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Was ist Natur?

In der gut regierten Stadt blüht auch die umliegende Natur. Fresko von Ambrogio Lorenzetti im Rathaus von Siena. Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ambrogio_Lorenzetti_-_Effects_of_Good_Government_in_the_countryside_-_Google_Art_Project.jpg

Dieser Text ist der Versuch, für mich selbst ein paar grundlegende Ansichten zum Naturbegriff zu klären ohne überbordende Referenzen. Wichtige Vordenker neben den genannten sind vor allem Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Bloch und Hartmut Rosa.

 

Natur ist für mich zunächst einmal das Wort für jenes seltsame Andere, das allen menschlichen Aktivitäten vorausgeht, von ihnen jedoch nicht selbst hergestellt werden kann. Aus diesem Verständnis folgt klarerweise – wie schon bei Aristoteles –, dass alle Erzeugnisse menschlicher Praxis, bis hin zu unseren inneren subjektiven Zuständen, stets ein naturhaftes Moment in sich tragen, selbst wenn dies bei Artefakten, begrifflichen Gedanken und Ähnlichem nicht das bestimmende Moment ist. Der Mensch hat ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Natur: Er fürchtet ihre Macht zum einen seit jeher und möchte sie bändigen, die Abhängigkeit von ihr am liebsten ausmerzen. Das ist jedoch letztlich vergeblich. Selbst die Replikatoren der Sternenflotte sind etwa noch von einer externen Energiezufuhr abhängig. Zudem entwickeln die Resultate der menschlichen Bemühungen oft selbst ein Eigenleben, werden zu einer ‚zweiten Natur‘, die uns ebenso fremd und feindlich gegenübersteht wie diejenige, der wir zu entrinnen trachteten. – Darüber hinaus dient die Natur dem Menschen aber auch als Dialogpartner, als Sphäre der Befreiung von den rigiden Zügeln der Selbstbeherrschung, als Reich des Genusses, der Verehrung und der Inspiration. Beide Aspekte schlagen oft ineinander um; was in dem einen Moment Genuss verursachte, bringt im nächsten Schmerz.

Oft wird empfunden, dass die Beseitigung der Natur so weit ging, dass wir dieses zweite Moment immer häufiger vermissen. Ich denke, das ist wahr. Ein wahrscheinlich ideales Verhältnis zwischen Mensch und Natur kann man meines Erachtens in der Toskana und vergleichbaren Kulturlandschaften erleben: Hier herrscht seit Jahrtausenden eine dialogische Koexistenz zwischen beiden. Im Rathaus von Siena kann man einen Freskenzyklus von Ambrogio Lorenzetti aus dem frühen 14. Jahrhundert betrachten, der diesen Gedanken illustriert: Wenn es der Stadt schlecht geht, verdorrt die sie umgebende Landschaft; floriert die Stadt, blüht auch die Natur um sie herum.

Die verdorrte Natur wird als verwildert und unbehaust dargestellt. Die Dörfer liegen in Ruinen, die Felder werden nicht mehr bestellt. Ich denke, es ist ein Irrglaube, dass die unkultivierte, entfesselte Natur die gute ist. Es bedarf des menschlichen Eingriffs, um die verderblichen Potentiale der Natur zu hemmen und die förderlichen wachsen zu lassen. Freilich – und das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt – muss auch immer ein gewisser Spielraum auf Seiten der Natur verbleiben, sich nach ihrer eigenen Logik zu entfalten. Nur so kann es zu einer wechselseitigen Befruchtung kommen.

Unser Problem heute ist meines Erachtens, dass wir zu viel Angst vor der dunklen Seite der Natur haben und uns darum der Chance berauben, die gute Seite genießen zu können. Den Gedanken, dass es da etwas gibt und zu geben hat, was unserer Willkür entzogen ist, vermögen wir kaum zu ertragen. Rousseau beschreibt am Anfang des Emile, wie man die Kinder von Beginn an verkrüppelt, indem man sie aus Angst, sie könnten sich verletzen, quasi in Fesseln legt, so dass sie ihre Glieder nicht richtig entwickeln können. Ebenso falsch wäre es ihm zu Folge, sie einfach unbeaufsichtigt vor sich hin leben zu lassen. Auf eine liebevoll-dialogische Beziehung zu den Eltern käme es vielmehr an.

Rousseau geht davon aus, dass sich die moderne Gesellschaft als Ganze von den natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens entfernt habe. Die Rückkehr zur Natur wird von ihm jedoch nicht so gedeutet, dass der Mensch wieder zum Tier werden solle. Vielmehr ginge es darum, durch die Kultivierung hindurch den Naturzustand auf höherer Ebene wiederherzustellen.

Mit diesem Denken wurde er zum direkten Vorläufer der großen bürgerlichen Revolutionen, die in ihrem Selbstverständnis nicht etwas Neues willkürlich einführen wollten, sondern sich gegen die willkürliche und unnatürliche Despotie richteten. Es sollte eine der menschlichen Natur gemäße Gesellschaft an die Stelle der ungemäßen Gesellschaft des Absolutismus treten.

Dementsprechend beginnt die Erklärung der Menschenrechte von 1789 mit dem bemerkenswerten Gedanken, dass die Menschenrechte vergessen worden seien, man sie noch nicht entdeckt oder sie bislang verachtet habe. Sie werden mit ihrer Erklärung keineswegs erfunden, sondern gewissermaßen nur ins Gedächtnis gerufen.

Die vielleicht radikalste, und zugleich rousseauistischste, Formulierung fanden die Menschenrechte jedoch in dem Verfassungsentwurf von 1793. Dort heißt es im Artikel 7: „Das Recht, seinen Gedanken und Meinungen durch die Presse oder auf jede andere Art Ausdruck zu geben, das Recht sich friedlich zu versammeln, die freie Ausübung von Gottesdiensten können nicht untersagt werden.“ Dazu wurde vermerkt: „Die Notwendigkeit, diesen Rechten Ausdruck zu geben, setzt das Vorhandensein oder die frische Erinnerung an den Despotismus voraus.“ Mit anderen Worten: Dieses Recht ist eigentlich so selbstverständlich, so natürlich, dass es seltsam ist, es überhaupt explizit festhalten zu müssen.

Der Traum von einer naturgemäßen Gesellschaft in beiden Hinsichten – als gutes Verhältnis zur menschlichen Natur und zur äußeren Natur – bleibt heute weiterhin lebendig, doch zugleich sind wir auf allen Ebenen mit der Vorstellung konfrontiert, dass es so etwas wie ‚Natur‘ eigentlich nicht gäbe und die Annahme einer Art immanenten Normativität der Natur vollkommen verfehlt sei. Gewiss: Es ist problematisch, von Fakten unmittelbar auf Normen zu schließen und es handelt sich um eine falsche Verdinglichung, normative Setzungen zu Fakten zu erklären – das wäre dann ja wieder das erwähnte Problem der ‚zweiten Natur‘. Doch es ist ebenso unplausibel, von der Normativität des Faktischen wie der Faktizität des Normativen gänzlich zu abstrahieren.

Der Naturdiskurs ist einer von den Wirklichkeiten her – eine Alternative dazu ist der utopische Diskurs, der von den Möglichkeiten her denkt. Beide Pole berühren sich, gehen jedoch mit einem ganz anderen Gestus einher: Hier der Gestus der Warners, dort der Gestus des Machers. Der Erfinder will nicht nur die Naturgesetze entdecken – er will ihre Grenzen ausloten und wenn möglich überschreiten; dies gilt im physikalischen wie im sozialen Bereich. Vielleicht sollten wir über Natur so nachdenken, dass wir uns als Experimentatoren verstehen, die uns darum bemühen, die Grenzen der Natur zu entbergen. ‚Natur‘ wäre dann nur das, von dem wir bei unseren Experimenten feststellen, dass es entweder wirklich nicht veränderbar oder seine Veränderung nicht wünschenswert ist. Aber diese Herangehensweise schließt auch ein, bereit zu sein, das Scheitern der Versuchsanordnung auf sich zu nehmen.

Die Geschichte der Menschheit ließe sich vielleicht als Abfolge solcher Experimente rekonstruieren; spätestens seit der frühen Neuzeit. Man könnte das Ereignis von 1789 dann so deuten, dass nun jahrhundertelang das Experiment mit Monarchie und Aristokratie gemacht wurde und sich erwiesen hat: Nein, diese Art der Regierung ist nicht naturgemäß. Es wurden nun Vorschläge unterbreitet, die Natur anders zu definieren. Bis heute ist die Erde ein Versuchslabor für dieses Naturverständnis und die Frage, wie weit uns diese Hypothese bringt, ist noch immer nicht final entschieden, es gab und gibt konkurrierende Ansätze.

Der Vorteil von diesem Verständnis des Menschen als Versucher liegt zudem darin, dass wie im physikalischen Experiment das Verhältnis von Beobachter und Objekt stets als praktisches, nicht als kontemplatives konzipiert wird; je nach Versuchsanordnung entbergen sich andere Aspekte des Objekts und auch der Versuch selbst lässt es in seiner Materialität nicht unberührt. Zugleich determiniert das Experiment das Objekt aber auch nicht – es gibt einen Spielraum für Überraschung, ohne den es sinnlos wäre. Das Experiment, einen Seeweg nach Indien über den Atlantik zu finden, mag etwa dazu führen, einen ganz neuen Kontinent zu entdecken. Das Experiment des Feudalismus erzeugte mit dem Bürgertum eine Schicht, für die die Rechtsauffassung des Feudalismus ab einem bestimmten Zeitpunkt keinerlei Evidenz mehr hatte; sobald es mächtig genug geworden war, wurde sie durch eine neue ersetzt. Vielleicht war also im Jahr 100 vor Christus die Sklaverei natürlich (im Sinne von: dasjenige soziale Experiment mit dem größten Erfolg), im Jahr 1.000 die Leibeigenschaft – genauso, wie heute die Lohnarbeit natürlich ist und irgendwann vielleicht ganz andere Arbeitsverhältnisse gefunden werden.

Es ist also nicht so, dass wir uns dem Naturzustand annähern – vielmehr handelt es sich um einen wechselseitigen Annäherungsprozess. Mit unseren Experimenten erschaffen wir uns selbst und mit uns erst die Natur. Wir stoßen dabei auf Grenzen – aber auch darauf, dass vermeintliche Grenzen in Wahrheit keine sind. Wichtig ist, dass wir uns überraschen lassen und weder Mensch noch Natur als ein für alle Mal gesetzt betrachten. Nur, wenn wir bereit sind, uns überraschen zu lassen, können unsere Erwartungen übertroffen werden – oder die Natur vermag uns sogar vollkommen unerwartet zu beschenken.

 

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