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Denkdioramen I

Gute Nachbarn. – Die freiheitliche Tradition im deutschen Denken, wie marginalisiert auch immer, hat sich stets nach Frankreich hin orientiert. Egal ob Schiller, Goethe, Nietzsche, wenn auch ambivalent, Heinrich Mann, Adorno, Bloch, Benjamin … Stets dieselbe Vorliebe für den „Erbfeind“, der als Vorbild einer modernen, demokratischen Kultur angesehen wird. Dies vollkommen zu Recht. Man merkt davon auch noch heute etwas, wenn man sich dort aufhält. In Deutschland ist der Idealtypus des Intellektuellen der Einzelgänger, der sich elitär vom „großen Haufen“ abgrenzt und über Forderungen nach politischer Emanzipation vornehm die Nase rümpft. Stattdessen müsse der „Pöbel“ erst einmal erzogen werden. Dies ist nicht nur Ideologie, sondern entspricht den deutschen Verhältnissen, in denen wahre Bildung stets eine Sache der „Wenigsten“ war und es nie eine niveauvolle freiheitliche Massenkultur gab. Wie anders in Frankreich, wo selbst die einfachsten Leute eine echte demokratische Noblesse ausstrahlen, die nur auf den ersten Blick arrogant wirkt, sondern in Wahrheit echter Bildung entspricht. Die Sitten sind hier raffinierter, der Sinn für die Kunst, gut zu leben, ausgeprägter, so ausgeprägt wie vielleicht nirgends sonst auf der Welt. Selbst banale Dinge wie Autobahnraststätten, Laden- und Straßenschilder sind mit mehr Geschmack gestaltet. Von den Cafés, Brasserien und Restaurants ganz zu schweigen. Selbst in Imbissbuden schmeckt es besser als in Deutschland und ist nicht unbedingt teurer. An dieser Sorge um die „kleinen Dinge“, die stets auch eine Sorge um sich ist, zeigt sich etwas wie ein Erbe des alten römischen Galliens, das die Jahrtausende womöglich überdauert hat. Insbesondere gibt es hier aber noch einen echten „Mittelstand“, in Deutschland nur ideologisches Geschwätz, kleine unabhängige Ladenbesitzer oder Landwirte, der sich nicht alles gefallen lässt. Ich habe wiederholt Migranten kennengelernt, die mit einem stolz von den Werten der französischen Gesellschaft schwärmten, den ich in Deutschland nie erlebt habe und mir auch niemals vorstellen könnte. Was sollten diese „Werte“ schon sein, auf welche Tradition sollten sie sich stützen? Auf den Kant’schen Moralismus, das Pathos der Weimarer, den Genienkult Nietzsches? All das ist heute ohne echten Bestand und taugt allenfalls noch als Museumsplunder, während die Ideen des 18. Jahrhunderts noch heute unvermindert gelten. Die normannischen Kathedralen, die Ideen Voltaires und Rousseaus, die Dichtung, Musik und Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts, welthistorische Gestalten wie Robespierre oder Napoleon in ihrer notwendigen Zweideutigkeit: Was hat Deutschland Vergleichbares zu bieten? Alles hier ist absonderlich, schief, verkorkst, verkopft, grotesk. Die Romanisierung fand hier kaum statt, die Christianisierung und erst recht die Humanisierung wurden nie ganz abgeschlossen, wir bleiben bis heute ein Volk aus Wald- und Wiesengermanen und Slawen. Napoleons Idee eines Anschlusses großer Teile Deutschlands an Frankreich hätte vielleicht etwas zum Besseren bewirkt. Dieses Experiment schlug fehl und so müssen wir uns mit dem elenden Geschwätz unserer „Genies“ und Tuis begnügen. Selbst die postmoderne Philosophie ist, bei all ihren Schwächen und der Vorliebe ihrer Verfechter für das barbarische deutsche Denken, noch brauchbarer als alles, was seit den 70er Jahren aus Deutschland kam.

Photo: Paul Stephan (Rathaus von Vattetot-sur-Mer, 2022)

 

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