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Psychedelische Depression


von

Irgendwie winde ich mich ja immer um dieses Thema herum, will dazu etwas sagen und weiß doch nicht so recht was.

Zunächst mal stellt sich doch die Frage, wieso der Staat überhaupt irgendwie mehr das Recht darauf hat, mir zu verbieten, Pilze zu essen oder Keta zu ziehen, als wie er das Recht darauf hat, mir schwulen oder analen Sex zu verbieten oder Frauen die Abtreibung. Mein Körper, meine Regeln, nicht wahr?

Dann ist da aber noch dieser andere Aspekt. Progressive Kreise haben ja entdeckt, dass LSD, Ketamin und Co. bessere Antidepressiva sind als all die sich langsam zu einem Spiegel aufbauenden Pharma-Horror-Chemikalien, die wohl zurecht bald auf dem Müllhaufen der Geschichte landen werden.

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Die Freiheit der Kunst im Kreuzfeuer. Zwei gegenläufige Perspektiven


von

I. Gehasst, gehypt, ignoriert: Der schwere Stand von Kunst in der Gegenwart

Die Freiheit der Kunst ist ein Thema, das von größerer Aktualität kaum sein könnte. Es sind drei Verhaltensweisen, die sich derzeit mit Bezug auf den Kunstbetrieb – womit ich hier dasjenige, was gemeinhin als ‚Hochkultur‘ firmiert, meine – diagnostizieren lassen: 1) Kunst wird geradezu gehasst. Insbesondere von islamistischer Seite werden Kunstwerke wiederholt als Bedrohung der eigenen Identität angesehen und sie selbst oder gar ihre Urheber/innen physisch vernichtet. Aber auch bspw. bei den Protesten der französischen Gelbwesten oder von „Black Lives Matter“ wurden Kunstwerke wiederholt zum Objekt der Empörung und ihr Abriss gefordert oder sogar eigenmächtig vollzogen, Künstler/innen wird aus linker Perspektive oft moralische Verfehlung vorgeworfen und der Kunst generell unterstellt, ein von weißen Männern dominiertes Elitenprojekt zu sein. 2) Dagegen wird die Kunst und ihre Freiheit von ihren Verteidiger/innen geradezu zum Selbstzweck erklärt, zu einem der höchsten Werte einer freiheitlichen Gesellschaft, der durch jedwede politische Intervention verletzt würde. 3) Die allermeisten dürften der Kunst freilich mehr oder weniger gleichgültig gegenüberstehen, jedenfalls der Hochkultur. Es ist davon auszugehen, dass selbst leidenschaftlich geführte Debatten wie etwa diejenige um die Entfernung des Gedichts Avenidas von Eugen Gomringer von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule im Jahr 2018, kaum mehr als 5 % der Bevölkerung wirklich interessieren. Kunst ist heute mehr denn je ein reines Elitenphänomen, eine Obsession kleiner abgeschotteter Zirkel. Und ist es vielleicht gerade ein Ausdruck der tiefgreifenden Krise der Kunst, dass man sich nicht einmal mehr darüber echauffiert, dass die, polemisch ausgedrückt, Selbstbespaßung von einigen wenigen Insider/innen alljährlich mit Millionen von Steuergeldern finanziert wird, sondern es schlicht gleichgültig-achselzuckend zur Kenntnis nimmt?

Im Folgenden möchte ich zwei jüngere Publikationen vorstellen, die jeweils einen äußerst entgegengesetzten Standpunkt einnehmen in dieser komplexen Gemengelage: In der Studie Kunst im Kreuzfeuer. documenta, Weimarer Republik, Pariser Salons: Moderne Kunst im Visier von Extremisten und PopulisteLibern (Franz Steiner: Stuttgart 2020) nimmt der Kunsthistoriker Christian Saehrendt die zweite der hier genannten Perspektiven ein und plädiert für eine umfassende Freiheit der Kunst. Der Philosoph Lukas Meisner und der Künstler Eef Veldkamp polemisieren dagegen in ihrem gemeinsam verfassten Buch Capitalist Nihilism and the Murder of Art (Arnhem 2020) gegen den gegenwärtigen Kunstbetrieb und stehen damit eher der erstgenannten Perspektive nahe – wenn sie auch vollkommen andere Argumente anführen als die erwähnten Stimmen. Aus der Konfrontation von Saehrendts radikalliberaler und Meisner und Veldkamps neomarxistischer Perspektive möchte ich schlussendlich einige eigene Gedanken über die Krise der Kunst in der Gegenwart folgern. Saehrendts radikalliberaler Standpunkt scheint mir zwar einige reale Probleme rechter und identitätslinker1)Ich übernehme diesen Begriff von Saehrendt (s. u.). Kunstkritik zu benennen, doch letztendlich keine gute positive Alternative zu ihnen zu bieten – Veldkamp und Meisner unterziehen den gegenwärtigen Kunstbetrieb dagegen einer überzeugenderen Fundamentalkritik, die zeigt, dass wir eine radikale Rückbesinnung auf die soziale Funktion von Kunst brauchen und eine ihr entsprechende Kulturpolitik. Es braucht einen konkreten Begriff von ästhetischer Freiheit, der auch über die von identitätslinker Seite vorgebrachten Forderungen nach diversity und political correctness weit hinausgeht. (Weiterlesen)

Fußnoten

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1 Ich übernehme diesen Begriff von Saehrendt (s. u.).

Spendenkampagne der HARP zum Jahresabschlussfest


von

Zum „Jahresabschlussfest“, wie es – wenn auch nur kurzzeitig – im DDR-Sprech hieß, wenden wir Eisvögel uns mit einer wichtigen Bitte an unsere geschätzte Leserschaft: Unterstützt unsere zu 100 % ehrenamtliche Arbeit mit einer kleinen Spende. Auch der Betrieb dieses Blogs ist beispielsweise nicht kostenlos, sondern wir müssen für die Domain harp.tf und den Webspace jährlich zahlen. Jeder Euro hilft uns, weiterhin unabhängig zu bleiben und uns auch zu brisanten Themen wie beispielsweise der aktuellen Corona-Politik in polemischer Weise äußern zu können.

Den vollständigen Spendenaufruf mit allen Detailinformationen findet ihr hier.

Wir bedanken uns schon jetzt und wünschen einen halkyonischen Jahresausklang!


Ça suffit!


von

In ganz Europa rebellieren die Menschen gegen die schon längst als unverhältnismäßig erwiesenen Corona-Maßnahmen, allein in Leipzig versammelten sich etwa am vergangenen Samstag 45.000. Keineswegs rechte Krawallmacher, wie in den Leitmedien kolportiert, sondern zum Großteil ganz „normale“ Bürger, die sich um ihre Freiheit und ihre materielle Existenz sorgen – und das zu Recht.

Das Establishment verfällt derweil zunehmend in den Panikmodus. Klar: Wenn auch in Deutschland die Arbeitslosenzahlen steigen werden, wenn, wie befürchtet, mindestens ein Drittel aller Gastronomiebetriebe schließen muss, wenn dem Steuerzahler am Ende die Rechnung präsentiert werden wird für all die in Impfstoffe und die Rettungsmaßnahmen investierten Gelder, wenn zugleich immer klarer wird, dass es einige wenige Multimilliardäre gibt, die von der Corona-Krise massiv profitiert haben, während sie die Existenz von Millionen Menschen ruiniert hat – dann dürfte das den sozialen Frieden gravierend gefährden und dann dürften auch viele Menschen bereit sein, rechte Parteien zu wählen, wenn die die einzigen sind, die für eine klare Opposition zu dieser Politik stehen.

Die jüngste Verzweiflungstat: Ausgerechnet der Geburtstag des deutschen Nationalhelden Schiller wird genutzt, um Christian Drosten – gerade so, als würde es dem an Aufmerksamkeit mangeln – etwa eine halbe Stunde zu geben, um eine Art „Rede an die Nation“ zu halten. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass man einem Mediziner diese Ehre zu Teil werden lässt. Offen gesagt würden mir auch wenige Germanisten einfallen, die auch nur in der Lage wären, eine inspirierende und interessante Rede zu Schiller zu halten. Von diesem von Philologismus und Postmodernismus verheerten Fach ist schon seit Jahren nichts Relevantes mehr zu erwarten – und die Unterwerfung unter den jeweiligen Zeitgeist hat zumal in der deutschen Germanistik ja ohnehin eine „gute“ Tradition.

Erwähnt werden muss zumal, dass Schiller in der Germanistik wie in der Geisteswissenschaft allgemein eigentlich kaum mehr beachtet wird. Dem reaktionären Zeitgeist entspricht mehr die Deutsche Romantik und auch Goethe erscheint anschlussfähiger als der wesentlich politischere „Moral-Trompeter von Säckingen“, wie Nietzsche ihn einmal spöttisch nannnte. Mir würde jedenfalls kein einziger regelrechter „Schiller-Forscher“ einfallen von größerer Prominenz – bin freilich auch meinerseits mitnichten ein Schiller-Experte, auch wenn ich dem Klassiker ein Kapitel in meinem Buch Bedeutende Bärte widme.

Wie dem auch sei: Das Literaturarchiv in Marbach jedenfalls ist verzweifelt genug und hat selbst ein so geringes Vertrauen in die eigene Disziplin und die Geisteswissenschaft, dass es es für eine gute Idee hielt, einen bislang weder durch eine besonders poetische Sprache noch sonst irgendeine Kompetenz in literarisch-philosophischen Angelegenheiten aufgefallenen Virologen eine halbe Stunde über einen der bedeutendensten deutschen Dichter und Denker faseln zu lassen. Und das deutsche Feuilleton bejubelt die erwartungsgemäß vorgetragenen Plattitüden, diese platte Propaganda für die aktuelle Regierungslinie, wie zu erwarten war, pflichtschuldig. – Man kann auch sagen: Die Gleichschaltung von guten Teilen des deutschen Kulturbetriebs ist damit endgültig vollzogen. (Weiterlesen)


„Bei“-Trag?


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Seltsames Wort, oder? Will ich denn in dem Sinne einen Beitrag machen oder nicht vielleicht viel mehr die Sprengung des Rahmens, der mir gesetzt wurde? (Weiterlesen)


Ein Gedicht


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Ich habe Angst vor dem Tod.

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Vom Loslassen der Kadaver


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Die zweite hier publizierte Einreichung zum Eos-Preis für philosophische Essayistik stammt von Jonathan Eibisch.

Einige haben vermutet, dass mit dem scheinbaren Triumph von Liberalismus und Kapitalismus diese Geschichte [von Befreiung] nun am Ende ist. Doch das ist unwahrscheinlich. Trotz geringer Beachtung […] kämpfen Millionen von Menschen jeden Tag darum, sich aus der Unterdrückung zu befreien und gleiche Rechte und soziale Gerechtigkeit zu erlangen. Diese Bemühungen werden jedoch häufig von Beobachtern […] als unerklärliche Handlungen verängstigter und verwirrter Menschen (miss-)gedeutet […]. [O]bwohl der liberaldemokratische Kapitalismus weiterhin die Vorstellungen davon prägt, was möglich ist, sollten wir nicht zulassen, dass er die Interessen und Sehnsüchte derjenigen verschleiert und verdeckt, die von ihm marginalisiert und ausgegrenzt werden. (Eric Selbin) 1)Eric Selbin, Gerücht und Revolution. Von der Macht des Weitererzählens, Darmstadt 2010, S. 199.

Revolutionäres Aufbegehren und die Konstruktion neuer gesellschaftlicher Institutionen und Beziehungen entstehen aus der Sehnsucht nach einem gelingenden, abgesicherten, selbstgestalteten Leben, dessen Verwirklichungsbedingungen der sozialistischen Grundintention nach für alle Menschen gegeben sein sollen. In diesem Essay spekuliere ich darauf, in einer historischen Konstellation zu leben, deren kaugummiartige Zähigkeit, sich zu einer offenkundigen Unhaltbarkeit verdichtet hat. Wenn Menschen dagegen gemeinsam feste solidarische Verbindungen erschaffen, eröffnen sie auch einen common ground der Verständigung hin zu neuen Horizonten. Indem sie solche Entwürfe wagen, ermächtigen sie sich zugleich ganz praktisch und alltäglich. Sie entwickeln den Anspruch, die bestehende Herrschaftsordnung zu überwinden.

Die soziale Revolution gelangt als Verdrängtes wieder in den Nebel unserer Träume – weit klarer als ein ahistorischer „Schleier des Nichtwissens“, der über die Engstirnigkeit liberalen Denkens nie hinaus gelangen kann. Es gilt jene hervor quellenden Bestrebungen in Austausch zu bringen, ins Handeln zu kommen und sie zu einem von vielen geteilten neuen Meta-Narrativ zu verdichten. Auch in Folge der im Jahr 1989 kulminierenden Ereignisse, lautet der Name dieses leeren Signifikanten libertärer Sozialismus. Die Einzelne können ein selbstbestimmtes Leben in Beziehung zu den Anderen führen, wenn sie über ihre Lebensumstände kollektiv verfügen. Und wenn sie die zerstörerische Produktions- und Lebensweisen, in denen wir heute verhaftet sind, hinter sich gelassen haben. Doch während wir uns selbst überwinden, unsere Feinde bezwingen, unsere Mitmenschen überzeugen und begeistern, verändern wir uns selbst wie auch unsere Ziele, an denen wir uns ausrichten: Die lebens- und erstrebenswerte Zukunft wird weit langweiliger, ruhiger und anstrengender sein, als wir uns Hier und Jetzt vorstellen. (Weiterlesen)

Fußnoten

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1 Eric Selbin, Gerücht und Revolution. Von der Macht des Weitererzählens, Darmstadt 2010, S. 199.

Leerstelle Geschichte


von

Für den diesjährigen Eos-Preis mit der Preisfrage „Was bedeutet 1989 für das Denken von Geschichte?“ (Link) erhielten wir erneut viel mehr sehr gute Einsendungen, als wir prämieren konnten. Einigen von ihnen haben wir angeboten, das Essay stattdessen hier auf dem HARPblog zu publizieren. Das erste dieser Essays stammt aus der Feder von Matthes Bastian.

Leerstelle Geschichte

Geschichtsphilosophie

Die Geschichtsphilosophie war ein Versprechen. Sie war der Versuch, Geschichte und Welt radikal vom Menschen aus zu denken, dem es innerhalb eines linearen Strebens des Geschichtsprozesses obliegt, in relativ freier Gestaltungsmöglichkeit, seine Zukunft zu formen. Das Versprechen beinhaltete eine vollkommenere Gesellschaft, in der Gleichheit herrschen würde, in der Kriege verschwänden, die Notwendigkeiten aufgehoben wären. Es war die Hoffnung, sich rational handelnd zu einem vernünftigen Prozess zu verhalten, der auf einen vernünftigen und menschlichen Zustand hinstrebt. Die Geschichte im Singular, wie sie am Ende der 18. Jahrhunderts erfunden wurde, trennte sich von den alten schicksalhaften Zukunftsvorstellungen und gab einen Verstehens- und Erwartungshorizont, um Fragen nach Politik, Gesellschaft und Menschsein Antworten und ein Ziel vorzugeben.1)Vgl. R. Koselleck, Über die Verfügbarkeit der Geschichte. In: R. Koselleck, Vergangene Zukunft, Frankfurt/M 1989. Sie war dabei immer mehr als nur bloßes Ideal oder eine Idee, die nur als Antrieb und Rechtfertigung für Politik ihre Berechtigung fand. Sie war gebunden an eine Erfahrung der technischen, sozialen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit, der Erfahrung, dass man die Vergangenheit hinter sich lassen konnte, die Zukunft sich immer aufs Neue der alten Systeme der Ungerechtigkeit entledigen könnte. Wenn sie einerseits Orientierung geboten hat, setzte sie andererseits unglaubliche Kräfte frei. Sie kanalisierte Wut und den Willen zur Überwindung, gab Hoffnung und Gewissheit, dass man sich auf dem rechten Weg befand. (Weiterlesen)

Fußnoten

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1 Vgl. R. Koselleck, Über die Verfügbarkeit der Geschichte. In: R. Koselleck, Vergangene Zukunft, Frankfurt/M 1989.

Corona und die Krise der Freiheit


von

Hier möchte ich die Weigerungen gegen die einschränkenden Maßnahmen in das Privatleben als Anlass nehmen, um einen Trugschluss aufzudecken, der die freie Gesellschaft mit der Verwirklichung der individuellen Freiheit gleichsetzt. Dafür kehren wir in das späte neunzehnte Jahrhundert zurück, das wie ein ferner Spiegel Auskunft über die sozialen Verhältnisse von Heute gibt.

In einer Stadtansicht auf den Pariser Boulevard des Capucines stellt Claude Monet sich eng beinander tummelnde Passanten dar (Abb. 1). Das Bild wirkt wie eine momenthafter Ausblick auf die Stadt, denn die Passanten wirken als ob sie strömen, doch sie stehen auf dem Platz. Hier ist die Wechselwirkung von Nähe und Distanz, die im Auge des Betrachters entsteht und die sozial historische Entwicklung von Seh- und Lebensgewohnheiten wichtig. Wenn man bedenkt, dass die Straßenansicht einen Ausblick aus dem Fenster darstellt, (davon müssen wir ausgehen, wenn man auf die gegenüberliegende Häuserfront blickt und die rechts im Bild herausschauenden Männerfiguren gewahrt) dann ist zunächst eine Distanz des Einzelnen Betrachters zu der Menschenmenge festzustellen. Die Betrachter dieses Bildes teilen so nicht nur den selben Ausblick wie den der herabblickenden Personen, sondern auch die Distanz zur Menge.

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Schönheit zum Anfassen nah!


von

Ein Gastbeitrag von Shahab Sanjari.

Schönheit zum Anfassen nah!

Schönheit und Kunstbegriff bei Schiller

 

Nackt ist die Schweizer Künstlerin Milo Moiré nicht, sie trägt anstatt eines Rockes eine Schachtel. Je nach Performance ist es manchmal auch ein ähnlich konstruiertes Oberteil. Die Schachtel ist undurchsichtig und außenseitig mit Spiegeln versehen; daher der Name der Performance: Mirror Box . Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist eine Öffnung im Vorderbereich der Schachtel, aber selbst an dieser Stelle trennt ein kleiner schwarzer Vorhang die Außenwelt von dem Innenraum der Schachtel ab.

Die Künstlerin spaziert durch die Fußgängerzonen von Amsterdam, Düsseldorf oder London mit einer Stoppuhr und einem Desinfektionsspray. Sie oder ihr Assistent animieren mit einem Megafon Passanten dazu, durch die Öffnung im Vorderbereich der Schachtel zu greifen und ihren bloßen Schambereich zwölf Sekunden lang anzufassen, während in den Schachteln Videokameras den Vorgang aufnehmen.

Diejenigen, die sich animieren lassen, sind von verschiedenem Alter und Geschlecht. Sie befolgen ihre Anweisungen oft mit einem Lächeln oder einem vorsichtigen Blick. Moiré sorgt für viel Aufmerksamkeit: Menschen versammeln sich um sie herum, nehmen Fotos und Videos auf, um diese im Anschluss mit Freunden zu teilen. Manchmal filmt ein Assistent die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Diese Videos werden hinterher mit den Aufnahmen aus dem Innenraum der Schachtel (teilweise unkenntlich gemacht) zusammengeschnitten, sodass die Person und was ihre Hände in der Schachtel machen gleichzeitig zu sehen sind.

Nicht alle Passanten nehmen aktiv an dem Kunstwerk teil, viele beobachten nur. Manche verweilen länger und verarbeiten was sie sehen. Die Reaktionen variieren zwischen Respekt und Verachtung, Empörung und Indifferenz, Lust und Ekel. Manche beschäftigt die Frage nach der Moral und der Rechtmäßigkeit einer solchen Aktion und einige stoßen an die Grenzen ihrer eigenen sittlichen Akzeptanz. Moiré selbst sagt oft gar nichts, sie steht nur da, lächelt die Passanten an, dreht sich in einer langsamen, tanzähnlichen Art, nickt den Kopf einladend und wartet. Die Beobachterinnen und Beobachter verlassen die Szene teils mit Staunen, aber sicher mit dem Nachklang eines Eindrucks und einer Botschaft, die sich vielleicht erst später in ihren Gedanken herauskristallisieren wird.

Dass es sich hierbei um ein Kunstwerk handelt, will man kaum bezweifeln, aber zugegebenermaßen entspricht das Werk in seiner Gesamtheit und Zusammensetzung nicht unbedingt der traditionellen Vorstellung von einem solchen. Die Frage ist, was genau aus dieser Performance ein Kunstwerk macht?

Niemand geringeres als Friedrich Schiller hat eine Antwort darauf; der Großmeister der Lyrik und des Theaters, der sich vor zwei Jahrhunderten der Beschreibung der Schönheit, Ästhetik und Kunst und deren Einwirkungen auf die Erziehung, Politik und Gesellschaft gewidmet hat. Basierend auf dem Grundgedanken von Immanuel Kant ebnete er mit seinen Schriften den Weg für viele Philosoph/innen, die in den nachfolgenden Jahrzehnten auf dem Gebiet der Kunst und der ästhetischen Theorie arbeiteten. (Weiterlesen)