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Hat die Sozialdemokratie eine Zukunft?


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Lizenz: DerHexer, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0

Hat die Sozialdemokratie eine Zukunft?

Zu Sahra Wagenknechts jüngsten Büchern Reichtum ohne Gier (Campus Verlag, 2016) und Couragiert gegen den Strom (Westend Verlag, 2017)

 

Eine Populistin

Eines hat Sahra Wagenknecht jedenfalls geschafft: Sie hat sich zum Abstand die mit Abschnitt populärsten und medial präsentesten Gesicht der deutschen Linken gemausert. Es vergeht kaum eine Woche, in der sie nicht in Talkshows auftritt, Interviews gibt oder mit irgendeinem Statement in den Schlagzeilen ist. Und zwar nicht nur (oder vielleicht sogar: gerade nicht) in linksradikalen Nischenzeitungen, sondern in den bürgerlichen Mainstream-Medien. Ihre Facebook-Seite hat etwa 427.000 Likes, nur Gregor Gysi hat mit etwa 481.000 mehr. Zum Vergleich: Ihre parteiinterne Rivalin Katja Kipping kommt auf gerade einmal 70.000, ihr Mann Oskar Lafontaine auf 68.000, Martin Schulz auf 454.000, Andrea Nahles auf schlappe 17.000. Sogar die gesamte Linkspartei hat nur 253.000 „Gefällt mir“-Angaben. 1)Stand: 12. 4. 2018. Wie sehr ihre Popularität trotz aller Attacken gegen sie nicht schwindet, sondern wächst, zeigt, dass ihre Facebook-Seite Anfang Februar, als ich diesen Artikel schrieb, noch bei 416.000 Likes lag – während die Like-Zahl aller anderen Seiten weitgehend unverändert blieb. Und während Kipping sogar von weniger Leuten abonniert als ‚geliket‘ wird – was ein gewisses Desinteresse an dem impliziert, was sie so über ihre Seite teilt – hat Wagenknecht  über 431.000 Abonnenten. D. h., auch viele, die sie ganz dezidiert nicht ‚liken‘ wollen, folgen ihr trotzdem. Wer das erreicht, hats in der Facebook-Welt geschafft.

Wie jede derart prominente Person polarisiert sie freilich immer wieder. Es sind vor allem drei Themen, mit denen sie gerade in den eigenen Reihen, also innerhalb der Linkspartei im Speziellen, aber auch der linken Bewegung im Allgemeinen, auf Unmut stieß: Ihr angeblicher „Linksnationalismus“ (von manchen polemisch als „National-Sozialismus“ gelabelt), der etwa mit einer gemäßigten Haltung zur Flüchtlingsproblematik einhergeht und mit einer großen Skepsis gegenüber supranationalen Institutionen wie der EU; ihre generell ‚konservative‘ Einstellung in vielen Fragen (so hört man ihr wenig bis nichts zu feministischen oder erst recht ‚queeren‘ Themen) 2)Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet dieses Interview für das linksliberale Vice-Magazin, in dem es dezidiert um Feminismus geht.; und jüngst ihre Forderung nach einer „linken Sammlungsbewegung“ oder gar „neuen linken Volkspartei“.

Sahra Wagenknecht ist Populistin im besten Sinne des Wortes: Sie versteht es, dem Volk aufs Maul zu schauen und ihre Botschaften in zugespitzter Form auf den Punkt zu bringen. Gleichzeitig muss man anerkennen, dass sie auch keine Stammtischpolterin ist. Ihr spezieller Charme scheint vielmehr darin zu liegen, dass sie selbst noch relativ simple, eingängige Botschaften wie „Steuern für Reiche rauf“ oder „Steueroasen schließen“ mit großer intellektueller Sicherheit und einem ausgeprägten Differenzvermögen zu begründen vermag, ohne sie darum zu verwässern. Sie ist schließlich nicht nur Autorin reißerischer Facebook-Posts, sondern auch zahlreicher Sachbücher und einer volkswirtschaftlichen Dissertationsschrift, schmückt sich immer wieder mit ihren Marx- und Hegel-Kenntnissen und ihrem bildungsbürgerlichen Hintergrund.

Die kontroverse Debatte um ihre Positionen – und insbesondere ihr Projekt einer neuen linken Partei – sind Grund genug, nicht nur über ihre mal mehr mal weniger durchdachten Pressestatements zu diskutieren (dass ihre berüchtigte „Gastrecht“-Äußerung etwa einer genaueren intellektuellen Prüfung nicht standhält, dürfte sich schwerlich bestreiten lassen), sondern sich einmal genauer anzuschauen, auf welcher theoretischen Basis ihre tagespolitischen Äußerungen stehen. Ich habe mir also die Mühe gemacht, mir einmal ihre beiden jüngsten Bücher, Reichtum ohne Gier (eine theoretische Abhandlung) und Couragiert gegen den Strom (ein ausführliches Interview mit Florian Rötzer, im Anhang sind einige Reden von ihr abgedruckt), anzusehen und sie vor dem Hintergrund der drei genannten Themenkomplexe kritisch zu prüfen. Meine Kernfrage: Vermag es Wagenknecht – wie sie beansprucht – eine linke Perspektive für die Zukunft aufzuzeigen, die über eine bloße Problemdiagnose hinausgeht? Oder verwickelt auch sie sich in den üblichen Dilemmata linker Realpolitik? Ist ihre Kapitalismuskritik verkürzt? Oder schafft sie es, die Kurve irgendwie zu kratzen und ein glaubwürdiges sozialdemokratisches Projekt für das 21. Jahrhundert zu skizzieren?

Ich kann mich dabei unmöglich auf alle interessanten und bedenkenswerten Überlegungen einlassen, die Wagenknecht in ihren Büchern darlegt. Stattdessen werde ich mich auf zwei Problemknoten konzentrieren, die an ihren Ansichten besonders stark umstritten sind – und die auch tatsächlich im Zentrum ihres Programms stehen: Ihr (tatsächlicher oder vermeintlicher) „Nationalismus“ und ihr Eintreten für eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus.

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Fußnoten   [ + ]

1. Stand: 12. 4. 2018. Wie sehr ihre Popularität trotz aller Attacken gegen sie nicht schwindet, sondern wächst, zeigt, dass ihre Facebook-Seite Anfang Februar, als ich diesen Artikel schrieb, noch bei 416.000 Likes lag – während die Like-Zahl aller anderen Seiten weitgehend unverändert blieb. Und während Kipping sogar von weniger Leuten abonniert als ‚geliket‘ wird – was ein gewisses Desinteresse an dem impliziert, was sie so über ihre Seite teilt – hat Wagenknecht  über 431.000 Abonnenten. D. h., auch viele, die sie ganz dezidiert nicht ‚liken‘ wollen, folgen ihr trotzdem. Wer das erreicht, hats in der Facebook-Welt geschafft.
2. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet dieses Interview für das linksliberale Vice-Magazin, in dem es dezidiert um Feminismus geht.

Unterstützt die Narthex 4!


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Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

die „Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie“ betreibt nicht nur einen tollen Weblog, sondern gibt auch seit 2015 eine jährlich erscheinende Philosophiezeitschrift mit dem Titel Narthex. Heft für radikales Denken heraus. Die diesjährige Ausgabe soll sich, seinem 200. Jahrestag entsprechend, mit dem bedeutenden Philosophen, Ökonomen und politischen Theoretiker Karl Marx auseinandersetzen.

Der Inhalt und das Layout stehen schon in weiten Teilen – es fehlt uns jetzt nur noch am schnöden Mammon, um in den Druck gehen zu können. Wir benötigen mindestens 1.500 €.

Um dieses Geld akquirieren zu können, haben wir bei „Startnext“ eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Unterstützt uns dort – und teilt am besten auch den Link: https://www.startnext.com/narthex-4-marx

Ihr ermöglicht damit nicht nur das Erscheinen eines hochwertigen Beitrags zur Diskussion um die Aktualität von Marx‘ Theorien, sondern auch die weitere Arbeit an unserem großartigen Philosophieheft.

 

PS: Weitere Informationen zum Heft und einige Ausgaben und Auszüge zum Download findet Ihr auch hier.


Rezension zu Andrew Culp: „Dark Deleuze“


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Mit ein wenig Verspätung folgt hier die schon länger angekündigte Vollversion meiner Rezension von Dark Deleuze, das im März 2017 im Laika-Verlag Hamburg erschien (übersetzt von Achim Szepanski, mit einem Nachwort von Jose Rosales) von Andrew Culp für den Widerspruch 64.

Unser Kommunismus verlangt, dass wir unter dem Deckmantel des Geheimnisses die Konspiration intensiv vorantreiben, da es nichts Aktiveres als den Tod der Welt gibt. Unser Hass treibt uns an. Gleich einem „Abenteuer, das in den sesshaften Gruppen durch den Ruf des Außen ausbricht“, ist es unser Sinn, der sagt, dass die Welt unerträglich ist und uns dazu zwingt, unsere eigenen barbarischen Belagerungsmaschinen herzustellen, um das neue Metropolis, welches den Platz des Urteils einnimmt wie ein Himmel auf Erden, anzugreifen[.] (S. 72)

Wie man solche Sätze von großer ästhetischer Suggestionskraft und sprachlicher Finesse produziert, hat der amerikanische Medienwissenschaftler und Deleuze-Forscher Andrew Culp zweifellos von seinen philosophischen Bezugsgrößen abgelernt. Seine im Original 2016 bei University of Minnesota Press, Minneapolis, unter demselben Titel erschienene Studie ist nicht nur über, sondern auch mit Deleuze und Guattari geschrieben. Doch was bedeutet diese philosophische Apologie des Hasses, des „Todes der Welt“ und des Barbarentums genau?

Als exzellenter Kenner der Werke von Deleuze und Guattari kann Culp ohne Zweifel gelten. Er zitiert quer durch den gesamten Corpus ihrer mittlerweile zu Klassikern des Poststrukturalismus avancierten Texte selbst entlegenste Stellen mit folgendem programmatischen Ziel:

Es ist meine ultimative Absicht, die Leser davon zu überzeugen, all die freudvollen Wege für die dunklen Alternativen zu verlassen. Das beste Szenario wäre, dass diese Unterschiede in der Irrelevanz verschwänden, nachdem Dark Deleuze sein vorgebliches Ziel erreicht hat: Das Ende dieser Welt, die finale Niederlage des Staates und der volle Kommunismus. (S. 26)

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„Warum sollte jeder Mensch mindestens eine Fremdsprache lernen?” – Eine philosophische Reflexion


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Mein Lieblingsphilosoph ist Friedrich Nietzsche. Und eines meiner Lieblingszitate von ihm lautet:

 

Oh meine Thiere, […] schwätzt also weiter und lasst mich zuhören! Es erquickt mich so, dass ihr schwätzt: wo geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.

Wie lieblich ist es, dass Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?

Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt.

Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.

Für mich — wie gäbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber das vergessen wir bei allen Tönen; wie lieblich ist es, dass wir vergessen!

Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, dass der Mensch sich an den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narrethei, das Sprechen: damit tanzt der Mensch über alle Dinge.

Wie lieblich ist alles Reden und alle Lüge der Töne! Mit Tönen tanzt unsre Liebe auf bunten Regenbögen.

 

Das steht in Also sprach Zarathustra und Zarathustra redet hier mit seinen Tieren, Adler und Schlange. Es geht darum, was eigentlich die Funktion von Sprache ist. Sprache wird hier interessanterweise mit Musik gleichgesetzt so als dienten beide demselben Zweck – und man wird zugeben, dass Sprache stets Klang und Wort ist, zwischen diesen beiden Polen beständig oszilliert. Dieser besteht darin, Scheinbrücken zwischen Dingen herzustellen, zwischen denen eigentlich gar keine Verbindung möglich ist. Diese Verbindungen werden auf drei Ebenen errichtet: Zwischen Menschen, indem Sprache ein gemeinsames Verständnis suggeriert; zwischen den Dingen, insofern wir mit Worten Dinge unter einem Begriff vereinigen, die in Wahrheit überhaupt nichts miteinander zu tun haben; zwischen der Innenwelt des Einzelnen und der Außenwelt, indem wir, wenn wir sprechen, so tun, als könnten wir irgendetwas über die Außenwelt wissen. Alle diese drei Aspekte lassen sich so zusammenfassen: Sprache lässt die Welt erklingen, die sonst starr und stumm wäre. Für Nietzsche klingt sie an sich nicht, sondern wird erst durch unsere Anstrengung zum Klingen gebracht. In der Romantik hieß es noch:

 

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

 

Man glaubte also noch, dass die Dinge in sich eine Eigenschwingung tragen, die die menschliche Stimme zu erwecken habe (in etwa so, wie wenn man durch den Anschlag einer Klavierseite andere Seiten zum mitschwingen bringt). Genau das beschreibt Nietzsche als Illusion: Das Lied, das wir in den Dingen zu hören meinen, ist nur das Echo unserer eigenen Stimme. Wir hören in Wahrheit stets nur uns selbst.

Man sagt oft, dass das Lernen von Fremdsprachen nützlich sei, weil man dadurch vertiefte Verbindungen zur Welt herstelle: Man könne in den Dingen und Menschen noch nie zuvor erhörte Saiten zum Klingen bringen lassen, da man nun mehr Menschen als vorher versteht, noch subtilere Verbindungen zwischen den Dingen herzustellen vermag (oder womöglich ganz neue sieht, an die man vorher noch gar nicht dachte) und so in noch besserer Harmonie mit der Außenwelt zu existieren vermag. Mit Nietzsche müsste man dagegen einwenden, dass sich der Polyglotte nur umso mehr in die Illusion verfängt, es gäbe eine echte Resonanzbeziehung zwischen der Welt und mir. Daraus folgt natürlich nicht, dass man keine Fremdsprachen lernen solle, denn der Illusion wird ja ein hoher Wert zugeschrieben. Doch wie soll ich diesen Wert noch sehen können, wenn ich die Illusion einmal durchschaut habe?

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Kommunikationstechnologie und Kapitalismus- Einige Anregungen


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1.

Die Verzeichnisstruktur eines Computers ist wie ein Baum aufgebaut: Beginnend bei einer Wurzel, die sich immer weiter aufspaltet, vereinigen sich die Zweige an keiner Stelle. Klare Zuordnung schafft Effektivität, sie ist prägend für den Umgang mit Technologie, gleichzeitig ist sie eng verknüpft mit Fragen der Identität und Begrenzung. Dabei kann man sich die 0 als geschlossene, die 1 als offene Grenze vorstellen. Die Identität der Dateien ergibt sich aus der Kombinationen dieser Varianten. Nicht nur Elektrizität, auch die Bewegung von Menschen, Waren und Geld lässt sich als Strom betrachten. Nicht nur Völker sondern auch Staaten und Unternehmen sowie politische Gruppierungen verfügen über eine Identität.

Der Struktur des Baumes enstpricht diejenige der sozialen Medien, wie sich im Kommentarfeld zeigt: Je verzweigter das Netz der Kommentare ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie gelesen werden. Im Fall von Facebook werden die Kommentare ab einer gewissen Anzahl an Antworten nur noch auf Nachfrage angezeigt. Der Anfang einer Diskussion ist sichtbar, ihr Ende droht in den Wolken zu verschwinden wie die Blätter eines mächtigen Mammutbaums. Der Strom fließt von minus nach plus in der physikalischen, von plus nach minus in der technischen Betrachtungsweise, ebenso fließt Information in einer andere Richtung als die Arbeitskraft, die sie ermöglicht. Dies spiegelt sich in einem Fortschrittsbegriff, der seine Grundlagen ignoriert und einer Arbeitsweise, die kein Bewusstsein über ihre Technologie besitzt. (Weiterlesen)


Wahlen: Idiotenfallen


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Anfang des Jahres geschah etwas Ungewöhnliches: Die ansonsten eher gelangweilt hingenommene Wahlausgabe der AStA-Zeitung der Uni Frankfurt sorgte für aggressive, empörte Reaktionen. Der Grund: Ihr war ein längeres Editoral vorangestellt, das einen Text des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre aus dem Jahr 1973 beinhaltete.

Der formelle Empörungsgrund bestand darin, dass es die Redaktion – der ich damals angehörte – überhaupt gewagt hatte, einen so langen inhaltsreichen Text abzudrucken. Einige sahen darin die Neutralität der Wahlzeitung gefährdert. Doch hinter dem Formalismus steckte ein inhaltliches Unbehagen. Wie konnte ein Text, der vor 40 Jahren geschrieben wurde, das auslösen?

Sartre kritisiert in dem Text Wahlen, Idiotenfallen jedwede Form repräsentativer Demokratie als ungenügend und weist minutiös die Absurditäten des parlamentarischen Systems nach. Dabei argumentiert er nicht aus einer antidemokratischen Perspektive – die man leicht abtun könnte -, sondern aus einer radikaldemokratischen, die auf eine umfassende reale Demokratisierung aller sozialen Institutionen abzielt.

Sein Kernargument: Der Wähler macht das Kreuzchen nur als abstraktes Individuum in einer völlig künstlichen, entfremdeten Situation. Mit einer wirklichen Partizipation hat dieser Akt wenig zu tun – sie dient nur der Bestätigung eines von der Gesellschaft abgelösten Staatsapparats: „Wenn wir morgen wählen gehen, werden wir ein weiteres Mal die legale Macht an die Stelle der legitimen Macht setzen.“ Für die Wahlen übermorgen gilt dasselbe.

Zur AStA-Zeitung mit dem Text Sartres versehen mit einer umfangreichen Kommentierung.


Call for Members: Wir suchen neue Mitglieder


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Ich denke jetzt, wenn ich kann und an jedem Ort, darüber nach, durch welche Schläue ich Dich und mich zusammenbringe, besonders um Dich aus Deiner erratischen Blog-Einsamkeit zu erlösen. Hier läßt sichs bereits leben, weil man so viel demokratischen Takt hat, um den „Narren auf eigne Faust“, die Existenz zu gönnen.

(Friedrich Nietzsche)

Seit 2015 versammelt der Blog der „Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie“ (HARP) Beiträge unterschiedlichster Couleur: Sechs Autoren sowie einige Gastautoren veröffentlichten fast hundert Tagungsberichte, Rezensionen, Zeichnungen,

Dialoge, Aphorismen u. v. m. auf Deutsch und Englisch. Inhaltlich ging es dabei um alle Gebiete des „Geistes“ vom Neolithikum bis zur Kulturindustrie, von der Antike bis zu Gilles Deleuze. Einige unserer Beiträge hatten hunderte Leser*innen.

Die HARP ist ein deutschlandweit agierender Zusammenschluss von Philosophieinteressierten mit lokalem Arbeitsschwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet. Der Blog soll in loser Beziehung zu den sonstigen Aktivitäten der HARP stehen, zu denen im Augenblick neben dem Betrieb des Blogs insbesondere die Herausgabe der jährlich erscheinenden Philosophie-Zeitschrift Narthex. Heft für radikales Denken gehört. Ziel der HARP ist dabei die akademisch nicht gebundene und ideologisch offene philosophische Reflexion, sie sieht sich dabei vor allem in der Tradition materialistischen Denkens in all seinen Spielarten.

Wir würden nun gerne unser Team erweitern und suchen daher engagierte Autor*innen, die Lust darauf haben, auf dem HARPblog regelmäßig Artikel oder sonstige Beiträge zu publizieren und sich an unseren internen Diskussionen zu beteiligen. Erwartet wird darüber hinaus eine finanzielle Beteiligung an den (sehr geringen) laufenden Betriebskosten des Blogs.

Wir bieten eine bereits fertig eingerichtete und etablierte Publikationsplattform. Abgesehen von einigen wenigen formalen und inhaltlichen Kriterien findet eine Zensur oder sonstige Kontrolle der Beiträge findet dabei nicht statt – jede*r Autor*in ist für seine/ihre Beiträge selbst verantwortlich.

Du musst einfach nur ein kurzes Statement zu deiner Person und Motivation und deinen zeitlichen Möglichkeiten an uns schicken sowie einen Beispieltext, der dann idealerweise der erste auf dem HARPblog veröffentlichte Texte von Dir ist.

Die Einsendung sollte bis zum 1. 11. 2017 an harp [ät] riseup.net erfolgen. Dorthin können auch alle Fragen zur HARP und zum Blog gerichtet werden.

Die Adresse des Blog: http://blog.harp.tf

Die Homepage der HARP: http://harp.tf


Nietzsche und der Stand des Feminismus. Ein Tagungsbericht


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Die Förderung meiner Reisekosten durch die Freunde und Förderer der Goethe-Universität ermöglichte es mir, an der Tagung „Nietzsche, Psychoanalysis, and Feminism“ teilzunehmen, die am 25. und 26. November 2016 an der der Kingston University London stattfand. Das gewählte Thema lieferte schon von sich aus den Stoff für Kontroversen: Nietzsche äußerte sich nicht gerade wohlwollend gegenüber dem Feminismus seiner Zeit und bezeichnet die Emanzipation des „Weibes“ etwa als den „Instinkthass des missrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene“; andererseits wurde er aber auch, insbesondere durch seine spekulative Vorwegnahme zentraler Einsichten der Freudschen Psychoanalyse und seine radikale Infragestellung überkommener Moralvorstellungen, zu einem der wichtigsten Anreger feministischer Diskussionen des 20. Jahrhunderts und wird von zahlreichen feministischen Theoretikerinnen als wichtiger Impulsgeber genannt. Entsprechend agonal ging es auf der Tagung mitunter auch zu.

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Eine Bühne!


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Am 17. März sollte in Zürich eine Podiumsdiskussion zwischen Marc Jongen, Olivier Kessler Jörg Scheller und Laura Zimmermann stattfinden. Gegen diese Veranstaltung regte sich massiver „linksradikaler“ Protest, u. a. gab es einen auch von einigen Frankfurter unterzeichneten Offenen Brief, in dem neben Marc Jongen auch Jörg Scheller massiv angegriffen wurden, letzterer in völliger Verzerrung seiner Aussagen und seiner politischen Position.1)Aus Frankfurt unterzeichneten den Brief u. a. die Philosophen Daniel Loick & Thomas Seibert. Ansonsten unterzeichnete den Brief u. a. die in Berlin ansässige Autorin Kristin Flade, die schon in anderem Kontext bewies, dass sie ein Problem mit einer offenen Debattenkultur hat.

(Hier dazu die sehr treffende Antwort von Scheller.)

U. a. nach Androhung „linksradikaler“ Gewalt und einer Gegenveranstaltung wurde das Podium nun abgesagt. (Dazu wiederum ein Kommentar von Scheller.)

Ich gebe Scheller und anderen Kommentatoren 2)Vgl. etwa hier, hier und dort. recht, dass die Absage und ihre Umstände den Autoren & Unterzeichnern des „Offen Briefs“ ein Armutszeugnis ausstellt: So, als ließen sich keine Argument gegen AfD & Co. finden.

Ich finde an der Argumentation des Briefs einzig einleuchtend, dass es wirklich so ist, dass von der AfD kulturpolitisch wenig Toleranz gegenüber kritischen Kulturprojekten zu erwarten ist und dass die AfD oder eine ihr nahestehende Organisation vermutlich kein derartiges Podium ausrichten würde. Andererseits zeugt dies doch gerade von der Schwäche der AfD und nicht von einer Stärke. Und wieso sollte man diese Schwäche gerade beim Kampf gegen die AfD kopieren? Bezeugt man dabei nicht gerade die eigene und bestätigt das Ressentiment der AfD-Wählerkreis gegen die „linksliberale Elite“? Bestätigt man dabei nicht gerade die Kritik am Konzept der „political correctness“?

Traurig zumal, dass man ausgerechnet meint, gegen Jörg Scheller so massiv polemisieren zu müssen, obwohl gerade der in zahlreichen Artikeln immer wieder gegen die AfD und Jongen polemisiert und die Kritik im Handgemenge nicht scheut3)Vgl. dazu auch meine Diskussion mit ihm hier auf dem HARPblog. – etwas, dessen sich zahlreiche „linksradikale“ Akademiker lange schon zu schade sind, da sie ja die „Wahrheit“ bereits zu kennen und sie nicht mehr argumentativ zu behaupten müssen brauchen. Der Unterschied zu auftrumpender Arroganz verschwimmt dabei. (Dialektik von „post truth“ und „truth“ könnte man das ein wenig hochtrabend nennen.)

Auch Adorno war sich ja etwa seinerseits nicht zu schade gewesen, mit Gehlen in einen offenen Disput zu gehen. Und jeder, der dieses Fernsehgespräch kennt, wird anerkennen, dass Adorno dort Gehlen schlicht gegen die Wand redet und klar als „Sieger“ (sofern es sowas im Feld der Theorie je gibt, Adorno selbst kritisiert ja die Einstellung, in einer Diskussion um jeden Preis Recht behalten zu wollen zu Recht als geistesfeindlich) hervor.

Wäre die linke Diskurswende in den 60ern und 70ern möglich gewesen ohne die Courage und intellektuelle Offenheit von Leuten wie Adorno, der sich nicht mal zu fein war, als Emigrant mit einem NSDAP-Mitglied zu diskutieren? Und was machen seine selbsternannten Erben daraus?

Ich wäre auf das Resultat dieses Schlagabtauschs jedenfalls gespannt gewesen …

 

Fußnoten   [ + ]

1. Aus Frankfurt unterzeichneten den Brief u. a. die Philosophen Daniel Loick & Thomas Seibert. Ansonsten unterzeichnete den Brief u. a. die in Berlin ansässige Autorin Kristin Flade, die schon in anderem Kontext bewies, dass sie ein Problem mit einer offenen Debattenkultur hat.
2. Vgl. etwa hier, hier und dort.
3. Vgl. dazu auch meine Diskussion mit ihm hier auf dem HARPblog.

Rezension zu Achim Szepanski: „Der Non-Marxismus – Finance, Maschinen, Dividuum“


von

Wörtchen am Mittwoch

 

Achim Szepanskis Versuch einer Aktualisierung des Marxismus

 

Achim Szepanski meinte einmal, als ich ihn auf den Zusammenhang zwischen den vier Teilen von Der Non-Marxismus ansprach, dass sich sein neues Buch zu dem Zweibänder Kapitalisierung so verhält wie einst der Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari zu seiner Fortsetzung Tausend Plateaus. Handelt es sich bei Kapitalisierung noch um ein relativ traditionelles Buch, in dem ausgehend von einigen Grundideen der titelgebende Begriff entfaltet wird – was Szepanski zur Entwicklung einer unglaublich spannenden Theorie des gegenwärtigen Kapitalismus führt –, ist Der Non-Marxismus ein post-traditionelles, oder, um in der Sprache der beiden Meisterdenker des Poststrukturalismus zu sprechen (deren Idiom auch Szepanski meisterhaft beherrscht), ein „rhizomatisches“ Werk. Das will sagen: Es gibt keine baumhafte Wurzel mehr, keinen festen Ursprung, aus dem heraus sich die abgeleiteten Teile entwickeln ließen, sondern ein kartoffelartiges Geflecht mit fünf Knotenpunkten (der Einleitung und den vier titelgebenden Begriffen), deren Verbindungen mannigfaltig, diffus und unhierarchisch sind. Während sich Kapitalisierung noch so lesen ließ, als bildete hier die „Non-Philosophie“ des ebenfalls aus Frankreich stammenden François Laruelle eine Art konzeptuelles Fundament, auf dem sich die Konstruktion des ganzen Werkes stützt – was freilich schnell die Frage aufwarf, ob der „Non-Philosoph“ Laruelle hier nicht eine ganz ähnliche Rolle spielt wie es ein Philosoph immer tut: Fundamente stiften, Wurzeln setzen –, ist Der Non-Marxismus konsequenter: Auch der „Non-Philosophie“ Laruelles kommt hier nicht einmal mehr die Rolle eines Stützpfeilers zu, stattdessen spricht Szepanski den Verdacht, dass Laruelle noch immer zu philosophisch sei, offen aus. Die Philosophie, die den Gegenstand stets mit ihren Abstraktionen zu ersticken droht, wird jetzt konsequent auf ihren Platz als Werkzeugmacher für die Wissenschaft verwiesen.

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