„Fremd-wörter sind die Juden von der Sprache.“
„Es gab Leute.
Sie konnten nur falsche Sätze sagen.
Sie fanden jeden Satz von mir zu lang.
Sie schafften die deutsche Literatur ab.
Sie ersetzten die deutsche Literatur
durch die falsche Literatur von ihnen.“
(Theodor W. Adorno, Minima Moralia; meine Übersetzung)
Eine der interessantesten Randmeldungen des gestrigen Tages war, dass der Wahlzettel zur kommenden Bremer Bürgerschaftswahl in der „Leichten Sprache“ geschrieben ist. Es handelt sich um eine vereinfachte Variante des gewöhnlichen Deutschen, in der Nebensätze und Negationen vermieden werden, nach Möglichkeit kein Konjunktiv und kein Passiv verwendet wird, statt dem Genitiv „von“-Konstruktionen. Außerdem werden zusammengesetzte Substantive mit Bindestrich geschrieben und schwierige Begriffe, Ironie und Metaphern vermieden. Sinn der Sprache, die vom Netzwerk Leichte Sprache entwickelt wurde, ist die Inklusion von Lernbehinderten, Immigranten und Leuten, die einfach nicht gut lesen können. Ein wenig schockierend dabei der Hinweis, dass sogar letztere Gruppe die Hauptzielgruppe der Maßnahme ist: „40 Prozent der Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland würden sich bei den Lese- und Rechtschreibkompetenzen auf Grundschulniveau bewegen.“ (Weserkurier)
Ironischerweise wird diese Maßnahme von genau dem deutschen Medium polemisch kritisiert, das die „Leichte Sprache“ schon seit Jahrzehnten umsetzt. Im Großen und Ganzen stieß sie jedoch auf eine große Zustimmung – kritisiert wurde ansonsten eigentlich nur, dass nicht noch viel mehr amtliche Schreiben in der „Leichten Sprache“ verfasst werden.
Das Interessante der Randmeldung bestand für mich vor allem darin, dass ich überhaupt auf die Entwicklung der „Leichten Sprache“ aufmerksam wurde. Über die Details dieser Entwicklung informieren zwei längere Artikel auf zeit.de von Burkhard Strassmann und Moritz Kohl (jeweils aus einer dem Projekt gegenüber sehr wohlwollenden Perspektive).
Auf faz.net findet sich wiederum ein längerer Essay von Konrad Paul Liessmann, der aus kulturkonservativer Richtung beklagt, dass der antiautoritäre Verzicht auf die zum Erlernen des Lesens und Schreiben nun einmal nötigen Disziplin zu einem allgemeinen Bildungs- und damit Kulturverfall führe. Die „Leichte Sprache“ dient dabei als Beispiel für diese Tendenz. Sein Fazit:
Dabei wäre alles ganz einfach: Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, deren grundlegende Beherrschung unerlässlich ist. Dass der Erwerb dieser Techniken nicht jedem leichtfällt, ist kein Grund, das Betrachten von Bildern zu einem Akt des Lesens und das Ankreuzen von Wahlmöglichkeiten zu einem Akt des Schreibens hochzustilisieren. Besser wäre es, all jene, die Schwierigkeiten beim Erwerb dieser Fähigkeiten haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen, damit sie wirklich lesen und schreiben lernen.
Das war auch mein erster Gedanke bei der Lektüre der Meldung: Mein Interesse weckte nicht so sehr die Existenz der „Leichten Sprache“ an sich, sondern der Umstand, dass es nach dieser wirklich einen breiten Bedarf gibt. Eigentlich sollte bei dieser Zahl ein Aufschrei durch das Land gehen: Etwa die Hälfte aller Erwachsenen sind überhaupt nicht in der Lage, angemessen an unserer Kultur zu partizipieren. Liessmann verweist zu Recht darauf, dass das Problem dabei erstmal nicht darin besteht, dass die deutsche Sprache zu kompliziert wäre, sondern dass diese offenbar zu schlecht vermittelt wird. So löblich die Bremer Maßnahme dabei sein mag, so sehr ist die doch ein Tropfen auf den heißen Stein und reine Symbolpolitik: Wer sich den neuen Wahlzettel einmal anschaut, sieht sofort, dass er nur minimale Unterschiede zum gewöhnlichen aufweist. Es mag sein, dass damit ein paar Leute mehr zum Wählengehen motiviert werden. Es stellt sich dann allerdings die Frage, auf welcher Grundlage sie ihre Wahlentscheidung dann treffen wollen, wenn sie nicht einmal die einfachsten Texte verstehen können. (Weiterlesen)










