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Nietzsche und die Kriege

Ein Gastbeitrag von Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor fĂŒr politische Philosophe an der LMU MĂŒnchen.

 

Nietzsche und die Kriege

Der Krieg in der Ukraine dauert jetzt zwei Jahre, halb so lange wie der Erste Weltkrieg und er scheint sich Ă€hnlich zu entwickeln. Das Ganze ist mehr als peinlich fĂŒr Russland, das nicht mal die Ukraine zu erobern vermag, was wiederum beruhigend fĂŒr die EU wĂ€re, deren MilitĂ€rpolitiker sich indes davon gar nicht beruhigen lassen wollen, sondern eine ‚Zeitenwende‘ ausrufen. Die Politik darf sich nicht mehr am Frieden als Normalzustand orientieren, sondern am Ausnahmezustand, dem Krieg.

Vielleicht haben sie Nietzsche gelesen, der 1888 in der Götzen-DĂ€mmerung schreibt: „Die Völker, die Etwas werth waren, werth wurden, wurden dies nie unter liberalen Institutionen; die grosse Gefahr machte Etwas aus ihnen, das Ehrfurcht verdient, die Gefahr, [. . .] die uns zwingt, stark zu sein.“ (StreifzĂŒge, 38) Nietzsche ist nicht der einzige, der den Krieg als Wegbereiter der Tugend proklamiert. In Also sprach Zarathustra untermauert Nietzsche das: „Der Krieg und der Muth haben mehr große Dinge getan, als die NĂ€chstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die VerunglĂŒckten.“ (Vom Krieg und Kriegsvolke)

Von Seiten der Ukraine hieß es unlĂ€ngst, man dĂŒrfe noch keinen Frieden schließen, der nur Russland erlaube, aufzurĂŒsten um erneut anzugreifen. Dabei lĂ€sst sich eine spĂ€tere AufrĂŒstung schwerlich verhindern. Zwar ist es verstĂ€ndlich, dass das angegriffene, erheblich kleinere und viel schwĂ€chere Land einerseits Sicherheiten braucht, nicht wieder angegriffen zu werden und andererseits die russischen Eroberungen rĂŒckgĂ€ngig machen möchte, wiewohl letzteres von Anfang an vermessen war.

Der Krieg in Gaza dauert seit dem Überfall der Hamas auch schon ein halbes Jahr. Die Zeiten, als Israel noch Blitzkriege fĂŒhren konnte, sind offenbar vorbei. Freilich ist Blitzkrieg nur ein Mythos. Als die Nazi-Deutschen propagierten, solche zu fĂŒhren, handelte es sich um eine nachtrĂ€gliche Interpretation, die auch den Unterlegenen zupass kam. Denn Blitzkriege lassen sich nicht planen. Alle wollen den schnellen Sieg: die Russen, die Ukrainer, die Israelis und die Hamas kĂ€mpft bis zum Untergang. Niemand wird sein Ziel erreichen, nicht mal den Untergang.

Doch alle diese Ziele entsprechen einer Logik, die Kriege verschĂ€rft und unendlich verlĂ€ngert. Die Frage stellt sich, ob es politisch verantwortungsvoll ist, einer solchen Logik zu folgen, d. h. ob ein Krieg nicht zu zerstörerisch ist, zu viele Opfer fordert, wenn man glaubt, ihn gewinnen zu mĂŒssen. Sollte man im Krieg nicht primĂ€r nach Wegen zum Frieden suchen, auch wenn man dazu unerfreuliche Kompromisse machen muss?

Das sieht Nietzsche freilich ganz anders. Wie proklamiert er in Also sprach Zarathustra: „Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen.“ (Ebd.) So hat denn fĂŒr Nietzsche der Staat auch nicht die Aufgabe das Leben seiner Bevölkerung zu schĂŒtzen. Das ist fĂŒr ihn eine liberale Verirrung. Denn Nietzsche schreibt 1872 in Der griechische Staat, „dass der Staat nicht auf der Furcht vor dem KriegsdĂ€mon als Schutzanstalt egoistischer Einzelner gegrĂŒndet ist, sondern in Vaterlands- und FĂŒrstenliebe einen ethischen Schwung aus sich erzeugt, der auf eine viel höhere Bestimmung hinweist.“ (Abs. 3)

Wenn man einen Blick auf die Geschichte der letzten Kriege wirft, so behĂ€lt Nietzsche damit recht, hat sich seit dem 19. Jahrhundert kaum etwas verĂ€ndert: Die Staaten fĂŒhren Kriege, so lange wie sie sie brauchen. Im Iran-Irak-Krieg 1980-1988 – der Aggressor war der Irak – wollte die iranische FĂŒhrung jahrelang keinen Frieden. Geringe Erfolge ließen sie vom Sieg trĂ€umen und innenpolitisch stabilisierte sich durch den Krieg das islamische Revolutionsregime von Khomeini. Der heutige religiöse FĂŒhrer des Iran Chamenei, damals oberster Kriegsherr, erklĂ€rte zwei Jahre nach Kriegsbeginn: „Der Krieg wird bis zum letzten Blutstropfen weitergefĂŒhrt.“ Mit der richtigen Religion im Kopf oder dem eigenen Land im RĂŒcken darf man alle opfern. Die SchĂ€tzungen der Toten liegen zwischen einer halben und einer Million und am Ende blieben die Vorkriegsgrenzen unverĂ€ndert bestehen. Die US-Beteiligung am Vietnamkrieg dauerte mehr als ein Jahrzehnt. Etwa so lang versuchte die Sowjetunion in den achtziger Jahren vergeblich Afghanistan zu beherrschen, von der spĂ€teren viel lĂ€ngeren BemĂŒhung der USA und ihrer VerbĂŒndeten dort ganz zu schweigen. Und viele andere mehr.

Die unzĂ€hligen Opfer dieser Kriege wĂ€ren schwerlich Nietzsches Problem, auch wenn man ihm zugutehalten muss, dass er die Massenkriege nicht mehr miterlebt hat. Stattdessen erscheint fĂŒr Nietzsche der Staat auf eine militĂ€rische Ordnung gegrĂŒndet, so dass Kriege diese Ordnung stabilisieren. Er schreibt, „daß durch den Krieg und im Soldatenstande uns ein Abbild, oder gar vielleicht das Urbild des Staates vor Augen gestellt wird. Hier sehen wir, als allgemeinste Wirkung der Kriegstendenz, eine sofortige Scheidung und Zerteilung der chaotischen Masse in militĂ€rische Kasten, aus denen sich pyramidenförmig auf einer allerbreitesten sklavenartigen untersten Schicht, der Bau der kriegerischen Gesellschaft erhebt.“ (Ebd.)

Nietzsche versteht den Staat aus militĂ€rischer Perspektive, eine im 19. Jahrhundert weit verbreitete Vorstellung. Gleichheit kann es im Staat nicht geben, sondern nur eine hierarchische Ordnung, die fĂŒr Nietzsche ihr Vorbild im MilitĂ€r hat, das in jener Gesellschaft denn auch den Ton angab und gegen den egalitĂ€ren Geist von Liberalismus und Sozialismus gerichtet war, der bis heute noch viel stĂ€rker wurde, aber seit dem Wort von der ‚Zeitenwende‘ an sein Ende gekommen scheint, was der deutsche Bundesverteidigungsminister auch verkörpert. Ist er etwa Nietzscheaner und fĂŒhlt sich als militĂ€risch politischer Genius, der fĂŒr Nietzsche als FĂŒhrer notwendig ist? Schwerlich! Nein, Nietzsche beschreibt, was der Fall ist.

Auch in der Antike gab es lange Kriege: der zehnjĂ€hrige Trojanische Krieg beispielsweise oder der Peloponnesische Krieg ĂŒber ein Viertel Jahrhundert. FĂŒr Nietzsche hat der Krieg sogar eine erotische Dimension, wenn er schreibt: „[W]irklich kennt die Geschichte kein zweites Beispiel [. . .] einer so unbedingten Hinopferung aller anderen Interessen im Dienste dieses Staateninstinktes [. . .], woher nimmt er seine Entschuldigung vor dem Richterstuhle der ewigen Gerechtigkeit? Stolz und ruhig tritt der Staat vor ihn hin: und an der Hand fĂŒhrt er das herrlich blĂŒhende Weib, die griechische Gesellschaft. FĂŒr diese Helena fĂŒhrte er jene Kriege – welcher graubĂ€rtige Richter dĂŒrfte hier verurteilen?“ (Ebd.) Der Staat stĂŒtzt sich fĂŒr Nietzsche auf Krieger, nicht auf Richter, die nach Recht und Gesetz urteilen. Dagegen verkörpert der Krieger die höhere, eine lebendige Gerechtigkeit militĂ€rischer Hierarchien. Das MilitĂ€r nimmt patriarchalisch die Gesellschaft an die Hand, der Krieger die GebĂ€rerin.

Historisch wurde jedoch lĂ€ngst nicht immer ohne RĂŒcksicht auf eigene Verluste gekĂ€mpft. Verglichen mit den grausamen Religionskriegen des 17. Jahrhunderts waren die AufklĂ€rer im 18. Jahrhundert der Auffassung, dass die Kriege nachlassen, dass sich damit die Vernunft langsam durchsetzt. Söldner opferten sich nicht und die FĂŒrsten wollten ihre Heere auch nicht verlieren, die schließlich ihr wichtiges Hab und Gut waren.

FĂŒr Nietzsche scheint davon auch noch etwas im militarisierten 19. Jahrhundert mitzuspielen, weil die Politik fĂŒr Nietzsche zu hĂ€ufig auf einen sozialen Ausgleich aus war, anstatt die aufbegehrenden Armen einfach mit Gewalt zu unterwerfen. Wilhelm II. verkörpert fĂŒr Nietzsche eine solche Haltung, weswegen er diesen verachtet. Eines der letzten Fragmente des Nachlasses formuliert das unter dem Titel „Todkrieg dem Hause Hohenzollern“ noch schĂ€rfer: „Ich werde nicht eher die HĂ€nde frei bekommen, als bis ich den christlichen Husaren von Kaiser, diesen jungen Verbrecher samt Zubehör in den HĂ€nden habe – mit Vernichtung der erbarmungswĂŒrdigsten Missgeburt von Mensch, die bisher zur Macht gelangt ist.“ (NF 1888 25[13]) Auch wenn sich in dieser Bemerkung schon Nietzsches Wahn abzeichnet, so entspricht das doch einer rechten Kritik an der Aristokratie, die nach einem Ausgleich mit dem BĂŒrgertum strebt und selbst das Proletariat zu integrieren trachtet, anstatt beide mit aller Gewalt zu unterwerfen.

Anders sah das Immanuel Kant 1795, dass FĂŒrsten nĂ€mlich kriegslĂŒstern sind. Um diese Zeit, nĂ€mlich in den Napoleonischen Kriegen, Ă€nderte sich der umsichtige Umgang mit den eigenen Heeren. Mit der Wehrpflicht entstanden staatlich finanzierte Massenheere, die Politiker wie GenerĂ€le in riesige grausame Schlachten schickten mit ungeheuren Opferzahlen. FĂ€lschlich attestiert Nietzsche erst dem 20. Jahrhundert: „Die Zeit fĂŒr kleine Politik ist vorbei: schon das nĂ€chste Jahrhundert bringt einen Kampf um die Erd-Herrschaft, – den Zwang zur grossen Politik.“ (JGB, Aph. 208) Denn dieser bestand spĂ€testens seit der Kolonialisierung Amerikas.

Doch man glaubte im 19. Jahrhundert, dass sich Politik nur durch Gewalt durchsetzen lĂ€sst. FĂŒr Hegel hat Napoleon mit Krieg die Menschenrechte in Europa verbreitet. FĂŒr Marx gibt es Fortschritt nur durch Revolution. Und die Soldaten opferten sich fĂŒr heroische Ideale wie die Revolution, das Vaterland oder die Demokratie und die Religion. Das fĂŒhrte in die so großen wie die vielen nicht endenden Kriege des 20. Jahrhunderts.

Doch aus der Geschichte wird politisch selten gelernt. Stattdessen fordert Max Weber keine drei Monate nach dem Ersten Weltkrieg vom Politiker ein Bewusstsein, „dass, wer mit der Politik, das heißt: mit Macht und Gewaltsamkeit als Mitteln, sich einlĂ€sst, mit diabolischen MĂ€chten einen Pakt schließt [. . .]. Wer das nicht sieht, ist in der Tat politisch ein Kind.“

FĂŒr konservative Philosophen wie Leo Strauss, auf den sich viele Neokonservativen in den USA beziehen, ist massive militĂ€rische Gewalt gegen ihre Feinde und vor allem gegen die Revolution in jeder Hinsicht gerechtfertigt, bedroht diese schließlich die ĂŒberlieferte Ordnung. Der 1922 noch katholische Staatstheoretiker Carl Schmitt, der sich spĂ€ter in den Kronjuristen der Nazis verwandelt, bestimmt den Staat durch die Gewalt, die der Staat im Ausnahmezustand nach innen wie nach außen einsetzt. FĂŒr Carl Schmitt beruht die Politik auf der Unterscheidung von Freund und Feind, ein VerstĂ€ndnis, das sich heute wieder verbreitet. Nietzsche ebnet dazu den Weg, wenn er in den UnzeitgemĂ€ĂŸen Betrachtungen 1873 ĂŒber den Deutsch-französischen Krieg schreibt: „Strenge Kriegszucht, natĂŒrliche Tapferkeit und Ausdauer, Überlegenheit der FĂŒhrer, Einheit und Gehorsam unter den GefĂŒhrten, kurz Elemente, die nicht mit der Kultur zu tun haben, verhalfen uns zum Siege ĂŒber Gegner, denen die wichtigsten dieser Elemente fehlten.“ (UB I; Abs. 1)

1970 widerspricht dem vor allem Hannah Arendt, fĂŒr die Politik nicht Gewalt ist, sondern Kommunikation in der Öffentlichkeit, die gewaltfrei ĂŒberzeugen muss. Seit jenen Jahren trat die Orientierung der Politik am Krieg denn auch in den Hintergrund, nachdem der Vietnam-Krieg auf den zunehmenden Widerstand in der Bevölkerung stieß – ein seltenes PhĂ€nomen, das sich in der Sowjetunion angesichts des nicht endenden Afghanistan-Krieges wiederholte.

US-Amerikanische MilitĂ€rs mussten damals erkennen, dass mit dem GeburtenrĂŒckgang Eltern hĂ€ufig nur ein Kind hatten, dessen Verlust im Krieg viel schmerzlicher wirkt, als wenn man frĂŒher eines von vielen Kindern verlor. In vielen LĂ€ndern wurde der Wehrzwang ausgesetzt, zuletzt in Deutschland. Nicht nur das war ein Fehler, wie viele Wehrpolitiker in Deutschland heute bekunden. Vielmehr hat die Emanzipation der Frau im Sinn von Nietzsche dazu den Weg bereitet. Dagegen erklĂ€rt Zarathustra: „So will ich Mann und Weib: kriegstĂŒchtig den Einen, gebĂ€rtĂŒchtig das Andre“ (Tafeln, 23). AfD-Politiker fordern denn auch die drei-Kind-Ehe.

Heute scheint sich die Opferbereitschaft wieder zu erhöhen, auch den Wehrzwang zu akzeptieren, der einer liberalen Gesellschaft nicht gut zu Gesicht steht. Doch wo es ernst wird – in der Ukraine und in Russland – dort entziehen sich viele diesem Zwang durch Flucht ins Ausland. Wehrpflicht und Menschenrechte passen nun mal nicht zusammen. Man kann diese kriegerisch auch nicht verteidigen, muss man sie dazu nĂ€mlich aufheben.

So sind Menschenrechte, die alle Menschen gleich setzen, nicht im Sinn von Nietzsche, widersprechen solche Rechte schlicht der militĂ€rischen Hierarchie, die der Staat nötig hat, um Kriege zu fĂŒhren. Also sprach Zarathustra: „So redet mir die Gerechtigkeit: ‚die Menschen sind nicht gleich.‘ / Und sie sollen es auch nicht werden! Was wĂ€re denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders sprĂ€che? / Auf tausend BrĂŒcken und Stegen sollen sie sich drĂ€ngen zur Zukunft, und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so lĂ€sst mich meine große Liebe reden!“ (Von den Taranteln)

Im Sinne Nietzsches neigen Politiker dazu, Kriege zu verlÀngern, gerade wenn die Hoffnung auf den Sieg wie im Ukraine- und im Gaza-Krieg nicht allzu aussichtsreich ist und man mit einem suboptimalen Ausgang rechnen muss, wie es bei Kriegen freilich normal ist. So verblasst in den letzten Jahren die Ausrichtung auf den Frieden, die seit den achtziger Jahren vorherrschte. Die Politik orientiert sich wieder am Krieg.

Doch Krieg verdirbt wider das Diktum von Clausewitz die Politik bzw. beendet sie. Und die Menschen lernen nicht endlich Opferbereitschaft, sondern verrohen. Just das aber ist im Sinn von Nietzsche, wenn er um die Jahreswende 1887/88 schreibt: Der Staat ist die „organisirte UnmoralitĂ€t … [. . .] wie wird es erreicht, dass er eine große Menge Dinge tut, zu denen der Einzelne sich nie verstehen wĂŒrde? – durch Zerteilung der Verantwortlichkeit“ (NF 1887 11[407]). Der Staat braucht verrohte Untertanen, die auf dessen Geheiß Gewalttaten begehen, die sie ansonsten ablehnen wĂŒrden. Das gelingt dem Staat dadurch, dass er die Verantwortung fĂŒr die individuellen Taten den Untertanen wegnimmt, durch Disziplin und Drill.

Das gipfelt in der Pointe, dass nicht etwa der Mensch in einer liberalen Gesellschaft frei ist. Denn dann muss er sich selbst fĂŒr das Zusammenleben disziplinieren. Just davon ist er im Krieg entfesselt, zu jeder Gewalttat frei. So konstatiert Nietzsche 1888 nicht nur: „[D]er Krieg erzieht zur Freiheit.“ (GD, StreifzĂŒge, Aph. 38) Freiheit heißt dann nicht Verantwortung fĂŒr das eigene Tun wie bei Sartre, sondern Freiheit von jeglicher Verantwortung. Und im Krieg kann er seine Gewaltphantasien in die Tat umsetzen. Dann kann Nietzsche zudem propagieren: „Der freie Mensch ist Krieger.“ (Ebd.) Der gedrillt Mensch ist frei von aller eigenen Verantwortung.

Nietzsche meint das zweifellos normativ. Wenn man das indes nur als Beschreibung dessen liest, was der Fall ist, dann hat er damit das VerhÀltnis von Staat, Gesellschaft und Individuum beschrieben, wie es sich im 21. Jahrhundert wieder prÀsentiert, nachdem es einige Jahrzehnte im vorhergehenden zu verblassen schien.

Auch wenn Nietzsche andere spannende Seiten als seine Visionen vom Krieg hat, und wenn er nach seiner Bemerkung ĂŒber den kriegstĂŒchtigen Mann und die gebĂ€rtĂŒchtige Frau im Zarathustra weiterschreibt: „[…] beide aber tanztĂŒchtig mit Kopf und Beinen. Und verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde!“ (Tafeln, 23) Dann wird hier in einem Rausch getanzt, der die Tanzenden davon befreit, ĂŒber das, was sie tun, nachzudenken – wie beim MilitĂ€rmarsch.

Und wenn es weiter heißt: „falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein GelĂ€chter gab!“ (Ebd.) Dann ist mit solcher Ironisierung schwerlich eine Befreiung von bevormundender Expertokratie gemeint. Nein, die MilitĂ€rexperten herrschen mit ihren Wahrheiten derart, dass dem kĂ€mpfenden Untertanen jede Schandtat erlaubt ist. Wenn man Nietzsche also als Beschreibung der RealitĂ€t liest, dann entlarvt er im Sinn von Theodor W. Adorno, was die Expertokratie verschweigt.

2 Comments

  1. Paul Stephan schrieb:

    Lieber Hans-Martin,

    hab vielen Dank fĂŒr den erhellenden und wichtigen Aufsatz. Ich denke, es ist heute relevanter denn je, vor den Gefahren eines wachsenden Militarismus und einer Spirale von AufrĂŒstung und Eskalation zu warnen – und auf das unheilvolle Potential von Nietzsches Denken in diesem Sinne hinzuweisen.

    Deiner grundsĂ€tzlichen Diagnose stimme ich zu: Nach dem „Krieg gegen den Terror“ und dem „Krieg gegen das Virus“ folgt nun die nĂ€chste große Massenmobilisierung in Form des „Kriegs gegen Russland“. Und man kann sich ausmalen, das als nĂ€chstes der Weltkrieg gegen China kommt. Gerade als Vater wird mir da angst und bange: Heute spielt mein Sohn noch Ritter mit dem Stock – und in 30 Jahren soll er wohl einberufen werden, um „unsere Freiheit“ auf Taiwan zu verteidigen?

    Zugleich: Wie sind Kompromisse möglich mit solchen Feinden, wie wir sie vor uns haben? Die Hamas dringt ins israelische Gebiet vor und tötet und vergewaltigt munter Zivilisten – wie soll sich die israelische Regierung damit abfinden? Mit Russland ist es Ă€hnlich: Wie könnten wir es akzeptieren, dass sich der Moskauer Diktator mehrere ukrainische Provinzen einverleibt?

    Das Problem ist, dass wir nun die FrĂŒchte jahrelanger Unentschlossenheit ernten: Man hĂ€tte entweder die Ukraine schon viel frĂŒher aufrĂŒsten sollen, so dass sich Russland gar nicht anzugreifen traut – aber wir wollten lieber billiges Gas kaufen; oder man hĂ€tte Russland in die NATO und dann die EU integrieren sollen, wie es noch in den 90ern ja möglich schien und von Russland sogar gewĂŒnscht wurde. Mit China lĂ€uft es gerade Ă€hnlich. Und was soll da der „Kompromiss“ sein? Taiwan preisgeben?

    Die Weltlage zeigt ein weiteres Mal: Die kapitalistische Weltordnung erzeugt immer wieder neue Kriege und Weltkriege, ein kapitalistischer Friede ist nicht möglich (vgl. bspw. Ernst Bloch). Wir brauchen dringend eine neue Wirtschaftsordnung oder zumindest eine Abkehr vom „Europa der KrĂ€mer“ (Camus), das konsequent auf GeschĂ€fte mit expansionistischen Diktaturen verzichtet. Oder sich eben offen dazu bekennt, eine selbst imperialistische Macht zu sein und bereit ist, den Preis dafĂŒr zu zahlen. Unsere Heuchelei ist wirklich unertrĂ€glich.

    Ich trĂ€ume von einem Europa, das eine Art „Weltschweiz“ ist, aber dann wirklich konsequent. Keine Kriege, keine Einmischung, keine Profite aus (post)kolonialer Ausbeutung, kein Handel mit imperialistischen Staaten. Doch die RealitĂ€t der Schweiz zeigt leider auch, dass es dazu eine effektive Verteidigung braucht. Die Existenzialisten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganz Ă€hnliche Vision!

    Nun aber zu Nietzsche: Ich denke, man darf nicht vergessen, dass er im Krieg von 1870/71 als SanitĂ€ter diente und ihn diese Erfahrung durchaus traumatisiert hat. Es finden sich aus diesem Grund auch zahlreiche kriegs- und militarismuskritische Passagen in seinen Schriften. Nicht von ungefĂ€hr spaltete sich das Lager der „Nietzscheaner“ 1914 in Pazifisten und Militaristen!

    Sogar noch in der „Götzen-DĂ€mmerung“, und in den freigeistigen Texten sowieso, gibt es zahlreiche eindeutige Äußerungen Nietzsches gegen den Militarismus, speziell den deutschen!

    SpĂ€ter werde ich dazu noch mehr schreiben, das muss fĂŒr den Augenblick genĂŒgen.

    Herzlich-pazifistische GrĂŒĂŸe

    Paul

    Dienstag, 21. Mai 2024 um 11:01 Uhr | Permalink
  2. Paul Stephan schrieb:

    So, nun zu den Details, was Nietzsche angeht …

    Ich zitiere mal einen Satz aus der „Götzen-DĂ€mmerung“: „Man mache einen Überschlag: es liegt nicht nur auf der Hand, dass die deutsche Cultur niedergeht, es fehlt auch nicht am zureichenden Grund dafĂŒr. Niemand kann zuletzt mehr ausgeben als er hat — das gilt von Einzelnen, das gilt von Völkern. Giebt man sich fĂŒr Macht, fĂŒr grosse Politik, fĂŒr Wirthschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus, MilitĂ€r-Interessen aus, — giebt man das Quantum Verstand, Ernst, Wille, SelbstĂŒberwindung, das man ist, nach dieser Seite weg, so fehlt es auf der andern Seite.“

    (http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/GD-Deutsche-4)

    Großartig finde ich auch diesen Aphorismus aus „Menschliches, Allzumenschliches“: http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/WS-284

    Der „bewaffnete Friede“ der wechelseitigen Bedrohung: Das ist doch genau unser Problem. Nietzsche sieht hier den Ersten Weltkrieg voraus und warnt vor ihm!

    Ich denke, es ist nicht verfehlt, Nietzsche neben Kant und Bloch zu den wichtigsten Verfechtern eines philosophischen Pazifismus zu zĂ€hlen; gerade gegen Hegel. Ich habe das in einem kleinen Aufsatz hier ausfĂŒhrlich begrĂŒndet: https://drive.google.com/drive/folders/1pkUUKn_HQeBSnkueerSCvn6MdEDFw3Bo?fbclid=IwAR2scKbXjSnKWBJGXPplEr2nv2TMvBSXRUPRqQc0zR4TKekbdpm_HuL70m4

    Ich denke, Leute wie Hermann Hesse, Emma Goldman, Gustav Landauer oder Harry Graf Kessler, Kurt Hiller oder Helene Stöcker haben Nietzsche in dieser Hinsicht besser verstanden als als die Spenglers, JĂŒngers etc.

    Freilich gibt es auch die von Dir benannten Stellen, auf die sich 1914 die Schwester stĂŒtzte. Aber es ist schon vielsagend, dass sie sich 1914 persönlicher „Erinnerungen“ bedienen musste, um Nietzsches Militarismus zu begrĂŒnden … Er habe von der deutschen RĂŒstungsindustrie geschwĂ€rmt in „persönlichen GesprĂ€chen“ etc. pp. Wie lĂ€cherlich! – Weil es das Werk einfach nicht hergibt.

    Nur mal kurz zu den einigen der von Dir angefĂŒhrten Stellen, um meinen Punkt zu unterstreichen:

    – StreifzĂŒge 38 halte ich – cum grano salis gelesen (wie alle Texte Nietzsches) in der Tat fĂŒr einen der wichtigsten Aphorismen Nietzsches, um seinen Freiheitsbegriff zu verstehen. Seinen Kernpunkt verstehe ich so: Freiheit ist keine Gegebenheit, sondern muss jeden Tag neu erkĂ€mpft werden. Und sie verlangt durchaus „Selbstverantwortung“, das Wort verwendet Nietzsche in genau diesem Text ja sogar. Er scheint mir da ganz nah an Sartre zu sein! Es geht doch da darum, wie die Freiheit aus dem Kampf gegen die Tyrannei geboren wird! Die Herausbildung „liberaler Institutionen“ lĂ€sst einen vergessen, was noch Faust wusste: Wir dĂŒrfen uns nie mit der erreichten Freiheit abfinden! La lotta continua!

    – „Der griechische Staat“ ist eine wichtige Quelle fĂŒr den „dunklen“ Nietzsche, doch rezeptionsgeschichtlich nahezu bedeutungslos. Eine nicht fĂŒr die Publikation bestimmte Gelegenheitsschrift, um sich bei den reaktionĂ€ren Wagners einzuschleimen. Fremdscham! Ein geistiger Tiefpunkt Nietzsches! Zum GlĂŒck brach er kurz spĂ€ter mit diesem reaktionĂ€ren Edelpöbel! Ich wĂŒrde ihre Bedeutung wirklich nicht so hoch ansetzen, wenn es darum geht, Nietzsches Philosophie als Ganze zu verstehen.

    – Die erwĂ€hnten Stellen aus dem „Zarathustra“ sind doch kaum wörtlich zu nehmen. In „Vom Krieg und Kriegsvolke“ warnt Zarathustra etwa vor dem Tragen von Uniformen, die nicht zu geistiger Gleichförmigkeit fĂŒhren sollen. Er meint, wie es in „Ecce homo“ heißt, „Geisterkriege“. Auch die Metapher der „Schwangerschaft“ wird im „Zarathustra“ vielfach auf schaffende Menschen allgemein angewandt, sogar auf Zarathustra selbst. NatĂŒrlich lassen sich solche SĂ€tze auch aus dem Kontext reißen und wörtlich nehmen – aber das scheint mir eine fast humoristische Missdeutung zu sein. Zarathustra spricht erklĂ€rtermaßen zu „allen und keinen“ und warnt vor dem „Macht-Pöbel“. FĂŒr die modernen Staaten und ihre Kriege hat er nur Verachtung ĂŒbrig.

    – Die spĂ€ten Hasstiraden gegen Wilhelm II. habe ich immer als wiederum fast unheimlich prophetische Ahnung gelesen, welches UnglĂŒck dieser Trump des 19. fin de siĂ©cle ĂŒber die Welt bringen sollte.

    Er schreibt in diesen Fragmenten etwa:

    „Zuletzt könnten wir selbst der Kriege entrathen; eine richtige Meinung genĂŒgte unter UmstĂ€nden schon. Ein Wagen mit EisenstĂ€ben fĂŒr Hohenzollern und andere „Schwaben“
 Wir Anderen giengen unausgesetzt an die grandiose und hohe Arbeit des Lebens — wir haben Alles noch zu organisiren. Es giebt noch wirksamere Mittel, die Physiologie zu Ehren zu bringen als durch Lazarethe — ich wĂŒĂŸte einen besseren Gebrauch von den 12 Milliarden zu machen, die der „bewaffnete Friede“ heute Europa kostet. Und kurz und gut — — —“

    (http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/NF-1888,25%5B14%5D)

    Der „Schlamm auf dem Thron“ ist Nietzsche ein Graus und insbesondere aufgrund des Militarismus des „Reiches“. In diese Position ist er seit seinem Bruch mit Wagner bemerkenswert konsistent und eins mit sich. Und er greift hier dezidiert seine Gedanken aus MA wieder auf!

    Und hier: „Nur indem ich den Verbrecher-Wahnsinn brandmarke, brandmarke ich immer die zwei fluchwĂŒrdigsten Institutionen, an denen bisher die Menschheit krank ist, die eigentlichen Todfeindschafts-Institutionen gegen das Leben: die dynastische Institution, die sich am Blut der StĂ€rksten, Wohlgerathenen und Herrlichen mĂ€stet und die priesterliche Institution, die mit einer schauerlichen Arglist eben dieselben MĂ€nner, die StĂ€rksten, Wohlgeratenen Herrlichen von vornherein zu zerstören versucht. Ich finde hier Kaiser und Priester sich einig: ich will hier Richter sein und alle Jahrtausende mit dem verbrecherischen Wahnsinn von Dynasten und Priestern ein Ende machen
 “

    (http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/NF-1888,25%5B15%5D)

    Das ist doch reinster Republikanismus und SĂ€kularismus!

    Ja, Nietzsche spricht sich auch immer wieder gegen den Pazifismus aus und sicher ist auch die pazifistische Lesart einseitig. Doch insbesondere den modernen Krieg kritisiert er ganz klar und erkennt seinen unheroischen, inhumanen Charakter – weil er ihn ja selbst erlebte. Da geht es nicht um individuellen Heroismus, sondern reines Abschlachten. – Hegel hat das nicht verstanden, ER ist ein zynischer Militarist, der die Einzelnen gerne dem Götzen des „Weltgeists“ zum Fraß vorwirft, Nietzsche durchaus nicht!

    „Nie wieder Krieg!“ ist ein kategorischer Imperativ unserer Zeit. Und um ihn zu erreichen, bedarf es einen qualitativ anderen Frieden als den „bewaffneten Frieden“ des imperialistischen Normalzustands. Wie hellsichtig war Nietzsche! Wie idiotisch seine kriegsbesoffenen Leser! (Man denke nur an die peinlichen Pamphlete Thomas Manns wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs!)

    Nietzsche hatte eine Ă€hnliche Vision von Europa wie die „Weltschweiz“, er ist ein Vordenker eines friedlichen Europa jenseits nationaler Borniertheiten, wie es die jetzige EU leider nicht realisiert hat. Doch es ist noch nicht zu spĂ€t!

    Nieder mit dem Macht-Pöbel! Es lebe das „gute Europa“!

    Dienstag, 21. Mai 2024 um 03:40 Uhr | Permalink

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