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Die Linke neu erfinden

Die Linke neu erfinden

Ein E-Mail-Dialog mit Atta Boy über den progressiven Neoliberalismus, die Neue Rechte und genuin „links-linke“ Antworten auf beide von Aufstehen bis Zusammenkommen, die DDR u. v. m.

 

Lieber Atta, danke, dass Du Dir die Zeit nimmst, mit mir einen E-Mail-Dialog zu dem Essay Streitschrift für eine Politisch Unkorrekte Links-Linke zu führen, die in diesem Jahr [2018] bei Edition Tsveyfl in Bonn erschienen ist. Der Untertitel des knapp 50 Seiten dicken Heftes lautet „P.U.L.L. – Die Strömung zum Aufbau eines differenzsensiblen Proletariats“. Es geht Dir also um eine Neuerfindung der Linken angesichts des gravierenden Rechtsrucks, den wir fast überall in den letzten Jahren beobachten konnten. Deine Grundidee lautet, dass sich die Linke, ob willentlich oder unwillentlich, für den Neoliberalismus hat instrumentalisieren lassen und sich nur erneuern kann, wenn sie mit dieser Instrumentalisierung bricht. Ich denke auch, dass in den letzten Jahren eine gravierende Verschiebung des Begriffs „links“ stattgefunden hat – heutzutage gilt als „links“ oder „emanzipatorisch“, was früher noch als bürgerlich-liberal gegolten hätte. Man wird dann vor die Wahl gestellt, entweder auf der „progressiven“ (also neoliberalen) oder eben rechten und mithin faschistischen Seite zu stehen. Im Grunde wird so den Rechten ja nur in die Hände gespielt, weil sie sich als die einzige Alternative zum Neoliberalismus profilieren können. Meine Frage zum Einstieg: Muss man sich angesichts der herrschenden Machtverhältnisse nicht vielleicht mit dem progressiven Neoliberalismus versöhnen – weil er ja immerhin besser als sein autoritärer Widerpart ist?

Also erstmals Danke für das Angebot zum Gespräch und Dein Interesse! Und jetzt muss ich bezugnehmend auf Deine erste Frage gleich anfangs heftig widersprechen.

Erstens: Es gibt keinen „progressiven“ Neoliberalismus. Für Österreich würde wohl am ehesten der Industrielle Peter Haselsteiner unter diese Kategorie fallen, da er sowohl die (neo-)liberale Klein-Partei „Neos“ mit Geld unterstützt als auch massiv gegen den FPÖ Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer in den Bundespräsid­entschaftswahlkampf (zweiter entscheidender Wahlgang am 4.12.2016) zugunsten des „überparteilichen“ Kandidaten der Grünen interveniert hatte. Dabei ging es ihm primär darum, Angst vor einem EU-Austritt zu schüren, der im Fall des Falles seine eigenen Handels- und Wirtschaftsinteressen in massive Turbulenzen bringen hätte können. Seine politischen Interventionen sind völlig abgeebbt, seitdem ÖVP-Kanzler Kurz der FPÖ als erstes ein Lippenbekenntnis zur EU-Mitgliedschaft abgerungen hatte. In Folge ist ihm auch die aktuelle Politik der Schwarz-Blauen Regierung mit ihren Beschlüssen, die Arbeitszeit auf bis zu 12 Stunden auszuweiten, kein Dorn im Auge, das Gegenteil ist der Fall. Wir sehen also, dass die „progressiven“ Kräfte des Neoliberalismus überhaupt kein Problem haben sich mit dem kommenden Rechten Anstand auszusöhnen, solange sie ihre Profitinteressen nicht gefährdet sehen. Dieses ökonomische Kalkül bestimmt freilich auch breite Teile jener liberalen Mittel- und Oberschicht, die sich zur Not schlicht ins Private zurückziehen können, um dort – finanziell abgesichert – ihre Freiräume immer noch weiter zu leben, während das gesamt-gesellschaftliche Klima insgesamt deutlich reaktionärer geworden ist. Logischerweise folgt auch die Kulturindustrie und die Marketing-Strateg_innen allein den Profitflüssen und rechtlichen Regulierungen und nicht irgendeinem global-liberalen Idealismus. Der kommende Rechte Anstand und sein Tugendterror ist eben nicht der Widerpart, sondern allein die lange Zeit unsichtbare Unterseite des tödlichen Eisberges der zeitgenössischen kapitalistischen und kulturellen Formen.

Zweitens: Hier sind wir an der wohl schmerzhaftesten Stelle, diese Konstel­lation bzw. diese äußerst intelligible Erzählung verweist auf die völlige Irrelevanz von linken Standpunkten. Spätestens mit dem Einknicken von Tsipras nach dem überwältigten OXI der griechischen Bevölkerung ist Tachers Ausspruch „there is no alternative“ erneut real-politisch extrem übermächtig geworden (Lesenswert dazu: https://mosaik-blog.at/drei-jahre-oxi-griechenland-hoffnung-europa-scheitern-bilanz/). Wir sind als Linke gegen­wärtig schlicht nicht mehr greifbar als glaubwürdige und effektive Alternative. Seitdem Donald Trump die Präsidentschaftswahl (8. 11. 2016) für sich entschieden hatte, gibt es den Versuch eine Erzählung mittlerer Reichweite zu kreieren, die von wirtschafts- und gesellschaftsliberalen Kräften ins Spiel gebracht wurde und auf eine angebliche Frontstellung des globalen (Neo-)Liberalismus, der sogenannten offenen Gesellschaft (Karl Popper) mit lokal-nationalen reaktionären, protektionistische Kräften zielt. Tatsächlich war ein Gastbeitrag „Alles so schön hyper“ des deutschen Kulturwissenschaftlers Andreas Reckwitz in der Zeit vom 15.6.2016 (https://www.zeit.de/2016/51/identitaet-diversitaet-kulturen-kampf) so etwas wie der Initialzünder für meine Streitschrift. Er beschreibt eine angebliche Frontstellung von globaler „Hyperkultur“ auf der einen Seite und lokalem „Kulturessenzialismus“ auf der anderen. Dabei würden Links- und Neoliberale näher zusammenrücken sowie all jene reaktionären Kräfte aller Couleur, die im Gegenzug eine „Dekadenz des Westens“ beklagen. Wenn wir uns aus (radikal)linker Perspektive damit zufrieden geben, haben wir bereits den Kopf in den Sand gesteckt. Auch das ist eine Möglichkeit, sich von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen. Das wäre allerdings kein Eingeständnis in die eigene Niederlage, sondern allein ihr Verdrängen.

Wir befinden uns heute in einer seltsamen historischen Situation, die einerseits durch die Übernahme von Elementen eines freiheitlichen Sozialismus der 68er auf lebensweltlicher Ebene gekennzeichnet ist, also sich auf eine enormes Individualisierungs- und Distinktionsbedürfnis stützt und in der andererseits der Slogan „Es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen“ massiv propagiert wird und die Prinzipien des kapitalistischen Konkurrenzkampfes nicht nur gesamtgesellschaftlich auf Makroebene arbeiten, sondern auch in die kleinsten Poren des Sozialen eingedrungen sind.

Mein Zugang war tatsächlich auch der genau umgekehrte als jener der sich in Deiner Frage ausdrückt: Nicht quasi instinktiv der liberalen Erzählung folgen, weil die des kommenden Rechten Anstandes dermaßen eklig ist, dass man damit erst gar nicht in Berührung kommen will. Sondern dem Erfolg der neuen Rechten erst einmal jene faktische Anerkennung zollen, die er auch verdient und sich vor allem ein Stück weit auf ihre Erzählungen einlassen. Denn wenn sie nicht an zumindest einen realen
Aspekt der gegenwärtigen politischen Konstel­lation anschließen könnte, wäre sie nicht derart erfolgreich. Volker Weiß hat in einem Vortrag zu seiner Analyse „Die autoritäre Revolte“ deutlich gemacht, dass die frühen Exponenten der sogenannten „Neuen Rechten“ als Ausgangspunkt ihrer ideologischen Erneuerung das Eingeständnis in ihre historische Niederlage gesetzt hatten. Das finde ich einen sehr spannenden Punkt. Die Niederlagen der Linken sind freilich nicht allein militärischer Natur gewesen, sondern deutlich komplizierter und ziehen sich über einen deutlich längeren Zeitraum. Einerseits wurden ihre Ideale, Begriffe und Praktiken spätestens durch den Stalinismus von innen ausgehöhlt und verloren dadurch massiv an Glaubwürdigkeit, andererseits war das Fortbestehen der realsozialistischen Länder bis zu den 1990er Jahren paradoxerweise ein Garant dafür, diesen Ideen in der kapitalistischen Welt mehr Durchsetzungskraft zu bieten und sie realpolitisch abzusichern. Was danach kam, wissen wir. Das Ende der Geschichte und der Triumph des liberal-demokratischen Machtblocks, der sich in den kapitalistischen Zentren ab den späten 1970er Jahren gegen den Keynesianismus durchgesetzt hatte. Die 68er-Bewegung wurde für diesen Prozess nachträglich zum kulturellen Katalysator, in dem die neue Linke dann ebenfalls scheitern musste.

Ich spreche in Bezug auf die heutige Situation aus linker Sicht von einem höchst ambivalenten Erbe bzw. plädiere ich dafür, diese Entwicklung als klare Niederlage zu deuten und nicht als langsamer Triumph von Gleichberechtigung und neuen Freiheitsgewinnen, die von linker Seite in die liberal-demokratischen Institutionen hineingetragen wurde. Ich plädiere dafür, an Walter Benjamins Geschichtsbegriff anzuknüpfen, der die Perspektive der Unterdrückten und der Hoffnungslosen einnimmt und orientiere mich an der Dialektik der Aufklärung, anhand der nachvollziehbar wird, wie potentielle Progressivität immer wieder einkassiert wird und in Herrschaft umschlägt.

Die Rechte hat ihre Niederlage und die der Linken deutlich früher erkannt (freilich durch ihre Phantasmagorien hindurch betrachtet) und ihre Taktik verändert, während die Linke in breiten Teilen bis heute nicht bereit ist, sich ihr historisches Versagen einzugestehen. Während wir also noch in der liberalen Endzeit der Geschichte festsitzen, hat die Rechte begonnen wieder Geschichte zu machen und ist momentan dabei eine reaktionäre Internationale aufzubauen.

Deine Problemdiagnose ist recht klar und dürfte von vielen, die sich für linke Politik und Theorie interessieren, mehr oder weniger geteilt werden. Vieles von dem, was Du sagst, wird so ähnlich auch von Sahra Wagenknecht und ihren Mitstreitern vertreten, die in Deutschland jüngst die „Sammlungsbewegung“ „Aufstehen“ ausgerufen haben. Diese „Sammlungsbewegung“ hat einen ähnlichen Anspruch wie deine „Strömung zum Aufbau eines differenzsensiblen Proletariats“, könnte man meinen: Sie will sich möglichst breit aufstellen, um Leute aus unterschiedlichen Milieus wieder an einen Tisch zu bringen, die schon lange nicht mehr miteinander reden. Inhaltlich wird ein harter Bruch mit dem Neoliberalismus propagiert – was nicht zuletzt eine Fokussierung auf klassische soziale statt kulturelle Fragen bedeutet. Die kulturpolitische Flankierung des Neoliberalismus wird als ein Grundübel der linken Politik der letzten Jahre angesehen, stattdessen tritt man dafür ein, in kulturpolitischen Fragen konservative Positionen wenn nicht offen zu befürworten, so doch zumindest zu tolerieren, um wieder in einen sinnvollen Dialog mit den kulturkonservativ eingestellten Teilen gerade der unterprivilegierten Teile der Bevölkerung treten zu können. Im linksradikalen Milieu und in den etablierten linken Organisationsstrukturen stößt diese Strategie auf nahezu einheitliche Ablehnung und man befürchtet eine Verwässerung des linken Projekts und eine folgenschwere Anbiederung an den Rechtsruck, die ihn nicht nur nicht bekämpfen, sondern sogar befördern würde. Wagenknecht ist in manchen Kreisen geradezu zur Hassfigur geworden. Gleichzeitig erfreut sie sich aber gerade bei Leuten, die wirklich dem klassischen proletarischen Milieu zuzurechnen sind, etwa in gewerkschaftlichen Kreisen, weiterhin ungebrochener Popularität – vielleicht wird ihr gar ein ähnlicher Coup wie Peter Pilz in Österreich gelingen? Siehst Du da Parallelen? Und wie verhält sich dein eigener Ansatz zu diesem von manchen als „linkskommunitaristisch“ bezeichnetem Projekt? Erblickst Du darin ein gewisses Potential oder würdest Du es auch eher kritisch beurteilen?

Es bietet an zuerst auf den Begriff des Monströsen zu sprechen zu kommen, den ich in meinem Text kurz umreiße. Nach einem bekannten Gramsci-Zitat ist die Zeit der Krisen, in denen das Alte noch nicht gestorben und das Neue noch nicht geboren ist, die Zeit der Monster. Bzw. etwas weniger drastisch, es ist die Zeit der Experimente, welche Minderheitenpositionen Chancen auf Verallgemeinerung haben. Ich habe mich einer positiven Bezugnahme auf das Monströse verschrieben, die dessen produktive und gewissermaßen pädagogische Aspekte hervorhebt. Um nun auf deine Frage etwas konkreter einzugehen: Mir ist es ein Anliegen mit der Antinomie „differenzsensibles Proletariats“ den Denkhorizont für jene produktive Form des Monströsen zu eröffnen, in dem unerwartete Perspektiven und widersprüchliche Ordnungen mit dem Ziel der gesellschaftlichen Transformation zusammenkommen. Oder um es auf die basalen Kategorien herunterzubrechen, die sich dahinter verbergen: den erneuten Versuch zu starten, Identitätspolitiken mit Klassenpolitiken auszusöhnen. Dazu propagiere ich einen Dialog von Unten, zwischen uns, zwischen den Differenzen, der diese in einem ersten Schritt anerkennt (v. a. den Schmerz, das Trauma und die Niederlagen unterschiedlicher Bewegungen, die sich darin ausdrücken), aber eben nicht identitätspolitisch weiter festschreibt, fetischisiert und verdinglicht, sondern anhand eines marxistischen Geschichtsbegriff und eines Humanismus, der erst gemeinsam einzulösen ist, wieder ein bruchstückhaftes Kollektivsubjekt zusammensetzen will. Das Monströse drückt sich also als jene Einheit aus, die ihre Vielfalt nicht auslöschen muss, sondern sich stehts wechselseitig neu begründet. Auf dem Gebiet der analytischen Philosophie wäre das – glaube ich – eine völlig widersprüchliche Selbstsetzung, also nicht nur eine Antinomie, sondern gleichzeitig auch eine Tautologie. Im Rahmen post-strukturalistischer Philosophie wäre es wohl als ein machttechnologisches Versprechen der Disziplinierung, hinter dem sich allein neue Dominanzansprüche verstecken, zu bewerten. Und der marxistischen Philosophie würde die Anerkennung der Spaltung bereits viel zu weit gehen und apologetisch bestätigt werden. Weil wir uns aber heutzutage durch das Gebiet des Monströsen bewegen, müssen wir lernen, solche Verrücktheiten zuzulassen, sie genau beobachten (wenn wir sie nicht selbst erfunden haben), von ihnen lernen, in sie hinein zu intervenieren, uns von ihnen in ein Netz aus Verstrickungen ziehen zu lassen, aus denen heraus wir unsere Kritik einbringen können.

Aber um nun den Terrainwechsel aus der Abstraktion zu vollziehen: Auch die Figur von Sahra Wagenknecht und ihr aktueller Versuch einer „Sammlungsbewegung“ hat etwas Monströses. Wenn ich Deiner spannenden Einschätzung und Zusammenfassung von „Aufstehen“ folge, muss ich zugeben, dass es diese Parallelen gibt und damit auch eine gewisse Anziehungskraft auf mich ausgeübt wird. Allerdings, und hier beginnt der Bereich meines Ekels, geht es Sahra Wagenknecht ja um Realpolitik auf Massenbasis unter den Vorzeichen eines völlig technokratisierten Bereich des Politischen, in dem dessen eingeschränkte gesellschaftliche Wirksamkeit und damit einhergehend das eingeschränkte Interesse breiter Teile der Bevölkerung versucht werden muss über ein Spektakel kultur-industrieller Inszenierung und Vermarktung zu überspielen. Wenn nach Freud allerdings der Ekel ein ambivalentes Gefühl ist, in dem sich ein Bedürfnis an untersagten Wünschen und Impulsen ausdrückt, muss ich in der Analyse weitergehen. Steckt hinter meinem Ekel das Tabu von Realpolitik, das die radikale Linke durchzieht, deren Topos aber als eine reale Möglichkeit von Eigenwirksamkeit, Machtausübung und (gebrochener und widersprüchlicher) Gestaltungskraft, trotzdem unterschwellig begehrt wird, gerade in Zeiten der Verstärkung des Gefühls der Ohnmacht? Und was bedeutet der von Dir angesprochene Hass? Ist es erstens eine Reaktion auf eine reale oder imaginierte Bedrohung der eigenen linksliberalen (https://www.sueddeutsche.de/politik/sammelbewegung-aufstehen-sahra-wagenknecht-ist-die-falsche-1.4092230), linkskulturellen und -intellektuellen (https://www.zeit.de/kultur/2018-08/linke-sammlungsbewegung-aufstehen-sarah-wagenknecht) oder linksradikalen (http://www.trend.infopartisan.net/trd0616/t510616.html) Lebensstile, Haltungen und Zukunftsversionen, die von Ihrer Figur ausgeht? Oder ist es zweitens die Aktivierung eine tiefer, in den gesellschaftlichen Strukturen liegenden, tatsächlichen Feindseligkeit, die in Zeiten der Krise von allen vermehrt zu Bedürfnisbefriedigung gebraucht wird?

Im ersten Fall stellt sich die Frage, ob nicht eine Auseinandersetzung anhand von parteiinternen Strategie und Ausrichtungs- und Organisationsfragen deutlich präziser, zielführender und deutlich wenig moralisch bzw. borniert unterfüttert wäre, auch wenn sie extrem kritisch ausfällt (https://thiesgleiss.wordpress.com/2018/08/06/zur-neuen-linken-sammlungsbewegung-digital-aufgefuehrter-rueckschritt-vom-bestehenden/). Bzw. ob es nicht gerade in der jetzigen Situation geboten wäre, bei aller Hitzigkeit der innerlinken Debatten, sie nicht derart leidenschaftlich zu führen, sondern trotz allem einen kühlen Kopf zu bewahren und als nicht direkt involvierte Person erst einmal auf mehr Informationen und Positionen zu warten (https://mosaik-blog.at/aufstehen-sammlungsbewegung-sahra-wagenknecht-die-linke-interview-ada-magazin/).

Im zweiten Fall wäre die Aufregung über einen vermeintlichen Rechtsruck selbst undurchschauter Teil genau dieser Entwicklung, die ja zu kritisieren versucht wird. Das Zielobjekt einer linken hasserfüllten Abwertung kann dabei folgerichtig nur eine Kombination aus Hass und Selbsthass sein; sie muss also auf etwas Anderes gerichtet sein, das jedoch mit dem eigenen Selbst eng verbunden imaginiert wird. (Wenn das Andere als gänzlich und abgetrennt Anderes imaginiert wäre, ist der damit verbundene Hass nicht mehr als links, sondern als rechts einzustufen.) Jedenfalls hätte uns die eigene Ohnmacht dumm – in diesem Fall eben feindselig – gemacht. Aber derart werden unsere Zusammenhänge weiter vereinzelt, die Wut immer verzweifelter und das Denken immer abgestumpfter – eine Kettenreaktion des Zerfalls.

Ich finde es auf jeden Fall spannender und zielführender sich zuerst selbst die Frage nach dem eigenen Unbehagen zu stellen, anstatt Schnellschüsse zu produzieren. In dieser Übung (die im Übrigen natürlich nicht direkt und schon gar nicht allein mit dem oben diskutierten Phänomen zusammenhängt) wäre es wiederum möglich, die eigens entwickelten und eingespielten Formalismen, die zum abstrakten Maßstab geworden sind, zu hinterfragen. Bzw. die Coolness, jene über den Dingen und Widersprüchen imaginierten Positionen wieder aufzugeben. Bzw. den identitätspolitischen Narzissmus, der nicht mehr über das als das Eigene imaginierte herauskommt, herauszufordern. Damit könnten wir wieder beginnen uns dem chaotischen und bedrohlichen Fluss der Geschichte auszusetzen und dessen mögliche Gestaltung als wesentliche Herausforderung eines Teils der Mensch-Umwelt-Beziehung, erneut aufzunehmen. Es wäre vielleicht ein erster Schritt für den Kampf um eine Wiederkehr des historischen Bewusstseins auf Seiten der Linken, in deren Entwicklung – hier muss ich mich wiederholen – uns die Rechte gerade meilenweit voraus ist und u. a. deswegen auch derart erfolgreich agieren kann.

Um auf einen weiteren Teil Deiner Frage einzugehen: Ich denke Peter Pilz und Co. haben sich bereits selbst wieder erledigt. Er war leider der einzige Politiker Österreichs, der durch die MeToo-Kampagne zu Fall gebracht wurde. Warum „leider“? Weil ich mir sicher bin, dass es deutlich mehr hätte treffen können, aber in diesem engen, provinziellen und patriarchalen Land die Angst vor dem eigenen Ausschluss und Gesichtsverlust wohl überwogen hat. Aber ich denke, dass Du natürlich Recht hast: Der Vergleich liegt auf der Hand. Der Coup von Peter Pilz war im Nachhinein allerdings ein Schuss ins Knie, da er zuerst mitgeholfen hatte, die Grünen in Österreich endgültig obsolet zu machen und danach in Folge eines völlig chaotischen Einzug ins Parlament und der Veröffentlichung seines sexistischen Übergriffs sich selbst an die Wand gefahren hatte. Zudem ist seine Positionierung von so gut wie allen geschulten Linken schrecklich zerrissen worden: Positiver Heimatbezug über „europäische Werte“ der Aufklärung und Menschenrechte, Kritik am radikalen Islam und Anti-Establishment-Haltung, als drei zentrale inhaltliche Eckpfeiler, war in Kombination einfach „zu viel des Guten“. Diese Parallele würde ich mir bei aller Reservierung gegenüber „Aufstehen“ nicht wünschen. Aber sein kurzfristiger Erfolg spricht meiner Meinung, trotz allem, für solche Experimente der Strategiefindung gegen Rechts und gegen die Normalisierung des Rechtsextremismus, die in Österreich ja bereits um ein bis zwei Jahrzehnte länger Bestand hat und auch bereits deutlich mehr Erfolge und Auswirkungen zeigt als in Deutschland (auch wenn seit 2015/16 Deutschland wie im Zeitraffer versucht aufzuschließen).

Ja, zu einer neuen Bereitschaft zum Dialog aufzurufen ist ja eines Deiner zentralen Anliegen und das war auch einer der Hauptgründe, warum ich Dich zu einem solchen Gespräch eingeladen habe und keine gewöhnliche Rezension zu deinem Buch verfasst habe. Es scheint mir auch entsprechend geschrieben zu sein. Es beinhaltet ein ganzes Arsenal wichtiger Gedanken, über die man am liebsten sofort mit anderen diskutieren würde, nicht so sehr einen großen theoretischen Rahmen, an dem man sich im stillen Kämmerlein reflektierend kritisch abarbeitet. Und das sehe ich als Stärke der Schrift, wir bräuchten mehr solcher undogmatischer Einsätze als eindimensionale Polemiken, die auf Zustimmung oder Ablehnung abzielen, aber eben nicht zum produktiven Weiterdenken einladen. Als negative Gegenbeispiele könnte man gut die teilweise ja von einer äußersten denunziatorischen Häme zeugenden Artikel anführen, die Du verlinkst. In diesem Sinne werde ich nun auch die Rolle des „Interviewers“ ein wenig verlassen und mich auch meinerseits ausführlicher äußern.

Ich denke vernachlässigt werden in diesem Dialog gegenwärtig einerseits die Stimmen der Geflüchteten selbst – und auch migrantische Stimmen im Allgemeinen, nur in geringerem Ausmaß –, andererseits aber auch diejenigen der „abgehängten“ Teile des heimischen Proletariats. In Deutschland etwa gibt es einen massiven Ausschluss ostdeutscher Perspektiven und Erfahrungen, aber auch beispielsweise deutschtürkischer und jetzt eben deutschsyrischer und afrodeutscher aus dem intellektuellen Diskurs bis in die linke und linksradikale Szene hinein. Bis heute haben hier biodeutsche Akademikerkinder das Sagen – und zwar nicht einfach biodeutsche, sondern bioWESTdeutsche. Und die verstehen das Problem nicht einmal, auch wenn sie sich unglaublich „woke“ gebärden. Vielleicht hat das Ressentiment gegen Wagenknecht auch viel damit zu tun, dass sie einerseits iranische, andererseits ostdeutsche Wurzeln hat und dadurch geradezu dazu prädestiniert ist, genau diesen beiden ausgeschlossenen Gruppen eine authentische Stimme zu geben? Interessanterweise sind ja auch die größten Kritiker Wagenknechts biowestdeutsche Privilegierte, die sich anmaßen, für „Ossis“ und Migranten mitsprechen zu können – gerade in „deutschtürkischen Kreisen“ (die es natürlich in dieser Homogenität ebenso wenig gibt wie „ostdeutsche Kreise“, ich spreche hier nur über Tendenzen und Eindrücke) scheint mir die Ablehnung Wagenknechts demgegenüber gar nicht mal so groß zu sein wie es angesichts ihres angeblichen „Rassismus“ der Fall sein müsste. Im Gegenteil stellen sich zahlreiche Deutschtürken offensiv hinter sie wie etwa die Linksparteiabgeordnete Sevim Dağdelen oder vertreten eher abwägende Positionen, die keine große emotionale Involviertheit verraten (vgl. etwa dieser sehr lesenswerte Beitrag von einem deutschtürkischen Bekannten: https://revoltmag.org/articles/weder-chauvinismus-noch-humanismus-zur-linken-migrationsdebatte/).

Vielleicht sind diese Leute einfach von der Erfahrung gekränkt, dass durch den Erfolg von Wagenknecht und Co. ihr Meinungsmonopol massiv in Frage gestellt wird. Sie engagieren sich jahrzehntelang gegen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus etc. und nun wagt es eine ostdeutsche Frau mit iranischen Wurzeln gegen sie zu opponieren. Doch anstatt in den Dialog zu treten, reagiert man mit Ausschluss, Polemik, Diskursverweigerung. Dabei wäre das verbindende Element für einen solchen Dialog – die gemeinsame Opposition gegen den Neoliberalismus und das Eintreten für eine soziale Wende in der Politik – doch eigentlich da. Zumindest dem Anspruch nach.

Sowohl Migranten mit islamischen Wurzeln (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) als auch Ostdeutsche haben auf den beschriebenen Ausschluss und die damit verbundene Kränkungserfahrung darauf reagiert, sich massenhaft in Paralleldiskurse zurückzuziehen und haben sich dem Islamismus oder eben der Rechten zugewandt. Da ist psychologisch absolut nachzuvollziehen und stellt eine Form der Selbstermächtigung dar. Die Leute da wieder rauszuholen wird schwierig. Aber versuchen könnte man zumindest, solche, die noch nicht ganz abgedriftet sind, zu adressieren und ihre Erfahrungen endlich ernst zu nehmen. Und vergessen werden dürfen natürlich ebenso wenig die vielen „abgehängten“ „Wessis“, die es ja auch gibt und die sich von linken Diskussionen ganz offensichtlich auch schon lange nicht mehr adressiert oder auch nur berücksichtigt fühlen.

Ich konzentriere mich einmal, da es mir persönlich am nächsten liegt, um diesen Punkt zu konkretisieren auf das Beispiel Ostdeutschland. Ich habe selbst ostdeutsche Wurzeln, doch erst in den letzten Jahren bin ich für diese ganze Thematik überhaupt erst sensibilisiert worden, so tief sitzt die Verdrängung und Tabuisierung dieses Problems. Es wird so getan – und dies entspricht ja auch der Selbstwahrnehmung der linksintellektuellen westdeutschen Eliten –, als hätte es eine glorreiche Nachkriegsgeschichte gegeben, die von Auschwitz und einer verkrusteten postfaschistische Nachkriegs-BRD über 1968 und Brandt zur rot-grünen Bundesregierung geführt hätte. In dieser Zeit hätte sich Deutschland zu einem modernen Staat gewandelt, der die Gespenster der Vergangenheit überwunden hätte und nun endlich eine normale westliche Gesellschaft sein könnte mit Frauenrechten, Homosexuellenrechten, Migrantenrechten etc. Die rückständige ostdeutsche Bevölkerung müsse nun eigentlich nur noch auf den Stand des „Weltgeistes“ geführt werden – und werde es peu á peu quasi von selbst.

Das ist nun nicht eingetreten, der Triumph der AfD – nun sogar in Westdeutschland selbst – widerlegt es deutlich. Und das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass diese Erzählung übersieht, dass in Ostdeutschland von 1945 bis 1989 die Zeit nicht einfach stillgestanden ist oder ein faschistisches Regime geherrscht hätte. Es hat dort auch eine Entnazifizierung und Modernisierung stattgefunden und zwar nicht einfach von oben verordnet, sondern auch von der Zivilgesellschaft selbst getragen. Der beste Beweis dafür ist ja die Revolution von 1989, die im Narrativ der westdeutschen Linken entweder überhaupt keine Rolle spielt oder als reaktionärer Volksaufstand abgetan wird. Dabei waren es nicht zuletzt heterodoxe Linke – wie Wagenknecht selbst – die diese Bewegung mitgetragen haben, es waren Punks, Anarchisten, Freigeister, Bürgerrechtler, Ökofeministinnen … Das westdeutsche Kapital hat diese Bewegung in seinem Sinne vereinnahmt und die ostdeutsche Wirtschaft, und damit die dortige Bevölkerung, enteignet und ganz klassisch imperialistisch einen neuen Absatzmarkt sowie ein billiges Reservoir sehr gut qualifizierter Arbeitskräfte erschlossen. Von den Rohstoffen und den in der DDR entwickelten Technologien, die es ja durchaus gab, ganz zu schweigen. Die ostdeutschen Produktionsmittel, die Immobilien, das Land – all das ist bis heute zu einem verschwindend geringen Anteil in ostdeutscher Hand, obwohl dieser Reichtum in jahrzehntelanger Arbeit von der ostdeutschen Bevölkerung kultiviert und geschaffen worden ist. Das ostdeutsche „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg, das es ja durchaus auch gab und zum Aufbau einer durchaus beachtlichen Volkswirtschaft geführt hatte – mit einem Schlag nivelliert, die Filetstücke billig verramscht. Lafontaine, von dem heute so getan wird, als sei er schon immer ein verkappter „Nationalist“ gewesen, war damals einer der wenigen, die sich dieser hurrapatriotisch verbrämten Raubtierpolitik entgegenstellten – damals musste er dafür einen hohen politischen Preis zahlen, heute muss man anerkennen, wie weitsichtig er die Lage damals beurteilt hat.

Ökonomisch hat sich Ostdeutschland mittlerweile wieder erholt, doch diese traumatische Erfahrung blieb, da sie sich im gesamtdeutschen Diskurs nicht artikulieren konnte. Viele Ostdeutsche haben es seitdem geschafft, Anschluss zu finden und Teil der Elite zu werden – allen voran natürlich die Kanzlerin als role modell –, doch dies um den Preis der Aufgabe einer genuinen ostdeutschen Identität. Vielleicht wirkt Merkel deswegen so unauthentisch und kühl – weil sie einen guten Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte um den Preis ihrer politischen Karriere verdrängen musste. Es wird ja oft vergessen, dass Wagenknecht eine Dissidentin in der DDR gewesen ist, Merkel hingegen war voll dabei in den DDR-Institutionen. Und dies sicher nicht nur aus Opportunismus, sondern weil sie Aspekte der DDR-Ideologie vielleicht auch einfach gut fand, weil sie vielleicht, wie so viele Ostdeutsche, auch wenn sie dem SED-Regime in mehr oder weniger großen Teilen skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, daran glaubte, dass der Sozialismus im Kern eine gute Idee ist. Eine gewisse soziale Sensibilität strahlt sie ja auch noch heute aus und das macht sie wahrscheinlich in den Augen vieler sympathisch. Wagenknecht hingegen hat offenbar keine Lust mehr auf die von ihr vom westdeutschen Establishment verlangte Selbstverleugnung – und spricht damit auch viele „Wessis“ an. In der Umsetzung hakt es sicherlich an einigen Punkten und in manchem mag man ihr nicht zustimmen. Aber ich denke, solange sie sich selbst treu bleibt und nicht zu viele Zugeständnisse an den westlinken Mainstream macht (wie so viele andere Linksparteipolitiker mit ostdeutschen Wurzeln – die wohl nicht zufällig Wagenknechts größte Kritiker sind: weil sie durch Wagenknecht mit eigenem Verdrängten konfrontiert werden), wird sie mit ihrer Bewegung gewaltige Erfolge erzielen und das dürfte zumindest bewirken, dass das ostdeutsche Problem wieder verstärkt auf die Tagesordnung kommt. Wer kann da ernsthaft etwas dagegen haben, der in Wagenknecht nicht eine unliebsame politische Konkurrenz erblickt oder durch sie eben mit etwas Traumatischem konfrontiert wird?

Genau solche Offenlegungen sind die Anfänge jener Foren des Dialogs, des Erfahrungsaustausches, der Vermittlung unterschiedlicher kollektiver Kämpfe und Identitäten, als Geschichten von Hoffnung und ihrer Niederlagen in der Tradition der Unterdrückten, von denen ich in der Broschüre schreibe. Als weiterer Schritt für eine solidarische Verständigung müsste sich nun das Zuhören und Verstehen nicht allein um eine kalten Sezierung und Analyse des Inhalts drehen, sondern sich v. a. in warmer Empathie üben, hinsichtlich der Körperlichkeit der Stimme, den Erfahrungen, auf denen sie beruht, ihrem speziellen Klang, ihrer Bestimmtheit, oder Unsicherheit. Danke also für diese Konkretisierung im Rahmen Deiner spannenden Schilderungen! Ich verfolge soweit ich kann, die Debatten um „Aufstehen“ mit großem Interesse (vielleicht willst Du nochmals „Werbung“ für Deine Analyse Wagenknechts machen?), immer auch begleitet von Melancholie, weil wir in Österreich meilenweit entfernt sind von der Konsolidierung einer schlagkräftigen linke Opposition, die diesen Namen auch verdienen würde. Jedenfalls müssen wir versuchen die tiefe Kluft an nicht geteilten, nicht vermittelten historischen und biografischen Erfahrungen und Kränkungen zu überbrücken.

Ich glaube natürlich nicht, dass zwischen jenen rechts gestimmten Teilen des einheimischen, abgehängten Proletariats und mittellosen Kriegsflüchtlingen ein solcher Dialog momentan realistisch wäre. Dass sich kaum wer darum bemüht, ist allerdings ein Fehler, denn längst nicht alle Teile der unteren Klassen sind tatsächlich ideologisch stramm rechts. Viele halten sich einfach fern von Politik oder verstehen ihre Wahl – so wie es Didier Eribon beschreibt – als Notwehr, also mehr als Zwang denn als „freie Wahl“ zum Rassismus (auch wenn es hier sicher nationale Unterschiede gibt). Was meiner Meinung nach jedoch in allen Klassen zu beobachten ist, ist eine Zunahme von „bürgerlicher Kälte“, jener Kraft, die Adorno eng mit der Genese des nationalsozialistischen Terror- und Vernichtungsregimes in Verbindung bringt und allein der kapitalistischen Konkurrenzlogik entspringt.

Die aktuelle Kino-Dokumentation „Die neuen Kinder von Golzow“, zeigt unfreiwillig aber recht eindringlich die unglücklichen Verschaltungen und gegenwärtigen Engpässe, die uns Linke so oft gelähmt zurücklassen. Eine weltoffene, hippe Berliner Filmemacherin klärt das Publikum lang und breit über das Elend einer syrischen Flüchtlingsfamilie auf, die ihre mondäne Mittelstandsidylle zurücklassen mussten um sich in tiefster Provinz wiederzufinden und nichts lieber täte, als wieder in ein Zuhause ohne Krieg zurückzukehren. Stattdessen wird sie, selbst eher wertkonservativ, in der kleinen ostdeutschen Gemeinde beinahe zwangsläufig zum „Mit-Täter“ innerhalb der Hegemonie von Standortlogik und ellbogenschwingender Existenzängsten. Das Elend der autochthonen Bevölkerung, ihre absolute Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit wird im Film zwar immer wieder Thema, es findet sich aber kein Versuch diese Geschichte mit jener der geflüchteten Familie zu verbinden. Der Darstellung von zwischenmenschlich rührenden, aber apolitischen Beziehungen zwischen z. B. dem AfD-wählenden Ersatz-Opa der syrischen Kinder, steht die Darstellung des abgehängten Proletariats als politisch irrationaler Rassisten-Mob gegenüber. Dazwischen oder darüber hinaus gibt es in dieser Erzählung keine Perspektiven. Hier spiegelt sich die Ohnmacht linker Deutungsmacht wieder, die von einem progressiven, vermeintlich anti-rassistischen (Neo-)Liberalismus á la Merkel absorbiert wurde. Differenz kann jedoch nur dann als Herrschaftsprinzip funktionieren, wenn unsere unterschiedlichen Zumutungen in starre Bilder, verdinglichte Kategorien und fixierte Identitäten oder strategische Essentialismen gegossen werden, die derart keine Synthese mehr ergeben können. Dem steht die Notwendigkeit der gegenseitigen Vermittlung der Zumutungen, mit denen wir tagtäglich zu kämpfen haben, gegenüber. Genau das wollte ich über den Begriff Differenzsensibilität ausdrücken. Es ist nichts anders als der erneute Versuch eine eigentlich recht klassische linke und marxistische Perspektive von Solidarität und gemeinsamer Stärke zu entwickeln. Allerdings in Verbindung mit der Logik post-strukturalistisch informierter Theoriesprache, die gegenwärtig so vieles durchdrungen hat und m. M. n. dazu neigt, Differenzen zu verklären und solidarische Synthesen zu unterwandern.

Lieber Atta, vielen Dank für diesen aufschlussreichen Dialog. Nur noch eine kurze Frage zum Schluss: Wenn Dir ein Mäzen aus heiterem Himmel eine größere Geldsumme zur Verfügung stellen würde und Du einen größeren Kreis von motivierten Mitstreitern und Mitstreiterinnen hättest – was für ein Projekt würdest Du damit in die Wege leiten, um Dein politisches Anliegen konkret werden zu lassen?

Haha, ja warum nicht! Eine schwierige Frage, gerade weil sie so konkret ist. Es ist heute so leicht, sich in Theorie zu flüchten. Aber es nicht nur besser zu wissen, sondern es besser zu machen, darauf würde es tatsächlich ankommen. „Zu langes folgenloses Rechthaben offenbart sich irgendwann als Unrecht der ganz eigenen Art” – um den Satz, den ich Thomas Seibert gestohlen habe, endlich auch einmal mit Referenz anzuführen! Viel Geld und Mitstreiter_innen können natürlich keine soziale Dynamik erzwingen. Wie spontan sich diese entfalten können, haben wir erst vor kurzem in Frankreich gesehen, bzw. wir sehen dort immer noch, wie schnell aus Frustration Protest werden kann, der erst einmal keine politische Repräsentation braucht. Going viral! Die Suche nach den richtigen Auslösern für soziale Dynamiken, damit verbunden das Ausbeuten und Kanalisieren der freigesetzten Kräfte, diese Suche, die heute sowohl im Marketing als auch in der Politik alle so sehr fasziniert. Ich würde allerdings, statt dieser neo-liberalen Mystik zu folgen, Geld dazu verwenden, soziale Treffpunkte, Orte konkreter Solidarität und Begegnung zu ermöglichen. Straßenlokale in der Nähe, in denen aktive Menschen wohnen, die ihr Viertel kennen und darin wirklich auch leben. In jedem Viertel gibt es bestimmte Probleme, die politisiert werden können, gibt es Menschen, die Unterstützung brauchen, gibt es einen Haufen an Lebenssituationen mit spannenden Schnittstellen und Unterschieden zur eigenen. Orte an denen sich Differenzsensibilität mit Widerständigkeit verknüpfen kann. Ja, das klingt jetzt sehr unkreativ nach eher konservativ-linker Stadtteilarbeit und ja, ich denke diese wäre kein Fehler. Es ist jedoch Knochenarbeit, wer will das wirklich machen? Ansonsten hilft Geld natürlich auch dabei, medial wirksame Aktionen zu planen, bei denen vielleicht auch mal hohe Verwaltungsstrafen oder Anwaltskosten anfallen können. Für die Politisch Unkorrekte Links-Linke (PULL) habe ich ein Konzept für das Corporate Design bereits in der Schublade, mit Logo und Werbesprüchen. „Weil der lommende rechte Anstand mit den Gstopften packlt.“ „Weil Kurz und Strache allein bessere Arbeitsopfer aus uns machen wollen.” „Weil Recht, Anstand und Fleiß der Tugendterror des kommenden Rechten Anstandes ist.” etc. Ich habe da eine Liste von Sprüchen (in Dialekt, den ich hier zwecks
besserem Verständnis nur in Maßen wiedergegeben habe), aber das war eher ein Spaß, den ich mir während des Schreibens der Broschüre gegönnt hatte. Vielleicht war es trotzdem ein Fehler, sie nicht ins Layout der Broschüre zu setzen.

Politisch ist mein nächstes reales und diesmal nicht theoretisches Projekt zu versuchen, die unterschiedlichen Wiener Radbot_innen (Uber Eats, Foodora, Lieferservice.at etc.) für eine eigene Demo am ersten Mai zu mobilisieren. Ich bin ja gerade selbst Radkurier und denke, dass all diese neuen Dienstbot_innenjobs mit speziellem symbolischen Kapital aufgeladen sind, insofern sie, konsequent von unten politisiert, viel widerständiges Potential freisetzen könnten. Sie sind eine Allegorie, über die aktuelle gesellschaftliche Schieflage und regressive Entwicklung. Heute kehren aufgrund verstärkter sozialer Ungleichheit Jobs und Arbeitsumstände in die Mitte der Gesellschaft zurück, die als ausgestorben galten bzw. allein an marginalisierten Rändern existiert haben. Dieser „neue“ schnell expandierende Arbeitssektor führt uns als Gesellschaft sehr plakativ vor Augen, was für ein Elend die aktuelle politische Ökonomie selbst in den reichsten Ländern bedeutet. Jan Böhmermann hatte das vor kurzem in seiner Satiresendung thematisiert („Ausgeliefert – Das Paketprekariat”). In Österreich wäre es beispielsweise vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen, tatsächlich einen Zwölfstundentag wieder einzuführen, wie es gerade unter der Ausrede verstärkter Wahlfreiheit, Flexibilität und Familienfreundlichkeit (sic!) passiert ist. Aber der Punkt an dem Menschen immer „flexibler” und „individueller” werden wollen, weil sie sich davon Freiheitsgewinne erhoffen, ist meiner Meinung bereits überschritten. Das damit verbundene Elend, der Stress und die Unsicherheiten werden in großen Teilen der Gesellschaft fühlbar und sind auch nicht mehr mit neuen kulturellen Freiheiten gegenzurechnen, doch noch fehlt es an klarer politischer Artikulation. Wir sehen es vielleicht schon im Rechtsrutsch mancher Milieus, der nicht unbedingt bewusst artikuliert passiert. Geld in den Aufbau von Quasi-Basisgewerkschaften zu stecken, die nach außen hin stark politisch agieren und nach innen hin konkrete Solidarität lebbar machen, die dort ansetzten, wo klassische Gewerkschaften gar nicht mehr hinwollen, das würde, denke ich, ebenfalls viel Sinn machen. Denn über Auseinandersetzungen mit Lohnarbeitsstrukturen in einem konkreten Betrieb beispielsweise oder einer ganzen Branche, können erstens Differenzen an Zumutungen gut gegenseitig vermittelt und zweitens mit einem konkreten Ziel vor Augen auch überbrückt werden.  Ich danke Dir sehr für die spannenden und fordernden Fragen sowie den Austausch!

Ich danke Dir (nochmals). Und hoffentlich findet sich ein Engels, der diese Zeilen liest und Dir die Erfüllung Deiner Visionen ermöglicht – ich wünsche es Dir jedenfalls von Herzen!

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