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Freiheit in Zeiten von Corona. Jean-Paul Sartre zum 40. Todestag

Ich wollte anlässlich von Sartres 40. Todestag ein Meme basteln mit einem besonders guten und zur jetzigen Situation passenden Sartre-Zitat. Ich wurde offen gesagt nicht fündig. Nicht, weil es sich nicht tolle Zitate von Sartre geben würde, die gibt es zuhauf, sondern weil die meisten guten einfach zu abgedroschen sind, zu ausgelutscht, um noch einen schönen Meme abzugeben. Eine Idee von mir war etwa, „Die Hölle sind die anderen“ mit dem Bild eines Menschen, der eine Schutzmaske trägt, zu kombinieren. Naja … Und ja: Sartres viele Zitate zum Thema „Freiheit“ sind immer wieder lesens- und bedenkenswert. Aber man hat das eben alles schon oft gelesen und es ist irgendwie seltsam verblasst. So jedenfalls mein Gefühl.

Mein aktuelles Lieblingszitat von Sartre ist die wohl schneidendste Polemik gegen alle, die meinen, nur aufgrund eines bestimmten Kleidungsstücks einen gewissen Rang in der Welt beanspruchen zu dürfen. Es stammt aus Der Ekel:

Der schöne Herr existiert Ehrenlegion, existiert Schnurrbart, das ist alles; wie froh muß man sein, nur eine Ehrenlegion und nur ein Schnurrbart zu sein, und den Rest sieht niemand, er sieht die beiden Spitzen seines Schnurrbartes zu beiden Seiten der Nase; ich denke nicht, also bin ich ein Schnurrbart.

Das ist natürlich zeitlos – wenigstens, wenn man dem Kerngedanken folgt. Ich denke allerdings, dass der Schnurrbart schon längst aufgehört hat, das Symbol einer solchen unauthentischen Existenz zu sein und dass es heute eher die klinischen Teflongesichter sind, die seinen Platz als Inbegriff selbstgewisser Spießigkeit eingenommen haben. – Oder auch die dynamischen Dreitagebärte der Manager, Chefärzte und Minister, die mit ihnen zum Ausdruck bringen wollen, wie beschäftigt sie gerade damit sind, die Welt zu retten.

Sartres Philosophie bleibt eine Provokation der Spießigkeit, des Untertanengeists und des Autoritarismus, das ist klar. Ihr Kernpunkt ist eben eine scharfe Kritik am Selbstverständlichen. Sartres Mantra: Es gibt keine Selbstverständlichkeiten, der Mensch schafft sie erst. Das ist und bleibt radikal und gilt auch in der jetzigen Situation.

Zugleich lehrt Sartre aber auch, dass der Mensch sich zwar frei zur Situation verhält, diese aber auch nicht schafft. Es gibt bei ihm eine Art Überschuss des Realen, ein ‚Mehr‘ an Faktizität, dessen wir nie habhaft werden können, und für das heute der Name ‚Corona‘ steht. Sartre würde dabei den Versuchen, dem dermaßen verdinglichten Exzess des Seins, der die menschliche Existenz stets heimsucht, durch massive Bändigungsversuche Herr zu werden, eher skeptisch gegenüberstehen: Er würde sie als zum Scheitern verurteilte Versuche betrachten, Gott zu spielen. Lächerlich finden würde er freilich auch genauso die Selbstsicherheit mancher Kritiker der ‚Coronoia‘, die ganz bestimmt wissen, dass da jetzt auch wieder ‚dunkle Mächte‘ dahinterstecken, und keine positive, verantwortungsvolle Vorstellung davon haben, wie es denn nun wirklich ist und was man denn nun wirklich gegen Corona tun sollte.

Darum ging es Sartre stets, wenn der von ‚Freiheit‘ sprach: individuelle Verantwortung. „Kannst du wirklich verantworten, dass …?“ Egal, ob man nun dem ‚Mainstream‘ hinterrennt oder den diversen ‚Alternativangeboten‘: Beides wäre ihm zweifelhaft vorgekommen, da es in beiden Bewegungen darum geht, der individuellen Verantwortung auszuweichen und in das Kollektivum, das „Man“ (ja, in Sartre steckt auch viel Heidegger), zu fliehen, der individuellen Verantwortung, die vor allem auch die Übernahme der Verantwortung für Fehlentscheidungen beinhaltet, auszuweichen.

Vincent von Wroblewsky ist insofern völlig Recht zu geben, wenn er sagt, dass es unklar ist, auf welcher politischen Seite Sartre heute stehen würde. Sein Freiheitsbegriff führte ihn zeitweise dazu, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten und den Liberalismus zu kritisieren, zuletzt sympathisierte er mit dem Anarchismus. Er blieb jedenfalls ein Zweifelgeist, der stets Wert darauf legte, sich seine intellektuelle Unabhängigkeit zu wahren und sich keinem der großen Gesinnungsrackets anzuschließen.

In all dem bleibt Sartre bis heute ein Vorbild und seine Botschaft ungeheuer aktuell. Doch leider muss man sagen, dass sie zugleich auch ungeheuer unzeitgemäß ist. Als er vor 40 Jahren verstarb, nahmen an dem Trauerzug zu seinen Ehren 50.000 Menschen teil – wahrscheinlich die größte Kondolenz, die einem Philosophen jemals erwiesen worden ist. Heute interessiert Sartre auch im akademischen Betrieb kaum jemanden mehr und wenn man sich ansieht, wer heute das Label des ‚Neo-Existenzialismus‘ so alles für sich reklamiert, dann will man sich doch lieber nicht damit gemein machen. Die meisten interessieren sich eher für Philosophien, die die Bestimmtheit des Menschen betonen: Marxismus, Psychoanalyse, Post-Strukturalismus, Konservative Revolution … Andere Denkweisen, wie etwa auch diejenige Blochs, wirken irgendwie veraltet und passen anscheinend nicht so recht zu unserer Lebenswelt. Wer sich nicht einer der erwähnten Schulen und ihren Ablegern anschließt, gilt schnell als verschrobener Sonderling, als unzuverlässiger Querulant, der aus Prinzip ‚Dagegen‘ ist, der sich den ‚Fakten‘ nicht beugen will.

Wir leben in einer Welt, in der unser Leben mehr denn je von objektiven Sachverhalten, von Dingen bestimmt ist. Doch die mit Sartre zu stellende Frage wäre, inwiefern es sich dabei nicht um eine selffulfilling prophecy handelt: Mangelt es uns vielleicht einfach an Phantasie und Weltdistanz, so dass wir die Fakten und Sachverhalte nicht als künstliche Konstruktionen durchschauen und die Spielräume, die sich uns auf individueller wie kollektiver Ebene darbieten, nicht sehen? Ist der Grund für das weitgehende Einknicken aller politischen Lager vor der nun dominanten Corona-Politik vielleicht ein Symptom dieses arg in Mitleidenschaft geratenen Möglichkeitssinns? War es darum vor 40 Jahren besser bestellt? 1968 protestierte man in Deutschland noch gegen die Einfügung der Notstandsbestimmungen ins Grundgesetz – die Erben der 68er fordern heute mehrheitlich nicht ein schnelles Ende des nun ausgerufenen de facto-Notstands, sondern im Gegenteil seine Verlängerung.

Freilich werden uns die Freiräume, und diese Sicht belichtet Sartre in seiner Philosophie ein wenig unter, auch objektiv genommen und das ist eben das Problem: Wir sind umringt von einer Welt von autonom, geradezu unheimlich und gespenstisch, wirkenden Dingen. Der Klimawandel, der Corona-Virus, die Digitalisierung … Es ergeht uns wie Spinnen, die sich in ihrem eigenen Netz verwickelt haben und darin nun ohnmächtig zappeln.

Ein Ausweg aus diesem Schlamassel muss zweifellos auf der subjektiven wie auch auf der objektiven Ebene gleichzeitig erfolgen, niemand wusste das besser als Sartre. Der Wille zur Freiheit muss mit einer klaren Sicht für die objektiven Faktoren gekoppelt sein, die die Freiheit begrenzen – fehlt einer dieser beiden Pole, dann droht nicht nur das politische Ohnmachtsgefühl, sondern nicht zuletzt die philosophische Seichtigkeit. Aber zu seinen Lebzeiten hat Sartre das Ausmaß der objektiven Einschränkung der Freiheit durch die Welt der Fakten noch gar nicht ermessen und vor allem erfahren können, dem wir heute ausgesetzt sind. Vor 40, vielleicht sogar noch vor 30 Jahren haben die Menschen vermutlich freier geatmet als heute, die Dingwelt war noch nicht derart zu einem Alp geworden. Sie lebten in einer Welt, die noch viel mehr von unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt war, von echter Privatsphäre, aber auch von der Erfahrung politischer Wirkmächtigkeit. Erst jetzt, wo die Dingwelt gewissermaßen in gespenstischer Weise gegen uns, ihre Schöpfer, zu rebellieren beginnt, erleben wir eine kleine Atempause und der Stillstand lässt uns ein wenig Zeit, um vielleicht wieder mehr Kontrolle über unser Leben zu gewinnen – auf individueller wie kollektiver Ebene.

Aber wahrscheinlich verpassen wir diese Gelegenheit erneut, weil wir zu sehr auf die Hüter der Fakten hören in ihren weißen Kitteln, mit ihren Dreitagebärten, in ihren Anzügen und Sportschuhen. Die Menschen der Dingwelt. Wir werden auf sie hören und uns nur noch weiter an die Dingwelt verlieren: Es wird normal werden, jeder unserer Bewegungen aufzuzeichnen, wir werden uns daran gewöhnen, dass jetzt immer wieder aufgrund neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse Ausnahmezustände ausgerufen werden, wir werden das gewöhnliche Leben vergessen und uns mit einem neuen Leben arrangieren, das sich fast nur noch in unseren winzigen Apartments vor dem Bildschirm abspielen wird. Wem das als Zumutung, als Technofaschismus, als Autoritarismus erscheinen wird und dagegen unter naiver Berufung auf die nur noch aus ein wenig Restpietät geltenden, jetzt den Weltlauf in Wahrheit nur noch unnötig hemmenden Gesetze der Altvorderen, den wird man nicht etwa als selbstverantwortliche Person behandeln, sondern als Irren, als Nervensäge, als Spinner, den man am besten ignorieren und zensieren, zur Not eben diffamieren, bedrohen und schließlich wegsperren sollte, sofern er sich nicht freiwillig fügt.

Was wir eigentlich bräuchten, wäre, philosophisch gesprochen, ein Aufstand der „Quasselbude“ gegen die Ausnahmezustandsdiktatur, der „Ideologie“ gegen die Wissenschaft, des Bewusstseins gegen das Unbewusste, der Subjekte gegen die Diskurse, der Hoffnung gegen den ‚Realitätssinn‘, des Tagtraums gegen die dumpfe ‚Wachheit‘; kurz: der Fiktionen gegen die Fakten. Sartre könnte dabei (ebenso wie Adorno, Bloch, Landauer oder Nietzsche) ein Kronzeuge sein. Das klingt furchtbar naiv, unreflektiert und überhaupt nicht an der Zeit, geradezu ein bisschen wahnhaft1)„So ist es nun einmal bei allen grossen Dingen, ‚die nie ohn’ ein’gen Wahn gelingen‘“, schreibt Nietzsche in Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. Und statt der biologischen hat er eine geistige Impfung im Sinne, wenn er in Also sprach Zarathustra schreibt: „Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?“, doch es ist durchaus ein „heroischer Realismus“ noch viel tieferer Art als die naive Faktenhörigkeit, sofern damit eben die Einsicht verbunden ist, dass sich beide Ebenen gar nicht so schroff trennen lassen. Ist das ‚Corona-Faktum‘ nicht eben doch letztendlich nur eine Fiktion, ein großer Spuk, ein gewaltiger Lärm, der das Denken tötet – genauso, wie es zahlreiche der jetzt gestreuten Gerüchte über angebliche ‚Hintermänner‘ tun?

Moralische Entrüstung trifft den, der so denkt, und vielleicht nicht zu Unrecht. Wie kann man etwa, wie Bloch, die Wissenschaftlichkeit der westlichen Medizin und ihre moralischen Prinzipien in Frage stellen? Wie kann man nur mit Nietzsche fragen, ob das nackte Überleben der höchste Wert einer Gesellschaft sein soll? Wie kann nur mit Sartre eine Ethik schreiben, die die Eigenverantwortlichkeit der Menschen in den Fokus rückt? Pfui, nieder mit diesen alten weißen Männern! Verbrennt die Bücher! Sperrt sie weg und bringt sie zum Schweigen!

Sartre war durchaus eindeutig überzeugter Antifaschist. Das Eigentümliche an unserer Situation ist, dass wir noch nicht wissen, ob wir es mit dem Übergang zu einem Faschismus ganz neuen Typs, doch irgendwie der Rückkehr zum status quo oder vielleicht ‚nur‘ mit einem autoritären „Corona-Kommunismus“ (Slavoj Žižek) zu tun haben werden, durch den das Klima endlich gerettet wird und in dem spinnerte alte weiße Männer aus dem Lehrplan getilgt sein werden. Und vielleicht gibt es eben auch noch einen ‚vierten Weg‘, den eines libertären Sozialismus … Wir wissen das alles noch nicht, es ist noch Zukunft, es ist noch unserer Freiheit überlassen, wie wir uns entscheiden wollen. Noch können wir auch wählen, uns nicht zu entscheiden – was darauf hinausläuft zu wählen, andere für uns entscheiden zu lassen (die Fakten, die Dinge, die Experten …).

Weder Sartre noch sonst irgendwer kann uns sagen, wie wir entscheiden sollen, aber von Sartre können wir lernen zu akzeptieren, dass wir uns entscheiden müssen und für unsere Entscheidung die Verantwortung zu übernehmen haben. Kannst du wirklich verantworten, dass aufgrund deiner Entscheidung möglicherweise Tausende von Menschen unnötig sterben? Kannst du verantworten, dass es vielleicht schon bald keine Demokratie mehr geben wird? Wie viele Menschen bist du bereit, möglicherweise zu opfern, um die Demokratie zu erhalten? Welche Entscheidung du fällst, wird entscheiden, wer du bist.

Skeptiker aller Lager werden nun wiederum aufschnauben und mir vorwerfen, eben die entscheidende Realität zu verkennen: dass es ja eben wirklich nicht ich bin, der hier irgendwas zu entscheiden hat und mir das auch nicht anmaßen sollte. Dass ich meine Handlungsmacht überschätzte und eben nicht auf die Fakten höre, die doch eine ganz eindeutige Sprache sprächen.

Denen kann ich nur antworten: Ihr könnt mit solchen Überlegungen euer Gewissen vielleicht temporär zum Verstummen bringen, aber nicht ausschalten. Irgendwann wird es erwachen, vielleicht in 20 Jahren, wenn es heißt: „Warum hast du damals tatenlos zugesehen, als man den Faschismus einführte?“ Oder auch: „Warum hast du völlig starrköpfig auf dem Grundgesetz beharrt? Waren dir die vielen Toten ganz egal?“ „Warum hast du damals dem Experten x und nicht dem Experten y vertraut?“ Man wird damit leben müssen, diese Fragen gestellt zu bekommen und sollte sich am besten heute so entscheiden, sie in einer Weise beantworten zu können, die es einem erlaubt, auf sie in 20 Jahren noch eine Antwort geben zu können, die mit den eigenen Prinzipien vereinbar ist. Ja, man wird dann vielleicht antworten: „Naja, der Mainstream hat’s halt so gesagt.“ „Das war halt damals der Geist der Zeit.“ „Man hat als Kritiker zu viel Gegenwind erhalten, das hat mich abgeschreckt.“ „Ich wollte nicht in die und die Ecke gestellt werden.“ „Der xy hat’s hat halt so gesagt.“ Wird man so eine Antwort wirklich geben wollen?

Fußnoten   [ + ]

1. „So ist es nun einmal bei allen grossen Dingen, ‚die nie ohn’ ein’gen Wahn gelingen‘“, schreibt Nietzsche in Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. Und statt der biologischen hat er eine geistige Impfung im Sinne, wenn er in Also sprach Zarathustra schreibt: „Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?“

One Trackback/Pingback

  1. Politische Stellungnahme – Links-Nietzscheanismus on Freitag, April 17, 2020 at 4:27

    […] könnte – trotz der entsprechenden eindeutigen Passagen in meinem Essay zu Sartres Todestag – in den letzten Tagen der Eindruck entstanden sein, dass ich mich zumindest duldend […]

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