Skip to content

It’s Istanbul, not Constantinople 💁


von

Marx‘ 18. Brumaire beginnt mit dieser schönen, oft zitierten Stelle: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Als Erdoğan vor einigen Wochen angekündigt hatte, den Museumsstatus der Hagia Sophia aufzuheben und das Gebäude wieder zu einer Moschee umzuwidmen, und die europäische Rechte zur Rettung des Abendlands am Bosporus aufrief, wurde ich unweigerlich an diese Zeilen erinnert. Dass diese Verteidiger sich kaum entscheiden können, ob sie lieber das Christentum oder den Säkularismus retten wollen, ist ein Akt dieser Komödie, der verletzte Sultanstolz, der aus dem Irren vom Bosporus spricht, ein anderer und ich weiß wirklich nicht, welcher mich mehr zum Lachen bringt.

(Weiterlesen)


Immer diese Popmusik…


von

…nur mehr schräge Töne, kein Sinn mehr für das Schöne!

Wo habe eigentlich diese ganzen Antilopengangs, Egotronics und Slimes je so ehrlich für die Psychiatriekritik Partei ergriffen wie Freiwild?

Neuerdings ist es gar nicht mehr so illegal, im Supermarkt einzuklauen, so lange man seine Maske trägt.

Angesichts der BLM-Proteste stelle ich mir mehr und mehr die Frage, was es eigentlich heißt, ein guter Verbündeter zu sein. Mit Höflichtkeit wird man des wohl kaum erreichen,

Hat die Linke ihren Punk verloren? Mir kommt es so vor, aber vielleicht bin ich auch nur irgendein dummes Arschloch.

Aber vielleicht genügt es der Linken ja auch, den Ausnahmezustand mit zu verwalten. Souverän ist das allemal.

Hab ich schon erwähnt, dass es mir in dieser SCHEISSGESELLSCHAFT völlig WURSCHT ist, ob ich morgen an CORONA VERRECKE?


Für immer Antifa…


von

So sehr einen die konformistischen SPD-Rebellen in Deutschland auch nerven, wenn ich gerade in die USA sehe wünschte ich, ich hätte die Antifa-Aufkleber an meiner Tür nicht abgemacht.

(Weiterlesen)


Sinn und Sicherheit


von

Gerade hab ich meine Miete überwiesen. Dabei fiel mir mal wieder auf, was für ein Theater meine Bank, die im Gegensatz zu anderen Banken „Sinn“1)Je öfter man das Wort liest, um so weniger Sinn macht es. verspricht, um meine Sicherheit macht. Nicht nur, dass ich eine endlos lange Zahl zur Verifikation brauche, die sich kein Mensch merken kann, sondern ich muss auch noch einen Barcode einscannen. So hilft mir die GLS Bank meine schier endlosen Reichtümer gegen all die zu schützen, die sie mir wegnehmen wollen.

(Weiterlesen)

Fußnoten   [ + ]

1. Je öfter man das Wort liest, um so weniger Sinn macht es.

Gastbeitrag: Offener Brief an Irena Rudolph-Kokot


von

Als Gastbeitrag veröffentlichen wir folgenden offenen Brief von M. Immanuel C. an Irena Rudolph-Kokot, stellvertretende Vorsitzende der Leipziger SPD. Es geht darin insbesondere um die Gegendemo gegen die Demonstration für die vollständige Wiederherstellung der Versammlungsfreiheit am 1. Mai, an der sie teilnahm.

 

Sehr geehrte Frau Rudolph-Kokot,

hiermit wende ich mich an Sie, da Sie laut einer Mitteilung der Initiative „Leipzig nimmt Platz“ mitverantwortlich sind für die Darstellung der „Bewegung Leipzig“ gegen den Corona-Ausnahmezustand als „Teil eines rechten Sammelbeckens“ zusammen mit „Corona-Leugner*innen, Impfgegner*innen und Verschwörungstheoretiker*innen“.

Ich kenne deren Veranstaltungen vor der Nikolaikirche, z. B. am 2. Mai, nur aus Youtube (Link). Auch wenn ich nicht mit allem, was dort von Publikumsrednern gesagt habe, übereinstimme (z.B. nicht mit dem Reichsbürger), so kann ich in der Rede der Organisatorin keinen rechten Unterton erkennen und muss mich generell auch jenem Redner anschließen, der meinte, auch wenn jemand im Publikum etwas sagt, mit dem man nicht einverstanden ist, bleibt Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden – und Rosa Luxemburg war mit Sicherheit nicht rechts.

Da ich allerdings am 1. Mai über die vollständige Dauer der Kundgebung der „Bewegung Leipzig“ auf dem Simsonplatz anwesend war und dort auch Sie in der Gruppe der Gegendemonstrant*innen gesehen habe, bekomme ich eher den Eindruck, Sie standen da irrtümlicherweise auf der falschen Seite, wenn Sie sich gegen Faschismus und für Menschlichkeit einsetzen möchten:

Aus keinem der von Veranstalterseite gehaltenen Redebeiträge konnte ich etwas vernehmen, das in irgendeiner Weise rassistisch oder menschenverachtend gewesen wäre und möchte hiermit von Ihnen gerne wissen, ob Sie etwas anderes gehört haben und wenn ja, was genau und woher?

Es wurde bei der gesamten Kundgebung noch nicht einmal wirklich der Konsens in Frage gestellt, dass es den Corona-Virus gibt – und da ich Menschen aus dem Orga-Kreis kenne, weiß ich, dass auch tatsächlich niemand die Bedrohung durch das Virus leugnet – sondern einzig und allein die überzogene Reaktion des Staates mit den beispiellosen Grundrechtseinschränkungen. Warum werden Versammlungen untersagt, auch wenn die Abstandsregeln eingehalten werden? Warum darf man sich offiziell nicht mit seiner politischen Bezugsgruppe oder einem Lesekreis treffen, selbst wenn keiner davon Außenkontakte hatte? Warum ist es zum Beispiel erlaubt, zu Jagen und zu Angeln, während Ausflüge zum Wandern in den Bergen oder im Wald verboten wurden? (Weiterlesen)


Ohne mich – Teil 3


von

Der dritte und letzte Teil dieses dreiteiligen Textes. Zu Teil 1, zu Teil 2. Link zum zum kompletten Artikel als PDF.

Ohne mich!

Erklärung meines Rückzugs aus „Nicht ohne uns“

VI. Herrn Jebsens Umwälzung des Journalismus – Eine Art ‚Anti-Jebsen‘

KenFM ist jedoch nur bedingt eine sachliche und neutrale Informationsquelle – und erst recht keine Stimme einer antifaschistischen „Résistance“. Wie gesagt rechne ich es Ken Jebsen und Co. durchaus an, dass sie über die „Nicht ohne uns“-Proteste vergleichsweise fair und sachlich berichten und damit etwas tun, was eigentlich andere Medien tun sollten – denn schließlich ist die Protestbewegung für die Wiedereinsetzung der Grundrechte in Zeiten von Corona keineswegs eine marginale Gruppe von ‚Spinnern/innen‘, sondern ein in ganz Deutschland agierender Zusammenhang von tausenden von Mitstreitern/innen. Ich finde auch einiges, was auf KenFM zur Corona-Politik gesagt wird, gut und richtig. Doch das ist nicht der Punkt, warum ich KenFM problematisch finde.

 

a) Das ‚Schema Ken‘ – Generalschlüssel zur Erklärung der Wirklichkeit

Der Witz an KenFM ist, dass dort immer wieder wichtige Themen und richtige Punkte aufgegriffen werden, aber stets in ein bestimmtes Großnarrativ integriert werden – und das ist das Problematische an diesem Portal. Es macht daher wenig Sinn, mit Ken Jebsen und seinen Fans über einzelne Punkte zu debattieren1)Ich werde daher im Folgenden auch nur vereinzelt einzelne Behauptungen Jebsens nachprüfen. – Die Mühe lohnt sich meist ohnehin nicht, da Jebsens seinerseits überhaupt keine oder offensichtlich absurde Argumente für seine Thesen anführt bzw. ihre Absurdität auf den ersten Blick offensichtlich ist. Mühevoll ist die Überprüfung der einzelnen Behauptung vor allem deshalb, weil es sich meist um Halbwahrheiten handelt, die genau aufzudröseln natürlich umfassende eigene Recherchen verlangt. – Das ist natürlich ein wichtiger Teil der rhetorischen Strategie Jebsens: Einfach mal steile Thesen in den Raum zu werfen, deren präzise Widerlegung so zeitintensiv ist, dass sich niemand die Mühe macht. – was man erkennen muss, ist das dahinterstehende Großnarrativ, das Jebsen & Co. immer wieder mehr oder weniger subtil vermitteln. Dieses Narrativ – zu Deutsch: diese Erzählung – zu erkennen, braucht es eine gewisse intellektuelle Schulung und ich werfe niemandem vor, es nicht sofort zu sehen. Ich selbst habe mir in den letzten Tagen sehr viele Videos und Artikel auf KenFM angesehen (ich hatte mich um Jebsen zuletzt 2017 gekümmert im Kontext der ‚Berliner Kino-Affäre‘, aber das ist eine andere Geschichte …), um dieses Narrativ möglichst klar erkennen und belegen zu können. Mein Ziel ist es also im Folgenden, zu begründen, warum ich KenFM für ein grundsätzlich problematisches Portal halte, mit dem man wirklich nur in begründeten Einzelfällen kooperieren sollte, aber von dem eine kritische Distanz zwingend erforderlich ist.

Das Standardnarrativ, dass man in nahezu allen Produktionen von KenFM vorfinden kann, lautet: Es gibt ein erstmal unschuldiges Volk, das ja eigentlich erst einmal nur ‚das Gute‘ will – dieses zu erreichen wird es jedoch verhindert durch eine böse Elite; womit freilich nicht so sehr diejenigen gemeint sind, die auf den ersten Blick die Macht haben (Politiker/innen und Unternehmer/innen), sondern im Geheimen agierende Kreise, deren Wirken sich großteils im Verborgenen abspielt. Wer genau Teil dieser Elite ist, dazu wird verschwiegen, oft ist von der „Finanzelite“2)https://kenfm.de/tagesdosis-30-3-2020-corona-crash-politik-und-wissenschaft-als-helfershelfer-der-finanzelite-2/ oder der „Hochfinanz“3)https://kenfm.de/tagesdosis-13-12-2019-fake-klimarettung-zur-rettung-der-eliten/ die Rede. Diese kleine Elite erhält ihre Macht vor allem dadurch aufrecht, dass sie das eigentlich einige Volk spaltet und bspw. Linke und Rechte gegeneinander aufbringt, so dass sie gegeneinander kämpfen, anstatt gemeinsam die Elite zu stürzen. (Weiterlesen)

Fußnoten   [ + ]

1. Ich werde daher im Folgenden auch nur vereinzelt einzelne Behauptungen Jebsens nachprüfen. – Die Mühe lohnt sich meist ohnehin nicht, da Jebsens seinerseits überhaupt keine oder offensichtlich absurde Argumente für seine Thesen anführt bzw. ihre Absurdität auf den ersten Blick offensichtlich ist. Mühevoll ist die Überprüfung der einzelnen Behauptung vor allem deshalb, weil es sich meist um Halbwahrheiten handelt, die genau aufzudröseln natürlich umfassende eigene Recherchen verlangt. – Das ist natürlich ein wichtiger Teil der rhetorischen Strategie Jebsens: Einfach mal steile Thesen in den Raum zu werfen, deren präzise Widerlegung so zeitintensiv ist, dass sich niemand die Mühe macht.
2. https://kenfm.de/tagesdosis-30-3-2020-corona-crash-politik-und-wissenschaft-als-helfershelfer-der-finanzelite-2/
3. https://kenfm.de/tagesdosis-13-12-2019-fake-klimarettung-zur-rettung-der-eliten/

Zeitung und Aktionsaufruf zum 1. Mai


von

Als Gastbeitrag wollen wir hiermit auf eine von unserem Blogger Paul Stephan mitinitiierte Kampagne unter dem Motto „Linke und Liberale gemeinsam für die Grundrechte“ aufmerksam machen. Die Kampagne ruft dazu auf, den 1. Mai für Demonstrationen zu nutzen – entweder in angemeldeter Form oder als individueller Spaziergang. Es gibt zwei Kampagnenvideos sowie eine kleine Zeitung, die auch selbständig ausgedruckt und verteilt werden darf. Kernforderung ist die Wiedereinführung der vollständigen Versammlungsfreiheit für politische Demonstrationen. In Leipzig findet ab 15 Uhr 30 eine Kundgebung des Bündnisses vor dem Bundesverwaltungsgericht (Simsonplatz) statt (Link).

Link zur bundesweiten Version der Zeitung (& druckoptimierte Version)

Link zur Leipziger Regionalausgabe (& druckoptimierte Version)

Link zum bundesweiten, Link zum Leipziger Flugblatt.

Einen schönen 1. Mai!


Ohne mich – Teil 2


von

Forsetzung meines Artikels Ohne mich! Erklärung meines Rückzugs aus „Nicht ohne uns“. Link zum ersten Teil.

Ohne mich!

Erklärung meines Rückzugs aus „Nicht ohne uns“

III. Begriffliche Vorklärung: ‚Querfront‘ & ‚Verschwörungstheorie‘

Die Begriffe ‚Querfront‘ und ‚Verschwörungstheorie‘ scheinen mir beide nicht unproblematisch zu sein, da sie – wie in letzter Zeit – immer wieder dazu benutzt werden, um Kritiker/innen der Regierungspolitik mundtot zu machen.1)Interessanterweise sehen das auch Leute so, die sich heute aus einer dediziert neurechten Position heraus affirmativ auf den Begriff der ‚Querfront‘ beziehen (vgl. etwa https://sezession.de/56994/querfrontij-benedikt-kaiser-im-gesprach). Hier wird u. a. Jebsen dezidiert zur antiimperialistischen Linken gezählt, der mit echten Querfrontbestrebungen nichts zu tun habe. Der Begriff der ‚Querfront‘ bezeichnet eigentlich ein Bündnis von Rechts- und Linksradikalen gegen die ‚bürgerliche Mitte‘. Leider wird dieser Begriff auch häufig eingesetzt, um unproblematische Bündnispolitiken zu diskreditieren wie etwa das Konzept der „Volksfront“ (ein Bündnis linker, liberaler und konservativer Kräfte gegen den Faschismus) und dasjenige der „Einheitsfront“ (ein Bündnis von Kommunisten/innen und Sozialdemokraten/innen gegen den Faschismus). Auch wenn das Konzept der „Volksfront“ aufgrund des Reizworts ‚Volk‘ in manchen Ohren problematisch klingen mag, halte ich dieses Konzept wie gesagt für sehr anwendbar auf die augenblickliche Situation: Es bräuchte ein möglichst breites Bündnis bis ins konservative Milieu hinein, um die vorherrschende Corona-Politik zu stoppen. Für weitgehend unproblematisch halte ich in diesem Sinne etwa auch die Koalition zwischen SYRIZA und der konservativen Partei ANEL in Griechenland von 2015 bis 2019.

Das Problem des Begriffs der ‚Verschwörungstheorie‘ ist, dass er ein Gummibegriff ist: Die Grenze zwischen einer nicht nur unproblematischen, sondern auch notwendigen Kritik an klandestinen Machstrukturen verläuft oft fließend. Der Begriff ist zumal problematisch, da der Begriff der ‚Verschwörungstheorie‘ – aus berechtigen Gründen – mit dem des Antisemitismus assoziiert ist. Entscheidendes Kriterium für die Unterscheidung zwischen notwendiger Aufklärung und gefährlicher Verschwörungstheorie sollte die Wissenschaftlichkeit der aufgestellten Behauptung sein, d. h. vor allem ihre Nachprüfbarkeit. Es gibt da ganz eindeutige Fälle – über den Lobbyismus in Brüssel zu recherchieren, kann bspw. keine Verschwörungstheorie sein oder darauf hinzuweisen, dass der CIA erwiesenermaßen in den 60ern false flag-Operationen in den USA plante, um die eine Invasion der USA in Kuba zu legitimieren; umgekehrt macht es sicher wenig Sinn, wilden Spekulationen über Echsenmenschen, die uns kontrollieren, ernsthaft nachzugehen oder zu prüfen, ob die Erde vielleicht nicht doch eine Scheibe ist –, aber eben auch eine gewisse Grauzone. Vielleicht sollte man auch zwischen legitimen Verschwörungstheorien und illegitimen Verschwörungsspekulationen differenzieren. Ich werde mich im Folgenden dennoch der üblichen Diktion anschließen und im weiteren Verlauf des Artikels deutlicher klarstellen, was ich an ‚Verschwörungstheorien‘ genau problematisch finde. (Weiterlesen)

Fußnoten   [ + ]

1. Interessanterweise sehen das auch Leute so, die sich heute aus einer dediziert neurechten Position heraus affirmativ auf den Begriff der ‚Querfront‘ beziehen (vgl. etwa https://sezession.de/56994/querfrontij-benedikt-kaiser-im-gesprach). Hier wird u. a. Jebsen dezidiert zur antiimperialistischen Linken gezählt, der mit echten Querfrontbestrebungen nichts zu tun habe.

Ohne mich! – Teil 1


von

Vorbemerkung:

Diesen Artikel werde ich in drei Teilen publizieren, die in den kommenden Tagen auf diesem Blog erscheinen werden.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, in dem Text auch auf rechte und verschwörungstheoretische Webseiten zu verlinken. Diese haben ohnehin leider eine (zu) große Reichweite, so dass ich denke, dass dieser eine Text nicht erheblich dazu beitragen wird, sie weiter zu vergrößern. Es erscheint mir wichtiger, alle meine Behauptungen sauber zu belegen

Sobald der letzte Teil veröffentlicht ist, werde ich den Artikel auch komplett als PDF-Datei zur Verfügung stellen.

Sollte ich auf diesen Text eine gute Resonanz erhalten, werde ich aus Teilen daraus ein Youtube-Video machen, um insbesondere Ken Jebsen gewissermaßen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die Aufklärung über die gefährlichen Umtriebe dieses Demagogen ist heute wichtiger denn je.

***

Ohne mich!

Erklärung meines Rückzugs aus „Nicht ohne uns“

 

1. Eine unterschätzte Gefahr

 Zu Beginn meines Artikels Corona im Kontext. Ein philosophisch-polemisches Plädoyer für eine andere Corona-Politik, für den ich viel Lob auch von Kritikern/innen meiner Position erhalten habe, vermerke ich bewusst, dass es sein kann, dass ich aufgrund der ungeheuren Geschwindigkeit der über uns hereinbrechenden Ereignisse zu manchen Korrekturen gezwungen sein werde.

Im Großen und Ganzen sehe ich meine damalige Analyse durch den realen Gang der Ereignisse bestätigt: Es gibt einen breiten zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die Corona-Politik der Regierung und Schweden scheint mit seiner angeblich ‚hochriskanten‘ Strategie nur partieller Eingriffe ins öffentliche Leben richtig zu liegen.1)Vgl. hierzu zwei sehr sachliche Einschätzungen des Tagesspiegels und des Deutschlandfunks. Anscheinend hat sich die Ausbreitung der Seuche in Schweden mittlerweile stabilisiert. Die schwedischen Verantwortlichen rechnen damit, dass das Land sogar schon im Mai eine Herdenimmunität vorzuweisen hat und damit als einziges europäisches Land keine möglicherweise fatale zweite Welle der Pandemie nach einer Phase der Lockerung erleben wird. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts legt derweil nahe, dass die Auswirkung der Kontaktsperre auf die Entwicklung der Infiziertenzahlen nur mäßig gewesen sei – andere Maßnahmen waren für die Verlangsamung der Ausbreitung der Krankheit anscheinend entscheidender (Link). Deutschland zieht sich jetzt schrittweise aus dem Lockdown zurück und mehrere Gerichte haben entscheidende Teile der Lockdown-Gesetzgebung für verfassungswidrig erklärt.2)Das Bundeserfassungsgericht urteilte etwa, dass das zeitweise komplette Verbot von Demonstrationen unverhältnismäßig gewesen sei (Link), der bayrische Verwaltungsgerichtshof urteilte, dass das generelle Kontaktverbot nur den Charakter einer Empfehlung haben dürfe (Link). Es stellt sich nun mehr und mehr die Frage, ob diejenigen Politiker/innen, die für diese verfassungswidrigen Gesetze gestimmt haben, nun überhaupt noch glaubwürdig sind – eine Frage mit einem großen politischen Sprengstoff, handelt es sich doch um fast alle. – Hatten wir es vor wenigen Wochen also womöglich tatsächlich mit einem massiven kollektiven Versagen der Exekutive und Legislative zu tun?

Für eine Gefahr war ich jedoch weitgehend blind, das muss ich heute zugeben: Für die Möglichkeit einer massiven Inbeschlagnahme des zivilgesellschaftlichen Widerstands von rechter und verschwörungstheoretischer Seite. Als ich den Text schrieb, sah es noch so aus, als ob der Protest gegen die Corona-Politik der Regierung von rechter Seite nur vereinzelt aufgegriffen werden würde, mittlerweile kann davon keine Rede mehr sein: Während gewisse Teile der Neusten Rechten die autoritäre Lockdownpolitik gutheißen,3)Weiter unten werde ich bspw. auf Martin Sellners Lob der autoritären Maßnahmen zu sprechen kommen. rufen beispielsweise die ‚Reichsbürger‘ dazu auf, ab dem 1. Mai eine Art faschistischen Putsch durchzuführen4)Vgl. etwa https://www.deutschlandfunkkultur.de/reichsbuerger-und-der-1-mai-bewegung-nutzt-coronakrise-fuer.1008.de.html?dram:article_id=474933. und auch Pegida demonstrierte am 20. April für die „Grundrechte“ – skandalöserweise ausgerechnet an ‚des Führers Geburtstag‘ und unter Verwendung der Neonazi-Symbols ‚88‘, das für ‚Heil Hitler‘ steht.5)Pegida demonstrierte unter dem Motto „#80für80Millionen“ (Link). Derartig ‚lustige‘ Spielereien mit Nazi-Codes sind im Pegida-Umfeld gang und gäbe.

Es gibt also, das zeichnet sich nun deutlich ab, zu den von mir diskutierten drei möglichen Zukunftsszenarien nun noch ein viertes: Die Gefahr eines Putsches der rechtsradikalen Opposition oder, wahrscheinlicher, zumindest eines weiteren deutlichen Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte. Das ist vielleicht sogar die größte politische Gefahr, mit der wir gegenwärtig konfrontiert sind. (Weiterlesen)

Fußnoten   [ + ]

1. Vgl. hierzu zwei sehr sachliche Einschätzungen des Tagesspiegels und des Deutschlandfunks. Anscheinend hat sich die Ausbreitung der Seuche in Schweden mittlerweile stabilisiert. Die schwedischen Verantwortlichen rechnen damit, dass das Land sogar schon im Mai eine Herdenimmunität vorzuweisen hat und damit als einziges europäisches Land keine möglicherweise fatale zweite Welle der Pandemie nach einer Phase der Lockerung erleben wird. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts legt derweil nahe, dass die Auswirkung der Kontaktsperre auf die Entwicklung der Infiziertenzahlen nur mäßig gewesen sei – andere Maßnahmen waren für die Verlangsamung der Ausbreitung der Krankheit anscheinend entscheidender (Link).
2. Das Bundeserfassungsgericht urteilte etwa, dass das zeitweise komplette Verbot von Demonstrationen unverhältnismäßig gewesen sei (Link), der bayrische Verwaltungsgerichtshof urteilte, dass das generelle Kontaktverbot nur den Charakter einer Empfehlung haben dürfe (Link).
3. Weiter unten werde ich bspw. auf Martin Sellners Lob der autoritären Maßnahmen zu sprechen kommen.
4. Vgl. etwa https://www.deutschlandfunkkultur.de/reichsbuerger-und-der-1-mai-bewegung-nutzt-coronakrise-fuer.1008.de.html?dram:article_id=474933.
5. Pegida demonstrierte unter dem Motto „#80für80Millionen“ (Link). Derartig ‚lustige‘ Spielereien mit Nazi-Codes sind im Pegida-Umfeld gang und gäbe.

Freiheit in Zeiten von Corona. Jean-Paul Sartre zum 40. Todestag


von

Ich wollte anlässlich von Sartres 40. Todestag ein Meme basteln mit einem besonders guten und zur jetzigen Situation passenden Sartre-Zitat. Ich wurde offen gesagt nicht fündig. Nicht, weil es sich nicht tolle Zitate von Sartre geben würde, die gibt es zuhauf, sondern weil die meisten guten einfach zu abgedroschen sind, zu ausgelutscht, um noch einen schönen Meme abzugeben. Eine Idee von mir war etwa, „Die Hölle sind die anderen“ mit dem Bild eines Menschen, der eine Schutzmaske trägt, zu kombinieren. Naja … Und ja: Sartres viele Zitate zum Thema „Freiheit“ sind immer wieder lesens- und bedenkenswert. Aber man hat das eben alles schon oft gelesen und es ist irgendwie seltsam verblasst. So jedenfalls mein Gefühl.

Mein aktuelles Lieblingszitat von Sartre ist die wohl schneidendste Polemik gegen alle, die meinen, nur aufgrund eines bestimmten Kleidungsstücks einen gewissen Rang in der Welt beanspruchen zu dürfen. Es stammt aus Der Ekel:

Der schöne Herr existiert Ehrenlegion, existiert Schnurrbart, das ist alles; wie froh muß man sein, nur eine Ehrenlegion und nur ein Schnurrbart zu sein, und den Rest sieht niemand, er sieht die beiden Spitzen seines Schnurrbartes zu beiden Seiten der Nase; ich denke nicht, also bin ich ein Schnurrbart.

Das ist natürlich zeitlos – wenigstens, wenn man dem Kerngedanken folgt. Ich denke allerdings, dass der Schnurrbart schon längst aufgehört hat, das Symbol einer solchen unauthentischen Existenz zu sein und dass es heute eher die klinischen Teflongesichter sind, die seinen Platz als Inbegriff selbstgewisser Spießigkeit eingenommen haben. – Oder auch die dynamischen Dreitagebärte der Manager, Chefärzte und Minister, die mit ihnen zum Ausdruck bringen wollen, wie beschäftigt sie gerade damit sind, die Welt zu retten.

Sartres Philosophie bleibt eine Provokation der Spießigkeit, des Untertanengeists und des Autoritarismus, das ist klar. Ihr Kernpunkt ist eben eine scharfe Kritik am Selbstverständlichen. Sartres Mantra: Es gibt keine Selbstverständlichkeiten, der Mensch schafft sie erst. Das ist und bleibt radikal und gilt auch in der jetzigen Situation.

Zugleich lehrt Sartre aber auch, dass der Mensch sich zwar frei zur Situation verhält, diese aber auch nicht schafft. Es gibt bei ihm eine Art Überschuss des Realen, ein ‚Mehr‘ an Faktizität, dessen wir nie habhaft werden können, und für das heute der Name ‚Corona‘ steht. Sartre würde dabei den Versuchen, dem dermaßen verdinglichten Exzess des Seins, der die menschliche Existenz stets heimsucht, durch massive Bändigungsversuche Herr zu werden, eher skeptisch gegenüberstehen: Er würde sie als zum Scheitern verurteilte Versuche betrachten, Gott zu spielen. Lächerlich finden würde er freilich auch genauso die Selbstsicherheit mancher Kritiker der ‚Coronoia‘, die ganz bestimmt wissen, dass da jetzt auch wieder ‚dunkle Mächte‘ dahinterstecken, und keine positive, verantwortungsvolle Vorstellung davon haben, wie es denn nun wirklich ist und was man denn nun wirklich gegen Corona tun sollte. (Weiterlesen)