Als Reaktion auf sein Streitgespräch mit Marc Jongen, dem inoffiziellen „Parteiphilosophen“ der AfD, kontaktierte ich Ende 2016 den Kulturwissenschaftler Jörg Scheller von der Zürcher Hochschule der Künste. Wir kannten uns bereits von einer Nietzsche-Konferenz, die er 2015 mit seinem Kollegen Martin Jaeggi ebendort organisiert hatte, und zu welcher ich einen Vortrag über Nietzsches Rausch-Begriff und seine popkulturelle Relevanz gehalten habe. Es entspann sich ein E-Mail-Dialog über Links- und Neoliberalismus, die ökonomische Dimension des Rechtsrucks, mögliche Ansätze aus Resonanztheorie, Mythologie und Naturästhetik für eine (tatsächlich) alternative, progressive Politik, und das irgendwie ja doch verständliche Bedürfnis nach Action … Wir veröffentlichen den Dialog hier in voller Länge.
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Paul Stephan: Seit langem verfolge ich deine auf unterschiedlichen Medien geübten Beiträge zum gegenwärtigen Erstarken der Neuen Rechten mit großem Respekt. Insbesondere fand ich es immer wieder gut, dass Du eine entschiedene eigene Positionierung mit einer Offenheit zur Diskussion mit dem politisch Andersdenkenden zu verknüpfen verstehst – das ist eine Liberalität, die ja heutzutage leider selten geworden ist und ich stimme mit Kommentatoren wie Christopher Kriese vollkommen darin überein, dass genau diese Bereitschaft zur Diskussion auch mit politisch in fundamentaler Weise Andersdenkenden heute wichtiger ist denn je.
Ich selbst habe mich intensiv mit den Positionen Marc Jongens beschäftigt – und einer deiner Artikel hat mich dabei darauf aufmerksam gemacht, mir doch einmal seine Texte vor dem Beginn seines politischen Engagements anzusehen und seine „Konversion“ so besser nachvollziehen zu können – und dann war da zuletzt der Email-Dialog zwischen Jongen und Dir, den ich mutig und zugleich richtig fand.

Stephan auf der Tagung „Pop! goes the Tragedy“, Zürich, 2015
Eines fällt mir jedoch an dem Gespräch und auch an den von Dir generell vertretenen Positionen auf: Du scheinst mir – und daraus machst Du ja auch keinen Hehl – eine dezidiert linksliberale Position zu beziehen, der es vor allem um Werte wie kulturelle Offenheit und Vielfalt, um Integrationsbereitschaft und die Verteidigung des Geistes der Aufklärung geht. Gerade im Gespräch mit Jongen schienst Du mir aus dieser, prinzipiell natürlich sehr sympathischen, Perspektive heraus sehr defensiv zu argumentieren: Es ging letztendlich nur mehr um eine kulturelle Differenz, die es Jongen sehr leicht machte, sein kulturalistisches Lob der Identität anzustimmen – auf das dann nur noch die Reaktion eines Lobes der Nicht-Identität erfolgen kann. Die Debatte artet so schnell in einem fruchtlosen Ping-Pong-Spiel aus. Eine ähnliche Tendenz sehe ich etwa auch in dem jüngsten Buch von Carolin Emcke, Gegen den Hass, die ja ganz ähnliche Ideen wie Du vertritt.
Dabei finde ich das Interessante an Jongen gerade, dass er ein recht explizites Verständnis von der ökonomischen Dimension der verhandelten kulturellen Fragen zu haben scheint. In seinem „AfD-Manifest“ etwa beginnt er mit der Variation des Beginns des Manifests von Marx und Engels und weist der AfD explizit eine ökonomisch fundierte Kernzielgruppe zu: Die vom Abstieg bedrohte „bürgerliche Mittelschicht“, die es vor der Globalisierung zu beschützen gälte. Und Analysen zeigen ja immer wieder, dass es genau diese Gruppe ist, die hinter den Wahlerfolgen von Trump, AfD und Co. steht.
„Für zentrale wirtschaftliche Probleme hat der Linksliberalismus keine Antwort.“
(Paul Stephan)
Hinter der kulturalistischen Rhetorik von Jongen steht so recht unverhohlen ein wirtschaftspolitisches Anliegen: Die Verteidigung der Privilegien des heterosexistischen weißen Kleinbürgertums. Durch die Globalisierung wurden diese Privilegien in den letzten Jahrzehnten immer mehr abgebaut – nun kommt die Reaktion darauf. Der Linksliberalismus hat in den letzten Dekaden diesen Abbau mitgetragen und ideologisch flankiert – und auch wenn sie sicherlich nicht die „Elite“ bilden haben zahlreiche Linksliberale von diesem Abbau auch selbst ökonomisch profitiert und sind aufgestiegen. Ökonomische Verluste wurden dabei nicht unbedingt geleugnet, jedoch gewissermaßen mit kulturellen Gewinnen verrechnet: Wir mögen ärmer werden, doch dafür werden wir sexier. Zukunftsängste wurden als engstirnige Ängstlichkeit vor dem Neuen abgetan. Diese Rechnung geht heute für viele jedoch nicht mehr auf angesichts ganz realer massiver Bedrohungen der eigenen ökonomischen Stellung. Für zentrale Probleme wie Jugendarbeitslosigkeit, drohende Altersarmut, sinkende Löhne und den Abbau von sozialen Rechten hat der Linksliberalismus anscheinend keine Antwort.
Was helfen mir die geilen Lokale aus fünfzig Staaten um die Ecke, die hippen Queer-Partys, die interessanten Nachbarn aus allen Kontinenten und die Freiheit, als Mann auch mal mit einem Mann zu knutschen in der Öffentlichkeit wenn ich mir schon bald die Miete im In-Viertel nicht mehr leisten kann? Ich bin 28. Wenige aus meiner Generation würden Trump und Co. wählen – dafür sind wir viel zu sehr auch Profiteure der Globalisierung und im linksliberalen Geist erzogen worden. Doch viele werden im Privaten sehr konservativ und ziehen sich aus der Politik zurück, weil es in ihr nicht mehr um ihre Interessen, sondern nur noch um oberflächliche Symbolpolitik im Namen von irgendwelchen exotischen Minderheiten zu gehen scheint – mittelfristig ein durchaus gefährliches kulturelles Klima.
Schreit diese Situation nicht nach einer verstärkten Pointierung des „links“ in der Wortkombination „linksliberal“? Müsste man nicht nur über Vielfalt, Kreativität und Selbsttransformation sprechen – sondern auch über Jugendarbeitslosigkeit, Altersarmut und die Schwäche der Gewerkschaften? Anders ausgedrückt: Wäre Sanders nicht doch die bessere Option als Clinton gewesen? Bräuchten wir nicht ein neues Bündnis aus Linken und Linksliberalen? Und was verhindert dieses Bündnis genau?
Schwierige Fragen. Teilst Du meine Einschätzung? Und was ist deine Position zu diesem Komplex?
Jörg Scheller: Besten Dank für Deine Antwort! Ich möchte zunächst genauer auf den Begriff „linksliberal“ zu sprechen kommen. Es ist interessant und auch amüsant, wie schnell man dieses Label angeheftet bekommt. Ich persönlich wüsste nicht, wann und wo ich ein Loblied auf „kulturelle Offenheit“, „Vielfalt“, „Kreativität“, „Integrationsbereitschaft“ oder ein Lied „gegen den Hass“ gesungen hätte – Selbstentlastungsphrasen, Parolen und Slogans sind mir zuwider, egal ob sie aus der linken oder der rechten Ecke kommen. Auch möchte ich darauf hinweisen, dass die Neoliberalisierung in Deutschland nicht primär von Linksliberalen, sondern von Linkskonservativen wie Gerhard Schröder intensiviert worden ist. Der AfD den Boden bereitet hat wiederum der Linkskonservative Thilo Sarazzin. Den philosophischen Anstrich der AfD lieferte Peter Sloterdijk – in der Partei wird er rauf- und runterzitiert –, der sich ebenfalls als linkskonservativ bezeichnet. Wer hat uns verraten? Genau…
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