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Singend gegen den Corona-Coup: Aufruf zum legalen Widerstand!


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Hier und dort habe ich dort bislang meine Kritik an der aktuellen Corona-Politik der Regierung dargelegt, gerade ist ein längerer Aufsatz in Arbeit.

Der Worte ist meines Erachtens langsam genug gewechselt, es geht nun darum in die Praxis überzugehen.

Ich rufe daher alle, die mit der aktuellen Corona-Politik der Regierung nicht einverstanden sind, dazu auf, ab jetzt täglich zum 18 Uhr auf dem Balkon, beim Spaziergehen oder einfach bei offenem Fenster lautstark das Lied Die Gedanken sind frei anzustimmen.

Das Lied passt nämlich perfekt zu unserer augenblicklichen Situation: Kritiker werden diffamiert und mundtot gemacht, es gibt kaum Politiker, die anderer Meinung sind, unsere Grundrechte werden zugleich in einem bedrohlichen Ausmaß eingeschränkt. Wie in der Vormärz-Zeit sind es einzig noch unsere Gedanken, die uns geblieben sind. – Und wir haben (noch) die Freiheit, mit einem fröhlichen Liedchen unsere Mitmenschen zum Nachdenken anzuregen.


Zur symbolischen und praktischen Funktion der Ausgangssperre im autoritären Hygiene-Regime


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Ein weiterer (vgl. Artikel 1, Artikel 2) Gastbeitrag zur Corona-Krise von Jonathan.

Die Ausgangssperre1)Dieser Text wurde größtenteils am 20.3. geschrieben. Nach einer Diskussion darüber, dass der Begriff „Ausgangssperre“ negativ konnotiert sein könnte, führte sie das Bundesland Bayern am 21.3. unter der Bezeichnung „grundlegende Ausgangsbeschränkungen“ ein. Aus Rücksicht auf die Erfahrungen der Bevölkerung unter dem DDR-Regime, trat die Ausgangsspeere auch in Sachsen unter der Bezeichnung „strikte Ausgangsbeschränkungen“ am 23.3. in Kraft. Ihre Mindesthaltbarkeit beläuft sich auf zwei Wochen, dürfte jedoch anschließend noch mehrfach verlängert werden, wie die Beispiele Italien und Spanien zeigen. ist der feuchte Traum aller Minister für Innereien. Sie ermöglicht den Vertreter*innen der repressiven Staatsapparate endlich so aufzutreten, wie sie es generell gern tun würden. Das einzige Gute an ihr ist, dass der Staat seine hässliche Fratze offenbart, die nicht allein einer Sachzwanglogik entspricht, sondern ebenso eine ideologische Komponente aufweist. Diese besteht darin, deutlich zu machen, wer Herr im Hause ist, wer regiert und wer regiert wird, wer befiehlt und wer zu gehorchen hat, wer im Rahmen der bestehenden Herrschaftsordnung die Bürger*innen „beschützt“ und wer gezwungen ist, sich Schutz zu suchen. Doch das Schutzgeld ist weit höher als die momentanen finanziellen Einbußen, die viele hinzunehmen haben. Indem sie auf Grundrechte, eigenes Denken und Widerstand verzichten, legitimieren und verstärken sie die Abhängigkeits- und Zwangsverhältnisse, in denen sie sich zuvor schon befunden haben und die den Namen „demokratischer Rechtsstaat“ tragen.

Am Samstag, den 21.3., zu Beginn des astronomischen Frühlings, wird von deutschen Beamt*innen und Politiker*innen über die generelle Verhängung von Ausgangssperren entschieden. Während es sie in China, Italien, Spanien, Frankreich, New York und Kalifornien bereits gibt, stellt sie für die BRD tatsächlich ein Novum dar. Der Akt, diese Linie zu übertreten, dieses autoritäre Anliegen durchzuboxen, steht damit symbolisch wie auch ganz praktisch für eine grundlegende Verschiebung des rechtsstaatlichen Rahmens, der Ausdehnung seiner repressiven Befugnisse. Deswegen handelt es sich um einen historischen Schritt, der weitere staatliche Zugriffe ermöglicht und das Handeln von emanzipatorischen sozialen Bewegungen, wie auch die selbstbestimmte Lebensgestaltung für viele deutlich erschweren wird. Doch so war es zu vielen Zeiten schon: Wenn der Frühling beginnt, das Volk eingestimmt ist, das Heer versammelt und die Heerschau gehalten wurde, zieht die Armee ins Feld, um die Feinde zurück zu schlagen, sich neue Territorien und Beute anzueignen, um den Ruhm und den Reichtum der Herrschenden zu befestigen und zu mehren.

In postmodernen Gesellschaften meint der Kriegszug allerdings für viele ein Rückzug ins Private bei gleichzeitiger Verstärkung von affektiver, ideologischer und materieller Bindung an das Herrschaftsverhältnis Staat, als dessen Subjekte sie sich ein für allemal begreifen sollen. Um dies zu gewährleisten, inszeniert sich der Staat als Instanz, die letztendlich über Leben oder Tod entscheidet – So wie die Ärzt*innen, welche darüber zu befinden haben, wer an die Geräte zur künstlichen Beatmung angeschlossen wird und wem sie weggenommen werden.

Ein einziges Propagandafeuerwerk bekamen die deutschen Bürger*innen in den letzten Tagen in die Augen und Ohren gehämmert: „Seht euch diese Jugendlichen an, welche sich im Park treffen und das Wetter genießen – Was für eine unglaubliche Unvernunft, was für ein asoziales Verhalten!“. Empörte Bürger*innen riefen die Polizei, damit diese die riskobehafteten Menschenansammlungen zerschlagen möge. Weg mit dem Viren-versuchten Pakt! Sie seien die eigentlichen „Superspreader“, wie es in einem Artikel hieß, mit dem – wie in so vielen Beiträgen derzeit – medizinische Kategorien völlig unzulässig auf soziale übertragen werden. In Interviews, welche die schreckliche Verantwortungslosigkeit einzufangen versuchen, sagen mehrere Jugendliche, sie träfen sich nun und feierten, weil die Ausgangssperre ohnehin verhängt werden würde. Womit die Journalist*innen ein abschreckendes Beispiel für Unvernunft und Gefährdung darstellen wollten, scheiden sie sich ins eigene Fleisch: Kaum habe ich eine rationalere Aussage gehört, in der so viel Wahrheit liegt.

Denn es ist vollkommen richtig: Die Ausgangssperre wird nicht aufgrund einiger Gruppen verhängt, die sich im Freien treffen und das Leben genießen. Diese dienen lediglich als schlechtes Alibi, um durchzudrücken, was ohnehin schon lange das Anliegen der Innenministerien und anderer Sicherheitsapparate war. Dennoch soll an vielen Stellen weiter gearbeitet werden, obwohl Lohnarbeit in mehrfacher Hinsicht viele krank macht. Gleichwohl zeigt sich ebenfalls eine Tendenz zur Überwindung der Lohnarbeit in Gestalt der Refeudalisierung der Ausbeutungsverhältnisse. Beispielsweise werden Vorschläge zum Einsatz von Arbeitslosen gemacht werden, welche die entlassenen polnischen, rumänischen usw. Fronarbeiter*innen ersetzen könnten. Noch wird dies als Angebot formuliert und nicht von Zwangsrekrutierung gesprochen, wie es etwa in der Gesetzesvorlage des neuen Infektionsschutzgesetzes in Bezug auf medizinisches Personal vorgesehen ist. Die Prekarisierten, die sich in keinem Homeoffice verschanzen, dürfen, müssen also raus, während den anderen Corona-Ferien verordnet werden. (Weiterlesen)

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1. Dieser Text wurde größtenteils am 20.3. geschrieben. Nach einer Diskussion darüber, dass der Begriff „Ausgangssperre“ negativ konnotiert sein könnte, führte sie das Bundesland Bayern am 21.3. unter der Bezeichnung „grundlegende Ausgangsbeschränkungen“ ein. Aus Rücksicht auf die Erfahrungen der Bevölkerung unter dem DDR-Regime, trat die Ausgangsspeere auch in Sachsen unter der Bezeichnung „strikte Ausgangsbeschränkungen“ am 23.3. in Kraft. Ihre Mindesthaltbarkeit beläuft sich auf zwei Wochen, dürfte jedoch anschließend noch mehrfach verlängert werden, wie die Beispiele Italien und Spanien zeigen.

Einige Fragen, keine Antwort


von

Einige Fragen, keine Antwort

Ein kurzer philosophischer Beitrag

 

Angesichts der zum Teil sehr kontrovers geführten Debatte um den Umgang mit COVID-19 und nach der Lektüre der auf diesem Blog veröffentlichten Beiträge Was bedeuten soziale Freiheit und Solidarität in Zeiten des pandemischen Ausnahmezustandes?, Es gibt Schlimmeres als Corona! und Gewaltige Sehnsüchte sind mir ein paar Fragen gekommen.

Ich finde keine Antworten auf diese Fragen. Da sie mir aber berechtigt erscheinen, möchte ich sie hier zum Ausdruck bringen. Natürlich offenbaren die Fragen einen gewissen Standpunkt, aber noch einmal: Ich habe keine Antwort. Ich möchte auch niemandem unterstellen, eine Antwort gefunden zu haben.

Das untenstehende Bild stammt von Oskar Kokoschka. Es ist ein Ausschnitt eines Selbstportraits aus dem Jahr 1937.

 

Sucht Provokation nach Wahrheit?

Ist Wut und Empörung ein Anzeichen für Irrtum?

Kann Gehorsam ein Ausdruck von Freiheit sein?

Wer erhebt sich epistemisch und moralisch über wen?

Gibt es Momente, in denen die Systemfrage irrelevant ist?

Wer entscheidet, was Solidarität ist und wer sich solidarisch verhält?

Ist das Gewissen eine Autorität?

 

 

 

 

 

 

Abbildung: Fondation Oskar Kokoschka/DACS 2015.


Gewaltige Sehnsüchte


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Gewaltige Sehnsüchte

Wie in der Corona-Krise selbst linksliberale Intellektuelle zu Autoritären werden

Ein Nachtrag zu meinem letzten Artikel Es gibt Schlimmeres als Corona!

Kürzlich las ich als Kommentar zu einem Spiegel-Artikel, der in differenzierter Manier die aktuelle autoritäre Politik Netanyahus kritisiert, von einem meiner ‚progressiven‘ Facebook-Freunde mit Hochschulabschluss: „Der Spiegel ist so widerlich“. Eine italienische Philosophin wettert unterdessen gegen ‚realitätsfremde‘ Kollegen in nicht minder autoritärer, intellektuellenfeindlicher Manier:

Come sarebbe bello se ogni filosofo o sedicente tale, più o meno strutturato, che dice ancora qualche cazzata sullo stato di eccezione, la libertà violata, il fascismo che si prepara e il senso ultimo della democrazia si facesse, anche da turista, un giro in ospedale, dove persone che potrebbero essere loro non già figli ma nipoti si barcamenano tra un reparto e l’altro economizzando sulle protezioni che salvano la vita loro e, soprattutto, altrui. Perché non ce ne sono abbastanza.

Per me nella torre d’avorio vi ci possono pure murare, con i vostri strepiti, il vostro Foucault mal digerito e i piagnistei per chissà cosa accadrà. Qualunque cosa succeda il vostro contributo alla realtà sarà stato, come sempre, meno di zero.1)Mir fehlen die nötigen Italienischkenntnisse, um dieses Zitat zu übersetzen, ich verweise daher auf die einschlägigen online verfügbaren Übersetzungsprogramme.

Und ein weiterer Kollege aus demselben Land spekulierte als Kommentar zu meinem ausführlichen Artikel zur Corona-Krise damit, dass ich ein Unmensch sei, stellte ohne Beleg die von mir sonst nirgends gefundene Behauptung auf, dass Italien womöglich deshalb so stark vom Virus betroffen sei, weil es dort eine besondere Mutation desselben gebe, und berief sich dann endlich auf die unmittelbare Gewissheit: „It‘s not science, it‘s death.“ Ubiquitär werden alle, die Zweifel am herrschenden Narrativ, dass es jetzt ausschließlich um das Allgemeinwohl gehe, üben der „Verschwörungstheorie“ bezichtigt, wodurch dieser Begriff endgültig zur beliebigen Floskel verkommt, denn dann lässt er sich auf jede ideologiekritische Analyse anwenden. Und auf die Verlinkung zu einem Statement von Saskia Esken gegen allgemeine Ausgangssperren folgten in einer linken Diskussionsgruppe Kommentare wie: „krank im kopf , bitte entlassen..“ und „Wech mit dieser SPD auch Person“. In derselben Facebook-Gruppe bekam ich auf einen kritischen Beitrag hin zu hören – sogar von einer Frau: „alter, für solche sätze gehört dir in die fr**** geschlagen. ich kanns nicht anders sagen.“ Und ein marxistischer Bekannter von mir schwärmte von den Maßnahmen in Südkorea und China. Von den Schimpftiraden gegen „verantwortungslose Jugendliche“, denen man ausgerechnet in geradezu Orwellscher Manier einen „autoritären Charakter“ unterstellt (Link) und sie für Schuld am nun beschlossenen ausgemachten Lockdown, auf den die anfangs widerstrebende Bevölkerung tagelang eingestimmt wurde, erklärt und den „#staythefuckhome“-Nervensägen einmal abgesehen … (Weiterlesen)

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1. Mir fehlen die nötigen Italienischkenntnisse, um dieses Zitat zu übersetzen, ich verweise daher auf die einschlägigen online verfügbaren Übersetzungsprogramme.

Es gibt Schlimmeres als Corona!


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Es gibt Schlimmeres als Corona!

Politisch-philosophische Überlegungen

 

Wir sind gegenwärtig mit Entwicklungen konfrontiert, die das Denken nicht mehr nur überholen, sondern geradezu an ihm vorbeirasen. Das betrifft nicht nur den vereinzelten Theoretiker, sondern, so scheint es, die Gesellschaft als Ganze. Wir haben es mit einer kollektiven Überforderung in jeglicher Hinsicht zu tun und genau das macht die Lage so gefährlich: Dass jetzt vorschnelle Maßnahmen getroffen werden, die zu Konsequenzen führen könnten, die schlimmer sind als das, was sie zu bekämpfen suchen. Es wurde ein wissenschaftlich legitimierter Ausnahmezustand erzeugt – ähnlich den vielen anderen „alternativlosen“ Situationen in der Vergangenheit –, der diesmal besonders perfide ist, weil die Möglichkeit aktiven Protests und Einspruchs nahezu vollkommen ausgeschlossen ist. Die Möglichkeiten sich zu versammeln tendieren gegen Null, selbst Parlamente haben keine Möglichkeit des Einspruchs und ihre Arbeit wird behindert. Scheinbar – in Wahrheit existieren entsprechende Tendenzen ja schon seit längerem – aus dem Nichts heraus verwandelt sich unser Gemeinwesen in eine Expertokratie, regiert von Männern (Expertinnen melden sich ja in der Tat kaum zu Wort oder finden jedenfalls kein Gehör), die das Unvermeidliche diktieren. Wer die Expertokratie in Frage stellt, wird der Unmoral geziehen und der Verantwortungslosigkeit oder gar der „Verschwörungstheorie“.

Dabei ist klar: In unserer arbeitsteiligen Welt haben Ärzte keinen objektiven Blick auf die Dinge, sie betrachten sie eben aus der Perspektive ihrer Disziplin heraus. Politische, moralische, juristische etc. Erwägungen müssen sie gemäß dem herrschenden beschränkten Wissenschaftsverständnis gerade ausblenden, um „objektiv“ (in Wahrheit aber eben gerade nicht objektiv, sondern perspektivisch verengt) urteilen zu können.1)Das gilt – wie die alltägliche Erfahrung ja immer wieder zeigt – umso mehr für Ärzte, die mitunter eine extrem verengte Spezialisierung aufweisen und eben wirklich Fachidioten im schlechtesten Sinne sind. Aber natürlich gilt es für alle anderen Wissenschaftler genauso, Philosophen (insofern auch sie Wissenschaftler sind) nicht ausgenommen. Wenn man etwa in Betracht zieht, dass in Deutschland kulturelle Veranstaltungen wie die Buchmesse abgesagt wurden, während Fußballspiele noch tagelang stattfinden konnten und nun alles getan wird, um die großen Industriebetriebe am Laufen zu halten, während sonst das gesamte öffentliche Leben stillgelegt wird, dann sieht man klar: Hier ist keine Objektivität am Werk und auch keine wirkliche Solidarität, sondern hier ist Politik im Spiel und eine bewusste Prioritätssetzung zu Gunsten ganz bestimmter sozialer Interessen, nämlich von denen der Großkonzerne. Die Krise war von vorneherein nur interessant, weil sie eben in der „Werkbank der Welt“ ausbrach – wäre sie „nirgendwo in Afrika“ passiert, abseits der für relevant gehaltenen, weil zur Profitmaximierung beitragenden, Menschen- und Warenströme, dann hätte sich kaum jemand für sie interessiert und man hätte sie leicht eindämmen können, indem man die Grenzen zum globalen Süden einfach nochmal ein wenig stärker abschottet. Nun muss man die Menschenströme notgedrungen unterbrechen – die heiligen Warenströme, die gilt es jedoch mit aller Macht nicht versiegen zu lassen, so, als drohte sonst eine Hungersnot. (Weiterlesen)

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1. Das gilt – wie die alltägliche Erfahrung ja immer wieder zeigt – umso mehr für Ärzte, die mitunter eine extrem verengte Spezialisierung aufweisen und eben wirklich Fachidioten im schlechtesten Sinne sind. Aber natürlich gilt es für alle anderen Wissenschaftler genauso, Philosophen (insofern auch sie Wissenschaftler sind) nicht ausgenommen.

Was bedeuten soziale Freiheit und Solidarität in Zeiten des pandemischen Ausnahmezustandes?


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Ein weiterer Gastbeitrag zur Corona-Krise von Jonathan.

Endlich sollte es die Letzte verstanden haben: Stay@Home, keep calm, shut down and control yourself! Die eindringlichen Appelle von Behörden, aus Regierungskreisen, Gesundheitsinstitutionen und sich moralisch überlegen fühlenden linken Bürger*innen sind eindeutig. Die Argumente kennen wir und erscheinen plausibel: Wenn wir uns jetzt alle runter fahren, unsere Aktivitäten und Kommunikation ins Internet verlagern, anstatt in physischen Kontakt zu treten eine „soziale Distanz“ wahren und – für diejenigen, die eines haben – das traute Heim nicht mehr als absolut „notwendig“ verlassen, dann erhöhen wir spürbar die Chance, Menschen aus Risikogruppen zu retten. Um Leben oder Tod geht es. Des Weiteren wird auf die enorme Belastung der Arbeitenden im Gesundheitssektor geschaut, sowie auf jene Kranken, deren Leiden vorerst nur noch zweitrangig behandelt werden können. Das sind nachvollziehbare und durchaus soziale Anliegen. Doch sind wir bereit, für dieses höchste Ziel, unsere Freiheit und diejenigen von anderen zu opfern, uns abzuschotten und uns mit den Schwächsten zu entsolidarisieren? Wollen wir durch unser aktives Mitwirken einer in ihren Grundfesten untragbar gewordenen Gesellschaftsformation zur Transformation in eine neue Form verhelfen? Doch in welche wollen wir sie transformieren?

Bei diesen Fragen geht es nicht darum, irgendwelche Verschwörungen anzunehmen, noch gravierenden Auswirkungen und die Gefahr der Pandemie zu leugnen oder zu relativieren. Ebenfalls ziele ich nicht darauf ab, mich über das Bedürfnis von Menschen, anderen zu helfen und zu unterstützen zu erheben oder lustig zu machen. Im Gegenteil, ist dieses Kennzeichen und Voraussetzung des sozialen Fortschritts und damit Grundbedingung für eine emanzipatorische Transformation hin zu einer solidarischen Gesellschaft, einem libertären Sozialismus. Wer eine derartige Vision im Herzen und auf der Zunge trägt, kann sie jedoch nur in Abgrenzung zu den gravierenden totalitären politischen und sozialen Entwicklungen entfalten, welche mit starkem Interesse vorangetrieben werden.
Eine grundlegende Gesellschaftstransformation wird durch die akute Krise weit stärker von den herrschenden und verwaltenden Klassen nach ihrem Gefallen organisiert und mittels Sachzwanglogiken durchgepeitscht, als dass Veränderungsvorschläge von selbstorganisierten emanzipatorischen Bewegungen Einfluss nehmen könnten. In diesem Sinne hätte das Virus erfunden werden müssen, wenn es nicht „natürlicherweise“ auf den Menschen übertragen worden wäre. Es geht nicht darum, über Ursachen zu spekulieren, sondern zu beschreiben, was derzeit geschieht. Die Ziele der autoritären Bestrebungen bestehen in der Refeudalisierung der Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse, der weiteren Ausdehnung von Überwachung, Kontrolle und Sanktionsmöglichkeiten, einer undurchlässigen Grenzziehung, sowie der zunehmenden Internalisierung von Herrschaftslogiken durch die Subjekte, welche zu konformem, handzahmem und denunzierenden Verhalten angeregt werden. (Weiterlesen)


Corona, die Schrecklich-Schöne


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Ein Gastbeitrag von Jonathan.

Corona, habe ich mich neulich gefragt. Wie schmeckte gleich noch diese mexikanische Biersorte mit dem gewissen Maisanteil? Ich weiß es nicht, nur, dass sie äußerst populär ist. Daher spricht in diesen Zeiten nichts dagegen, vielleicht mal ein paar Kisten davon einzulagern, wenn man denn ein beschauliches Heim vorzuweisen hat. Wenn neben dem Dosenfutter, dem sterilisierten Wasser und der Munitionskiste noch Platz ist, versteht sich. Doktor Prepper lässt grüßen. Vielleicht sollte ich mir überlegen, wie ich mir dann im selbst gebauten Bunker – zumal, wenn das Internet ausfällt (oder abgeschaltet wird) – die Zeit vertreibe. Mal wieder was lesen könnte ich. Zum Beispiel „Die Pest“ von Albert Camus. Ein Kumpel wollte es die Tage kaufen – doch es war ausverkauft.

Populärer noch als das Bier ist das Virus, dessen Name viral um die Welt geht, die Finanzmärkte verunsichert und den Menschen einen Schrecken einjagt, wie lange nicht mehr. Gegen vorbeugende Maßnahmen und regelmäßig Händewaschen ist nichts einzuwenden. Eine der wichtigsten Erfindungen in der jüngeren Menschheitsgeschichte war die künstliche Herstellung von Penicillin. Mit diesem Antibiotikum konnten nach 1940 viele bakterielle Infektionen bis hin zur Lungenentzündung enorm abgemildert werden, sodass sie nur noch selten tödlich enden. Die Einführung und staatlich verordnete Durchsetzung der Hygiene war ein zivilisatorischer Fortschritt.
Diesen hätten „wir“ aber, wie so vieles auch, anders erreichen können. Im alltäglichen Wirrwarr vergessen wir oft, worauf unsere Zivilisation beruht – beispielsweise auf der Auslöschung vermeintlich nicht „rationalen“ Wissens, regionaler Sprachen und Kulturen, der Geschichten einer Vielzahl von Menschengruppen – in Europa und noch viel stärker darüber hinaus. Damit wurde auch ein ausgeprägtes Wissen um Heilkunde verdrängt und vernünftige Lebensweisen gebrandmarkt, in denen Menschen stärker auf ihre Bedürfnisse achten, schlafen, wenn sie müde sind und sich ausgiebig ausruhen, wenn sie krank sind. Übrigens ist die Annahme, große Teile der indigenen Bevölkerung der Amerikas wären durch europäische Krankheiten umgekommen, ein krampfhaft wiederholtes Gerücht. Es soll die Geschichtsschüler*innen davon abhalten, nachzufragen, wie viele Menschen in den Mienen und auf den Plantagen der Weißen verreckt sind oder beim geringsten Zeichen von Widerstand von ihnen zur Abschreckung getötet wurden.

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Unterstützt die Narthex 5!


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So in etwa wird das Cover aussehen.

Wie schon zu vor über einem Jahr die Narthex 4, wollen wir nun auch die Narthex 5 teilweise durch eine Crowdfundingkampagne finanzieren. Wir wollen zum Thema „Personale Authentizität“ ein wie gewohnt buntes, anregendes und tiefschürfendes Heft produzieren, mit dessen Inhalt wir auch schon fast fertig sind. Doch es gilt wie stets im Leben unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen: Ohne Bares nichts Wahres.

Alle Informationen zu unserem Aufruf findet Ihr auf unserer Startnext-Seite: https://www.startnext.com/narthex-5

Herzstück unserer Kampagne ist der Kurzfilm Authentizität authentisch, auf dem es auf unserem Youtube-Kanal auch einen „Director’s Cut“ zu sehen gibt sowie die zu einem separaten Kurzfilm umgearbeitete Schlüsselszene „Authentischer Dialog im Laubengang“, in der die Redaktion der Narthex einen fiktiven Dialog zwischen wichtigen Philosophen zum Heftthema aufführt.

Der Aufruf läuft bis zum 31. 10.!

 


Gibt es personale Authentizität – und wenn ja, ist sie erstrebenswert?


von

Der letzte Essay des diesjährigen Eos-Preises, der hier als Gastbeitrag publiziert wird – von Giovanna Pirillo.

 

Gibt es personale Authentizität – und wenn ja, ist sie erstrebenswert?

Ist die Frage nach personaler Authentizität eine, die sich mit der schlichten Feststellung „So bin ich eben.“ beantworten lässt? Geht es beim Versuch, den Kern der eignen Identität zu erreichen darum, solange im eigenen Gefühlsleben zu bohren, bis man Motivationen entdeckt, die man schlicht nicht anders erklären kann? Geht es denn überhaupt um die eigenen Gefühle oder lediglich um eine applizierte Außenwahrnehmung, die lediglich für ein von mir verschiedenes Gegenüber eine Rolle spielen muss?

Es ist unwahrscheinlich, dass sich auf diese Fragen Antworten finden lassen, mit denen jeder auf dieselbe Weise einverstanden sein kann. Immerhin scheint eben das einer der Kernpunkte in der Diskussion um den authentischen Menschen zu sein, nämlich, dass man sich in der eignen Meinung und Interpretation nach niemandem richten und an keinem anderen orientieren muss, als an sich selbst. Doch möglicherweise ist gerade das Selbst eben der falsche Ansprechpartner für die Frage nach personaler Authentizität. Es mag auf Anhieb nicht einleuchten, doch möchte dieser Text dafür plädieren, die eigene Authentizität von der Bewertung anderer abhängig zu machen – die Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens wird sich im Verlauf der Argumentation hoffentlich von selbst erschließen.

Vielleicht ist es die neutralste Art, an ein Thema heranzutreten, welches niemals frei von Kontroversen war, wenn man von der allgemein anerkannten Definition des Wortes Authentizität bzw. authentisch ausgeht, um zum Kern der Frage zu gelangen, inwiefern diese Definition, angewendet auf ein menschliches Individuum, sinnhaft sein kann oder inhaltslos bleiben muss. (Weiterlesen)


Authentizität als Idee und als Ideologie


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Eine weitere Einreichung für den Eos-Preis von Hans-Joachim Schönknecht.

Authentizität als Idee und als Ideologie

Die HARP hat einen Aufsatzwettbewerb zum Thema der personalen Authentizität ausgeschrieben, und sie liegt mit dieser Idee – salopp gesprochen – goldrichtig, ist doch die Forderung nach bzw. die Prätention von Authentizität seit geraumer Zeit wenn nicht in aller, so doch in vieler Munde: im Internet finden sich zu diesem doch einigermaßen abstrakten Ausdruck angeblich mehr als 10 Millionen Einträge1)Vgl. J. Mai: Authentizität: Die Kunst [,] authentisch zu sein. www.karrierebibel.de/authentizitaet (Stand 2013) . Und da Philosophie, Hegel zufolge, die Aufgabe hat, ihre Zeit gedanklich zu erfassen, ist die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen nur folgerichtig.

Um die Erklärung dieser eigenartigen Konjunktur des Begriffs vorzubereiten, werfe ich, wie es guter methodischer Brauch ist, einen Blick auf seine

Etymologie und Verwendungsgeschichte

Die Lexika belehren uns darüber, dass das Adjektiv authentisch auf das griechische Nomen authéntes zurückgeht, das Herr bzw. Gewalthaber bedeutet. Es bezeichnet ursprünglich denjenigen, „der etwas mit eigener Hand, dann auch aus eigener Gewalt vollbringt, so auch den Urheber“2)Röttgers/Fabian: Art. Authentisch. HWPh 1, Sp. 691. Der die Wurzel aut(os), ‚selbst‘ enthaltende Ausdruck kann auch, negativ konnotiert, den Täter, ja den Mörder bedeuten, und das zugehörige Verb authéntein bezeichnet das eigenmächtige Handeln. Speziell die letztgenannte Bedeutung ist im Gedächtnis zu behalten.

Ob die Griechen bereits über ein unserem Wort authentisch entsprechendes Adjektiv authéntikos verfügten, bleibt dahingestellt. Jedenfalls erscheint in den Texten der Kirchenväter die lat. Form authenticus als regelmäßiges Adjektiv zu auctoritas3)Vgl. ebd.; sie würde demnach ‚gültig‘ sowie ‚maßgebend‘ bzw., mit moderner deutscher Ableitung, ‚autoritativ‘ bedeuten4)Im Hinblick auf den Bedeutungsaspekt ‚maßgebend‘ ist nicht einsichtig, inwiefern die Verwendung des lateinischen Adjektivs für das Original einer Handschrift im Gegensatz zur Abschrift, dem exemplarium, eine zweite Bedeutung konstituieren soll, wie Röttgers/Fabian annehmen. Der ursprünglichen Handschrift, dem Original, kommen eben Autorität und Maßgeblichkeit bzw. Maßstäblichkeit zu, an denen die Qualität der Abschriften gemessen wird.. Auch auf Letzteres werde ich zurückkommen.

Beschränkt sich der Gebrauch des Begriffs authentisch in der älteren europäischen Geschichte im wesentlichen auf den juristischen und auf den theologischen Bereich, Letzteres in Form der biblischen Hermeneutik, der Frage nach dem authentischen, dem echten Sinn des biblischen Textes, tritt der Terminus mit der neuzeitlichen Entfaltung der Wissenschaften in weitere Kontexte ein. In der Archäologie steht der Terminus Authentizität für die tatsächliche Übereinstimmung der aufgefundenen Artefakte mit den Personen, Autoren oder Quellen, denen sie zugeschrieben werden und in der wissenschaftlichen Rhetorik steht er gar für das erfolgreiche Verhüllen der Konstruiertheit des Textes. Authentizität figuriert heute in Kontexten der Musik, des Rechts, der Informatik, ja sogar der Fachdidaktik, des Marketings und der Kulturwissenschaften5)Vgl. zu den genannten Verwendungen den Übersichtsartikel Authentizität in Wikipedia..

In all diesen Fällen geht es um die Verifikation von Authentizität, und deren Feststellung beruht auf der Prüfung des Gegenstands mittels bestimmter Kriterien. Hält das Objekt allen Prüfkriterien stand, wird es für authentisch befunden. Diese Art von Authentizität hat die Natur der Echtheit, der Ursprünglichkeit (Originalität) und der Maßgeblichkeit. Als Beispiel diene die Malerei: Nur das echte, also vom Künstler eigenhändig hervorgebrachte Gemälde ist Objekt des Begehrens, nicht gleichermaßen dessen manuell und noch weniger die typografisch erzeugten Kopien. Zugleich ist das Original Maßstab für deren Qualität; diese hängt ab vom Grad der Übereinstimmung mit dem Paradigma, dem ‚Vorbild‘. In einer Epoche nahezu unbegrenzter technischer Reproduktionsmöglichkeiten wie der unseren, in der sich jedermann Kopien der bedeutendsten Kunstwerke beschaffen und sie in seiner privaten Sphäre präsentieren kann, steigt demzufolge der Marktwert der Originale ins Unermessliche, in Proportion mit der zunehmend beliebigen der Zahl der Kopien.

Unter den Themenfeldern, auf denen Probleme der Authentizität verhandelt werden, findet sich schließlich noch ein sehr spezielles, nämlich der Mensch selbst. Was Menschen in Bezug auf den Menschen solcherart in die Frage stellen, erscheint unter dem Titel der

Authentizität der Person

Damit sind wir bei dem von der HARP gestellten Thema. Ich beginne mit der

Exposition der Frage

Dass die Anwendung der Authentizitätsfrage auf den Menschen ihre Besonderheit hat, liegt auf der Hand. In den genannten Sachzusammenhängen ist diese Frage prinzipiell entscheidbar, sofern nur die Kriterien des Authentischen sachgerecht definiert sind, die Objekte sorgfältig geprüft wurden und, idealerweise, alle relevanten Informationen vorliegen.

Das Spezifische der Authentizitätsproblematik bei Menschen liegt nun darin, dass der Mensch nicht, wie ein Gemälde oder ein altes Manuskript, einfach da ist – da ist er selbstverständlich auch –, sondern dass er sich in spezieller, auf in der Welt einzigartige Weise gegenwärtig ist, dass er ein Selbst ist und um sein eigenes Sein weiß, kurz, mit traditionellem Terminus, dass er Bewusstsein hat, Bewusstsein von sich und seinem Anderen, d.h. der Welt, den ‚anderen‘ Menschen.

Aus diesem Grund ist mit dem Begriff der Echtheit als Kriterium von Authentizität hier nichts anzufangen und ich wähle stattdessen in Bezug auf den Menschen heuristisch die Bestimmung, dass Authentizität sich manifestiert als Treue zu sich selbst, begrifflich schärfer formuliert als Festhalten an der eigenen Identität.

Doch über den Sinn wie über die Möglichkeit und die Notwendigkeit solcher Treue zu sich selbst ist mit dieser Definition noch nicht befunden. Denn diese Parameter variieren je nach dem Kontext, in den sie gestellt werden. Ich werde im folgenden drei solcher Kontexte unterscheiden: den metaphysischen, den ethischen und den sozialtheoretischen Kontext. (Weiterlesen)

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. J. Mai: Authentizität: Die Kunst [,] authentisch zu sein. www.karrierebibel.de/authentizitaet (Stand 2013)
2. Röttgers/Fabian: Art. Authentisch. HWPh 1, Sp. 691
3. Vgl. ebd.
4. Im Hinblick auf den Bedeutungsaspekt ‚maßgebend‘ ist nicht einsichtig, inwiefern die Verwendung des lateinischen Adjektivs für das Original einer Handschrift im Gegensatz zur Abschrift, dem exemplarium, eine zweite Bedeutung konstituieren soll, wie Röttgers/Fabian annehmen. Der ursprünglichen Handschrift, dem Original, kommen eben Autorität und Maßgeblichkeit bzw. Maßstäblichkeit zu, an denen die Qualität der Abschriften gemessen wird.
5. Vgl. zu den genannten Verwendungen den Übersichtsartikel Authentizität in Wikipedia.