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Einige Anmerkungen über Rausch und Wahn bei Nietzsche – und das Eselsfest


von

In seiner großen Studie Wahnsinn und Gesellschaft versucht der Sozialtheoretiker Michel Foucault zu zeigen, dass sich die abendländische Vernunft seit dem 18. Jahrhundert über eine Abspaltung des Irrationalen, insbesondere des Wahnsinns, aus sich selbst konstituiert hat. Dieser Prozess vollzieht sich materiell in den psychiatrischen Kliniken, die sich aus den Gefängnissen und Arbeiterslagern entwickeln, in denen in irgendeiner Hinsicht auffällige Individuen vom normalen Rest der Gesellschaft isoliert werden. Mit der Aufkunft dieser Institutionen wird der jahrtausendelange Dialog zwischen Wahnsinn und Vernunft, die Unsicherheit in der genauen Grenzziehung zwischen beiden, die sich insbesondere darin zeigte, dass sich die Vernunft nicht sicher war, ob sie nicht auch nur eine Form des Wahnsinns ist, beseitigt und durch eine neue Eindeutigkeit ersetzt. Der Wahnsinn wird zum Verstummen gebracht, das Reden der Wahnsinnigen als sinnloses Gebrabbel denunziert. Die Psychiatrie wird zugleich zum Ort der Gewaltsamkeit und der Folter, in der die Gesellschaft höchst inhumane Methoden an Einzelnen anwendet in der Gewissheit, damit der allgemeinen Humanität einen Dienst zu erweisen. Am Ende der Studie erwähnt Foucault unter den Autoren, die sich dieser gewaltsamen Trennung nicht fügen und versuchen, dem Wahnsinn eine Stimme zu geben, neben Schriftstellern wie dem Marquis de Sade und Friedrich Hölderlin auch den Philosophen Friedrich Nietzsche.

In der Tat hat sich wohl kein anderer Philosoph vor ihm so intensiv mit Phänomenen der Irrationalität wie Rausch und Wahn beschäftigt wie er. Und zwar in genau der Absicht die Grenzen zwischen Ratio und Irratio zu verwischen. „Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe“, lässt er seinen Helden Zarathustra sagen. „Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.“ Diese Liebe, und damit der Wahnsinn, ist es aber, der uns grundsätzlich überhaupt am Leben hält: „Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an’s Leben, sondern weil wir an’s Lieben gewöhnt sind.“ Die Lebensfeindlichkeit seiner Gegenwart bringt Nietzsche explizit in Verbindung mit der Entstehung der Psychiatrie:

Ich zeige euch den letzten Menschen.

„Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“ — so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

„Wir haben das Glück erfunden“ — sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.

„Ehemals war alle Welt irre“ — sagen die Feinsten und blinzeln.

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald — sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

„Wir haben das Glück erfunden“ — sagen die letzten Menschen und blinzeln. —

Gegen diesen „letzten Menschen“, den Nihilisten, den Menschen der Gegenwart setzt Zarathustra alias Nietzsche den Menschen, der „noch Chaos in sich trägt“, aus dem er einen „tanzenden Stern“ zu gebären vermag. Als Heilmittel gegen die moderne Entfremdung vom Irrationalen dient ihm die Lehre vom „Übermenschen“: „Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet? Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!“

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Solidarität 2015


von

Jeder spießige Streik, jede pubertäre Polizeiautoanzündelei, jedes versiffte Hausprojekt soll mit sorgfältig ausgefeilten Solidaritätskundgebungen, die ohne jahrelanges Studium gar nicht zu schreiben wären, unterstützt werden – aber wenn einmal ein prekärer Intellektueller wie jeder Prolet auf seinem Eigentumstitel pocht, dann ist von politischem Verrat die Rede.


Theodor-W.-Adorno-Universität


von

Es ist ein Sarkasmus der Geschichte, wenigstens aber eine Frechheit und ein (bei mir zum Glück nicht täglicher, sondern aufgrund meines Hasses auf dieses Gebäude und mangelnde Notwendigkeit schlechtestenfalls monatlicher) Schlag ins Gesicht eines jeden, der sich irgendwie als „kritischer Intellektueller“ in Adornos Nachfolge versteht, dass das Gebäude, das nun seit dem großartigen Engagement der hiesigen Unilinken am Theodor-W.-Adorno-Platz liegt, über eine der abscheulichsten und gesundheitsgefährdensten Drehtüren der ganzen Welt, die der Philosoph bekanntlich verachtete und als Hauptsymptom der verdinglichten Welt betrachtete, verfügt. Eine schallende Ohrfeige, die immerhin mit der Realität jenseits des akademischen Schneckenhauses konfrontiert und nicht vergessen lässt, warum man so denkt, wie man denkt. Man muss dem Präsidium daher doch dankbar sein dafür, dass es die zu fruchtbarer kritischer Theorie stets erforderliche Wut zu wecken vermag. Der höhnische Sarkasmus könnte sich so rückblickend als förderliche Ironie herausgestellt haben werden. Es ist allerdings eher davon auszugehen, dass die alltägliche Konfrontation mit diesem widerwärtigen Ärgernis nur zu einer schädlichen Gewöhnung an das allgemeine Übel führt. Wer nicht mehr wütend ist, vermag nicht zu denken. Das Ziel des täglichen Spießrutenlaufs wäre dann erreicht.


Ungezügelte Gedanken zum JPMorganlauf und zur Galopprennbahn


von

Jedes Jahr findet in Frankfurt am Main ein Ärgernis, eine Dummheit, ein Triumph der Neo-Barbarei und des Neo-Faschismus statt. Im „teamwork“ läuft man für „charity“. Optimierung des Körpers harmoniert Selbst harmoniert mit Optimierung des Teams, der Firma, ja, dem gesellschaftlichen Ganzen. Alles wird immer besser.
Ich wüsste gern, wie viele Millionen Steuergelder jedes Jahr für diese lästige Idiotie verschwendet werden, wie viele Menschen aktiv und passiv belästigt werden, wie viele ehrliche Pendler und Studenten deshalb in ihren alltäglichen Bemühungen gestört werden im Sinne eines idiotischen Partikularinteresses, das sich zum unhinterfragbaren Universalen aufspreizt.
Konkreter ausgedrückt: Es müsste ein Bürgerentscheid gegen den JPMorganlauf und ähnliche Abscheulichkeiten und Entwürdigungen her. Doch dieser Bürgerentscheid wäre wohl der unpopulärste aller Zeiten, nur Verrückte und Ewiggestrige, solche, die die Zeiten der Zeit nicht erkannt haben oder gar gar nicht zu erkennen wünschen, wenn sie da mit tosenden Signalen am versammelten Volk vorbeitost wie ein ICE, würden ihn unterstützen und davon gibt es leider (noch?) nicht genug.
Ein anderer Bürgerentscheid findet dieses Wochenende statt. Meine Solidarität gehört den armen Pferden und den armen JPMorganläufern. Sie leiden unter ein- und derselben Krankheit. Man lässt sie schwitzen und leiden, man richtet sie ab zu niedrigen, inhumanen und sogar erst recht inanimalen Zwecken. Das freie Pferd ist ein wunderschönes Geschöpf, ein Sinnbild der Freiheit und des erhobenen Hauptes. Umso niedriger ist das Vergnügen an der Ausnutzung genau dieser stolzen Freiheit. Auch wenn selbst der freieste Mensch in ästhetischer Hinsicht dem unfreiesten freien Pferd bei weitem unterlegen ist – und darin liegt die Uranmaßung des Menschen: zu verhässlichen, was von Natur aus schöner und edler ist als er; der Mensch veredelt die Natur nicht zu sich hinauf, er zieht sie immer nur zu sich hinab (Ausnahmen bestätigen leider die Regel) –, muss man doch mit derselben Geste, mit der man das geschundene Tier betrauert den geschundenen Menschen betrauern, der hier lächerlich zu völlig nichtigen Zwecken verausgabt und vergewaltigt wird. Ja, es gibt einen „hohen“ Unterschied: Der Mensch verhässlicht sich selbst, er zieht sich – paradox genug – selbst zu sich hinab, obwohl er doch gerade das Wesen sein könnte, dass sich über sich hinaus wirft. Im JPMorganlauf kehrt dieser menschliche Drang zur Selbstüberwindung wieder als Karikatur sowie auch das Pferd in der Rennbahn oder vor der Kutsche noch entfernt seinen stolzen Großvätern aus den Weiten der Steppe gleicht. Allerdings bin ich mir, wenn ich mir die keuchenden Deppen ansehe, nicht sicher, ob sie diesem Begriff von Humanität gerecht werden und man ihnen wirklich mehr Verantwortung für ihre Lage zusprechen soll als dem Pferd in der Galopprennbahn. Das ist ja ihre – ganz moralisch gesprochen – schuld, dass sie die Verantwortung besitzen doch unverantwortlich verfallen lassen aus reiner Dummheit und – bestenfalls – reinem Opportunismus. Sicher werden auch ihnen die Scheuklappen aufgezwungen, doch … Gut, lassen wir das „doch“: Wir sprechen ihnen einen Rest Menschlichkeit nur aus Höflichkeit zu und gehen zum nächsten Fall über.
Da will man also die Galopprennbahn abreißen und – anstatt den JPMorganlauf zu sabotieren – wollen selbst linksradikale Freunde von mir sich diesem Vorhaben anschließen. 80 % von ihnen sind Vegetarier oder gar Veganer, das sei hier nur notiert. „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz.“ Das ist mir von Kindheit an eingebläut worden und man tadelte mich, als ich in kindlicher Grausamkeit eine Schnecke mit Salz bestreute um zu sehen, was passiert und lobte mich, als ich mich um einen kranken Vogel kümmerte. Aus diesem Geist heraus bin ich Vegetarier geworden. Und aus diesem Geist heraus sehe ich klar, dass dort in der Galopprennbahn Tiere aus demselben kindischen Bedürfnis, aus dem ich die arme Schnecke mit Salz bestreute, malträtiert werden – Tiere gar von weitaus größerer Schönheit und zweifellos weitaus tieferem Schmerzempfinden –, dass es im Verhältnis dazu noch moralisch besser ist, wenn man ein Schwein kurz und schmerzlos schlachtet aus dem Bedürfnis nach Nahrung heraus. Wenn man Vegetarier nicht nur aus derselben Dummheit und demselben Konformismus wie die JPMorgan-Läufer, die man sonst verachtet, heraus ist, dann könnte man schon allein deswegen unmöglich für den Erhalt der Galopprennbahn stimmen.
Der Reitsport wird bis heute dominiert von Reichen, von „Bonzen“. Es ist eine andere Art von „Bonzen“ wie die, die hinter dem JPMorgan-Lauf stehen, doch es sind und bleiben „Bonzen“. Mit primitiven demagogischen Parolen und Halbwahrheiten versuchen sie, die unzufriedenen und zukurzgekommenen dieser Stadt auf ihre Seite zu ziehen. Sicher auch viele derjenigen, die den JPMorgan-Lauf und die Lebensunart, die er repräsentiert, zum Würgen finden.
Für diese Lebensunart steht auch das neue DFB-Zentrum. Ich gebe es zu: Ich hasse den DFB inbrünstig und auch im Namen des Fußballsports erfreut man sich an der Qual und Abrichtung von Menschen, an denselben Werten, für die der JPMorganlauf steht. Doch beim Profifußball kommen immerhin keine unbeteiligten Zivilisten zu schaden und ich finde es bigott, sich jedes Wochenende begeistert die „Eintracht“ zu geben und dann gegen das neue DFB-Sportzentrum zu stimmen.
Man verstehe mich nicht falsch: Ich hasse den DFB wirklich zu sehr, um für ich zu stimmen oder gar zu seiner Unterstützung aufzurufen. Ich bin in der Hinsicht konsequent, da mich Fußball auch schlicht ebenso wenig wie der Reitsport interessiert. Ich werde daher diesen Sonntag einfach nicht zur Wahl gehen. Ich wäre dafür, dass man das Areal in einen schönen großen Park für Arbeiterfamilien, biertrinkende Hartzer und Rentner, händchenhaltende Liebende, Hundebesitzer, nachdenkliche Spaziergänger und von mir aus sogar Jogger umfunktioniert. Von mir aus sogar welche, die für den JPMorganlauf (den ich zu akzeptieren bereit bin so wie ich AIDS und Darmkrebs akzeptiere als Geiseln der Menschheit). Man könnte die armen alten Reitpferde hier aussetzen und ihnen eine letzte Heimat geben, die wenigstens ein Weniges an die große Freiheit der Steppe erinnert. Die Kinder würde es freuen und die Menschen könnten so auch selbst etwas von ihrer Urfreiheit, um die sie betrogen wurden, wiederentdecken. (Es gibt keinen erhabeneren Anblick als den eines freien Pferdes – doch um die zu sehen, darf man gerade nicht in die Galopprennbahn gehen.)
Aber diese Option steht nicht zur Wahl. Wieso schafft man sie nicht, indem man das Areal besetzt anstatt sich zu nützlichen Idioten der Tierquälermillionäre von der Galopprennbahn zu machen?
Der DFB will anscheinend wenigstens einen Teil des Areals in diesem Sinne der Öffentlichkeit freihalten, daher finde ich seinen Plan sympathischer als die Galopprennbahn. Doch auch damit werden mich diese Idioten nicht ködern genauso wenig, wie mich die Idioten von der Galopprennbahn ködern werden.
Es muss immer einen dritten Weg geben zwischen alter Barbarei und Neo-Barbarei und aus dem Ekel vor der Neo-Barbarei darf nicht automatisch die Verteidigung der alten gefolgert werden.


K.’s Freispruch


von

Franz Kafka hätte, nicht zuletzt dank der aufopfernden Pflege Dora Diamants, die Tuberkulose gesund überstanden und gemeinsam mit ihr seinen Traum realisiert und sei nach Palästina ausgewandert. Dort leistete er dank der profunden Erfahrungen, die er während seiner Anstellung bei der „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“ gesammelt hatte, einen außerordentlichen Beitrag zum Aufbau einer Arbeiterunfallversicherung im jüdisch verwalteten Teil des Landes. Im Alter von 95 Jahren verstarb der hoch geehrte Greis lächelnd im Kreis seiner zahlreichen Töchter, Söhne, deren Ehepartnern, seiner Enkel und Urenkel, seiner Schwestern – die dank seines Engagements dem Naziterror heil entkommen konnten – und deren Männern und Kindern und deren Enkeln und Urenkeln. Er war für seine Ehrlichkeit, seine Zuverlässigkeit, seinen Fleiß, seine moralische Integrität, seinen Humor, seine Bildung und seine auf ihr gründende Lebensklugheit, ja: Weisheit, allgemein als Autorität, als Ratgeber in allen, selbst den heikelsten, Angelegenheit des Lebens, anerkannt. Sein Grab auf dem Friedhof von Tel Aviv wird heute noch gepflegt und in Ehre gehalten. Alle seine Manuskripte hatte er selbst vor seiner Abreise verbrannt und nichts davon übrig gelassen. Auf seine schriftstellerische Vergangenheit angesprochen, lächelte er nur stets und winkte ab: „Ach, ich habe in meinen jungen Jahren viel Unsinn gemacht.“ Und verliebt wie am ersten Tag richtete sich sein Blick auf Dora, die ihn um wenige Monate überlebte.


Nächtliches Lob der Vernunft


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Ganze Systeme der höchsten, schärfsten, aufrichtigsten Vernunft aufwenden – nur um ein für alle Mal zu beweisen, dass die Vernunft trügt und alles Beweisen nichtig. Alle Philosophen eint eine ästhetische Vorliebe für das Geistige. Die „Irrationalisten“ sind wie Schneider, die die Schönheit des nackten Körpers als vollendete Form seiner Präsentation oder Lüstlinge, die die Askese verehren – als höchsten Gipfel der Erotik, ihre Werke nichts als dekadente Ausschweifungen, Ergüsse kranker, von Innen her an ihren Widersprüchen zu Grunde gehender Seelen. Doch gerade als Luxus und Perversion des Geistes sind sie der größte Triumph jenes Geistes, dem sie Leibesfeindlichkeit vorwerfen. Gegenüber den Traktaken der „rationalen“ Denker besitzen ihre Werke den Hautgout der Delikatesse, wirken jene fad und würzlos. Die geistigen Verächter des Geistes sind so seine wahren Märtyrer. Einmal mehr bestätigt sich, dass man den Geist bis zum Wahnsinn lieben muss, um ihn recht hassen zu können. Wie auch generell die tiefste und konsequenteste Form der Liebe der abgrundtiefe Hass ist. Gesundwerden heißt inkonsequent und langweilig werden – doch genauso inkonsequent und langweilig wären die Werke der „Irrationalisten“, wenn sie ihrer Lehre treu geblieben und dem Geist tatsächlich radikal jede Treue aufgekündigt hätten. Vielmehr: Sie wären gar nicht existent und ihre Autoren hätten womöglich ein furchtbar belangloses Leben geführt.


Zu Nietzsches reaktionären Stellen


von

Die Widersprüchlichkeit von Nietzsches Lob autoritärer Gesellschaften drückt sich nicht zuletzt in der simplen Tatsache aus, dass in solchen Gesellschaften den unterdrückten Klassen die Lektüre von Nietzsches Schriften strikt verboten sein müsste.


Ein frühes Fragment Nietzsches über das Gelehrtentum


von

Geschrieben 1873, als Nietzsche noch als Professor in Basel angestellt war.

Man könnte daraus einen Persönlichkeitstest für Akademiker und deren Nachwuchs machen: Welcher Typ von Gelehrte bist Du?

Allerdings würden die wenigsten das Ergebnis bei Facebook posten. (Das wären dann jedenfalls in Sachen Ehrlichkeit sehr konsequente Gelehrte, die Nietzsche wahrscheinlich schätzen würde.)

 

Der Gelehrte.

 

1. Eine gewisse Biederkeit, fast nur Ungelenkigkeit zur Verstellung, zu der einiger Witz gehört. Überall wo dialektische Advocatenmanier da ist, mag man auch in Betreff dieser Biederkeit Zweifel haben und auf seiner Hut sein. Es ist bequemer, in adiaphoris die Wahrheit zu sagen, es entspricht einer gewissen Trägheit. Gegen das copernikanische System z.B. machte gerade die Biederkeit Opposition, weil es dem Augenschein widersprach: Augenschein und Wahrheit fällt aber für die trägen Geister zusammen. Auch der Hass gegen die Philosophie bei den Gelehrten ist vor allem Hass gegen die langen Schlussketten und die Künstlichkeit der Beweise: die Bewunderung des Scharfsinns ist mit Furcht verbunden, und im Grunde hat jede Gelehrtengeneration ein Maass für den erlaubten Scharfsinn: was darüber hinaus ist, wird abgelehnt.

2. Scharfsichtigkeit in der Nähe mit grosser Myopie in die Ferne und in das Allgemeine. Das Gesichtsfeld sehr klein und die Augen werden sehr nahe heran gehalten. Will der Gelehrte von einem eben durchforschten Punkte zu einem neuen, so rückt er den ganzen Sehapparat zu jenem Punkte: er zerlegt ein Bild, wie durch Anwendung eines Opernglases, in lauter Flecke. Sie alle sieht er nie verbunden, sondern berechnet nur ihren Zusammenhang: deshalb hat er von allem Allgemeinen keinen starken Eindruck. Er beurtheilt z.B. eine Schrift, die er im Ganzen nicht zu überschauen vermag, nach einem Flecken aus dem Bereiche seiner Studien: er würde nach seiner Art zu sehen zuerst behaupten müssen, ein Oelgemälde sei ein wilder Haufen von Klexen.

3. Normalität seiner Motive, Nüchternheit, insofern zu allen Zeiten die gemeineren Naturen und somit die Masse von gleichen Motiven geleitet worden ist. Diese wittert er heraus. In einem Maulwurfsloch findet sich der Maulwurf am besten zurecht. Er ist behütet vor vielen künstlichen und abnormen Hypothesen und vor allem Ausschweifenden und gräbt, wenn er beharrlich ist, alle gemeinen Motive der Vergangenheit, durch seine eigne Gemeinheit, auf. Freilich ist er deshalb unfähig, das Seltne Grosse und Abnorme, d.h. das Wichtige und Wesentliche zu verstehen.

4. Gefühlsarmut befähigt sie selbst zu Vivisectionen. Er ahnt das Leiden nicht, das manche Erkenntniss mit sich führt und fürchtet sich deshalb nicht auf gefährlichstem Bereiche. Das Maulthier kennt den Schwindel nicht. Sie sind kalt und erscheinen deshalb leicht grausam, ohne es zu sein.

5. Geringe Selbstschätzung, ja Bescheidenheit. Sie fühlen, im dürftigsten Studienbezirk, nichts von Vergeudung, selbst nichts von Aufopferung, sie wissen es im tiefsten Grunde, dass sie kriechendes, nicht fliegendes Gethier sind. Darin sind sie oft rührend.

6. Treue gegen ihre Führer und Lehrer; diesen wollen sie helfen und sie wissen wohl, dass sie ihnen am besten mit der Wahrheit helfen. Gegen diese sind sie dankbar gestimmt, weil sie nur durch sie Einlass in die würdigen Hallen der Wissenschaft bekommen haben, in die sie, auf eignem Wege, nie hineingekommen wären. Wer in Deutschland ein Gebiet zu erschliessen weiss, auf dem die geringen Köpfe arbeiten können, ist ein berühmter Mann: so gross ist alsbald der Schwarm. Freilich ist Jedermann aus diesem Schwarm zugleich die Caricatur des Meisters, in irgend einem Sinne: selbst dessen Gebresten erscheinen karikirt, nämlich unmässig gross und übertrieben, an einem viel kleineren Individuum: während die Tugenden des Meisters an eben demselben Individuum proportional verkleinert erscheinen. In so fern ist es eine Missgestalt, und wirkt als solche, wenn sie es aus Treue ist, rührend-drollig.

7. Gewohnheitsmässiges Fortlaufen auf der Bahn, in die man ihn gestossen hat: Wahrheitssinn aus Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit in der einmal angenommenen Gewöhnung. Dies gilt besonders von dem Lernen, das Viele von ihrer Übung im Gymnasium her, wie im Bann einer unentrinnbaren Noth, betreiben. Solche Naturen sind Sammler, Commentatoren, Verfertiger von Indices, Herbarien etc. Der Fleiss derselben entsteht beinahe aus Trägheit, ihr Denken aus Gedankenlosigkeit.

8. Flucht vor der Langeweile. Während der wirkliche Denker nichts mehr ersehnt als Musse, flieht der Gelehrte vor ihr, weil er mit ihr nichts anzufangen weiss. Seine Tröster sind die Bücher: d.h. er hört zu, wie jemand Anderes denkt und lässt sich auf diese Art unterhalten und über den langen Tag hinweg — unterhalten. Besonders wählt er Bücher, bei denen sein Interesse, sein persönlicher Wille irgendwie aufgeregt wird, wo er ein wenig, durch Neigung oder Abneigung, in Affect gerathen kann: Schriften, wo er in Betracht kommt, oder sein Stand, seine politische oder ästhetische oder grammatische Meinung: hat er erst eine eigne Wissenschaft, so hat er auch ein Mittel, immer wieder interessirt zu werden.

9. Broderwerb. Der Wahrheit wird gedient, wenn sie im Stande ist, zu höheren Stellungen und Gehalten zu verhelfen, wenn durch sie Beförderung bei Höheren erreicht werden kann. Aber eben auch nur dieser Wahrheit wird gedient: weshalb sich eine Grenze für die erspriessliche Wahrheit und die unerspriessliche W<ahrheit> finden lässt. Letztere wirkt nicht zu Gunsten des Broderwerbs und, da sie Mühe und Zeit braucht und diese der ersteren wegnimmt, sogar gegen den Broderwerb. Ingenii largitor venter. Die „Borborygmen eines leidenden Magens“.

10. Achtung bei andern Gelehrten, Furcht vor ihrer Missachtung. Sie Alle überwachen sich eifersüchtig, damit die Wahrheit, an der so viel hängt, Ehre, Broderwerb, Beamtungen, wirklich auf den Namen des Erfinders lautet. Die Achtung vor der Wahrheit, die ein Andrer gefunden, wird gezollt, weil man sie wieder fordert, bei der, die man selbst findet. Die Unwahrheit wird schallend explodirt, damit sie nicht als Wahrheit gelte und Ehren und Titel an sich reisse, die nur der unwiderstehlichen Wahrheit gegönnt werden. Gelegentlich wird auch die wirkliche Wahrheit explodirt, damit wenigstens Platz für andre Wahrheiten, die Anerkennung wollen, geschafft werde. „Moralische Idiotismen, die man Schelmenstreiche nennt.“ „Ausnahmen vom allgemeinen Gewissen.“

11. Der Gelehrte aus Eitelkeit, schon eine seltnere Spielart. Er will etwas ganz für sich haben, wählt deshalb die Curiositäten als sein Forschungsfeld und freut sich, wenn er selbst als Curiosität neugierig betrachtet wird. Er begnügt sich meistens mit dieser Art Ehrbezeigung und gründet nicht seinen Lebensunterhalt auf einen solchen Wahrheitstrieb.

12. Der Gelehrte aus Spieltrieb. Seine Ergötzlichkeit ist, Knötchen zu suchen und sie zu lösen: wobei er sich nicht zu sehr anstrengen mag, damit er das Gefühl des Spiels nicht verliert. Deshalb dringt er nicht gerade in die Tiefe, doch sieht er oft etwas, was der Brodgelehrte in seiner stumpfen und mühsam kriechenden Befangenheit des Auges nicht wahrnimmt: er hat doch wenigstens ein Vergnügen an der Wahrheit und ist Dilettant, bildet in sofern sogar den Gegensatz des unlustigen Brodgelehrten, der nur gezwungen und gleichsam unter dem Joche des bezahlten Berufs oder dem Peitschenschlag seiner Beförderungssucht seine Arbeit thut.

(Nachgelassene Fragmente 1873, 29, 13)


Zur aktuellen Relevanz einer der bekanntesten Thesen des Trierers Karl Marx


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„Das haben schon andere vor uns gemacht und man sieht ja, was dabei heraus gekommen ist.“


Adornos schwarzer Koffer – Wie Adorno 1933/34 kurz vor dem Pakt mit dem Teufel stand


von

 

Der berüchtige schwarze Koffer, den Adorno Ute vor 50 Jahren anvertraute.

Der berüchtige schwarze Koffer, den Adorno Ute Bergenroth vor 50 Jahren anvertraute.

Die Entdeckung der „Schwarzen Hefte“ warf ein neues Licht auf die Debatte um Heideggers NS-Sympathien. Allerdings stand Heidegger seit jeher unter Verdacht, mehr als nur ein bloßer Mitläufer gewesen zu sein, der die letzten Jahres des „Tausendjährigen Reichs“ gar in inneren Emigration überwinterte. Eine weitaus größere Überraschung ist daher ein kürzlich aufgetauchter schwarzer Koffer, gefüllt mit verschiedensten Hinterlassenschaften Theodor W. Adornos, die eindeutig belegen, dass er nicht nur – wie bereits bekannt – 1933 plante, sich während der NS-Zeit in Deutschland einzuigeln und dafür bereit war, einige Zugeständnisse dem Regime gegenüber zu machen, sondern, dass er zu Beginn der Nazi-Herrschaft vorübergehend hellauf begeistert vom neuen Regime war und seine große Chance sah, ähnlich wie sein badischer Konkurrent seiner Karriere endlich entscheidenden Auftrieb zu verleihen.

 

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