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Verteidigung der Romantik des Hoffens

Ein Gastbeitrag des Leipziger Philosophen Jonas Pohler. Er hatte ihn zu unserem letzten Eos-Preis eingereicht, der der Frage galt „Was mĂŒssen wir hoffen?“. Da es sich jedoch um eine Aphorismensammlung und keinen regelrechten Essay handelt, haben wir uns dafĂŒr entschieden, diesen Text hier zu publizieren und nicht auszuzeichen. Wir wĂŒnschen unseren Lesern einen hoffnungsvollen Start ins neue Jahr und eine inspirierende LektĂŒre.

 

Verteidigung der Romantik des Hoffens

I

Als ich vor Kurzem auf einer Parkbank saß – es war ein Sommertag, der mehr einem Herbsttag glich – und darĂŒber nachdachte, wie ich und die Menschen um mich herum sich in der Großstadt bewegen, kam mir eine merkwĂŒrdige Erkenntnis. Es ist eine nicht weiter ĂŒberraschende und altbekannte: NĂ€mlich, dass wir die Sklaven von Gewohnheiten sind. Dass ich und so viele andere immer dieselben Straßen entlang gehen, dieselben Orte besuchen, uns das Gleiche aussuchen, machen und planen. Auch wenn man mir wohl antworten wird: „ErzĂ€hl uns doch etwas Neues!“, so ist mir doch, dass wenn einer das Geheimnis der Gewohnheiten entlĂŒften wĂŒrde – und ich meine wirklich ihren Wahrheiten sich annĂ€here, ihm wĂŒrde vieles aufgehen: ĂŒber den Menschen, ĂŒber die Geschichte, vielleicht sogar ĂŒber das Leben als solches.

Ich kam an diesem Nachmittag auf der Parkbank zu einem poetischen Schluss. Obwohl es immer die ungenausten und abstraktesten sind; sind es auch die wahrsten und menschlichsten:

Wir sind doch wie Pflanzen, auch wenn wir uns bewegen.

Wir wollen immer da sein – wie aus Gewohnheit und heimlichem Trieb –, wo Licht und frisches Wasser uns versprochen sind. Wie die Hand das Feuer fĂŒrchtet, ruht diese Hundeseele auf der Parkbank aus sich selbst, was heißt, Schmerz ist Schmerz und die Welt, die ist, ist gut. Ihr sind die Sinne untrĂŒglich und unabscheulich – tut es weh, fĂ€hrt sie zurĂŒck, muss sie fressen, frisst sie – das TrĂ€umen muss sie nicht erzwingen.

Dies Poetische trĂ€umt, das Selbst trĂ€umt. Es trĂ€umt unbeschreibliche Romane, deren Götter wir sind und Zeichner. Selbst Figuren, die noch gar nichts davon ahnen. Man lacht darĂŒber. Man lĂ€sst es dabei bewenden. Es ist wie in eine Waschmaschine zu starren: einen sinnlosen Vortex, doch unheimlich befriedigend.

Danach hatte ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt wohl nur ein zweites Geheimnis, das noch entscheidender ist: das Geheimnis der Angst.

***

Gefragt wurde aber: Was mĂŒssen wir hoffen? – Mir liegt nichts ferner, als auf eine solche Frage akademisch zu antworten, weil es in erste Linie keine akademische Frage ist. Auch deshalb ist sie so wichtig. An dieser Stelle gibt es kein ‚Wenn und Aber‘.

So viel sei gesagt: Die Lösung dieser Frage ist mit dem zweiten Geheimnis, dem der Angst, verbunden. Man muss erwĂ€hnen, wem das Geheimnis nicht selbst eines ist, dem sind viele Fragen zu stellen. Zuerst die, ob die Kategorie ‚Geheimnis‘ aus seinem Denken schon verbannt ist. Das ist nicht nur zu bemitleiden, sondern philisterhaft. Wer schon glaubt, dass es keine Geheimnisse gĂ€be, den darf die RealitĂ€t LĂŒgen strafen oder wie Dostojewski in »Schuld und SĂŒhne« schreibt:

Die Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur hat keinen Platz! [
] Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozess, – sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige Seele ist rĂŒckschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, – sie ist dafĂŒr nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht empören. [
] Mit der Logik allein kann man nicht die Natur ĂŒberspringen! Die Logik will drei FĂ€lle voraussetzen und es gibt ihrer eine Million! Soll man die ganze Millionen FĂ€lle abschneiden und alles bloß zur Frage des Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die Hauptsache – man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis findet auf zwei Druckbogen Platz! 1)Aus dem Russ. ĂŒbertr. v. M. Feofanoff. Frechen: Komet 2000. S. 212

Da capo

Der Mensch braucht heute an fast nichts glauben, als an das Geld, die Arbeit und den eigenen Körper. Heißt: sich selbst und seine FĂ€higkeit, Produktionsleistung fĂŒr einen ungewissen und anonymen Markt zu entĂ€ußern – einem gesichtslosen Ding, Teil Mensch, Teil WĂ€hrung, Handlung, Material und Lohn, das auch er selbst ist.

Der Rest stellt sich fĂŒr die Ratio nur als Anhang und Ornament dar. Kultur als Selbstzweck im engeren Sinne, aber keineswegs dem spießbĂŒrgerlichen, hat sich in die Kulturindustrie bis zuletzt verflĂŒchtigt. Das kann noch nicht schockieren. Kultur existiert in der Nische weiter. Und die Epoche der DĂ©cadence, in der wir wieder leben – neben vielen anderen vordringlich – ist ebenfalls kein neues PhĂ€nomen.

In den klassischen Begriffen der Ethik sind die globalisierten und diversen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts, das so jung schon von dem klimatischen Untergang bedroht ist, nicht zu denken. Wer Beobachtungsgabe besitzt und sich auch der Selbstkritik auszusetzen fĂ€hig ist, wird erkennen und konstatieren mĂŒssen, dass Gerechtigkeit, Liebe, Pflicht, Wahrheit und Fortschritt der Menschheit nicht die maßgebenden Faktoren des Weltlaufes sind.

Auch mit einer schwarzen, stumpfen, dummen Seele kann man seine siebzig, achtzig Pirouetten Leben auf der Erde verschwenden und gemeinhin merkt keiner den Unterschied zwischen den Töpfchen und Kröpfchen. Man kommt auch gut durchs Leben, ohne ein einziges Mal in den Spiegel geschaut zu haben, wie schwarz auch immer der sei.

Kurzum: Es gibt kein Karma, keinen Gott, der die guten gegen die bösen Menschen, die guten gegen die bösen Taten wiegt, sondern nur einen gewaltsamen Kampf um Macht von Marktsubjekten, die mehr oder weniger erfolgreich und organisiert ihre materiellen und ideologischen Interessen durchzusetzen imstande sind. Der Markt und die ihm innewohnende Tendenz zur Verdinglichung aller menschlichen Eigenschaften hat alle Werte, die kein satter Magen, anmaßende Zufriedenheit oder ein den oktroyierten Idealen entsprechendes Dasein sind, nivelliert. Die „Leistungsgesellschaft“ ist uns GegenwĂ€rtigen ein totĂ€ugiger Götze geworden.

Die entsetzliche, am Boden gebliebene Wahrheit ist das Opium der Kommunalpolitik, das Feierabendbier und die BehĂ€bigkeit eines immer Ă€lteren, immer gesetzter werdenden Deutschlands, das so mĂŒde ist und lethargisch, dass es nicht einmal merkt, wie es schon in der Nachhölle brĂ€t, die durch ein nur Ă€ußerliches Band juristischer Rechte und Strafen eisern zusammengehalten wird.

Auf der anderen Seite sind die immer sinnloser werdenden AktivitĂ€ten und das Geplapper, vielleicht linker oder linksliberaler Zirkel, das so wenig praktisch wie theoretisch revolutionĂ€r ist, dass selbst die wenigen erotischen Progressionen und QualitĂ€ten, die hier im Vergleich zum Rest der Gesellschaft noch vorhanden sind, ĂŒber die eigentlich persönlichen – und nicht kosmopolitischen – Motive, vom Kampf um Prestige und Status innerhalb der Szene, nicht zu reizen fĂ€hig sind. Noch die besten Gedanken, die herzlichsten und aufrichtigsten Gesten geraten unter der Hand des Etablierten und der Realos zur Kampfhandlung; oder schlimmer: zum Nichts.

 

Wir GegenwĂ€rtigen definieren Freiheit als den Zustand, der nicht Arbeit bedeutet und nicht im GefĂ€ngnis zu sitzen. Freiheit ist ins Internet zu gehen, sich dort Werbung anzuschauen und danach darĂŒber zu schreiben, was man dabei gedacht und empfunden hat. Wir haben keinen positiven Freiheitsbegriff, was heißt, uns ist die wertvolle ‚Ressource‘ Fantasie abhandengekommen. Falls so etwas in Deutschland in grĂ¶ĂŸerem Umfang je existiert hat. Und sich nicht – wie Hollywood und die großen Fernsehproduzenten, jetzt Netflix & Co. – ebenfalls dem Markt wohlfeil bietet.

Unvergleichlich sind die Geschwindigkeit und die Ausmaße, mit denen sich Kunst – TrĂ€gerin aller WĂŒrde, heute als Konsumgut durch die Digitalisierung reproduziert – adaptiert und austauscht. Ich tippe meine EinfĂ€lle in ein Smartphone, eine Rechenmaschine, die sich in wenigen Jahren ĂŒber den gesamten Globus ausgebreitet und innerhalb einer Generation fast die gesamte Menschheit an sich gebunden hat. Es wĂ€chst eine Armee vom Neoliberalismus indoktrinierter Subjekte heran, bestehend aus internetsĂŒchtigen MitlĂ€ufern und streut ihren Geist in alle Winkel der Erde – nichts und niemand bleibt unaffiziert.

Es gibt keinen Grund zu Courage, wo sie zum Bildungs- oder Reflexionskapital degeneriert. Die AI erobert die Hegemonie, das zuströmende Kapital transmutiert die gegenwÀrtigen Ideen, Körper, Geister und Seelen.

Um des Aufstiegs der Kultur und des wachsenden Wohlstands willen wird man viel erwidern wollen. – Doch das GrundgefĂŒhl der Moderne und fĂŒr uns meiste, die wir nicht kultiviert sind, bleibt das GefĂŒhl des Fallens. Nie schneller als heute in Zeiten des Internets blitzen vor unseren Augen und unserem Geist die kleinen Bilder von Kunst und Kultur, mediale GefĂ€ngnisse der Menschenseele und des Talents, vorĂŒber. Dass die Seele, die einmal Garant alles Menschlichen und all seiner WĂŒrde war, sich zunehmend quantifiziert, ist nichts weniger als makaber und monströs. Es ist nur ein kleiner Trost, dass auch dieser Zustand zu Ende geht und ein so sichtbares Zwischenstadium darstellt.

***

Die kritische Theorie und zuvor die Romantik hatten der Kunst die erlösende Wirkung ĂŒbertragen, die ehemals der Religion zukam. Unsere Religionen sind andere, sind leidenschaftlichste Götzendienste – nunmehr wahre Götter.

***

Gefragt wurde in dieser Hinsicht: Wo sind heute die „Front“ und das „Novum“? Wo die Avantgarde? – Vorsicht vor denen, die eine Antwort auf alle Fragen haben, sagt Bukowski in »The Genius of the crowd« und dazu:

Beware
Those Who
Are ALWAYS
READING
BOOKS […]
BEWARE Those Who
Are Quick To
Censure:
They Are Afraid Of
What They Do
Not know

Man kann natĂŒrlich versuchen, das Novum, die Revolution, die Avantgarde zu suchen, aber diese Begriffe gebraucht die Allgemeinheit seit rund vierzig Jahren nicht mehr. Man muss sich fragen, wo soziale und geistesgeschichtliche und intellektuelle Entwicklung wirklich stattfindet. Wo spielt die freie Fantasie?

Einfache Antwort: nicht in der Literatur, nicht im Zeitgenössischen, nicht auf dem Buchmarkt, nicht in der Zeitung, nicht in der Öffentlichkeit! Der heute verbreiteten belletristischen Literatur, die das Leben nicht lebt, das sie darstellt (mag es auch ein Intellektuelles sein), gehen die Luft und der Stoff aus. Sie erstickt in Reflexion und wirkt papiern. Ihr krankt am Erlebnis und eigener Praxis. Die Reportage- und Reiseliteratur wiederum leidet an einem Mangel an philosophischer Reflexion und wirkt oft schal, sie vermisst die GrenzĂŒberschreitung.

Man darf ĂŒber Buchpreise, Sendungen und Bestsellerlisten nicht sprechen, da QualitĂ€t inzwischen nur dem entspricht, was Buchagenturen fĂŒr die Konsumenten als hinreichenden Kaufanreiz vermarktbar zu machen fĂ€hig sind. Insofern ist Literatur das, was die Makler untereinander dafĂŒr erklĂ€ren und rechtfertigen können.

***

Vielleicht steckt das Novum in der halblauten Replik. Also dem ungeplanten, spontanen Konter, der Gerechtigkeit beinhaltet, ohne zu unterdrĂŒcken. Bloch nannte das Schemen oder EinfĂ€lle ‚linker Hand‘ – er hat das Konzept leider nicht weiterverfolgt und die Psychoanalyse hat es biologistisch eingeebnet – stattdessen gibt es (psychologische) Kreativworkshops, die gar nicht kreativ sind.

 

II

Ad Acta

Weder sich mit der Welt, wie sie ist, zu arrangieren, noch der Vergangenheit nachzutrÀumen; nie stehen zu bleiben und immer offen zu sein; die fortlaufende ModernitÀt mitzuverfolgen und zu gestalten, ohne ihr Erbe hinter sich zu lassen, war immer das Anliegen Blochs, man möchte sagen, der springende Punkt.

Gegen Bloch wiederum ist der Pessimismus zu denken, der sich nicht aus der SubjektivitĂ€t, sondern aus der Wirklichkeit speist. Aus der realen Entfremdung, Langeweile und Stumpfheit. Und doch, im Pessimismus nicht zu verharren, als Ă€ußerstem Abgrund, sondern ihn als Vorzeichen fĂŒr das Richtige zu begreifen. Bloch hat gerne Spinoza zitiert, hier heißt es nur anders: falsum index sui et veri. Wie könnte man ohne Dunkelheit das Licht erkennen?

***

Die Liebe ist trotz allem und bleibt als der kategorische Imperativ des Ideals, nicht gegen Kant, sondern ĂŒber Kant hinaus. Er ist ihr Tor in die Wirklichkeit, das, ohne die Hoffnung und den Glauben an sie, nicht offen stĂŒnde.

***

Zu fragen ist auch nach der Alternative, dem Hoffnungslosen, es schreibt sich leicht, ist aber schwer zu ertragen: Was ist das Gegenteil von Hoffnung? – Verdammnis, Einsamkeit, UnabĂ€nderlichkeit, Ewigkeit, Endlichkeit? – Hoffnung ist vage, fragil, undeutlich. Ein Nebelhorn, von den man nach wenigen Minuten nicht mehr weiß, ob man es wirklich gehört hat.

 

Deswegen ist sie ein Grenzbegriff, Zwitterwesen, Hermaphrodit, eine pechregnende Feuerwolke. – Nein, das Gegenwort zu Hoffnung lautet Angst. Wer darĂŒber nachdenkt wird die irrwitzigsten Gemeinsamkeiten finden, wie die zwischen Angst und Freude. Was nun den Pessimisten von dem Optimisten unterscheidet, ist, dass ersterer stĂŒrzt und mit ihm seine HĂ€nde, die er nach Hilfe ausstreckt und mit ihm die ganze Welt. Wenn zweiterer stĂŒrzt, schreit auch er, bloß, dass ihm, der hofft, noch die Hand, die er ausstreckt, nach ihm sich ausstreckt und nicht schon fortgerissen ist.

Um es anhand eines Bildes zu veranschaulichen: StĂŒrzen auch beide in eine angstvolle Ewigkeit und greifen nach einem Halt, so kann er beiden zu Staub werden – zu Fata Morgana und Windhauch. Doch nur dem Hoffenden mag sie der Widerstand werden, der den Fallenden vorm eigenen Abgrund und dem der Welt rettet.

Das mag nun wenig erscheinen und ist es auch. Aber um einer Freundschaft willen mag das ganze Menschenwerk gut sein und rettest du einen Menschen, so ist es, als hÀttest du die ganze Menschheit gerettet, wie die rabbinische Weisheit sagt.

***

Wer die Hoffnung aufs Absolute aufgibt, und wenn man sie nur in die Tiefen des Geistes, des Herzens oder der Seele versenkt hat, der ist schon unterworfen. Dass man diese Orchidee verteidigen muss, steht außer Frage, warum man sie zertrampelt, will ich nicht wissen. Der Sozialismus hat das genauso gemacht, wie die „rationale“ Marktwirtschaft, die beide, was nicht Kartoffel ist, und Schwein heißt, ausreißen.

Kant fragt zwar „Was darf ich hoffen?“, aber fragen wir nach den Selbsterhaltungsbedingungen der Hoffnung, betreten wir anderen Boden als den des kategorischen Imperativs. Was geben, die BlĂŒte zu schĂŒtzen? – Das ist die ganze Frage der philosophischen Ethik.

Man möchte antworten: alles. Mein ganzes Herz und meine ganze Seele und wĂŒrde lĂŒgen. Zwar sind wir schon Agenten der BlĂŒte, was heißt der „Kunst und Kultur“, aber zu erhalten ist sie nicht als stumpfes Prinzip, sondern in ihrem subtilen Wesen (wem es lieber ist, ihren subversiven Wirkungsweisen) – das heißt, in ihrer leibhaften Herzlichkeit, der schönen Weisheit und ihrem vergeltenden Tanz.

Als Selbstzweck braucht sie nicht erhalten werden, wobei dadurch erst viel von dem, was ich meine, entstehen konnte, ja die Bedingung des Bedingungslosen zu sein scheint. Sie lĂ€sst sich auch nicht erzwingen, wenngleich ihr, solange sie immateriell bleibt, nur KrokodilstrĂ€nen nachzuweinen sind. Auch aus Pflicht ist große Kunst entstanden, ist Hoffnung entstanden! – Aber nehmen wir die Frage ernst. Fragen wir uns bei Nacht, wenn alles still ist und dunkel, und der Kopf hĂ€mmert gegen die zu engen WĂ€nde. Und dann ist da die Leere: Was mĂŒssen wir hoffen?

Wir spĂŒren nicht nur Krampf, sondern Verzweiflung. Eigentlich nicht einmal das, die Frage erĂŒbrigt sich. Wer denkt abends, wenn er allein im Bett liegt, schon an Hoffnung?

***

Die Ärmsten, die Furchtvollsten und Ärgsten hatten es immer auszubaden, die mit DĂ€monen sprechen, ohne welche zu sein. Sie zertraten die Stiefel der Streitenden immer zuerst und die Wunden lecken sie sich nur gegenseitig, so armselig tierisch sie auch erscheinen mĂŒssen. – Hoffnung ist eine christliche Sache. An sie erging der Heilandsruf, der, wenn man auch ausspucken muss ĂŒber die Kirche und ihre AnhĂ€nger, nach ungebrochener Schönheit und menschlicher WĂ€rme klingt:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mĂŒhselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmĂŒtig und von Herzen demĂŒtig; so werdet ihr Ruhe finden fĂŒr eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.2)(Mt. 11, 28-30

***

Es ist wie der Fisch im Wasser, wie der, der auf einem Boot im Meer schwimmt, und dabei an das Meer denkt. Irgendwann, irgendwann in der Nacht und man ist ermĂŒdet und die KĂ€mpfe vorĂŒber. Und die Freunde sind tot und man selbst wohl gestorben und doch da. Da hofft man einfach. – Wie nach einem Wolkenbruch ein Sonnenstrahl, als wĂ€re man aus dem Schlaf aufgewacht – da ist er einfach da, als wĂ€re er durch ein Nadelöhr geschlĂŒpft, ein guter Gedanke. Irgendein Gedanke, eine gute Sache, ein Vorhaben, eine Zukunft. Und dann in einem zweiten Schritt sagt man sich, das ist Hoffnung. Sie ist also der unsichtbare Boden, auf dem das wuchs.

***

Bloch sagt, Hoffnung kann enttĂ€uscht werden. – Hoffnung kann ErfĂŒllung finden. Was ist das, ErfĂŒllung? – Es sind die zarten TrĂ€ume, die Wirklichkeit geworden sind und nicht verhindert wurden. Nicht mehr zart wie die Hoffnung, da in ihr alle TrĂ€ume noch werden.

Eine Philosophie der ErfĂŒllung, so etwas ist noch nicht geschrieben worden. Deswegen blickt man trĂŒb in die Vergangenheit, denkt man einmal darĂŒber nach. ErfĂŒllung, das ist vorlĂ€ufig nur Kunst und Poesie. – Die zarten Sonnengesichter des Mondes, die freundlich schauen. ErfĂŒllung ist ein Hauch, der aber nichts ĂŒbriglĂ€sst, satt macht fĂŒr den Moment. Lange satt macht und doch, nur fĂŒr Tage eigentlich.

 

Bekanntermaßen hat Bloch den Inhalt seiner Philosophie offengelassen. Das macht ihn zu einem großen Denker, denn er setzte gleichzeitig alles daran, gerade diesen als Absolutes zu zementieren: – Wir mĂŒssen also hoffen, auf die Dinge, auf die wir immer hoffen mussten: die wahre Liebe, die echte Freundschaft und die unsterbliche Schönheit. Doch mĂŒssen wir die Frage – unglĂŒcklicherweise – zurĂŒcknehmen. Wer Hoffnung verordnet, nimmt ihr ihren Blumenduft. Es gab nie das Prinzip Hoffnung, aber die Hoffnung auf Prinzipien. Hoffnung, das ist zuletzt ein epistemisches Problem, dann ein Affekt, aber zuerst die liebevollste Entscheidung. Wir ZukĂŒnftigen brauchen nicht nur eine progressive Universalpoesie, sondern eine radikale Globalpoesie.

Worauf mĂŒssen wir hoffen? – auf VerĂ€nderung! Wer mir nicht glaubt, der darf sehen, wie selbst eine eingebildete Praxis, alles um einen herum zerberstet. Schönheit, Liebe und Freundschaft ließen stets alles um sie herum in Flammen aufgehen – selbst die tĂ€gliche Arbeit. Zumindest, wo Liebe keinen Tropfen Gift mehr in sich hat. Nur wahnsinnig daran werden, am Feuer oder der arktischen KĂ€lte dieser Welt, tötet.

 

Die Gewohnheit erstickt das Hier und Jetzt in der Vergangenheit, die Angst und der Hedonismus opfern es unserem tierischen Selbst. Letzteres ist nicht verwerflich, denn wie die Tiere sterben wir ab von dieser Erde und inter fecis et urinam nasimur. Doch uns kann es nicht genĂŒgen, denn der Mensch erbte nicht nur die Reflexion und den Geist, sondern auch einen höheren Genuss:

Gott ernĂ€hre seine Welt nicht, er habe sie ohne Nahrung ausgesetzt. Das Kind aber mĂŒsse essen und trinken, so sei denn die von Außen, von Gott her nicht ernĂ€hrte Materie dazu verflucht, sich selbst zu ernĂ€hren und im ewigen Stoffwechsel sich selber aufzufressen und zu verdauen. Es liege dem Leben ein alles durchdringender â€șKannibalismusâ€č zugrunde. Die Natur empfinde vor dem ihr innewohnenden Kannibalismus ein Grauen, [
]: â€șDer Mensch unterscheidet sich von der ĂŒbrigen Natur nicht durch die Vernunft, sondern durch den Appetit.â€č Er sei das einzige Wesen, das sich ernĂ€hre, nicht allein um den Hunger zu stillen, sondern um seine Lust zu ergötzen. Zugleich mit der â€șSĂŒndeâ€č habe der Mensch die â€șWĂŒrzeâ€č erfunden. 3)Franz Werfel. Der Abituriententag. Frankfurt a. M. 2009 (Fischer: 13. Auflage). S. 112

Das Jetzt auch nicht der Zukunft zu opfern – es ist der schlimmste Topos neoliberaler Ideologie: ewiges Dulden, braves Warten, kleine Schritte machen, das große Ganze achten. – Nein, das neue Leben beginnt in diesem Augenblick: Incipit Vita Nova.

 

 

Fußnoten

Fußnoten
1 Aus dem Russ. ĂŒbertr. v. M. Feofanoff. Frechen: Komet 2000. S. 212
2 (Mt. 11, 28-30
3 Franz Werfel. Der Abituriententag. Frankfurt a. M. 2009 (Fischer: 13. Auflage). S. 112

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  1. HARP › Ergebnis des Eos-Preis 2022 on Montag, April 10, 2023 at 12:11

    […] Eine weitere, nicht ausgezeichnete, Einreichung in Gestalt der Aphorismensammlung Verteidigung der Romanik des Hoffens von Jonas Pohler haben wir bereits auf dem HARPblog publiziert (Link). […]

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