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Willkommen in der Wüste des Normalen!

Ein Gastbeitrag von Chukuka Unah. Der Text entstand als Antwort auf die Preisfrage des Eos-Preises 2021: „Geht die Welt unter?“ (Link).

 

Willkommen in der Wüste des Normalen!

Über Pandemie und Weltuntergang

 

Überall beginnt man die spätestens seit März 2020 andauernde Phase als eine Art neue Epoche, als ‘Zeitalter der globalen Pandemie’ und dergleichen zu bezeichnen. Diese Redensart hat offensichtliche Vorteile. Sie markiert die schmerzhafte Zäsur zwischen den Anforderungen der Gegenwart und dem alten ‘Normalzustand’, dem Leben noch ungehindert durch social-distancing, Maskenpflicht und Lockdown, noch nicht gemessen an statistischen Fallzahlen, Inzidenzen und Immunisierungsquoten. Unter den Bedingungen der weltweiten Verbreitung des neuartigen Coronavirus-Erregers, SARS-CoV-2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2), kann dieses alte ‘Normal’ als ein zunehmend wünschenswerter aber unerreichbarer Zustand erscheinen. Sicherlich wird mit größter Anstrengung daran gearbeitet, die Krise zu bewältigen und unter immunisierten Bedingungen wieder etwas ‘Normalität’ zu ermöglichen. Dennoch drängt sich die Ahnung auf, dass dies nicht die alte Normalität sein kann und dass es das soziale Leben in der Form, wie wir es kannten, vielleicht nie wieder geben wird. Slavoj Žižek exklamierte 2020 in seinem Buch Pandemic!: “There is no return to normal, the new ‘normal’ will have to be constructed on the ruins of our old lives(…)” 1)Žižek, Slavoj: Pandemic! Covid-19 Shakes the World, 1. Aufl., New York: OR Books 2020. S.3. So viel lässt sich mit gewisser Sicherheit sagen: Erkrankung, Immunisierung und Mutation werden die Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Lebens bis auf unabsehbare Zukunft bestimmen. Diese Einsicht muss nicht in Verzweiflung über den Untergang ‘normalen’ Lebens münden. Vielmehr entblößt die Krise die intrinsische Krisenhaftigkeit des alten ‘Normalzustands’ und kann damit die Notwendigkeit des Umdenkens ins Bewusstsein rufen – die Notwendigkeit der Entwerfung anderer, auf globaler Kooperation und Solidarität fußender Lebensbedingungen. Dieser kurze Essay beansprucht weder die ganze Wahrheit über das Alte zu sagen, noch verlässliche Aussichten über die Zukunft zu offenbaren. Er ist lediglich ein Versuch den Übergang zu markieren, vor einigen Fallen auf dem Weg zu warnen und wie Žižek, als er vor etwa 20 Jahren über eine andauernde Krise schrieb, die seinerzeit mit der hereinbrechenden Apokalypse verglichen wurde, stellt er die Frage: “where have we seen this before?”2)Žižek, Slavoj: Welcome to the Desert of the Real! Five essays on September 11 and related dates, London: Verso Books 2002. S.3

Wer würde nicht gerne die Uhr zurückdrehen? Dem Jahr 2020 einen anderen Verlauf geben? Möglichst früh dasjenige Wissen erlangen, das sich in der heutigen Krise bewähren würde? Oder wenigstens die alten Freiheiten noch einmal richtig auskosten?

Terry Gilliams Film Twelve Monkeys hatte solche Fragen bereits 1997 aus der Perspektive eines postapokalyptischen Pandemie-Szenarios erkundet. 2035 ist die Weltbevölkerung in Folge einer katastrophalen Viruspandemie bis auf 1% reduziert, fünf Milliarden Menschen sind gestorben und die Überlebenden fristen ein prekäres Dasein unter der Erdoberfläche, hermetisch abgeriegelt gegen todbringende ‘Keime’. Der Protagonist James Cole (Bruce Willis) wird gezwungen an einem Experiment teilzunehmen, das ihn nach einigen technischen Komplikationen der Zeitreise in das Jahr des Ausbruchs zurückschickt, mit der Mission so viel als möglich über den Ursprung des apokalyptischen Virus zu erfahren. Coles Reise in die Vergangenheit endet mit seinem Tod unmittelbar bevor es ihm gelingen konnte den Labormitarbeiter zu töten, der das Virus vorsätzlich in die Welt setzt. Neben Kritiken an den Exzessen experimenteller Wissenschaft, kann man in Twelve Monkeys einen Rückgriff auf ein klassisches Thema der Prophetie ausmachen. Der Film bespielt die Unmöglichkeit bei gleichzeitig nahezu unerträglicher Versuchung, bevorstehende Katastrophen durch Wissen von bzw. aus der Zukunft abzuwenden. Der Protagonist und seine Verbündete verfallen dem im Film erwähnten “Kassandra-Syndrom”. Wie Kassandra, die Visionen vom Untergang Trojas erhält und darauf vergeblich versucht die Bewohner:innen der Stadt zu warnen, glaubt niemand ihren Weissagungen. Wer vom drohenden Desaster warnt wird von der unwissenden Menschheit nicht gehört und sogar gehindert die Welt zu retten, bis es zu spät ist und alle Versuche den Untergang zu vermeiden nur zur dessen schicksalhafter Einleitung führen3)Vgl. Wertheimer, Jürgen in: “Kassandra Syndrom. Warum Warnungen so oft in den Wind geschlagen werden.”, in: deutschlandfunkkultur.de, Juni 2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kassandra-syndrom-warum-warnungen-so-oft-in-den-wind.1005.de.html?dram:article_id=479084.

Solche Momente lassen sich vielfach an den Krisen der Gegenwart nachweisen. Obwohl ein universelles Zusammenbrechen menschlicher Gesellschaften momentan sehr unwahrscheinlich scheint, gibt es dennoch einiges, was der Verlauf der gegenwärtigen Pandemie mit apokalyptischen Szenarien teilt. Zumal die überraschend schnelle Weise, in der Covid-19 weite Teile der Welt unvorbereitet und unerwartet hart traf. Selbst nordamerikanische und europäische Industrienationen, deren wirtschaftlicher Entwicklungsstand Unverwundbarkeit zu versprechen schien, waren gezwungen das öffentlich-kulturelle Leben herunterzufahren und einige standen zeitweise kurz vor dem völligen Zusammenbruch ihrer technologisch überlegenen Gesundheitssysteme. Es gab Menschen, welche die Krise, in der wir uns gerade befinden, längst für möglich hielten oder so früh erkannten, dass effektives Handeln den Ausbruch noch hätte eindämmen können. Wie in apokalyptischen Geschichten wurde ihren Warnungen, wenn überhaupt, erst viel zu spät Gehör geschenkt. Spätestens seit den Ausbrüchen der ebenfalls durch zoonotische Coronaviren verursachten Lungenkrankheiten SARS (severe acute respiratory syndrome) 2003 und MERS (middle-east respiratory syndrome) 2012 rechnete man in der virologischen Forschung mit einer früher oder später eintreffenden Coronavirus-Pandemie4)

Vgl. “The Kind of Outbreak Our Scientists Knew Would Happen”, in: publichealth.columbia.edu, März 2020,

https://www.publichealth.columbia.edu/public-health-now/news/kind-outbreak-our-scientists-knew-would-happen
. Trotz dieser Erkenntnisse waren selbst die meisten reichen Staaten auf ein solches Szenario nicht vorbereitet und unterschätzen den Ernst der Lage. Die US-Regierung unter Donald Trump löste 2018 ein von der Obama Regierung speziell für die Pandemie-Abwehr gegründetes Expertenteam auf. 2020 verließ sie sich zunächst darauf, dass die neue Krankheit ihren natürlichen Lauf nehmen würde ohne zu viel Schaden anzurichten und man bald wieder zum business as usual zurückkehren würde. Li Wenliang, der Arzt, der die ersten Covid19-Fälle bereits 2019 in Wuhan entdeckte und erstmals in einen epidemiologischen Zusammenhang brachte, wurde von den chinesischen Behörden zensiert und abgestraft, bis der massive Ausbruch der neuen Epidemie nicht mehr zu leugnen war. Wenliang steckte sich bei einer Patientin an und starb kurz darauf im Januar 2020 an Covid-19.

Anders als in Twelve Monkeys sind es keine fünf Milliarden Menschen, die bisher durch die Pandemie ihr Leben verloren haben, aber bereits über 4,5 Millionen. Die Apokalypse lässt noch auf sich warten, aber selbstverständlich hätte es noch schlimmer kommen können. Nicht nur für in die Materie vertiefte Wissenschaftler:innen war dies bereits 2019 denkbar. Ein weiteres Beispiel aus der Popkultur: Steven Soderberghs Thriller Contagion (“Ansteckung”) von 2011. Contagion hatte mit Beratung durch Expert:innen versucht, ein realistisches Bild von einer Pandemie im 21. Jahrhundert zu entwerfen – zehn Jahre später zeigen sich die besorgniserregenden Parallelen, welche diese Simulation zur Realität aufweist. In Contagion befällt eine bösartige Lungenkrankheit mehrere Personen in Hong Kong und entwickelt sich bald darauf zu einer globalen Pandemie von nahezu apokalyptischem Ausmaß. Die Pandemie trifft unvorbereitete Regierungen und überlastete Krankenhäuser weltweit, während Verschwörungstheorien und generelle Panik das Vertrauen in Forschung und offizielle Gesundheitsorganisationen untergraben. Erst nach unzähligen Todesopfern und kurz vor dem Zusammenbruch von Versorgung und Infrastruktur, kann die Pandemie durch die Entwicklung und Verteilung eines wirksamen Impfstoffs bekämpft werden. Am Ende des Films wird gezeigt, wie eine Fledermaus das Virus erst auf ein Schwein überträgt, welches dann für den Verzehr durch Menschen geschlachtet wird und damit beginnt die epidemische Kettenreaktion. Fledermäuse, in denen die nächsten Verwandten von SARS-CoV2 nachgewiesen wurden, gelten ebenfalls als wahrscheinlicher Ursprung von Covid-19. Die Grenze zwischen Simulation und Realität verwischt an dieser Stelle noch stärker, denn Contagion hat nicht nur die jetzige Pandemie erschreckend akkurat visualisiert, zehn Jahre bevor sie eingetreten ist, sondern eventuell auch reale politische Reaktionen auf die gegenwärtige Krise beeinflusst. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock gab im Februar 2021 an, der Film habe ihn bei der Entwerfung der Impfstrategie der britischen Regierung inspiriert5)Heritage, Stuart: “Matt Hancock’s vaccine rollout was inspired by Contagion. Here´s what he should watch next.” in: The Guardian.com, Februar 2021, https://www.theguardian.com/film/filmblog/2021/feb/04/contagion-film-matt-hancock-covid-vaccine-policy-hollywood. Die Idee zur Nutzung von Sporthallen als Massenkrankenhäusern, eine Strategie die sich in der Realität als ineffektiv erwies, könnte man in London ebenfalls durch Contagion erhalten haben6)Thomas, Gina: “Contagion und die Briten. Die Briten impfen wie im Film.” in: www.faz.net, Februar 2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/corona-impfung-in-grossbritannien-wie-im-pandemie-film-contagion-17181730.html.

Fragt man sich heute ob die menschliche Welt im Begriff ist unterzugehen, so schweben einem viele beängstigende Untergangszenarien vor, die alle von real bestehenden Gefahren auszugehen scheinen: Wirtschaftskollaps, Terror, Weltkriege, Atomare Katastrophe, desaströser Klimawandel oder eben eine weltweite tödliche Pandemie. Die meisten dieser Szenarien werden durch individuelles und kollektives Scheitern beeinflusst und erhalten ihren Weltuntergangscharakter erst durch den Faktor menschlichen Fehlverhaltens.  Prinzipiell blieben sie sonst vermeidbar oder zumindest handhabbar7)Vgl. Wertheimer, Jürgen in: “Kassandra Syndrom. Warum Warnungen so oft in den Wind geschlagen werden.”, in: deutschlandfunkkultur.de, Juni 2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kassandra-syndrom-warum-warnungen-so-oft-in-den-wind.1005.de.html?dram:article_id=479084. Sollte die Coronavirus-Pandemie Grund zur ernsthaften Sorge um einen bevorstehenden Weltuntergang sein? Erleben wir ein weiteres Kapitel des bereits begonnenen Untergangs der Zivilisation? Leitet die Pandemie, wie der vierte Reiter der Apokalypse, der Tod und Pest über die Erde bringt, im Zusammenspiel mit anderen Plagen den baldigen Weltuntergang ein? Das Problem mit diesen Fragen ist nicht allein die Unwahrscheinlichkeit eines unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs. Trotz der erschütternden Bilder und der scheinbaren Hoffnungslosigkeit, die eine solche Denkweise mit sich bringt, verspricht sie gleichzeitig etwas mitunter ebenso Problematisches: universelle Gewissheit. Weiß man, dass der Untergang bevorsteht, kann dies, positiv umgedeutet, ein fester Grund zum Handeln sein, zum Eingriff in das Schicksal, zum Herauszögern oder gar Abwenden der Katastrophe. Unter diesem universellen Zweck können dann die schlimmsten Mittel geheiligt werden. Auf diese Weise gedeutete Apokalypsen enthielten stets auch ein Versprechen der Rettung durch eine Art letzten Krieg, der die Erde von allem Bösen ‘reinigt’, angeleitet durch messianische Figuren oder politische Führer. Wenn wiederum das Wissen um den Weltuntergang absolut hoffnungslos, fatalistisch und passiv genommen wird, so legitimiert es den Rückzug in ein von der Notwendigkeit etwas zu ändern befreites Privatleben, oder das stille Reflektieren in Erwartung des baldigen Endes. Entlang dieser Achsen ‘aktivistisch’ oder ‘quietistisch’ gedeuteter Apokalyptik, ließen sich im Detail noch verschiedenste Unterscheidungen machen8)Vgl. Neumaier, Anna: Apokalyptik als Redeform des Nationalsozialismus, Bremen: Universität Bremen 2010. S.55. Relevanter ist jedoch, dass vor dem Hintergrund akuter Krisen beide Ansätze als ideologische Verführungen anzusehen sind. Selbstverständlich wird es einmal ein Ende geben, doch wäre es falsch sich unter der Annahme, dass dieses unmittelbar bevorstehe den erstbesten ‘Rettern’, die Sicherheit versprechen, zu verschreiben oder sich in der privaten Ohnmacht, dass ja eh nichts zu machen sei, in die Gemütlichkeit zurückzuziehen. Der Philosoph Paul Preciado hat diesen Punkt einmal treffend zusammengefasst: “The problem resides precisely in the fact that no one will come to save us and that we are still some distance from our inevitable disappearance”9)Preciado, Paul: Testo Junkie. Sex, drugs, and biopolitics in the pharmacopornographic era. New York: The Feminist Press 2013. S.347. Beide Ansätze ein vorschnelles Ende zu denken schrecken vor der realen Ungewissheit und Orientierungslosigkeit der Krisensituation zurück, indem sie eine falsche Gewissheit in die Welt legen, die letztendlich nur zur Bestätigung bereits vorhandener ideologischer Tendenzen dient. Um dennoch handlungsfähig und hoffnungsvoll zu bleiben, ohne sich dabei den falschen Zielen zu verschreiben, müsste die Krise nicht zur Bestätigung alter Annahmen über den Verfall der Zivilisation oder die Unmöglichkeit von Veränderung benutzt werden, sondern sollte als Chance zum Umdenken verstanden werden, zum dringend notwendigen Aufbau eines besseren ‘Normal’ auf den Ruinen des alten.

Fußnoten

Fußnoten
1 Žižek, Slavoj: Pandemic! Covid-19 Shakes the World, 1. Aufl., New York: OR Books 2020. S.3
2 Žižek, Slavoj: Welcome to the Desert of the Real! Five essays on September 11 and related dates, London: Verso Books 2002. S.3
3 Vgl. Wertheimer, Jürgen in: “Kassandra Syndrom. Warum Warnungen so oft in den Wind geschlagen werden.”, in: deutschlandfunkkultur.de, Juni 2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kassandra-syndrom-warum-warnungen-so-oft-in-den-wind.1005.de.html?dram:article_id=479084
4

Vgl. “The Kind of Outbreak Our Scientists Knew Would Happen”, in: publichealth.columbia.edu, März 2020,

https://www.publichealth.columbia.edu/public-health-now/news/kind-outbreak-our-scientists-knew-would-happen

5 Heritage, Stuart: “Matt Hancock’s vaccine rollout was inspired by Contagion. Here´s what he should watch next.” in: The Guardian.com, Februar 2021, https://www.theguardian.com/film/filmblog/2021/feb/04/contagion-film-matt-hancock-covid-vaccine-policy-hollywood
6 Thomas, Gina: “Contagion und die Briten. Die Briten impfen wie im Film.” in: www.faz.net, Februar 2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/corona-impfung-in-grossbritannien-wie-im-pandemie-film-contagion-17181730.html
7 Vgl. Wertheimer, Jürgen in: “Kassandra Syndrom. Warum Warnungen so oft in den Wind geschlagen werden.”, in: deutschlandfunkkultur.de, Juni 2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kassandra-syndrom-warum-warnungen-so-oft-in-den-wind.1005.de.html?dram:article_id=479084
8 Vgl. Neumaier, Anna: Apokalyptik als Redeform des Nationalsozialismus, Bremen: Universität Bremen 2010. S.55
9 Preciado, Paul: Testo Junkie. Sex, drugs, and biopolitics in the pharmacopornographic era. New York: The Feminist Press 2013. S.347

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