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Is Revolutionary Ireland Dead and Gone?


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Is Revolutionary Ireland Dead and Gone?

Bericht aus einem Land in der Krise1)Dieser Artikel wurde zum ersten Mal veröffentlicht in der AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Ausgabe 2013/2, S. 32-35, zusätzlich auf dem Blog Café Noir. Alle Bilder stammen von mir.

Eines Menschen Vergangenheit ist das, was er ist. Sie ist der einzige Maßstab, an dem er gemessen werden kann.2)Alle Zitate in den Zwischenüberschriften stammen von Oscar Wilde, geboren in Dublin.

Was für einen Menschen gilt, gilt erst recht für eine Nation: Um die aktuelle Situation in Irland zu verstehen und bewertend einzuordnen, ist es unvermeidlich, wenigstens in groben Zügen die irische Geschichte zu kennen.

Eigentlich hat sich seit den Zeiten von James Joyce und William Butler Yeats nicht so viel geändert in Dublin. Man ist in der übersichtlichen Hauptstadt viel zu Fuß unterwegs, schlendert mal gemütlich, mal gehetzt von einem Geschäft zum anderen, denkt über seinen derzeitigen Lieblingsmailwechsel nach und landet am Abend in irgendeinem Pub, wo man betrunkene Originale kennenlernt. Allerdings waren die Jahre vor dem 1. Weltkrieg in Irland auch ein Höhepunkt des politischen Aktivismus. Nicht nur in den Werken von Joyce und Yeats ist die nationale, und damit in Irland stets untrennbar verbunden: die soziale, Frage omnipräsent. Die irische Geschichte stellt sich, wenigstens ex post betrachtet, als eine der Not, der kolonialen Unterdrückung durch England, aber auch des zähen und unerbittlichen Widerstands dagegen dar, der letztendlich in die Revolution und die Unabhängigkeit mündete. (Weiterlesen)

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1 Dieser Artikel wurde zum ersten Mal veröffentlicht in der AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Ausgabe 2013/2, S. 32-35, zusätzlich auf dem Blog Café Noir. Alle Bilder stammen von mir.
2 Alle Zitate in den Zwischenüberschriften stammen von Oscar Wilde, geboren in Dublin.

Newgrange – Die Pyramide des Nordens


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Es ist seltsam, über ein Artefakt zu schreiben, dass über 5000 Jahre alt ist. Wahrheitskriterium bei der Interpretation von Artefakten ist üblicherweise, dass die Interpretation das aufdeckt, was der Intention des Schöpfers entsprach, selbst wenn diese diesen bei seiner Produktion nur unbewusst geleitet haben mag. Derart sichert sie sich gegen interpretatorische Willkür und Spekulation. Voraussetzung dieser Methode ist die Annahme einer Kontinuität menschlichen In-der-Welt-Seins. Denkt man sich die menschliche Existenz als gebrochene, ist jede Interpretation zum Scheitern verurteilt. Ich kann die Artefakte anderer Menschen verstehen, weil ich Mensch bin wie sie – oder doch zumindest, weil ich auch ein Bürger, ein Europäer, ein Proletarier bin etc.

Doch wie diese Annahme rechtfertigen angesichts eines Artefakts, dass aus einer Zeit entstammt die mir, nach allem, was ich über sie weiß, derart fremd sein muss als hätte ich es mit einer gänzlich anderen Lebensform zu tun? Gibt es irgendeine unserer Kategorien, die sich auf die Jungsteinzeit übertragen lässt?

Der erste Eindruck der Grabanlage Newgrange ist so zweifellos der der Erhabenheit. Irgendwo in der irischen Provinz, in einer heute nur spärlich besiedelten Gegend, erstreckt sich das Boyne Valley. Heute ein Tummelplatz für Schafe, war hier um 3200 v. Chr. ein Zentrum der jungsteinzeitlichen Kultur, vergleichbar durchaus mit den frühen Hochkulturen des Südens. Hinterlassen haben uns diese Menschen nichts bis auf ihre Gräber. Hügelgräber sind es, Newgrange ist nur das größte von ihnen, 11 Meter hoch, 90 Meter der Durchmesser. Aus massiven Felsblöcken aufgeschichtete Kuppeln, in deren Inneren man die Toten bestattete. Man kann anhand des Ursprungs der verwendeten Steine, die teilweise von weit her stammen, errechnen, dass der Bau dieser Gräber Jahrzehnte gedauert haben muss unter der Beteiligung von hunderten von Arbeitern. Doch das eigentlich besondere ist, dass die Eingänge der meisten Gräber nach bestimmten astronomischen Ereignissen ausgerichtet sind. Im Falle von Newgrange ist das die Wintersonnwende. Trotz Verschiebung der Erdachse funktioniert der wohl beabsichtigte Effekt bis heute: Morgens zur Wintersonnwende fällt der Sonnenstrahl durch den Eingang genau in die das Innere des Grabs, genau dorthin, wo die Toten liegen. Den Rest des Jahres herrscht dort Dunkelheit. (Weiterlesen)


“Ein Extraloch für Freud” – Über die Sammlung “The Secret Block for a Secret Person in Ireland” von Joseph Beuys


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Abgezeichneter Ausschnitt aus einer Zeichnung von Joseph Beuys.

Nach meinen Beiträgen über die neolithischen Gräber im Boyne Valley und über das heutige Irland aus der Brille von James Joyce und William B. Yeats bildet dieser Artikel den dritten Teil einer Irland-Trilogie, die verschiedene Aspekte der Geschichte und Psychologie der Insel anhand von Kunstwerken verständlich machen soll. Ob sich diese Reihe noch erweitern wird, wird sich zeigen.

§ 1 – Einleitendes

Das Besondere an der Sammlung The Secret Block for a Secret Person in Ireland ist zum einen, dass sie vom Künstler, Joseph Beuys, persönlich zusammengestellt wurde, zum anderen, dass es sich um Zeichnungen handelt. Sie lädt also dazu ein, neben dem so bekannten Plastiker und Performancekünstler Beuys auch den Zeichner kennenzulernen – eine vielfach unbeachtete Facette seines Oeuvres, die es sich aber durchaus zu entdecken lohnt. Sie befindet sich, neben vielen anderen Werken von Beuys, im „Hamburger Bahnhof“ in Berlin und ist dort zunächst noch bis zum 31. August 2014 zu sehen, gehört aber zum Bestand des Museums.

Die insgesamt 456 Zeichnungen entstanden von 1945 bis 1974, zum ersten Mal ausgestellt wurde das Konvolut 1974 in Oxford, dann unmittelbar danach in Belfast. Mir ist nicht bekannt, ob auch die augenblickliche Hängung auf Anweisungen von Beuys selbst zurückgeht, dies setze ich allerdings in meiner Interpretation voraus. Dies ist im Falle von Beuys ein keinesfalls zu vernachlässigendes Detail, erschließen sich seine Werke doch im Grunde nur in seiner ganzen Bedeutungstiefe, wenn man auch seine umfangreichen theoretischen Äußerungen zur Kenntnis nimmt. Nicht, dass es in ihnen nicht, wie bei jedem anderen Werk, einen Bedeutungsüberschuss gäbe, der die Intention Beuys‘ transzendiert. Doch man muss Beuys zunächst als das nehmen, als was er sich inszeniert hat: ein wandelndes Gesamtkunstwerk. Es geht hier also weniger darum, zum Verständnis der Werke biographische Hilfskrücken zu verwenden, sondern eher, dem Werk immanent gerecht zu werden, indem man seine Teile aufeinander bezieht. Diese zu leistende Gesamtinterpretation kann hier freilich nur höchst bruchstückhaft gelingen. Ich will vor allem die Relevanz und Radikalität von Beuys‘ Zeichnungen aufzeigen, die mich so sehr in ihren Bann gezogen haben. (Weiterlesen)


Carl Sternheim – Ein vergessener „Zaungast des Fortschritts“


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Am Ende des berühmten Aphorismus Sur l’Eau (Nr. 100) aus den den Minima Moralia von Theodor W. Adorno heißt es:

Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt er erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden. Zaungäste des Fortschritts wie Maupassant und Sternheim haben dieser Intention zum Ausdruck verholfen, so schüchtern, wie es deren Zerbrechlichkeit einzig verstattet ist.

In der mir bekannten, ohnehin sehr spärlichen, Sekundärliteratur zu den Minima Moralia, von einigen vielleicht nicht zu Unrecht als Adornos philosophisches Hauptwerk angesehen, fehlt jeder Verweis auf Carl Sternheim, den Adorno hier zweifellos meint, dem von 1878 bis 1942 lebenden Essayisten und Schriftsteller von Romanen und Dramen. Es ist auch nicht so, dass man um Sternheim und sein Werk wissen müsste, um den Aphorismus zu verstehen. Dennoch frappiert es und macht es neugierig, dass Adorno hier einen heute völlig in Vergessenheit geratenen Autoren an so prominenter Stelle lobend hervorhebt, in einem Atemzug mit dem großen Guy de Maupassant nennt.

Von diesem Fragezeichen getrieben machte ich mich an die Recherchearbeit und führte mir einige Schriften von Sternheim zu Gemüte. Ein weiteres Mal hat sich der Geheimtipp, zur Erweiterung und Vertiefung des eigenen Bildungshorizonts einfach den Referenzen in den Werken der großen Philosophen, und insbesondere Adornos, nachzugehen, bestätigt. Der Benn-Entdecker und Kafka-Förderer Carl Sternheim ist zu Unrecht vergessen. (Weiterlesen)


Von der großen Mutter zum kleinen Krieger


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Von der großen Mutter zum kleinen Krieger

Ein Versuch über die Frühgeschichte der abendländischen Kultur1)Erstveröffentlicht auf dem Blog Café Noir

Nach Hegels Kunstphilosophie ist als Höhepunkt der abendländischen Kunst, und damit der Kunst überhaupt, die klassische antike Statue zu betrachten. Er begründet das damit, dass in der antiken Statue das höchste Ideal seinen adäquaten sinnlichen Ausdruck findet: die menschliche Gestalt, der schöne Körper der Gottheit.

Doch wie kam es historisch zur Entwicklung dieser Kunstform? Einen exzellenten Überblick über die alte griechische Plastik bietet etwa das Archäologische Nationalmuseum in Athen mit seiner umfangreichen Sammlung, die sich von den frühesten steinzeitlichen Anfängen der griechischen Kultur bis in die Spätantike erstreckt.

Man kann Hegels Gedanken vielleicht ohne seine Metaphysik einzukaufen so reformulieren, dass die Menschen zu allen Zeiten das als bevorzugten Gegenstand ihrer künstlerischen Bemühungen wählten, was ihnen als höchster sinnlicher Ausdruck ihrer je eigenen Wahrheit erschien. Das kann auch ein abstraktes Symbol sein, Tiergestalten und dergleichen. Wie sie diesen Gegenstand formal gestalteten zeigt auf, in welchem Verhältnis zu ihm standen. Dies gilt umso mehr für Zeiten, in denen Kunst und Religion noch kaum geschieden, sondern eins waren. Das Kunstwerk soll bei den Griechen ja die Gottheit selbst darstellen und war als solches Gegenstand der kultischen Verehrung wie der ästhetischen Betrachtung gleichermaßen. Die Kunst wird so unmittelbar zum Schlüssel zum Verständnis einer gesamten Lebenswelt.

In den ältesten frühsteinzeitlichen Artefakten (ich setze hier voraus, dass die im Archäologischen Nationalmuseum gezeigten Funde in der Tat repräsentativ sind) fällt auf, dass bereits hier die Plastik offenbar eine führende Rolle spielte. Die meisten Steinfiguren zeigen dabei ein einziges Motiv: den weiblichen Körper und zwar mit überbetontem Bauch und überbetonten Brüsten. Nimmt man Hegels These ernst folgt daraus, dass die damaligen Menschen den mütterlichen, den gebärenden Körper als Ausdruck ihrer höchsten Wahrheit sahen.

Diese eigentümliche Fixierung auf den Körper der Mutter in späteren Perioden verschwindet, sei es in der in ihrer abstrakten Schönheit so unglaublich faszinierenden Kunst der Kykladen (die für viele Künstler der klassischen Moderne eine wichtige Inspirationsquelle war), sei es in der bronzezeitlichen Kunst der Mykener, und dann erst recht in der archaischen, klassischen und allen späteren Perioden völlig. Bereits auf der elementaren Ebene der Gegenstandswahl ist hier ein völliger einschneidender Paradigmenwechsel zu beobachten, der sich nur durch eine fundamentale Veränderung der Weltsicht erklären lässt.

Sowohl bei den Mykenern als auch bei den ihnen nachfolgenden „wirklichen“ Griechen ist der prädestinierte Gegenstand ebenso eindeutig der Körper des starken Mannes, der muskulöse Körper des Kriegers. Wenn Frauen dargestellt werden, dann nicht mehr als schwangere (nur in einigen wenigen Darstellungen von Göttinnen wird der Mütterlichkeitsaspekt noch durch einen leicht gewölbten Bauch hervorgehoben), sondern gesunde Begleiterinnen des starken Mannes, je nach Periode in züchtigem Gewand oder auch nackt (nackt natürlich insbesondere Aphrodite, die Liebesgöttin).

Während also in der Steinzeit nahezu ausschließlich der Körper der Mutter ästhetischer Darstellung und damit kultischer Verehrung war, ist es in der späteren Periode der Körper des Kriegers und der ihm ähnlichen und ihn begleitenden jungen Frau. Insbesondere im klassischen Athen fällt beides in der Figur der Athene zusammen: Der Tempel jungfräulichen Göttin ist das höchste Heiligtum der Stadt geweiht, sie ist ihre Namensgeberin und Schutzpatronin. (Dies übrigens nicht nur in Athen, sondern auch in vielen anderen griechischen Städten, man denke etwa an den bedeutenden Athene-Tempel auf der Akropolis von Lindos.) Sie ist Kriegerin und schöne Frau zugleich, alle Aspekte der Mütterlichkeit sind in ihr getilgt. (Weiterlesen)

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1 Erstveröffentlicht auf dem Blog Café Noir

Widerstand im Weltsystem


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Widerstand im Weltsystem

Eine Analyse anhand von ‚Occupy‘ und dem Frankfurter ‚Institut für vergleichende Irrelevanz‘ (IvI)1)Zuerst veröffentlicht in Powision VII/13. Leipzig 2013, S. 26-28. Es handelt sich um eine stark gekürzte Version des deutlichen längeren ursprünglichen Artikels, den man sich hier herunterladen kann. Die längere Version beinhaltet insbesondere eine Kurzzusammenfassung einiger zentraler Thesen von Hardt und Negri.

Michael Hardt und Antonio Negri versuchen, den verschieden Formen des Widerstands in und gegen die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Empire-Triologie gerecht zu werden. Dabei arbeiten sie mit den Begriffen „Empire“ und „Multitude“. Die Bezeichnung „Empire“ steht hierbei für die gegenwärtige Gesellschaftsformation auf globaler Ebene, die aktuell auf der gesamten Welt herrschende Machtstruktur. Das Empire ist eine zugleich machtpolitische wie ideologische Realität: Es herrscht, in nahezu allen Bereichen des Lebens, die Ideologie der Globalisierung, die zugleich die Legitimationsideologie des Empire ist. Die Negation des „Empire“ ist die „Multitude“. Die „Multitude“ ist im Kern die Menge derer, die von dem Besitz an Produktionsmitteln abgeschnitten und daher auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft als Quelle ihrer Subsistenz angewiesen sind. Als Ansammlung von dem System unterworfenen Singularitäten ist sie die Trägerin des Widerstands gegen das „Empire“ und beerbt somit das alte „Proletariat”, das von einer Dominanz der „Arbeiterklasse” bestimmt war. Die Postmoderne – mit ihrer Angleichung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse auf der ganzen Welt, in der es keine klaren Normlebensverhältnisse wie die der Arbeiterklasse mehr gibt, sondern eine schier unerschöpfliche Pluralität an Lebensentwürfen – stellt den radikal-progressiven Widerstand nun vor die Herausforderung, einerseits diese neue Lebensrealität zu akzeptieren, andererseits diese Zersplitterung der Lebensrealitäten als Form der Herrschaftsstabilisierung des Empire zu erkennen. Es gilt, ein Gegen-Empire aufzubauen, ohne reaktionär zu werden. Die Charakteristika dieser neuen Bewegung müssen Pluralität, Offenheit und Ablehnung aller nationalstaatlichen Einhegungen sein.

Meine These ist, dass Teile dieser Bewegung bereits hier und heute im Aufbruch sind. Dies werde ich anhand der Arbeit des „Instituts für vergleichende Irrelevanz“ (IvI) in Frankfurt am Main und der Occupy-Bewegung zu zeigen versuchen. Insbesondere bezüglich des IvI beruht meine Analyse dabei auf sehr konkreten persönlichen Erfahrungen. Was die Occupy-Bewegung kennzeichnet, dürfte mehr oder weniger bekannt sein. Beim IvI handelt es sich um ein im Dezember 2003 besetztes ehemaliges Universitätsgebäude, in dem seither von studentischen und nicht-studentischen Nutzern Veranstaltungen organisiert werden und das auch als Wohnraum genutzt wird. (Weiterlesen)

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1 Zuerst veröffentlicht in Powision VII/13. Leipzig 2013, S. 26-28. Es handelt sich um eine stark gekürzte Version des deutlichen längeren ursprünglichen Artikels, den man sich hier herunterladen kann. Die längere Version beinhaltet insbesondere eine Kurzzusammenfassung einiger zentraler Thesen von Hardt und Negri.

Askese als subversive Praxis. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche


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Askese als subversive Praxis

 

Überlegungen mit Friedrich Nietzsche1)Erstveröffentlicht in Powision VII/14. Leipzig 2013, S. 61-63.

 

Nichts wirkt aus heutiger Sicht weltfremder und eigentümlicher als eine Apologie des Asketismus als subversive – ja: revolutionäre – Lebensweise. Ein gewisser Hedonismus gehört heute zu den Grundpfeilern unserer Lebenswelt. Wir wollen Reisen machen, Partys feiern, gut gekleidet sein etc. Seit Jahren vernimmt man in der Linken immer wieder Versuche, den Hedonismus als revolutionäre Ideologie stark zu machen.2)Als besonders markantes Beispiel sei etwa auf das Wirken der Gruppe „Hedonistische Internationale“ (vgl. http://www.hedonist-international.org [17. 4. 2013]) verwiesen oder auch auf den immer wieder auf Buttons, Stickern etc. propagierte Slogan „Luxus für alle“. Einerseits geht es dabei vor allem darum, den von kapitalistischen Gesellschaften notwendig erzwungenen Asketismus bzw. die mit dem Beharren auf einer hedonistischen Lebensweise notwendig verbundene, selbst wiederum Askese erheischende Anpassung zu kritisieren. Doch zugleich durchaus auch darum, dem Hedonismus bereits innerhalb der bestehenden Verhältnisse zu frönen: durch das Organisieren von Partys, Konzerten, den Konsum von Drogen etc. Gegen die so oder so erzwungene Askese ist eine solche Praxis sicherlich im Recht. Doch die Frage wäre eben, ob sie die bestehenden Verhältnisse nicht unterschwellig doch affirmiert. Gibt es nicht vielleicht eine Form der Askese, die eine die bestehenden Verhältnisse möglicherweise transzendierende Sprengkraft hat – die womöglich sogar radikaler als jener Hedonismus ist? (Weiterlesen)

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1 Erstveröffentlicht in Powision VII/14. Leipzig 2013, S. 61-63.
2 Als besonders markantes Beispiel sei etwa auf das Wirken der Gruppe „Hedonistische Internationale“ (vgl. http://www.hedonist-international.org [17. 4. 2013]) verwiesen oder auch auf den immer wieder auf Buttons, Stickern etc. propagierte Slogan „Luxus für alle“.

Was ist eigentlich „Bildung“ – Einige Reflexionen mit Nietzsche


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Was ist eigentlich „Bildung“?

Einige Reflexionen mit Nietzsche1)Erstveröffentlicht in der AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Ausgabe 2014/2, S. 14-17.

Einbildung

Alle wollen mehr Bildung, bessere Bildung, ein weltweites Menschenrecht auf Bildung. Man fragt sich, wozu über dieses Thema überhaupt noch gesprochen wird, sind sich doch ohnehin alle einig. Unterschlagen wird in dieser Einigkeit freilich, dass „Bildung“ ein sehr spezifischer Begriff mit einer sehr spezifischen Geschichte und daraus resultierenden Bedeutung ist.

Zunächst einmal ist es ein genuin deutsches Konzept, entwickelt in der „klassischen“ Periode der deutschen Kultur von Kant über Goethe und Schiller bis Hegel. Bei allen Unterschieden im Detail sind sich die Denker dieser Periode weitgehend einig darin, dass der Mensch gebildet werden muss, um ein echter Mensch sein zu können. Das heißt, der Erziehungsprozess dient nicht nur der Erlernung von mehr oder weniger nützlichen Fertigkeiten, sondern er versetzt das Individuum in die Lage, ein seinem Wesen entsprechendes, d.h. freies Leben führen zu können.

Es ist klar, dass dieses Konzept sehr erläuterungsbedürftig ist. Wieso muss der Mensch erst durch einen beschwerlichen Bildungsprozess hindurch, ehe er er selbst sein kann? Und wieso soll er ausgerechnet er selbst sein, wenn er etwa den Regeln der Moral gehorcht (Kant), universell in alle Richtungen hin seine Talente entfaltet (Goethe) oder ein gehorsamer Staatsbürger ist (Hegel)? Alle würden darin übereinstimmen, dass der Mensch, in seinem eigenen Interesse, erzogen werden muss – doch wieso muss er gebildet werden?

Dem Denken der deutschen „Klassik“ liegt die Intuition zugrunde, dass der Mensch ein wesentlich vernünftiges Wesen ist, diese Vernunft aber im „Rohzustand“ (was sowohl auf das Individuum als auch die Gattung bezogen wird) nur unzureichend besitzt. Um seine Vernünftigkeit zu maximieren, muss er seine Natürlichkeit abstreifen und sich in die vernünftigen Institutionen der Gesellschaft eingliedern. Dies mag mit brutalen, scheinbar vernunftwidrigen Methoden geschehen – doch das Resultat rechtfertigt die Mittel: Am Ende ist der Mensch nämlich nicht nur in der Lage, äußeren sozialen Anforderungen perfekt zu gehorchen, er kann sich selbst Gesetze geben und ist somit auto-nom. Voll verständlich ist diese Konzeption nur, wenn man sie als politische versteht: Durch immer umfangreichere Bildung sollen die Menschen immer unabhängiger werden von sie fremdbestimmenden Mächten.

Heute findet, obwohl der Begriff noch immer verwendet wird, eine zunehmende Abkehr von jenem Konzept statt und im Namen von Nützlichkeit und Verwertbarkeit wird Bildung als bloße Aus-Bildung für die Anforderungen von Arbeitsmarkt und Staat gedeutet. Dass das staatliche Bildungssystem „bilden“ soll wird von manchen liberal gesinnten Zeitgenossen gar als illegitimer Eingriff des Staates in die Selbstbestimmung der Einzelnen abgetan. Aber auch aus linker Sicht erscheint das klassische Bildungsideal hochproblematisch: Je nach Variante setzt es die Vernünftigkeit der bestehenden gesellschaftlichen Institutionen voraus, rechtfertigt repressive Erziehungsverhältnisse und/oder „Bildungsimperialismus“ unter „primitiven Völkern“. Und leibesfeindlich ist es sowieso. Im Grunde unterscheiden sich (neo-)liberale, (neo-)linke und (neo-)konservative Positionen also gar nicht allzu sehr. „Bildung“ will niemand wirklich, gestritten wird um den richtigen Modus der Ausbildung, wobei dann manche noch betonen, dass es auch noch Fähigkeiten wie Kreativität und Reflexivität bedürfe, um perfekte Nutztiere zu haben. (Weiterlesen)

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1 Erstveröffentlicht in der AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Ausgabe 2014/2, S. 14-17.

Im Philosophenpark – Ein lyrischer Gastbeitrag


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Ich möchte meinen ersten Beitrag auf diesem tollen neuen Blog dazu nutzen, um auf das Schaffen eines befreundeten Dichters, Pjotr G. Distelkranz, aufmerksam zu machen, der wie ich in Frankfurt lebt und ab und an recht interessante Verse knüpft, von denen einige auf dem Blog La vache qui rit veröffentlicht wurden.

Einige seiner Gedichte beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Lyrik und Philosophie, insbesondere auch dieses hier, das ich mit seinem Einverständnis hier in voller Länge zitiere, weil es meines Erachtens einiges trifft:

 

Im Philosophenpark

 

Wir machen fröhlich das,

was Philosophen so gefällt:

besprechen beredet die Welt.

Mit flinken Philosophenpfötchen

drehen Philosophenkippchen

– die Wahrheit ist für feine, leise Finger,

wie ein Aprilkäferchen

sezieren wir sie bedacht:

Nichts Falsches foppt

den Überkopf,

kecker Nachwuchs für

die Softskillindustrie,

Fürsten, Prinzessinnen, Könige,

Grafen des geheimen Staats –

des Philosophenparks.

 

Exzentrikclowns verdienen doch

Volkes Applaus,

feinfühlig brüten Kellerkinder

an wichtigen Werken,

erlesenen Fabeln beim

Erkräftigungstee:

Wie halten wir’s aus?

Fieberkrank, Rachitis.

Regeln für den Philosophenpark,

Regeln für den Philosophenpark!

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