Hier liegt der Ursprung der postmodernen Empfindsamkeit.

7) Der Logos ist plural und keine Einheit

Dieser Grundsatz ist der wichtigste der postmodernen Skepsis. Aus ihm leiten sich alle vorangegangenen Grundsätze ab. Die Vernunft selbst soll vielfältig, heterogen und in sich unvereinbar sein. Die Vielfalt der Gründe führt zu einer Vielfalt des Wissens und der Werte, zu ihrer Unvergleichbarkeit. Wolfgang Welsch hat hierzu eine informierte skeptische Metaphysik verfasst. Sie streitet die Existenz von Universalien ab, also allgemeinen Einheiten, die eine Vereinigung anleiten können.

Die Kritik an den postmodernen Grundsätzen

Zur Kritik dieser Grundsätze bliebe vieles zu sagen, aber ich beschränke mich hier auf zwei Punkte.

Der plurale Logos ist ein fauler Logos. Die postmodernen Menschen brauchen gar nicht erst nach einer Einheit zu suchen, weil sie im Vorhinein wissen, dass ihre Privatsprachen unvereinbar sein werden. Als Dogmatik für die Politik oder Wissenschaft werden die postmodernen Grundsätze sogar zu einer gefährlichen Rechthaberei der Subjekte in ihrer Subjektivität. Diversity als kategorisches Gebot sorgt für eine unsachliche Politik aus allen möglichen identitären Gründen, zu einem Kult der Proporzpolitik. Identitäre Gründe sind all jene Gründe, die sich bloß um Verschiedenheit bemühen. Die Verschiedenheit, das Bunte und Vielfältige, kann aber kein Maßstab sein. Der eigentliche ethische Maßstab darf nur das Können für die Aufgabe sein. Wenn diversity Macht ergreift, wird die Politik unsachlich und persönlich, postfaktisch und vielleicht sogar postdemokratisch. Denn wenn die Werte generell unvereinbar sind und sich bloß im Machtspiel behaupten müssen, ist der Weg von der notwendigen diversen Toleranz zur möglichen singulären Intoleranz nicht sehr verwinkelt.

Generell gilt: Vorsicht vor falschen Analogien! Die Gründungsmetapher der Postmoderne verfehlt völlig den Sinn von Logos. Logos meint nicht Sprache im Sinn dessen, was die empirische Sprachwissenschaft untersucht. Der Logos meint das Sprechen, das Miteinander-Sprechen, den Austausch von Gedanken. Sprachregeln und die Grammatik sind etwas völlig anderes die Regeln der Dialektik und Rhetorik. Im Sprechen sind die Wörter, Sätze und Gesten tatsächlich nur Mittel des Ausdrucks, um einen Gedanken deutlich zu machen. Derselbe Gedanke kann nicht nur in verschiedenen Worten, er kann auch in verschiedenen Sprachen ausgedrückt werden. Scheint bei dieses Übersetzungen nicht doch so etwas wie Übersetzbarkeit hindurch – Vereinbarkeit?

Vor allem: Wenn es stimmt, dass wir im Sprechen viele verschiedene Ausdrücke für dasselbe verwenden können, dann verändert sich mit dem Sprachgebrauch auch nicht das Sprachspiel und dessen Regeln. Vielleicht liegt hier das Hauptproblem der Postmoderne. Mit ihrer anti-utopischen Skepsis ändern sie eigentlich nichts und treiben bloß die Unvereinbarkeit im Diskurs weiter voran. Das ist nutzlos, aber leider nicht nutzlos genug. Die Postmoderne ist in ihrer populären Form weit entfernt von jener wirklich existenziellen Skepsis eines Emil Cioran, der alles dekonstruiert, bis er selbst unbrauchbar zu allem geworden ist. Denn das ist das Ziel einer echten Skepsis: eine moralfreie Untauglichkeit und nicht die Freiheit zu einer untauglichen Moral.

Lektüretipps

Heisterhagen, Nils: Kritik der Postmoderne. Warum der Relativismus nicht das letzte Wort hat, Springer 2019.

Sokal, Alan: Eleganter Unsinn. Wie Denker der Postmoderne missbrauchen, C.H.Beck 1999.


Eine gewisse Diskrepanz…


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… sehe ja vielleicht nicht nur ich zwischen dem Medizin-Kapitel in Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft und dem Wenigen und sehr Unoriginellen, was ihm im Spiegel-Interview dazu einfällt.

Zur Dialektik der Aufklärung in Form medizinischer Wissenschaft:

Vielleicht beleuchtet diese Sehweise einen Teil der ganz erstaunlichen Erfolge alter Zaubermedizinen, z.B. des Schamanismus. Im magischen Heilritual extrahiert der Schamane aus dem kranken Körper das »Übel«, etwa in Form eines geschickt untergeschobenen Fremdkörpers – eines Wurms, einer Larve, einer Nadel. Solche Extraktionen – oft auf dem Höhepunkt einer Krisis vorgenommen – bildeten bei Erfolg den Wendepunkt für das Überhandnehmen der Selbstheilungsprozesse – gewissermaßen äußere Mitinszenierungen des innerlichen energetischen Dramas. Bis in die Gegenwart zieht der Arzt aus solchen und ähnlichen Mechanismen seinen magischen Status, sofern ihm nicht die Demoralisierung und das zynische Körpertechnokratentum schon von außen anzusehen ist – was im übrigen immer häufiger geschieht. 1)S.493 Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft

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Fußnoten

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1 S.493 Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft

Eva von Redecker „Revolution für das Leben“ (Rezension)


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Durch ein Zeit-Interview, in dem sie die etwas schräge Aussage getroffen hatte, sie genieße es, von ihren vielen Bahnreisen durch Corona abgehalten und sozusagen zwangsverwurzelt zu werden 1)https://www.zeit.de/kultur/2020-12/eva-von-redecker-corona-freiheit-mobilitaet-philosophie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F, fiel mir die Philosophin Eva von Redecker das erste mal auf. Dabei halte ich es gar nicht für dumm, mit so einer Aussage zu provozieren, um auf subtilere Gedanken aufmerksam zu machen. Gleichzeitig kann einen auch die Angst überkommen, sie könnte das ernst meinen. Nicht nur das, sondern auch, was angeblich so alles berauschend sein soll, gab mir dann jedenfalls doch den Eindruck, dass wir in recht unterschiedlichen Welten leben. Erfreulicherweise abstrahiert von Redecker in „Revolution für das Leben“ nicht davon, dass Philosophie eben immer auch Ausdruck von Philosophen ist, die ein bestimmtes Leben geführt haben bzw. führen.

Ein bisschen lustig ist es natürlich, wenn sie schreibt, jetzt während der Corona-Maßnahmen könne man ja endlich ein wenig zur Ruhe kommen und nachdenken, weil das ja doch die Frage aufwirft, was Philosophen denn dann davor bitte gemacht haben. Beim Nachdenken kommen dann auch allerhand typisch links-gesellschaftskritische Aussagen zum Vorschein, die natürlich nicht falsch sind, aber doch von jedem, der sich ein Buch mit so einem Titel kauft, ohnehin geteilt werden dürften. Daneben findet sich aber auch allerhand wirklich interessantes und davon soll das Review handeln.

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Fußnoten

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1 https://www.zeit.de/kultur/2020-12/eva-von-redecker-corona-freiheit-mobilitaet-philosophie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F

Rassisten und andere Menschenfeinde – eine Marginalie


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Was sind das für zornige Zeiten? Der Sturm auf das Kapitol ist sicher noch nicht der Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung, bei der sich in den westlichen Demokratien mehr und mehr das Gefühl eingeschlichen hat, dass den berechtigten und unberechtigten Forderungen der Bevölkerung nichts weiter entgegengesetzt wird als eine professionelle, besonnene und unverlässliche Kommunikation der Mächtigen, die weder etwas sagt, noch zugehört hat. Streit wurde allzu lange vernünftig weggelächelt und das Gespräch vermieden. Doch wenn das Gespräch versagt, wird Gewalt zum Bedürfnis.

Jetzt machen die Bilder sprachlos. Ein selbsternannter Schamane mit einer Mütze aus Bisonhörnern und Kojotenfell steht mit einer Lanze gröhlend im Parlament der dienstältesten Demokratie. Auf seiner entblößten Brust sind die Symbole von Valknut, Yggdrasil und Mjölnir eintätowiert, die altgermanischen Embleme für Wotan, die Weltesche und den Kriegshammer Thors. Die Karriere dieses Mannes bestand aus Gelegenheitsschauspielerei und verworrenen Büchern und Videos, die klar zeigen, wie tief dieser Mensch an rechtsextreme Ideologien glaubt. Einen solchen Menschen wie Jake Angeli darf man sicher einen Rassisten und Rechtsextremen nennen. Ein solcher Begriff bestimmt ihn in seinem Wesen und Charakter. Solche Menschen sind eine Gefahr für die amerikanische Demokratie und machen sich eines Verbrechens schuldig.

Der Rassismus wird unscharf

Nun ist aber nicht zu übersehen, dass weder in den USA noch hierzulande der Vorwurf des Rassismus auf solche Menschen wie Jake Angeli beschränkt bleibt. In jüngster Zeit sahen sich diesem Vorwurf selbst Dieter Nuhr, Lisa Eckhart und Martin Sonneborn ausgesetzt, also Komiker, zu deren Handwerk es gehört, so kräftig von allen Klischees und Vorurteilen Gebrauch zu machen, wie es keine ernste Schmerzgrenze erlauben darf.

Wie alle guten Dinge verliert auch der Vorwurf des Rassismus an Qualität, je mehr er in Massen produziert und reproduziert wird. Gerade unter dem Vorwurf des „strukturellen“ Rassismus sollen alle möglichen Reden und Verhaltensweisen aus der Welt geschafft werden, die sich angeblich schuldig gemacht haben. Das Verbindende des strukturellen Rassismus ist aber nicht irgendeine Struktur – das Verbindende ist, dass es dabei um Handlungen geht, die jenseits einer Straftat liegen. Ein struktureller Rassist kann nicht festgenommen werden, wie Jake Angeli. Ein solcher angeblicher Rassist hat sich nämlich nur moralisch schuldig gemacht, soll sich für sein Fehlverhalten entschuldigen und bleibt als gesellschaftliche verfehmte und geächtete Person zurück.

Die Beschuldigten reagieren auf solche Anschuldigungen mit Wut und Zorn – durchaus nicht zu Unrecht. Wut und Zorn sind der Preis für eine Enge, die sich weiter zuschnürt. Der Meinungskorridor des noch Sagbaren, des vermeintlich Kritischen, das sich nicht weiter rechtfertigen muss, wird nämlich immer enger und moralischer, wie es Bernhard Schlink schon 2019 treffend analysiert hatte. Das Moralisierende des Meinungskorridors zeigt sich einfach daran, dass alles, was außerhalb dieser schmalen Bahn liegt, als möglicherweise berechtigte Meinung gar nicht mehr ernst genommen wird.

Rassismus als Beleidigung

An die Stelle einer Auseinandersetzung tritt eine Beleidigung. Solche Diffamierungen sorgen nicht nur für einen Zorn der Gegenseite – sie stärken sie auch wider Willen. Hierzu muss man eigentlich nur Eines verstehen: Der Vorwurf „Das ist ein Rassist!“ ist mittlerweile in den meisten Fällen kein Satz mehr, der versucht, sich einem Begriff von der angesprochenen Person zu machen. Es ist in den meisten Fällen heiße Luft, beleidigend in der Intention und strukturell ein argumentum ad personam.

Die Rhetorik und Dialektik haben immer zwischen sachdienlichen Argumenten (ad rem) unterschieden und solchen, die nicht der Sache dienen. Die sachlich untauglichen Argumente gehen auf die Person (ad personam), die sich zu einem Thema geäußert hat. Sie stärken oder schwächen deren Ruf, deren Ansehen und Glaubwürdigkeit. Bei Lob oder Diffamierung geht es um die gesellschaftliche Verwertung des Menschen im Ganzen.

Seit der Vorwurf des Rassismus seine analytische Schärfe verloren hat und nicht mehr nur jene verbrecherischen Machenschaften eine Jake Angeli unter sich fasst, dient dieser Vorwurf nicht mehr zu einer sachdienlichen Auseinandersetzung mit einer anderen Meinung. Er dient bloß zur Diffamierung, will die andere Person ins gesellschaftliche Abseits drängen und entspringt der Denkfaulheit.

Ist dieser Versuch erfolgreich, wird aus der diffamierten Person ein Ausgeschlossener, dem im schlechtesten Fall Erfolg trotz Können versagt bleibt. Aus der Absage an die Person folgen reale Absagen, die eine Wirkungsmöglichkeit der verfehmten Person versagen. Es geht bei solchen Vorwürfen nie um eine sachliche Auseinandersetzung – es geht immer um die Zerstörung der Person und ihres Rufes.

Eigentlich sollte man deswegen mit solchen Vorwürfen, die behaupten, jemand habe sich gegen die Menschlichkeit vergangen, besonders vorsichtig sein. Das Gegenteil wird mehr und mehr der Fall.

Der Umgang mit reflektierten Beleidigungen

Wie kann man geschickt damit umgehen? Erstens: Streiten Sie die Zuschreibung ab und kehren Sie die Beweislast um! Gespielt oder echt – ein wenig Empörung über eine solche gezielte Unverschämtheit darf mit dabei sein. Zwingen Sie den Anderen außerdem zu begründen, warum er Sie für einen Rassisten hält. Dann kommt schon heraus, wie schmalbrüstig die meisten Rufmörder eigentlich sein müssen, damit sie im Meinungskorridor vorwärts kommen können. Sie sind gewohnt, sich nicht rechtfertigen zu müssen.

Wenn die sachliche Haltlosigkeit des Vorwurfs klar geworden ist, kann man in einem zweiten Schritt den Spieß umdrehen und dem Gegner die bösartigen Unterstellungen vorhalten, die Unsachlichkeit und Unbedachtheit. Das ist natürlich eristische Rhetorik (die Kunst, Recht zu behalten), aber politische Korrektheit, also die Konformierung in den Meinungskorridor des noch Sagbaren, arbeitet selbst mit solchen Mitteln, ohne es zu merken.

Hinter der angeblichen Elite urbaner Milieus, die regelmäßig die Rechten in Wut und Zorn versetzen, stecken auch die unfairen Strategien einer eristischen Überredungskunst, die sich ausgiebig der Argumente ad personam bedient oder das Gesagte als Hass diffamiert. Durch den eigentlich ethisch neutralen Raum der Dissidenz, den jede Demokratie fördern sollte, fegen Stürme aus verbalen Exkrementen, die um einen Hashtag kreisen.

Die Gefahr der Rassismus-Beleidigung

Generell gilt: Die Diffamierung mit Begriffen, die nicht zutreffen, ist verlogen und zudem noch hinterhältig. Es ist völlig gleichgültig, ob sich das vermeintliche Opfer verletzt fühlt oder nicht. Auch jedes gekränkte Opfer hat eine Beweispflicht und muss begründen, warum ein angeblicher Täter ein tatsächlicher Täter sein soll. Keine Minderheit darf von sich aus bestimmen, dass sie unterdrückt wird und wer es ist, der sie unterdrückt. Mitleid oder falsche Toleranz sind hier ein schlechter Ratgeber. Sonst können solche Mechanismen der Diffamierung ungehindert wirken, sowohl aus berechtigten als auch aus ungerechten Motiven.

Beiläufig gesagt, haben gerade die deutschen Gerichte eine bemerkenswerte Indolenz gegen die Ausbrüche von Wut und Zorn in Hassreden gezeigt. Das Meiste muss als Teil des politischen Kampfes um Macht ertragen werden. Vom zulässigen Vorwurf zu einer wirklichen Untat, die bestraft werden muss, ist es eben noch ein weiter Weg.

Eine unsachliche und diffamierende Eristik macht Stress und überzeugt nicht. Wenn zudem die Stressmacher in den gesellschaftlichen Spitzenpositionen sitzen und (wie Nico Semsrott) glauben, sie würden ihre Haltung dadurch beweisen, dass sie nicht bloß Privilegierte sind, sondern Privilegierte, die über sich selbst reflektieren können, wird der unreflektierte Pöbel mit zielsicherer Urteilskraft die Diffamierung umkehren und das unsachlich behandelte oder unwichtige Problem ebenso unsachlich als ein urbanes Elitenproblem oder einfach als Verlogenheit abtun. Damit steigt die Indolenz der Masse gegen den vielleicht auch mal berechtigen Vorwurf des Rassismus.

Dieser Mangel an Wahrhaftigkeit treibt die Radikalisierung voran und macht aus Mäusen Elefanten, aus Schamanen Vandalen und aus Komikern Rassisten.