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Nietzsche und die Kriege


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Ein Gastbeitrag von Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für politische Philosophe an der LMU München.

 

Nietzsche und die Kriege

Der Krieg in der Ukraine dauert jetzt zwei Jahre, halb so lange wie der Erste Weltkrieg und er scheint sich ähnlich zu entwickeln. Das Ganze ist mehr als peinlich für Russland, das nicht mal die Ukraine zu erobern vermag, was wiederum beruhigend für die EU wäre, deren Militärpolitiker sich indes davon gar nicht beruhigen lassen wollen, sondern eine ‚Zeitenwende‘ ausrufen. Die Politik darf sich nicht mehr am Frieden als Normalzustand orientieren, sondern am Ausnahmezustand, dem Krieg.

Vielleicht haben sie Nietzsche gelesen, der 1888 in der Götzen-Dämmerung schreibt: „Die Völker, die Etwas werth waren, werth wurden, wurden dies nie unter liberalen Institutionen; die grosse Gefahr machte Etwas aus ihnen, das Ehrfurcht verdient, die Gefahr, [. . .] die uns zwingt, stark zu sein.“ (Streifzüge, 38) Nietzsche ist nicht der einzige, der den Krieg als Wegbereiter der Tugend proklamiert. In Also sprach Zarathustra untermauert Nietzsche das: „Der Krieg und der Muth haben mehr große Dinge getan, als die Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verunglückten.“ (Vom Krieg und Kriegsvolke)

Von Seiten der Ukraine hieß es unlängst, man dürfe noch keinen Frieden schließen, der nur Russland erlaube, aufzurüsten um erneut anzugreifen. Dabei lässt sich eine spätere Aufrüstung schwerlich verhindern. Zwar ist es verständlich, dass das angegriffene, erheblich kleinere und viel schwächere Land einerseits Sicherheiten braucht, nicht wieder angegriffen zu werden und andererseits die russischen Eroberungen rückgängig machen möchte, wiewohl letzteres von Anfang an vermessen war.

Der Krieg in Gaza dauert seit dem Überfall der Hamas auch schon ein halbes Jahr. Die Zeiten, als Israel noch Blitzkriege führen konnte, sind offenbar vorbei. Freilich ist Blitzkrieg nur ein Mythos. Als die Nazi-Deutschen propagierten, solche zu führen, handelte es sich um eine nachträgliche Interpretation, die auch den Unterlegenen zupass kam. Denn Blitzkriege lassen sich nicht planen. Alle wollen den schnellen Sieg: die Russen, die Ukrainer, die Israelis und die Hamas kämpft bis zum Untergang. Niemand wird sein Ziel erreichen, nicht mal den Untergang.

Doch alle diese Ziele entsprechen einer Logik, die Kriege verschärft und unendlich verlängert. Die Frage stellt sich, ob es politisch verantwortungsvoll ist, einer solchen Logik zu folgen, d. h. ob ein Krieg nicht zu zerstörerisch ist, zu viele Opfer fordert, wenn man glaubt, ihn gewinnen zu müssen. Sollte man im Krieg nicht primär nach Wegen zum Frieden suchen, auch wenn man dazu unerfreuliche Kompromisse machen muss? (Weiterlesen)


10 Jahre HARP – die große Jubiläumsumfrage!


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Ein weiterer Beitrag in eigener Sache: Die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie wurde 2014 gegründet. Höchste Zeit, einmal ganz „halkyonisch“ inne zuhalten und zu reflektieren, was in den letzten Jahren gut lief, was schlecht – und vor allem, wohin die Reise gehen sollte. Wir hätten dazu gerne euer Feedback. Nehmt anonym an unserer Jubiläumsumfrage teil und gewinnt mit etwas Glück einen kleinen Preis. Die Teilnahme ist bis zum 30. 4. möglich.


Neues Blog-Projekt


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Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Buser World Music Forum präsentieren wir der Welt einen neuen Blog: Nietzsche POParts. Zeitgemässer Blog zu den Erkenntnissen Friedrich Nietzsches. Gemäß dem Motto „Sind nicht Worte und Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?“ möchte der Blog unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen, um einen Beitrag zur kritischen philosophischen Reflexion der Gegenwart im Geiste des Denkers zu leisten. Mit dabei sind „alte Bekannte“ wie Paul Stephan, Lukas Meisner, Michael Meyer-Albert und Hans-Martin Schönherr-Mann, aber auch zahlreiche neue Gesichter – und wöchentlich sollen neue Artikel hinzukommen. Wenn ihr diesen Blog mögt, solltet ihr dort unbedingt einmal einen Blick hineinwerfen und den Newsletter abonnieren.

Ein großer Teil unserer Blog-Aktivitäten wird also künftig dort stattfinden. Aber natürlich wird euch auch dieser Blog erhalten bleiben.


Das „Selbstbestimmungsgesetz“ – Fortschritt oder Rückschritt?


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Das „Selbstbestimmungsgesetz“ – Fortschritt oder Rückschritt?

Versuch einer philosophischen Einordnung

Von Paul-Gerhardt Stephan

I. Eine umkämpfte Reform

Das im allgemeinen Diskurs oft einfach kurz als „Selbstbestimmungsgesetz“ bezeichnete „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag und zur Änderung weiterer Vorschriften“ – im Folgenden als SBG bezeichnet1)Aus dem Selbstbestimmungsgesetz wird im Folgenden unter der Sigle „SBG“ zitiert. Bei Verweisen auf einzelne Paragraphen des eigentlichen Gesetzestexts wird nur die Paragraphennummer angegeben, bei solchen auf die Erläuterungen zum Gesetz auf die Seitenzahl des vom Kabinett beschlossenen Entwurfs. Bereits beschlossene Gesetze werden im Literaturverzeichnis nicht eigens nachgewiesen und unter Nennung des üblichen Kürzels und der entsprechenden Paragraphennummern zitiert. – wurde am 23. August 2023 vom Bundeskabinett beschlossen. Es soll, nachdem es den Bundestag passiert hat, zum 1. November 2024 in Kraft treten.2)Dieser Artikel wurde im November 2023 geschrieben und gibt den damaligen Stand des legislativen Prozesses wieder. (Es hat sich seitdem jedoch fast nichts getan.)

Fundstück im Leipziger Osten.

Diesem Gesetz ging eine jahrelange Debatte um das 1980 beschlossene und derzeit noch gültige, zuletzt 2017 aktualisierte, Transsexuellengesetz (TSG) voraus, das gewisse Bedingungen an eine Änderung des Geschlechtseintrags knüpft. Diese sind insbesondere die Zustimmung eines Gerichts, das seine Entscheidung auf der Grundlage von zwei voneinander unabhängigen Sachverständigengutachten zu treffen hat. Diese Gutachten müssen vor allem bestätigen, dass die antragstellende Person „sich auf Grund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben“  (TSG, § 1, Abs. 1) und dass  „mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich ihr Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird“ (ebd.). An diesem Verfahren wird kritisiert, dass es zu umständlich sei – etwa dadurch, dass die Antragsteller3)Ich gebrauche in diesem Artikel bewusst das generische Maskulinum, da er sich (1) kritisch mit der der ‚Gendersprache‘ zugrundliegenden Ideologie auseinandersetzt und da es in ihm (2) ja wiederholt um Menschen geht, die sich als ‚nicht-binär‘ verorten und die durch traditionelle Ausdrucksweise eleganter mitadressiert werden als durch umständliche Wortunterbrechungen, die noch dazu im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs immer auch das Bekenntnis zu jener problematischen Ideologie mit einschließen. Zu guter Letzt möchte ich (3), dass dieser Artikel sowohl von Befürwortern als auch von Kritikern des Gesetzes möglichst ohne unnötige Vorbehalte gelesen wird – die traditionelle Schreibweise erscheint mir in dieser Hinsicht gerade die ‚inklusivste‘ zu sein. die Verfahrenskosten i.d.R. selbst tragen müssen – und zu sehr in ihre Privatsphäre eingreife, da die Gutachter zu intimen Fragen der Sexualität und der Entwicklung der Wahrnehmung des eigenen Geschlechts Stellung nehmen müssten. Das SBG sieht nun so gut wie keine Hürden zur Änderung des Geschlechtseintrag mehr vor. Selbst in Deutschland lebende Staatsbürger anderer Länder mit dauerhaftem Aufenthaltsstatus sollen, sofern sie volljährig und voll geschäftsfähig sind, einfach zum Standesamt gehen und den Geschlechtseintrag inklusive des Vornamens durch eine bloße Willenserklärung ändern lassen können. Man muss diesen Termin nur mindestens drei Monate vorher beim Standesamt anmelden und es gilt danach eine einjährige Sperrfrist, ehe man eine erneute Eintragsänderung vornehmen kann. Ebenso ist es laut Art. 1, § 2, Abs. 4 in bestimmten Fällen nicht möglich, den Geschlechtseintrag ändern zu lassen, wenn ein baldiges Erlöschen des Aufenthaltstitels bevorsteht, um es zu erschweren, dadurch eine drohende Abschiebung zu verhindern. Die einzige weitere signifikante Einschränkungen liegen Art. 1, § 9 zufolge „im Spannungs- und Verteidigungsfall“ vor. Unmittelbar davor und währenddessen muss man juristisch gesehen ein Mann bleiben, „soweit es den Dienst mit der Waffe auf Grundlage des Artikels 12a des Grundgesetzes und hierauf beruhender Gesetze betrifft“. Die Eltern können Art. 1, § 3, Abs. 2 zufolge ohne weitere Prüfung durch Dritte für ihr Kind einen neuen Geschlechtseintrag beantragen.

Die Debatte zu diesem Gesetz – und ähnlichen Bestrebungen in anderen Ländern – ist äußerst hitzig. Während die einen eine staatliche Anerkennung von Transgeschlechtlichkeit grundsätzlich ablehnen, halten andere selbst noch die Bestimmungen dieses Gesetzes für zu rigide und würden sich eine noch weitgehendere Liberalisierung wünschen. Dabei ist festzuhalten, dass die Kritiker solcher Gesetze sich nicht unbedingt als politisch rechts verorten. Im Gegenteil gibt es eine lautstarke linke Kritik – international prominent vertreten etwa von der Autorin Joanne K. Rowling und in Deutschland der Zeitschrift Emma –, die in ihnen eine Aushöhlung feministischer Errungenschaften betrachtet und insbesondere eine Gefährdung weiblicher Schutzräume. Selbst solche Kritiker werden von Befürwortern dieser Gesetze massiv angegriffen und als „transfeindlich“ bezeichnet. Rowling etwa gilt in manchen Kreisen als reaktionäre persona non grata. (Weiterlesen)

Fußnoten

Fußnoten
1 Aus dem Selbstbestimmungsgesetz wird im Folgenden unter der Sigle „SBG“ zitiert. Bei Verweisen auf einzelne Paragraphen des eigentlichen Gesetzestexts wird nur die Paragraphennummer angegeben, bei solchen auf die Erläuterungen zum Gesetz auf die Seitenzahl des vom Kabinett beschlossenen Entwurfs. Bereits beschlossene Gesetze werden im Literaturverzeichnis nicht eigens nachgewiesen und unter Nennung des üblichen Kürzels und der entsprechenden Paragraphennummern zitiert.
2 Dieser Artikel wurde im November 2023 geschrieben und gibt den damaligen Stand des legislativen Prozesses wieder. (Es hat sich seitdem jedoch fast nichts getan.)
3 Ich gebrauche in diesem Artikel bewusst das generische Maskulinum, da er sich (1) kritisch mit der der ‚Gendersprache‘ zugrundliegenden Ideologie auseinandersetzt und da es in ihm (2) ja wiederholt um Menschen geht, die sich als ‚nicht-binär‘ verorten und die durch traditionelle Ausdrucksweise eleganter mitadressiert werden als durch umständliche Wortunterbrechungen, die noch dazu im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs immer auch das Bekenntnis zu jener problematischen Ideologie mit einschließen. Zu guter Letzt möchte ich (3), dass dieser Artikel sowohl von Befürwortern als auch von Kritikern des Gesetzes möglichst ohne unnötige Vorbehalte gelesen wird – die traditionelle Schreibweise erscheint mir in dieser Hinsicht gerade die ‚inklusivste‘ zu sein.

Spießer – Philister – Kleinbürger. Rezensionsnotiz zu „Das Spießerverdikt“ von Sonja Engel & Dominik Schrage


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Spießer – Philister – Kleinbürger

Rezensionsnotiz zu Das Spießerverdikt von Sonja Engel & Dominik Schrage

Der Inbegriff des Spießers: „Der Sonntagsspaziergang“ von Carl Spitzweg (1841).

 

Niemand möchte „spießig“ sein. Das Buch Das Spießerverdikt. Invektiven gegen die Mittelmäßigkeit der Mitte des 19. Jahrhunderts (Bielefeld 2022), verfasst von Sonja Engel und Dominik Schrage, geht der Frage nach, woher dieser seltsame Begriff des „Spießer“ – und seine Verwandten wie derjenige der mittlerweile aus der Mode gekommene des „Philisters“ und derjenige des „Kleinbürgers“ – eigentlich kommt und welche Funktion er im Diskurs des 19. Jahrhunderts spielte. (Weiterlesen)


Auf dem D-Zug ins „Herz der Finsternis“ – Kleine Rezensionsnotiz zu „Einzeln Sein“ von Rüdiger Safranski


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Diese Besprechung bezieht sich auf die 2021 bei Hanser erschienene Erstauflage des Buches, das jüngst bei S. Fischer neu aufgelegt wurde.

Auf dem D-Zug ins „Herz der Finsternis“

Kleine Rezensionsnotiz zu Einzeln Sein von Rüdiger Safranski

 

Es zeugt von dem guten Gespür des Verfassers für die Tendenzen des Zeitgeistes, dass der Bestseller-Autor Rüdiger Safranski seine neue Monographie ausgerechnet jetzt veröffentlichte. Was es bedeutet, einzeln zu sein, erfuhren die meisten von uns in den letzten beiden Jahren notgedrungen. Safranski liefert uns in seinem Buch Anhaltspunkte, um dieses Schicksal ganz nietzscheanisch in etwas umzumünzen, dass wir nicht nur als äußere Notwendigkeit hinnehmen, sondern auch bejahen können.

Er unternimmt dies, indem er den Leser mit auf eine Zeitreise quer durch die Geschichte der Philosophie des Einzeln-Seins nimmt, die ihn von der Renaissance bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts führt. Weder eine „durchgehende Geschichte“ (S. 10) möchte Safranski, trotz der gewählten chronologischen Reihenfolge, dabei erzählen noch eine „umfassende Theorie über das Einzeln-Sein“ (ebd.) entwickeln, sondern schlaglichtartig „Einzelfälle, die jeweils zu denken geben“ (ebd.) beleuchten. (Weiterlesen)


Sprache des Krieges – Teil 2


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Sprache des Krieges

Teil II: Lexik

Link zu Teil 1.

„Am Anfang war das Wort; und das Wort war bei Gott; und Gott war das Wort.“ So rief der christliche Gott dazu auf, das Leben durch Liebe zu kennen – so begann die Konstruktivität. Die Destruktivität des Diabolischen drückt sich auch in Worten aus, in Worten menschlicher Lügen und Manipulationen. Die letzte dieser Äußerungen lautete: „Wir starten eine Spezialoperation zur Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine.“ Dieses Oppositionsmuster ist keineswegs ein Appell an die Gefühle von Gläubigen oder Atheisten, sondern eine gewisse Betonung dessen, wie die Bedeutungen von Wörtern, die auf Menschlichkeit und Konstruktivität abzielen, heute verdreht werden und etwas ganz anderes bedeuten können. Ukrainerinnen und Ukrainer erleben die Bedeutung dieser Worte heute. (Weiterlesen)


Sprache des Krieges


von

Sprache des Krieges

Teil I: Phonetik

 

Ein Laut, ein Anlaut ist der Anfang der Sprache, ihre Grundlage und Verkörperung zugleich. Dies wird durch die Theorie der Linguistik bestimmt. Ein Anfang und eine Verkörperung der Phonetik des Krieges ist die Sirene. Der Krieg beginnt mit einem Sirenen-Anlaut und geht damit weiter. Die Sirene ist der Auftakt zum Konzert des Todes. Die Ukrainerinnen und Ukrainer erleben diese Tatsache gegenwärtig.

Der Krieg hat wohlgemerkt viele Stimmen: das Heulen von Militärflugzeugen, das Pfeifen von Raketen, das Dröhnen von Panzern. Schlimmer als dieses Trio ist nur das Timbre der Explosion: allumfassend, überwältigend, schicksalhaft. All dies sind Konsonanten der Sprache des Krieges. Noch beängstigender hingegen sind ihre Vokale: menschliches Weinen, Trauerschreie aus Verlust und die Unfähigkeit, sich zu wehren, aus Verzweiflung und Angst. Die Sirene, begleitet von einem Artillerieorchester oder anderen Konsonanten- und Vokalklängen, soll wie eine Pawlow-Glühbirne funktionieren: Es geht darum, einen Reflex von „Angst“ und „Gehorsam“ zu erzeugen. Auf diese Weise dämpft und erstickt die Stimme des Krieges häppchenweise die rationalen Fähigkeiten eines Menschen! (Weiterlesen)


Verteidigung der Romantik des Hoffens


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Ein Gastbeitrag des Leipziger Philosophen Jonas Pohler. Er hatte ihn zu unserem letzten Eos-Preis eingereicht, der der Frage galt „Was müssen wir hoffen?“. Da es sich jedoch um eine Aphorismensammlung und keinen regelrechten Essay handelt, haben wir uns dafür entschieden, diesen Text hier zu publizieren und nicht auszuzeichen. Wir wünschen unseren Lesern einen hoffnungsvollen Start ins neue Jahr und eine inspirierende Lektüre.

 

Verteidigung der Romantik des Hoffens

I

Als ich vor Kurzem auf einer Parkbank saß – es war ein Sommertag, der mehr einem Herbsttag glich – und darüber nachdachte, wie ich und die Menschen um mich herum sich in der Großstadt bewegen, kam mir eine merkwürdige Erkenntnis. Es ist eine nicht weiter überraschende und altbekannte: Nämlich, dass wir die Sklaven von Gewohnheiten sind. Dass ich und so viele andere immer dieselben Straßen entlang gehen, dieselben Orte besuchen, uns das Gleiche aussuchen, machen und planen. Auch wenn man mir wohl antworten wird: „Erzähl uns doch etwas Neues!“, so ist mir doch, dass wenn einer das Geheimnis der Gewohnheiten entlüften würde – und ich meine wirklich ihren Wahrheiten sich annähere, ihm würde vieles aufgehen: über den Menschen, über die Geschichte, vielleicht sogar über das Leben als solches.

Ich kam an diesem Nachmittag auf der Parkbank zu einem poetischen Schluss. Obwohl es immer die ungenausten und abstraktesten sind; sind es auch die wahrsten und menschlichsten:

Wir sind doch wie Pflanzen, auch wenn wir uns bewegen.

Wir wollen immer da sein – wie aus Gewohnheit und heimlichem Trieb –, wo Licht und frisches Wasser uns versprochen sind. Wie die Hand das Feuer fürchtet, ruht diese Hundeseele auf der Parkbank aus sich selbst, was heißt, Schmerz ist Schmerz und die Welt, die ist, ist gut. Ihr sind die Sinne untrüglich und unabscheulich – tut es weh, fährt sie zurück, muss sie fressen, frisst sie – das Träumen muss sie nicht erzwingen.

Dies Poetische träumt, das Selbst träumt. Es träumt unbeschreibliche Romane, deren Götter wir sind und Zeichner. Selbst Figuren, die noch gar nichts davon ahnen. Man lacht darüber. Man lässt es dabei bewenden. Es ist wie in eine Waschmaschine zu starren: einen sinnlosen Vortex, doch unheimlich befriedigend.

Danach hatte ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt wohl nur ein zweites Geheimnis, das noch entscheidender ist: das Geheimnis der Angst.

***

Gefragt wurde aber: Was müssen wir hoffen? – Mir liegt nichts ferner, als auf eine solche Frage akademisch zu antworten, weil es in erste Linie keine akademische Frage ist. Auch deshalb ist sie so wichtig. An dieser Stelle gibt es kein ‚Wenn und Aber‘.

So viel sei gesagt: Die Lösung dieser Frage ist mit dem zweiten Geheimnis, dem der Angst, verbunden. Man muss erwähnen, wem das Geheimnis nicht selbst eines ist, dem sind viele Fragen zu stellen. Zuerst die, ob die Kategorie ‚Geheimnis‘ aus seinem Denken schon verbannt ist. Das ist nicht nur zu bemitleiden, sondern philisterhaft. Wer schon glaubt, dass es keine Geheimnisse gäbe, den darf die Realität Lügen strafen oder wie Dostojewski in »Schuld und Sühne« schreibt:

Die Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur hat keinen Platz! […] Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozess, – sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige Seele ist rückschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, – sie ist dafür nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht empören. […] Mit der Logik allein kann man nicht die Natur überspringen! Die Logik will drei Fälle voraussetzen und es gibt ihrer eine Million! Soll man die ganze Millionen Fälle abschneiden und alles bloß zur Frage des Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die Hauptsache – man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis findet auf zwei Druckbogen Platz! 1)Aus dem Russ. übertr. v. M. Feofanoff. Frechen: Komet 2000. S. 212 (Weiterlesen)

Fußnoten

Fußnoten
1 Aus dem Russ. übertr. v. M. Feofanoff. Frechen: Komet 2000. S. 212

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Wir wünschen allen unseren Lesern eine besinnliche Festzeit.

Ihre Eisvögel

(Foto: Timo Klostermeier | CC-BY 2.0)