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„Leichte Sprache“ als effizienter Neusprech für den Hyperkapitalismus

„Fremd-wörter sind die Juden von der Sprache.“

„Es gab Leute.

Sie konnten nur falsche Sätze sagen.

Sie fanden jeden Satz von mir zu lang.

Sie schafften die deutsche Literatur ab.

Sie ersetzten die deutsche Literatur

durch die falsche Literatur von ihnen.“

 

(Theodor W. Adorno, Minima Moralia; meine Übersetzung)

 

Eine der interessantesten Randmeldungen des gestrigen Tages war, dass der Wahlzettel zur kommenden Bremer Bürgerschaftswahl in der „Leichten Sprache“ geschrieben ist. Es handelt sich um eine vereinfachte Variante des gewöhnlichen Deutschen, in der Nebensätze und Negationen vermieden werden, nach Möglichkeit kein Konjunktiv und kein Passiv verwendet wird, statt dem Genitiv „von“-Konstruktionen. Außerdem werden zusammengesetzte Substantive mit Bindestrich geschrieben und schwierige Begriffe, Ironie und Metaphern vermieden. Sinn der Sprache, die vom Netzwerk Leichte Sprache entwickelt wurde, ist die Inklusion von Lernbehinderten, Immigranten und Leuten, die einfach nicht gut lesen können. Ein wenig schockierend dabei der Hinweis, dass sogar letztere Gruppe die Hauptzielgruppe der Maßnahme ist: „40 Prozent der Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland würden sich bei den Lese- und Rechtschreibkompetenzen auf Grundschulniveau bewegen.“ (Weserkurier)

Ironischerweise wird diese Maßnahme von genau dem deutschen Medium polemisch kritisiert, das die „Leichte Sprache“ schon seit Jahrzehnten umsetzt. Im Großen und Ganzen stieß sie jedoch auf eine große Zustimmung – kritisiert wurde ansonsten eigentlich nur, dass nicht noch viel mehr amtliche Schreiben in der „Leichten Sprache“ verfasst werden.

Das Interessante der Randmeldung bestand für mich vor allem darin, dass ich überhaupt auf die Entwicklung der „Leichten Sprache“ aufmerksam wurde. Über die Details dieser Entwicklung informieren zwei längere Artikel auf zeit.de von Burkhard Strassmann und Moritz Kohl (jeweils aus einer dem Projekt gegenüber sehr wohlwollenden Perspektive).

Auf faz.net findet sich wiederum ein längerer Essay von Konrad Paul Liessmann, der aus kulturkonservativer Richtung beklagt, dass der antiautoritäre Verzicht auf die zum Erlernen des Lesens und Schreiben nun einmal nötigen Disziplin zu einem allgemeinen Bildungs- und damit Kulturverfall führe. Die „Leichte Sprache“ dient dabei als Beispiel für diese Tendenz. Sein Fazit:

Dabei wäre alles ganz einfach: Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, deren grundlegende Beherrschung unerlässlich ist. Dass der Erwerb dieser Techniken nicht jedem leichtfällt, ist kein Grund, das Betrachten von Bildern zu einem Akt des Lesens und das Ankreuzen von Wahlmöglichkeiten zu einem Akt des Schreibens hochzustilisieren. Besser wäre es, all jene, die Schwierigkeiten beim Erwerb dieser Fähigkeiten haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen, damit sie wirklich lesen und schreiben lernen.

Das war auch mein erster Gedanke bei der Lektüre der Meldung: Mein Interesse weckte nicht so sehr die Existenz der „Leichten Sprache“ an sich, sondern der Umstand, dass es nach dieser wirklich einen breiten Bedarf gibt. Eigentlich sollte bei dieser Zahl ein Aufschrei durch das Land gehen: Etwa die Hälfte aller Erwachsenen sind überhaupt nicht in der Lage, angemessen an unserer Kultur zu partizipieren. Liessmann verweist zu Recht darauf, dass das Problem dabei erstmal nicht darin besteht, dass die deutsche Sprache zu kompliziert wäre, sondern dass diese offenbar zu schlecht vermittelt wird. So löblich die Bremer Maßnahme dabei sein mag, so sehr ist die doch ein Tropfen auf den heißen Stein und reine Symbolpolitik: Wer sich den neuen Wahlzettel einmal anschaut, sieht sofort, dass er nur minimale Unterschiede zum gewöhnlichen aufweist. Es mag sein, dass damit ein paar Leute mehr zum Wählengehen motiviert werden. Es stellt sich dann allerdings die Frage, auf welcher Grundlage sie ihre Wahlentscheidung dann treffen wollen, wenn sie nicht einmal die einfachsten Texte verstehen können.

Liessmann kritisiert zudem das der „Leichten Sprache“ zu Grunde liegende Sprachverständnis:

Sprache, so suggerieren es diese Konzepte, dient nur der Übermittlung simpler Informationen. Dass in und mit Sprache gedacht und argumentiert, abgewogen und nuanciert, differenziert und artikuliert wird, dass es in einer Sprache so etwas wie Rhythmus, Stil, Schönheit und Komplexität als Sinn- und Bedeutungsträger gibt, wird schlicht unterschlagen oder als verzichtbares Privileg von Bildungseliten denunziert.

Genau dies ist auch der O-Ton vieker wohlwollender Beiträge zur „Leichten Sprache“, insbesondere des Artikels von Strassmann. So schreibt er:

Die vom bundesweit agierenden Netzwerk Leichte Sprache erstellten Regeln könnte theoretisch auch ein Computer beherrschen. Doch die Idee, dass ein Programm schwere in leichte Sprache übersetzen könne, amüsiert Elisabeth Otto sehr. Denn genauso wichtig wie die Erleichterung der Sprachstruktur und einzelner Begriffe ist die Reduktion des Gesagten auf das Eigentliche, das Wichtige, das Gemeinte. Und das ist wahrlich eine besondere Herausforderung, zum Beispiel, wenn ein Wahlkampfflyer in Leichte Sprache übersetzt werden soll. Was ist nichtssagend, was Schaumschlägerei, was will die Partei eigentlich sagen? Und will der Kunde am Ende tatsächlich das gesagt haben, worauf das Übersetzungsbüro seine heiße Luft reduziert hat?

Die im ersten Satz erhobene Behauptung offenbart schon einmal die völlige Unkenntnis des Autors in Sachen Sprache: Es ist selbst theoretisch völlig unvorstellbar, dass ein Computer jemals  einen Text von der schweren Sprachen in die „Leichte Sprache“ übersetzen könnte, weil ein Computer die dafür nötige Kreativität überhaupt nicht besitzt. Weil Sprache mehr ist als eine Hilfskrücke zur Informationsübertragung. Kein einigermaßen aussagekräftiger Satz lässt sich ohne beträchtliche Sinnverluste auf „das Eigentliche, das Wichtige, das Gemeinte“ reduzieren. Inhalt und Form eines Textes lassen sich ebensowenig – erst recht nicht bei Werbetexten oder politischen Reden – sauber voneinander abtrennen wie Schaum und Wasser. Einfach aus dem Grund, dass ein „reiner Inhalt“ hinter der formalen Gestalt eines Gedankens eine reine Fiktion ist. Jede Veränderung der Form eines Textes verändert auch seinen Inhalt. Rhetorische Stilmittel sind für die Bedeutung eines Textes genauso konstitutiv wie die das, was man bei einer Inhaltszusammenfassung als seine „eigentlichen Thesen“ zu Recht oder zu Unrecht extrahieren mag. Dies gilt umso mehr für die Texte, die gemeinhin als die „höchsten“ unserer Kultur gelten, für Literatur und Philosophie.

Für besonders problematisch hält Strassmann daher die Wissenschaft:

Die Emanzipationsbewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten kratzte an der letzten Barriere, die den freien Zugang zu allen Informationen verstellte: an der Sprache selbst. Das Problem kennt jeder Fachfremde, der einmal soziologische Fachliteratur zu lesen versucht hat. Sprache wird regelmäßig dazu benutzt, Uneingeweihte hermetisch auszuschließen. Bekanntlich ist es nicht damit getan, alle komplizierten soziologischen Begriffe nachzuschlagen. Der Sinn, so es ihn gibt, erschließt sich nur über den Zusammenhang.

Alles das, was über reine Informationsübertragung hinausgeht, wird von Strassmann des Elitären und Überflüssigen verdächtigt. Anscheinend ist ihm die gewöhnliche Sprache ein Graus, er will sie so machen, dass sie auch von Computern gesprochen werden könnte. Das ist ein kapitalistisches Effizienzdenken, dass den „progressiven“ Charakter des Projekts der „Leichten Sprache“ doch ein wenig ins Wanken bringt.

Seltsam zumal, dass er hier ausgerechnet die Soziologie als Beispiel anführt. Speziell die Geisteswissenschaften scheinen ihm unter dem Verdacht des Unverständlichen zu stehen – würde er Mathematik und Physik an dem selben Anspruch messen? Ebensowenig wie in den Naturwissenschaften geht es in einer – guten, ihrem Ideal gemäßen – Geisteswissenschaft um hermetische Ausschließung und Uneingeweihten, sondern es gibt eine Wissenschaftssprache, die sich in Jahrhunderten entwickelt hat, um bestimmte Aspekte der Wirklichkeit besser beschreiben zu können als die Normalsprache. 1)Noch absurder ist die Aussage in Kohls Artikel: „Besonders in den Geisteswissenschaften könne da kaum noch ein Außenstehender folgen.“ Der zitierte Linguist Lasch sollte sich mal in eine Vorlesung in einer beliebigen Naturwissenschaft setzen. Diese sind schon allein unverständlicher, weil hier wirklich eigene Sprachen entwickelt wurden, während die Sprachen der Geisteswissenschaften idR in großen Teilen der Normalsprache entsprechen. Von avantgardistischer Literatur ganz zu schweigen. Aber auch dazu heißt es bei Kohl: „Zudem gebe es auch schon Versuche, Belletristik in eine verständlichere Sprache zu überführen. Der Münsteraner Verlag Spaß am Lesen etwa bringt in den Niederlanden seit 1994, in Deutschland seit 2009 Krimis und Bestseller in einfacher Sprache heraus. Deren Niveau, urteilt Uhle, sei aber für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten noch zu hoch angesetzt.“ Es ist klar, dass es schwer ist, einen Roman für Erwachsene ohne Ironie und Metaphorik zu schreiben.

Von den „Informationen“, zu denen jeder Zugang erhalten solle, bleibt derweil im Prozess der „Übersetzung“ nicht viel übrig. Das weiß nun auch Strassmann:

Es stellte sich später heraus, dass viele Leser ohne Leseprobleme Leichte Sprache für zu reduziert, primitiv oder manipulativ hielten. Das Fehlen von Zwischentönen und beruhigenden Relativierungen machte offenbar Angst.

Und natürlich geht bei jeder Übersetzung etwas verloren. Ironie und Satire fallen Elisabeth Otto als Erstes ein – schon unter Normalbedingungen schwer zu erkennen oder gar zu verstehen, scheinen sie für Menschen mit Leseschwierigkeiten eine unzumutbare Hürde zu sein. Auch eine bilderreiche Ausdrucksweise verliert viel an Subtilität, wenn sie erleichtert wird. Begriffe wie Rabeneltern werden eben allzu leicht missverstanden als „Eltern von Rabenküken“ – also verzichtet man kurzerhand darauf.

Auf den Informationsgehalt reduziert, gewinnt jeder Hartz-IV-Antrag an Verständlichkeit. Doch die Weihnachtsgeschichte verliert einiges an Zauber, wenn Mariä Verkündigung so beschrieben wird:

Engel Gabriel sagt:

Maria, du bekommst bald ein Kind.

Maria wundert sich. Sie fragt:

Wie kann ich ein Kind bekommen?

Ich schlafe doch nicht mit Josef?

Gabriel antwortet;

Das Kind ist nicht von Josef.

Das Kind ist von Gott.

Für Lesegeübte ist solch eine Bibelfassung möglicherweise ein Schock. Für Menschen, die normalerweise erst gar nicht hinsehen, wenn sie auf etwas Gedrucktes stoßen, kann Leichte Sprache dagegen eine Erleuchtung sein. Die skeptischen Diskurse der Sprachbewahrer müssen ihnen wie schiere Luxusprobleme erscheinen.

Man kann kaum glauben, dass Strassmann meint, was er hier schreibt. „Zwischentöne“ und „Relativierungen“ als Maske, die die existentiell beunruhigende Direktheit des nackten Faktum verhüllt. Weg mit diesem denkfeindlichen Unsinn, der uns nur sinnlos versichert! Hinein in die Verunsicherung der ungeschminkten Infos!

Ich entschuldige mich natürlich gleich bei allen Lesern, die nicht dem erlauchten 1 % einer kleinen Clique von Heidegger- und Hegel-Lesern angehören für das in der Tat kaum zu durchschauende und völlig überflüssige Stilmittel der Ironie und Satire im letzten Absatz. Es wird nie wieder vorkommen, da ist bei mir eben der präfaschistische Geistesaristokratismus mal wieder hochgekommen. Ich sollte wirklich weniger anspruchsvolle Texte lesen, um mich vom gesunden Volksempfinden nicht weiter zu entfremden. Es ist nun einmal nicht jeder so hochintelligent wie ich. Erst recht Sarkasmus oder gar Zynismus sind zutieft abzulehnen, da sie das einfach Volk nur unnötig verwirren könnten! Pfui!

Ich sehe es ja auch völlig ein, dass weniger intelligente Menschen verwirrt sind, wenn sie den Begriff „Rabeneltern“ in einem Text sehen und nicht verstehen, dass man damit „schlechte Eltern“ und nicht „Eltern von Raben“ zu bezeichnen pflegt. Texte müssen wirklich so geschrieben sein, dass sie auch die geringste Möglichkeit des Missverständnisses ausschließen!

Alles außer den nackten Fakten ist in der Tat ein kaum fassbarer „Zauber“, ein „Luxusproblem“ für eine kleine Elite, die nun endlich abdanken soll. Zum Teufel mit der Wissenschaft und erst recht den Poeten mit ihrem nutzlosen Geschwätz, das keinerlei Information vermittelt! An die Stelle des Geschwätzes ist die Tugend der Schweigsamkeit zu setzen – schweigen kann schließlich jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Intelligenz etc. – sogar verstorbene Menschen vermögen zu schweigen, sie beherrschen diese Tugend sogar besonders vortrefflich. (Schweigen ist schließlich nichts weiter als die Abwesenheit von Rede.) Daher wäre die Eigentlichkeit des Schweigens als Regel einzuführen, das Geschwätz als besondere Ausnahme zu behandeln, wenn es sich nicht anders vermeiden lässt, weil es dringend lebensnotwendige Informationen auszutauschen gilt. Wenn möglich, durch reine Gesten, um Stumme und Taube nicht ausschließen. Auch eine solche nicht-exklusive Sprache wäre zwar noch mit dem Makel behaftet, manche auszuschließen und in gewissen Situationen missverständlich zu sein. Eine Kultur der Zukunft muss also auf jeden Fall darauf ausgelegt sein, alle Menschen möglichst schnell in den seligen Zustand der Leiche zu befördern, in dem sie nicht mehr tun können, was andere ausschließen könnte. Maschinen können den Informationsaustausch, der nötig ist, um die Friedhöfe nicht dem Verfall preiszugeben, ohnehin viel effizienter erledigen als Menschen.

 

Es ist ja auch wirklich offensichtlich, dass der obige Text genau dieselbe Information vermittelt wie dieser:

Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.
Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. (Luk 1, 27-35)
Ebenso völlig verlustfrei erfolgt die Übersetzung in diesem Fall:

Ein Zentrum für Leichte Sprache befindet sich in Bremen. Unter dem Dach der Lebenshilfe Bremen arbeitet das Büro für Leichte Sprache, das 2004 das erste derartige Büro in Deutschland war. Heute gibt es über 80 solcher Einrichtungen. Sieben Übersetzer sind hier beschäftigt, zwei angestellte und drei ehrenamtliche „Textprüfer“ sowie zwei Mitarbeiter, die sich der Bibelübersetzung widmen. Die wirklichen Experten, das wird immer wieder betont, sind die Textprüfer. Als Behinderte können nur sie wirklich beurteilen, ob die Leichtversion eines Betreuungsvertrags oder einer Gebrauchsanweisung für sie verständlich ist.

Der vorige Absatz lautet in Leichter Sprache in der Übersetzung des Bremer Büros so:

In Bremen gibt es ein Büro für Leichte Sprache.

Das Büro ist von der Lebenshilfe Bremen.

Das Büro gibt es seit dem Jahr 2004.

Es war das erste Büro für Leichte Sprache in Deutschland.

Heute gibt es ganz viele Büros in Deutschland.

Im Büro für Leichte Sprache in Bremen schreiben 7 Menschen Texte in Leichter Sprache.

2 Menschen schreiben Geschichten aus der Bibel in Leichte Sprache.

Im Büro arbeiten auch Prüfer.

Nur Menschen mit Behinderung können Prüfer sein.

2 Prüfer arbeiten jeden Tag im Büro.

3 Prüfer arbeiten als Helfer mit.

Sie alle prüfen zum Beispiel:

Sind die Texte gut zu lesen?

Sind die Texte gut zu verstehen?

 

In Wahrheit demonstrieren diesen beiden Beispiele schlagend, dass Strassmanns Argumentation einer empirischen Überprüfung überhaupt nicht standhält. Nicht nur zufällige, sondern wesentliche Inhalte gehen in beiden Fällen in der „Übersetzung“ verloren, insbesondere letztere wirkt auf mich im Vergleich zum Originaltext geradezu wirr, unverständlich und umständlich formuliert.

Wenn man schon davon ausgeht, dass es wirklich erwachsene Menschen gibt, die die Metapher „Rabeneltern“ nicht verstehen, müsste man zumindest auch von „ficken“ statt „schlafen mit jemandem“ sprechen („ficken“ ist zumindest eine tote Metapher und dürfte wohl wirklich jedem verständlich sein) und auch die Metapher „Gott“ bedürfte dringend einer Auflösung und Erklärung.

Ein weiteres Beispiel, um die seltsamen Blüten zu charakterisieren, zu der die „Leichte Sprache“ bisweilen treibt: Man schreibt nun etwa nicht „Bundestag“, sondern „Bundes-Tag“. Selbst auf einen normalen Leser muss diese Schreibung eher verwirrend als erhellend wirken: Denn was hat das Parlament mit einem „Tag“ zu tun? Hier wäre auch für einen normalen Leser erst eine umfangreiche etymologische Erklärung nötig: Es macht viel mehr Sinn, das Wort zusammenzuschreiben, da es sich mittlerweise um einen Eigennamen handelt. (Man würde ja – hoffentlich – auch nicht „Ham-burg“ schreiben.)

 

Zunächst einmal wären in dieser ganzen Debatte jedoch die Ebenen zu trennen. Unmittelbar stellt sich das Problem, das unser Bildungssystem es vielen Leuten nicht ermöglicht, die deutsche Sprache ausreichend zu erlernen. Ungebildete werden von damit von zahlreichen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Liessmann betont allerdings zu Recht, dass es eine falsche Antwort auf diesen Missstand wäre, das allgemeine Sprachniveau abzusenken – damit würde das Problem ja gerade verfestigt. Eine gebildetere Sprache ermöglicht eine feine Nuancierung des Ausdrucks, ist somit ein besseres Mittel zur Erfassung der Welt. Sie ist von jedem Menschen potentiell erlernbar, ist insofern ein Mittel zur Inklusion aller, nicht zur Exklusion. Und sie inkludiert insbesondere in eine komplexe, differenzierte Weltsicht.

Damit ist sie ein Machtinstrument. Wer die Welt differenzierter und reichhaltiger betrachten kann, ist naturgemäß dem überlegen, der sie nur vereinfacht erfasst. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung einer allgemeinen Einführung der „Leichten Sprache“ sogar in Wahrheit elitär, insofern sie mit Sicherheit zu einer Trennung zwischen einer noch kleineren Elite als es sie im Augenblick gibt und einer noch größeren Zahl von Menschen, die von diesem elitären Diskurs völlig abgeschnitten sind, führen würde. Die wirklich emanzipatorische Forderung ist demgemäß die „konservative“ Liessmanns, nicht die „progressive“ Strassmanns.

Allerdings gibt es natürlich Fälle, in denen Sprache tatsächlich angewendet wird, um Leuten den Zugang zu bestimmten Institutionen etc. zu verstellen. Es ist ganz klar, dass man auf solche Diskriminierungen hinweisen und sie beseitigen muss. Doch daraus zu folgern, Sprache sei wesentlich ein Exklusionsinstrument und müsste generell vereinfacht werden, stimmt nicht; sie ist genau das Gegenteil.

 

Die andere Ebene ist der Aussschluss von Lernbehinderten aus der Kultur, der durch die „Leichte Sprache“ behoben werden soll. Ich frage mich aber, ob es wirklich Menschen gibt, die von Natur aus nicht in der Lage sind, die Normalsprache zu erlernen. Wenn dem so wäre, wäre dies wirklich ein grundsätzliches Problem, da der Anspruch der Normalsprache ja gerade ist, für jeden prinzipiell erlernbar zu sein. Dies kann aber gar nicht der Fall sein, da es sich bei der Erlernung eines höheren Sprachniveaus ja um ein graduelle, keine wesentliche Weiterentwicklung handelt. Mit anderen Worten: Wer einmal die Grundstrukturen einer Sprache gelernt hat, ist automatisch – wenigstens potentiell – in der Lage, auch die schwierigsten Texte dieser Sprache zu verstehen. Strassmann beschreibt zudem in seinem Artikel den Unterschied selbst als graduellen, indem er die Probleme Lernbehinderter mit denen Nichtbehinderter gleichsetzt, die eine Wissenschaftssprache erlernen wollen. Und wie gezeigt beinhalten ja auch die Texte der „Leichten Sprache“ noch Metaphern und abstrakte Begriffe – es ist also nicht so, dass den Lernbehinderten die prinzipielle Möglichkeit fehlt, abstrakte Begriffe und Metaphern zu verstehen, sie tun sich damit nur schwerer. Die wirkliche emanzipatorische Forderung wäre also auch hier, diesen Menschen mehr Förderung zu Teil werden zu lassen. Zu unterstellen, sie wären prinzipiell nicht in der Lage, bestimmte Dinge zu verstehen, ist elitär und paternalistisch.

 

Man mag nun einwenden, dass mein Standpunkt utopisch sei und man nun einmal Realpolitik betreiben müsse. Ich möchte mich auch nicht dagegen sperren, die „Leichte Sprache“ zu entwickeln und in einigen Bereichen anzuwenden. Es ist zweifellos ganz unmittelbar betrachtet besser, wenn die entsprechenden Personen etwas von der Kultur mitbekommen als überhaupt nichts. Allerdings muss entschieden protestiert werden, wenn deshalb Kultur an sich verunglimpft und als sinnloser Luxus abgetan wird – es ist darauf zu beharren, dass die Einführung einer „Leichten Sprache“ keine Dauerlösung, sondern nur eine unbefriedigende Zwischenlösung sein kann.

Fußnoten   [ + ]

1. Noch absurder ist die Aussage in Kohls Artikel: „Besonders in den Geisteswissenschaften könne da kaum noch ein Außenstehender folgen.“ Der zitierte Linguist Lasch sollte sich mal in eine Vorlesung in einer beliebigen Naturwissenschaft setzen. Diese sind schon allein unverständlicher, weil hier wirklich eigene Sprachen entwickelt wurden, während die Sprachen der Geisteswissenschaften idR in großen Teilen der Normalsprache entsprechen. Von avantgardistischer Literatur ganz zu schweigen. Aber auch dazu heißt es bei Kohl: „Zudem gebe es auch schon Versuche, Belletristik in eine verständlichere Sprache zu überführen. Der Münsteraner Verlag Spaß am Lesen etwa bringt in den Niederlanden seit 1994, in Deutschland seit 2009 Krimis und Bestseller in einfacher Sprache heraus. Deren Niveau, urteilt Uhle, sei aber für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten noch zu hoch angesetzt.“ Es ist klar, dass es schwer ist, einen Roman für Erwachsene ohne Ironie und Metaphorik zu schreiben.

2 Comments

  1. v wrote:

    leichte sprache soll keineswegs die umgangssprache abloesen. es geht dabei um ein design, dass den zugang zu informationen, behoerden und politischer partizipation jenen erleichtern soll, die mit dem standarddeutsch von journalistik und behoerde probleme haben, auch bspw. weil deutsch nicht die muttersprache ist, nicht bloss wegen lernbehinderungen. dass ist sinnvoll, ebenso wie eine bisher noch ausstehende entwicklung verbindlicher richtlinien fuer leichte sprache sinnvoll ist. denn wer wählen geht tut das um seine interessen in bereichen die einem relevant scheinen durchzusetzen. das kann die wahl der mitbewohner in einer tagesförderstätte sein von einer person, die sehr schwer geistig behindert ist und sich kaum mitteilen kann, oder es kann die wahl des bürgermeisters durch eine geistig behinderte person die in einer wfbm ausgebeutet wird sein oder von einem durchschnittsdeutschen, der günter jauch für den klügsten mann deutschlands hält und den bürgermeister für den chef der stadt.

    gleichwohl: wenn man sich informieren will und ein text ist zu kompliziert, sucht man sich einfachere, was noch lange nicht heisst dass hierdurch das thema verkürzt oder verfälscht wird. eine sache einfach zu erklären bedarf eben didaktischer kompetenz, für die man einen sachverhalt wirklich durchdacht haben muss. wenn man sich also mit leichter sprache beschäftigt um geistig behinderte menschen politisch besser zu integrieren bildet das zunächst mal alle beteiligten. leider wird dies viel zu wenig betrieben.

    im ergebnis kann es dann natürlich an qualität mangeln. aber auch das ist nicht wirklich schlimm, denn nur weil man als geistig behindert gilt – welchen grades auch immer – heisst das ja noch lange nicht dass man alles glauben muss was einem in leichter sprache präsentiert wird. im zweifelsfall informiert man sich eben anderswo weiter. den einen reicht zur information die broschüre zur kommunalpolitik vom bundesamt für politische bildung die für die sekundarstufe ausgelegt ist, andere greifen zum wasistwas-band „deutschland“. wieder andere gehen zur wikipedia-plattform für leichte sprache „hurraki“, die von behinderten und nichtbehinderten entwickelt wird. dort kann man zum begriff „bürgermeister“ weit differenzierteres lesen als wohl die meisten deutschen über diese thematik wissen: http://hurraki.de/wiki/B%C3%BCrgermeister

    du hast jetzt einen artikel ueber das thema der leichten sprache zum zwecke wachsender demokratischer partizipation verfasst und dem dann ein adornozitat ueber den zusammenhang von antiintellektualismus und antisemitismus voran gestellt, um dich im folgenden mit liessmann ueber kulturellen verfall zu echauffieren. das hat mit der diskussion um leichte sprache rein garnichts zu tun, sondern befeuert bloß jene kleingeister, die bei der abschaffung der sonderwelten befürchten, dass dann horden geistig behinderter über das politische leben hereinbrechen um die republik zu verdummen.

    Montag, 30. März 2015 um 12:33 Uhr | Permalink
  2. Paul Stephan wrote:

    Danke für deinen ausführlichen kritischen Kommentar. Ich finde es gut, hier nochmal ein gut durchdachtes Pro-Leichte-Sprache-Statement zu haben, da ich in meinem Artikel ja eigentlich nicht so sehr die Absicht hatte, die Leichte Sprache an sich zu diskreditieren, sondern auf eine aus meiner Sicht problematische Argumentationsweise für die Leichte Sprache hinzuweisen und mögliche schlechte Konsequenzen, die man im Blick haben sollte, wenn man sich für diese Sprache stark macht.

    Ich find deine Argumente auch soweit in Ordnung.

    Zum Adorno-Zitat: Gut, das mag etwas elitär wirken. Ich denke aber schon, dass es da einen Zusammenhang gibt, weil einige der Leichte Sprache-Lobbyisten genau auf solchem Ressentiment aufbauen, wie es Adorno in diesen beiden Zitaten beschreibt.

    Ich will damit nicht behaupten, dass es bei allen so ist. Ich würde halt sagen, es gibt eine ressentimentgetriebene Parteinahme für die Leichte Sprache (die sich gegen die Normalsprache richtet) und eine positive, der es erstmal nur darum geht, eine Sprache, die den eigenen Bedürfnissen/Fähigkeiten entspricht, zu entwickeln. Auf letztere trifft meine Kritik in der Tat nur eingeschränkt zu.

    Dienstag, 31. März 2015 um 06:40 Uhr | Permalink

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